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Sie rauchen. Da der Raum sowieso schon zugequalmt war, machen ihre Zigarren, deren Glutpunkte im weißen Nebel frei durch die Luft zu pendeln scheinen, gar keinen Unterschied mehr. Vier Minuten Meditation. Dann klopft es stürmisch an der Tür am anderen Ende des Flurs.
NICKY (raucht): Öch möch nöch öf.
SANDRO (raucht auch): Sag mal, ist das nicht Sächsisch was du da redest?
NICKY: Könn sön.
Pause. Es klingelt weiter.
NICKY (schnelle Aufwärtsbewegung seiner Zigarrenglut): Öch höbs!
SANDRO (nicht neugierig): Was denn jetzt?
NICKY: Dös kömmt wögen der Verwösung! Die Möskölspönnung des Sprechöppöröts lösst nöch.
Man hört, wie die Tür mit einem Beil eingeschlagen wird.
NICKY: Verdömmt, wer ös dös dönn?
SANDRO: Frühstück für die Rottweiler.
Die Tür zersplittert. Schritte nähern sich über den Flur. Der Wind fährt herein und der Qualm zerteilt sich, als ein Clown ins Zimmer stürzt.
CLOWN (das Haar wild um den Kopf, von Regen triefend): Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Feuer und Gerechtigkeit! Feuer überall! Das ganze Scheißtheater brennt!
SANDRO: Das kenn ich doch, das ist von Kierkegaard…
NICKY: Öntwöder – Öder, örster Bönd.
SANDRO: Eine gelungene Anspielung! Und passt so gut zum Thema.
NICKY: Stömmt.
Sie applaudieren.
CLOWN (wütend): Wir brennen alles nieder! Die Lunte sprüht schon! Und jetzt seid ihr dran, ihr scheißimperialistisches, antidemokratisches Elitengesindel! Ihr nutzloses, volksfernes Büchergewürm! Wir fackeln euch alle ab! Ihr verschwuchtelten Schmierer und schlaffen Individualschnösel! Ich werf euch jetzt meinen Molli hier rein! Aber zuerst mach ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt! (holt mit dem Beil aus)
SANDRO (zückt ein Spray und sprüht es dem Clown ins Gesicht)
CLOWN (rennt brüllend im Kreis): Wöööööäääääääääh!
NICKY: Wös wör dös?
SANDRO: Ein Reizstoffsprühgerät.
CLOWN (gräbt die Hände in seine Augen und reißt sich scheinbar das Gesicht herunter: unter der Clownsmaske wird das comichaft stilisierte Antlitz von Guy Fawkes, einem grinsenden schmalbärtigen Herrn, den außerhalb des Commonwealth sozialisierte Nichtleser des Oeuvres von Brian Ó Nualláin nur aus der Populärkultur kennen dürften; Guy findet blind den Flur und flüchtet, hinter ihm galoppieren Hannibal und Drago, die DWR-Maskottchen und -ausdärmungsfachkräfte…)
NICKY: Wöher höste dös?
SANDRO: Hatte der Hartz-Vier-Kontrollinspekteur in seiner Jacke.
NICKY: Wölchör Hörtz-Vör-Köntröll –
SANDRO (entnervt): Der kommt im ersten Absatz vor als „Sozialdemokrat“. Lies halt nach.
NICKY (verblüfft): Ökö.
Pause.
NICKY (entschuldigend): Dö höt hölt die Köhösion gefehlt…
SANDRO: Ja, ich weiß. Deshalb sag ich’s ja.
Pause.
NICKY: Dörf eigentlöch nöcht vörkömmen söwas.
SANDRO: Ist ja gut jetzt.
Pause.
SANRO: „Elitengesindel“. Pff! Idiotisches Wort.
NICKY: Pff! (laut) Döbei sönd wör dö Speerspötze dös Pröletöriöts!
SANDRO: Ja, ist ja gut.
Pause.
SANDRO: Ich mach jetzt mal hier weiter, sonst wird das nichts mehr mit dem Kampf gegen die… ähm… Mit dem Kampf… gegen die… (wedelt sich Rauch aus dem Gesicht) Nicky, wogegen kämpfen wir nochmal heute?
NICKY: Öhm… Nö jö…
Pause.
NICKY: Söll ich öben nöchmal nöchsehen?
SANDRO (resigniert): Ja bitte…
NICKY (kramt umständlich und steif eine Fernbedienung aus der Tasche und drückt deren einzigen Knopf; eine Strickleiter wird vom Schnürboden herabgelassen; mühsam hangelt Nicky sich daran nach oben, bis er verschwindet; eine Stunde vergeht.)
NICKYS STIMME (von oben): Wölche Söite wör dös?
SANDRO (ruft hinauf): Die erste Seite!
Lautes Papierrascheln erfüllt den Raum und lässt die Wände wackeln.
SANDRO (ärgerlich): Geht das auch vorsichtiger, du sinnenloser Klotz?
NICKYS STIMME (gestresst): Öch versöchs!
Das ganze Haus wird wie von einem raschelnden und knisternden Erdbeben erschüttert, das alle Papierstapel im Zimmer von den Tischen wirft und Marx aus der ‚Ahnengalerie verklärter Kämpfer‘ herunterschüttelt wie eine allzu schwere Birne.
SANDRO (verkriecht sich unter seinem Schreibtisch)
NICKYS STIMME (nähert sich schreiend)
NICKY (stürzt auf die Bühne hinunter und landet krachend auf einem zusammenbrechenden Tisch, dass um ihn Blätter, Staub, Spielkarten und Hundekuchen in Hammer-und-Sichel-Form aufstieben): Öh!
Lange Pause.
SANDRO (für sich): Ich fühl mich allmählich wie in der Muppet-Show.
NICKYS STIMME (unter Trümmern): Vörblöndöng.
SANDRO: Was? Wie bitte?
NICKYS STIMME (lauter): Vörblöndöng! „Ölitötröppe in dön Dschöngel dör Vörblöndöng“ blöblöblö!
SANDRO (erinnnert sich): Richtig! Danke dir. (kriecht hervor und klopft sich den Staub ab) Wir sollten demnächst endlich auf rein digitale Textproduktion umstellen. Da dreht man zwei Millimeter an einem Mausrädchen – und zack! zehn Seiten fliegen vorbei, ohne einen Laut. Herrlich, diese Produktivkraftentwicklung!
NICKYS STIMME: Gött sei Dönk bön öch schön töt.
Während sich der Qualm wieder verdichtet und hier und da noch ein Möbelstück zusammenfällt oder ein Bild von der Wand gleitet, setzt Sandro sich mit seiner Zigarre zurück an den Schreibtisch. Nicky bleibt reglos liegen. An der Glut, die aus den Trümmern hervorleuchtet, kann man aber sehen, dass es ihm gut geht und dass er weiter an seinem Rauchgerät saugt. Neunzig Minuten vergehen (– die man im Publikum dazu nutzen könnte, sich einen Film auf seinem Notebook, Smartphone, Tablet oder seinen digitalisierten Innenlidern anzusehen. Ein sehr guter Film, der innovative Mittel im Arbeitskampf thematisiert, ist zum Beispiel „Dough and Dynamite“ von Charlie Chaplin, auch wenn er etwas älter ist. Von den neueren Filmen hat mir „Arschibald II – der Pornobutler fickt den Feudalismus“ sehr gut gefallen (für den muss man aber ebenfalls etwas älter sein, mindestens achtzehn nämlich). Auch die anderen Teile der Reihe „Arschibald – ein harter Lümmel in Livree“ und „Arschibald III – Abschied von Schloss Rammelrampe“ sind passabel… Dann dürften also mindestens zwei Stunden vergangen sein: in denen Sandro nichts geschrieben hat. Haare raufend hat er dagesessen, einen Löffel Schlaf geschnupft und einen Guglhupf gebacken und vertilgt. Nach weniger als einer halben Stunde hat Nicky – der sich, wie übrigens wir alle, im Zustand fortschreitender Putreszens befindet – mit einem langen Monolog begonnen, den wir hier aus Rücksicht auf den verbleibenden Speicherplatz des soeben durch das von Nicky ausgelöste ‚Erdbeben‘ stark beschädigten DWR-Rechenzentrums nur stark gekürzt wiedergeben können:
NICKYS STIMME (unter den Trümmern, leise, rauchend und nachdenklich): Wößte Söndrö, jötzt wö ölles vörböi ös… Dö dönkt mön hölt möl sö nöch öber ölles… Önd wößte wös? Höite möss öch sögen… Öch wönschte, öch hätte wönöger gököfft önd wönöger… jö… hölt wönöger nör öbgöhöngen öhne wös zö tön… öder öhne wös Sönnvölles zö tön… Wöböi wös ös jötzt wöder sönnvöll… Öch glöb öber, dö Löite lössen söch höte zö völ öblönken. Dö spölen löber möt örgendöim Ölöktröschrött röm önstött Rövölötiön zö möchen. Öder wönögstens ön pöör ökölögösche Kötöströphen zö vörhöndern. Vörstöhste? Ölle sönd zörströit, köiner föhlt söch zöstöndög öder vöröntwörtlöch. Wer höite ‚Vöröntwörtöng‘ sagt möint döch ömmer nör Örwörbsörböit. Dör gönze Röst öst völlög vöröntwörtöngslös. Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng, Tröime, Könsöm önd stöndige Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng, Tröime, Könsöm önd stöndig nöie Spölsöchen zör Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng, Tröime, Könsöm önd dönn wöder Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber nöch nöiere Spölsöchen zör Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng, Tröime, Könsöm önd dönn bröcht mön nöch Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber dö Önförmatiön önd Kömmönökötiön, wöil ölles sö kömplözört göwörden öst, önd nöch möhr Spölsöchen zör Önförmatiön önd Kömmöönökötiön, wöil dö ölten dös ölles gör nöcht möhr schöffen, önd nötörlöch bröcht mön dö nöch möhr Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng för nöch möhr Tröime önd Könsöm, dömöt mön dön gönzen prödözörten Möll öch vörköft önd dö öxtröörbötönten Kösten för dö nöchste Gönörötiön Möll döcken könn! – Öfklöröng? Önmöglöch! Klössenböwößtsöin? Pössé! Rövölötiön? Hör döch öff! Dö Vöröinzölöng, Ödöntösöröng, Höbbösöröng önd dö Költöröndöströ höben jödö örnsthöfte pölötösche Köllöktövötöt önmöglöch gömöcht. (Lange Pause, dann in anderem Ton) Öndörörsöits… Wör rösögnört böfördert jö dö Mößstönde nör nöch… (seufzt) Öch wöß jö öch nöcht… Öch bön jö nör öin örmer Löichnöm…
Soweit also der Monolog, der zu belegen scheint, dass, wenngleich seine Artikulation arg beeinträchtigt ist, Nickys Gehirn doch in unverminderter Aktivität und ungestört von allen peripheren Verfallserscheinungen in seinem Schädel vor sich hinglost, da er offensichtlich noch zur Dialektik fähig ist. – Wobei wir nicht unterschlagen wollen, dass wir [Bild] durchaus auch schon Beispiele beobachten konnten, in denen ein menschliches Gehirn trotz fortschreitender Verfalls oder gar ausgebliebener Entwicklungsreife noch immer oder erst recht zu dialektischen Grundmanövern imstande war. Genauere Auswertungen derartiger Fälle würden hier aber zu weit führen. Auch sollte diese Anmerkung nicht ihrerseits wiederum als dialektisch miß- bzw. verstanden werden (und diese auch nicht [diese letztere nun aber schon!!]!). –Nachdem auch der letzte Mensch im Publikum (ein kleiner, stämmiger, pockennarbiger Mann mit yucatekischem Indianerkopfschmuck, der aus seiner linken Hand ein blutiges Herz isst und sich mit seiner Rechten unter einer Guy-Fawkes-Maske zu schaffen macht, welche in seinem Schoss liegt) sein letztes Display abgeschaltet hat – wo soeben noch Arschibald der Widerständer beim finalen Lanzen-Turnier dem schwarzen Hengst des Grafen Willimmer von Eichelroth einen trefflichen Stoß verpasst hat – sitzt auch Sandro wieder im Standbymodus an seinem Schreibtisch, ganz in Erwartung einer göttlichen Hand, die sein zentrales Nervensystem vollends ins energievergeuderische Arbeitsstadium hochfahre, um auf ihn einzutippen wie ein koksender Faustus auf sein Gretchen, und, weil ergebnislose Konzentration schmerzhafte Spannungsunterschiede erzeugt, allzeit bereit, abzuschweifen zu jedem Detail seiner Umgebung und so, unzufrieden vor sich hin kritzelnd, noch über seine niederbrennende Zigarre – die wütend durch das Universum leuchtete, als hätte sie ein großes Schicksal zu erfüllen – eine Hypotaxe aus dem Gedärm zu schütteln, die ihm erneut etwas Zeit gibt, sein eigenes finales Lanzen-Turnier mit den eigenen Gedanken und Begriffen, essayistisch schlaff wie Sandro selbst, um einmal eine phallokratische Sinnebene anzutäuschen, hinauszuschieben. Eigentlich geht es ja um die Apokalypse, nicht wahr, Sandro? Also was soll dieses ganze Theater, dieser verqualmte Slapstick mitten im strengen Argumentationsgewebe über ernste menschheitliche Angelegenheiten? Ja, das fragt er sich wahrscheinlich selbst. Was heißt ‚wahrscheinlich‘ – natürlich frage ich mich das selbst! So wahr ich ich selbst bin!! … [Ein Gong ertönt.] Nun! Damit dürfte die Unterbrechung lang genug gewesen sein: alle Minderinteressierten, Endzeitzyniker und Multitaskingsurfer dürften ab dieser Zeile als abgeschüttelt gelten! Bienvenus, mes semblables, mes frères (et soeurs!). Denn für alle Räume des unterirdischen Redaktionslabyrinths der ‚Dead Wall Reveries‘ gilt gleichermaßen: wer nicht mit Texten und mit Hirnen und insbesondere mit seinem eigenen ringen will wie Jakob mit dem Engel, der muss draußen bleiben, ohne Segen, bis ihn die Rottweiler in die Wüste der Verwirrung schleifen!

 

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