Was ist das Gute am Kapitalismus? Ratet mal, Genossen!

– Schnelle Weiterentwicklung der Produktionsmittel.

Richtig. Und was noch?

– Entweihung alles Heiligen, stattdessen klarer Blick auf das Materielle.

Sehr gut. Und was noch?

– Überwindung lokaler und nationaler Kleinkrämerei und Kleinkrämerperspektiven.

Allerdings. Und was noch?

– Zivilisationsfortschritt.

Hatten wir schon. Stimmt. Was noch?

– Sukzessive Abschaffung des Idiotismus des Landlebens.

Hoffentlich. Und was noch?

– …

Ich bitte euch! Der Kapitalismus hat noch viel mehr Vorteile.

– Noch viel mehr?

Sicherlich. Denkt mal nach!

– Religionsfreiheit vielleicht?

Ja, ja, aber noch etwas Anderes!

– Ich hab’s! Preiswerte Produkte durch globalisierte Märkte!

Boris! Beria! Bringt den Genossen hier schonmal nach unten! Sonst noch jemand eine Idee?

– Gleichstellung der Frau?

Na, na, na. Ich denke an einen philosophischen Vorteil.

– Jetzt sag‘s doch endlich und geh uns nicht auf den Sack mit deiner Ostereierpädagogik.

– Genau!

– Kackostereier!

– Für wen hält sich der Kerl?

– Mach endlich Platz für den Hauptredner!

– Komm zur Sache, du Hasengesicht!

– Phrasendrescher!

Immer ruhig, Genossen. Wir sind die Avantgarde, und die Avantgarde betreibt keine Zapfhahnästhetik, sondern lässt es auch mal subtiler tröpfeln. Das war nur eine dramatische Hinführung. Schließlich sind selbst Butterbrote gut verpackt. Also:

Das Gute am Kapitalismus ist seine leichte Verständlichkeit. Jeder geistig gesunde Affe kann begreifen, was der Kapitalismus ist. Jeder Mensch, der Worte kennt, erfasst sofort, worum es in diesem Wirtschaftssystem geht und was für Folgen es haben muss. (Deshalb sind Mehrheiten gegen den Kapitalismus fast noch leichter zu erreichen als Mehrheiten für regelmäßigen Geschlechtsverkehr. Beides sagt darum wenig über die Mehrheiten.)

Was ist der Kapitalismus also? Der Kapitalismus ist eine historische Gesellschaftsordnung, die von einer freien Wirtschaft dominiert wird. Damit sind wir eigentlich schon am Ende. Mehr muss nicht gesagt werden. Um der Geselligkeit willen, oder um akustisch bedingte Missverständnisse auszuschließen, kann hinzugefügt werden: in diesem Satz stecken drei Sätze.

1. Der Kapitalismus ist eine ökonomisch dominierte Gesellschaftsordnung: in der sich alle gesellschaftlichen Bereiche direkt oder indirekt positiv zur Ökonomie verhalten müssen, ihr unterworfen sind, sich auf ihre Umwertbarkeit in ökonomische Werte hin überprüfen lassen müssen.

2. Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsordnung, in der eine freie Wirtschaft herrscht: also die Konkurrenz, das Gewinnstreben, der Marktkampf, die Ungewissheit, der Zufall, nicht der Mensch.

Und 3. er ist eine historische Konfiguration: also nicht der Mensch ist seiner Natur nach kapitalistisch, sondern der Kapitalismus seiner Natur nach menschlich. Der Unterschied besteht darin, dass Irren menschlich ist, aber nicht natürlich.

Der Mensch ist, das kann man aus allen drei Sätzen herauslesen, im Kapitalismus nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist der Profit. Menschen, Tiere, Meere und der ganze Rest vom Erdkern bis zum Neptun sind Nebensache.

Aber auch der Profit wird vom Kapitalismus nicht an der Leine geführt, sondern muss von seinen Unternehmern gejagt werden. Und die Jagd ist nunmal eine schnelle, ungewisse und aggressive Tätigkeit, die für beide Seiten anstrengend und schmerzhaft, manchmal sogar tödlich sein kann. Ist der Profit erlegt, wird er nicht geteilt und gegessen. Denn dann wäre nicht der Profit die Hauptsache, sondern das Essen. Das ist leider nicht der Fall. Der erjagte Profit wird investiert, in Waffen, in Ausrüstung, in Hunde, um künftig mehr Profit erjagen zu können. Ihr kennt das, so ist eben der Kapitalismus. Wie gesagt: leicht zu verstehen.

Da aber der Kapitalismus so revolutionär einfach ist, haben sich in ihm Verhältnisse hinzuentwickelt, die heute ebenfalls erwähnt werden können, wenn man vom Kapitalismus spricht. Der zweite Satz, den jeder begreift, der einen Satz begreift, ist darum: Im Kapitalismus wird möglichst viel darüber nicht gesprochen, dass der Kapitalismus eine historische Gesellschaftsordnung ist, die von einer freien Wirtschaft dominiert wird. Auch dieser zweite Satz beinhaltet drei Sätze:

1. Im Kapitalismus wird möglichst viel darüber nicht gesprochen, dass der Kapitalismus eine ökonomisch dominierte Gesellschaftsordnung ist: es sei, sagen die am Kapitalismus interessierten Sprecher, vielmehr eine ethisch grundierte oder kulturell tradierte oder politisch kontrollierte oder sozial ausbalancierte Gesellschaft, in der man sich über Machtfragen keinerlei Sorgen zu machen hätte.

2. Im Kapitalismus wird möglichst viel darüber nicht gesprochen, dass eine freie Wirtschaft herrscht: die Wirtschaft, heißt es, sei nämlich noch längst nicht frei, sondern vielmehr äußerst gebunden an zahllose lästige Pflichten dem Staat, dem Arbeitskraftverkäufer oder dem Kunden gegenüber, die das richtig freie Loswirtschaften angekettet hielten, das ihnen und uns allen soviel besser täte.

Und 3. wird im Kapitalismus möglichst viel darüber nicht gesprochen, dass er eine historische Gesellschaftsordnung ist: denn was Geschichte ist, das endet auch, und was historisch ist, das steht einmal in den Büchern der Zukunft als Vergangenheit. So könnte einer auf die Idee kommen, heute schon die Zukunft beginnen und die Geschichte mit dem Kapitalismus enden zu lassen, und diese Idee könnte sich ausbreiten. Das wäre schlecht fürs Geschäft. Denn gute Geschäfte kann man nur machen, wenn die Gegenwart auch in der Zukunft noch präsent ist (das ist gewissermaßen das Wesen des Geschäfts.)

Der Kapitalismus ist, das kann man aus allen drei Sätzen herauslesen, im Kapitalismus nicht das Hauptgesprächsthema. Er und seine Eigenschaften, Erfordernisse und Ergebnisse sind vielmehr das Hauptgesprächsvermeidungsthema.

Das ist die Ideologie, die zur Ökonomie hinzukommen muss, damit sie möglichst lange profitabel ist.

– Warum muss sie hinzukommen? Die Ideologie ist doch nur das Sahnehäubchen auf der Scheiße, also unwichtig für den Darm der Gesellschaft.

Ideologie ist wesentlich. Sie muss hinzukommen, weil eine Ökonomie möglichst lange profitabel nur dann sein kann, wenn sie möglichst viel und möglichst mehr verkauft. Da es aber nicht immer mehr Bedürfnisse gibt, wenn ohnehin schon viel von allem verkauft wird, sollen die Menschen immer mehr Dinge kaufen, deren sie gar nicht bedürfen. Die Bedürfnisse danach werden künstlich erzeugt, sie werden sozusagen gleich mit der Ware mitproduziert. Denn wer verkaufen will was niemand braucht muss lügen können. Der Unternehmer muss also nicht mehr nur Geld in seine Warenproduktion, sondern zugleich immer mehr in seine Lügenproduktion investieren. Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Lügensammlung. Und je älter und je reicher der Kapitalismus wird, desto verlogener wird er.

Heute, Genossen, treten wir in eine Phase ein, in der die professionelle Kommunikation der staatlichen Institutionen, der Medien, der Agenturen und so weiter uns immer öfter sehr genau sagen kann, was im Kapitalismus der Fall ist, indem sie nämlich das Gegenteil davon sagt. Wir lesen oder hören die Kontradiktion dessen mit, was wir lesen und hören, und schon sind wir aufgeklärt. Natürlich nicht in jedem Fall, aber in vielen Fällen, in viel zu vielen. Wenn der Finanzminister zum Beispiel im Parlament trotzig herumspuckt, dass es an der Zeit sei, die sogenannten Finanzmärkte an die Kandare zu nehmen, dann wissen wir, Genossen, dass er das nicht sagt, um es anzukündigen, dass er sie nicht an die Kandare nehmen wird, sondern im Gegenteil dass er es sagt, um es nicht tun zu müssen. Die Leute glauben ja dann, dass er es tun wird, und darum muss er es nicht mehr wirklich tun. Die Wirklichkeit und die Worte sind im Kapitalismus also sehr weit entfernt.

Das, liebe Genossen, ist das Schlechte am Kapitalismus: er ist leicht verständlich, und doch versteht ihn kaum jemand, weil dafür die Worte fehlen.

Danke für eure Aufmerksamkeit!

 

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