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Beginnen wir mit der ersten Vermutung, nach der die ‚Welt‘, die in diesem Jahr untergehen könnte, nichts anderes ist als die alltägliche Umgebung des Sprechers oder, anders formuliert, die äußere Infrastruktur seines Lebens, also die räumlichen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten und deren zeitliche Abwechslung, in denen und durch die er seinen Alltag hat. Stellen wir uns nun vor, ein etwa dreißigjähriger Schwerverbrecher, der soeben zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist, spricht den besagten Satz: „2012 geht die Welt unter.“ Der Weltuntergang würde dann also bedeuten, dass der Gefängnisalltag hinter ihm läge – ein Umstand, den er sicher nicht befürchten würde. Trotzdem muss man davon ausgehen, dass auch dieser Mensch den Weltuntergang, von dem er spricht, nicht begrüßt. Somit wäre die erste Hypothese schon widerlegt. Denn unter der Voraussetzung, dass es eine Bedeutung des Wortes ‚Welt‘ gibt, die näherungsweise von allen Sprechern aktualisiert wird, die mit dem Wort ‚Weltuntergang‘ ein extrem negatives Ereignis assoziieren, kann eben [das alltäglich-soziale Umfelds des Sprechers] nicht diese Bedeutung sein, wie das obige Schwerverbrecher-Beispiel deutlich macht. Der Untergang der ‚Welt‘ muss also doch der Untergang von mehr als der alltäglichen Umgebung sein. Wovon genau?
In der zweiten Hypothese haben wir vermutet, dass ‚Welt‘ im Zusammenhang des Satzes „2012 geht die Welt unter“ die Bedeutung [Kulturraum des Sprechers] haben könnte. Für einen im Westen lebenden Menschen ginge also die Welt unter, wenn der Westen untergeht. Auch diese Vermutung lässt sich ganz offensichtlich nicht halten. Denn zum einen ist es evident, dass es im Westen mehr Menschen gibt, die den Weltuntergang fürchten als Menschen, die den Untergang ihres eigenen Kulturraumes als Katastrophe ansähen. Das ist zwar traurig, aber – wie meine Großmutter gesagt haben würde, wenn sie sich nicht beim Kung-Fu die Zunge abgebissen hätte: eben so. Zum andern geht es in dieser Untersuchung durchaus auch um SprecherInnen aus anderen Kulturräumen, da wir ganz universalistisch voraussetzen, dass das Konzept des Weltuntergangs in allen Kulturen eine ähnliche, negative Bedeutung hat. Und da ist es doch fraglich, ob eine Afghanin, deren Ehemann ihr soeben die Nase abgeschnitten hat, eine Iranerin, der ein abgewiesener „Verehrer“ das Gesicht mit Säure übergossen hat, oder eine Somalierin, die zu ihrer Steinigung geführt wird, weil sie sich von drei Männern ehebrecherisch hat vergewaltigen lassen, ob also diese drei Frauen und ihre verängstigten Geschlechtsgenossinnen mit dem Begriff ‚Weltuntergang‘ tatsächlich ein extrem negatives Ereignis verbänden, sofern damit das Verschwinden der islamischen Folterkultur gemeint wäre. Auch die zweite Vermutung muss damit als unzutreffend gelten.

Durch den Keller draußen nähern sich wieder Schritte. Unmittelbar vor der Wand, in der sich die Geheimtür befindet, endet das Geräusch. Tastende und kratzende Geräusche. Sandro ignoriert sie. Er entzündet mit einer gefährlich hohen Flamme aus einem Benzinfeuerzeug seine nächste Zigarre und schreibt weiter:

Kommen wir also zur dritten Hypothese: ‚Welt‘, besagt sie, bezeichne im bekannten Kontext nichts anderes als [die Menschheit und ihre gegenwärtigen Lebensumstände], also etwa das, was man mit einem ältlichen Wort ‚Menschenwelt‘ nennen könnte, sowohl die kulturelle wie auch die biologische Bedeutungskomponente des Wortes ‚Menschheit‘ – die Körper, Artefakte, Ideen. „Die Menschenwelt ist das gemeinschaftliche Organ der Götter“, schreibt Novalis. „Poesie vereinigt sie, wie uns.“ Wie die Menschen also die Poesie verbindet, so verbindet ihre Welt die nicht minder poetischen Götter. Der ästhetische Sinn, der Durst nach Schönheit, auch nach Häßlichkeit, nach Künstlichkeit, nach Kunst, ist allen Menschen gemeinsam und zieht sich – laut dem romantischen Genie – wie ein blaues Band durch ihre Welt aus Folter, Gedärmen und auf Darmsaiten gestrichenen Melodien. Soweit Novalis, der übrigens, wie die meisten Genies, selten hundertprozentig danebenliegt. Wir werden daher auf dieses Phänomen der Menschenwelt später noch einmal zurückkommen. Zunächst aber wollen wir die Frage beantworten, ob im Satz „2012 geht die Welt unter“ das Wort „Welt“ gegen die Worte „die Menschheit und ihre gegenwärtigen Lebensumstände“ ausgetauscht werden könnte, ohne die Bedeutung des Satzes im Sinne der meisten Sprecher zu verfälschen.
Dazu stellen wir die nachfolgende Überlegung an: die zunehmende Knappheit an industriell unabdingbaren Rohstoffen sowie eine plötzliche Verschärfung des Klimawandels hat die Weltwirtschaft in eine zuvor unvorstellbare Krise geführt, die ihrerseits einen Weltkrieg mitverursacht hat, welcher mit atomaren Waffen geführt wurde. Durch Krieg und Strahlung, Naturkatastrophen, Hunger und Seuchen sind Milliarden Menschen gestorben. Aber eben nicht alle. Noch immer gibt es Orte auf der Erde, an denen menschliches Leben möglich ist, wenn auch ohne die Errungenschaften der westlichen Zivilisation, ohne Industrie also, ohne Strom, ohne institutionalisierte Versorgung mit Wasser oder Medikamenten, ohne Supermärkte, ohne Motorisierung und ohne Energie im Übermaß. Die verbliebenen Menschen würden also ein Leben führen, wie wir Heutigen es nur aus historischen Zeugnissen kennen. Ein solches Szenarium – der Verlust des Fortschritts, der Rückfall in die Natur – gehört seit Generationen zum Angsthaushalt des Westens und ist in zahllosen filmischen und literarischen Erzählungen von „Robinson Crusoe“ bis zur hundertfach reproduzierten Zombieapokalypse durchgespielt und fiktional gebannt worden – freilich ohne je aufgehört zu haben, Teil unserer Angstkultur zu sein. Wie würden diese Menschen, zurückgeworfen in ein vorindustrielles Dasein, das Ereignis beschreiben, das sie überlebt haben? Würden sie sagen: „Wir haben den Untergang der Menschheit überlebt“? Sicher nicht, denn das wäre paradox, höchstens noch als Metapher plausibel. Trotzdem darf man wohl annehmen, dass diese Überlebenden mehrheitlich und ohne metaphorisch zu sprechen den Satz äußern würden: „Wir haben den Weltuntergang überlebt.“ Der Untergang der „Welt“ wäre für sie damit nicht das gleiche wie der Untergang der Menschheit und so auch unsere dritte intuitive Hypothese falsch.

Aufruhr im Keller auf der anderen Seite der Wand. Weitere Schritte haben sich genähert. Fäuste hämmern gegen die (ehemalige) Geheimtür. Sandro schreibt:

Was aber meinen die letzten Menschen damit, wenn sie sagen: „Wir haben den Weltuntergang überlebt“? Würde diese Äußerung denn nicht bedeuten, dass sie ihre vertrauten Lebensumstände verloren haben, wie es die dritte Hypothese vorschlägt, dass die ganze Menschheit in einen welthistorischen Abgrund gestoßen wurde, weil sie ihre eigene Epoche überlebt hat? Nein. Denn sogar wenn man die dritte Hypothese dahingehend einschränkte, dass nur noch die Bedeutung [die gegenwärtigen Lebensumstände der Menschheit] an die Stelle von ‚Welt‘ trete, wäre sie falsch. „2012 verschwinden die gegenwärtigen Lebensumstände der Menschheit“ gälte nämlich dann wiederum nur für eine kleine Teilmenge der Menschheit, namentlich für die westliche Welt – die ebensowenig gleichbedeutend mit ‚Welt‘ ist wie ihre Bewohner für alle Menschen stehen können. Leidglich die Lebensumstände der Europäer, Australier und Nordamerikaner sowie einer Minorität der sogenannten Schwellenländer könnten durch die erwähnte katastrophale Demontage derart verändern werden, dass sich von einem ‚Untergang‘, also einem Verschwinden dieser Umstände sprechen ließe. Die Mehrheit der Menschen in Afrika und große Teile der Bevölkerung Asiens und Südamerikas dagegen haben nie in einer industriellen, geschweige denn in einer ‚Dienstleistungsgesellschaft‘ gelebt. Die Apokalypse scheint ein Luxusproblem der kapitalistischen Länder zu sein… Zumindest kann man zusammenfassend nicht sagen, dass die Mehrheit der Menschen sehr viel mehr als ein mühe- und leidvolles Leben zu verlieren hätte – und selbst das verlieren an zwanzig Millionen Menschen ganz unapokalyptisch jedes Jahr durch Hunger, Waffengewalt und Infektionskrankheiten, ohne dass sie es bei einem ominösen ‚Weltuntergang‘ durch Krieg, Seuchen, Klima oder Aliens noch ein zweites Mal verlieren könnten.
‚Weltuntergang‘, dieses Wort bezeichnet mehr als ein in der Zukunft liegendes Ereignis und mehr als die Zerstörung der geltenden Lebensumstände in einem wie auch immer begrenzten Raum. Es ist vielmehr ein Konzept zur Beschreibung eines Zustands, in dem die Sprecher all ihre Möglichkeiten eines friedlichen oder zufriedenen Daseins verloren sehen. Ein Konzept der Angst also. ‚Weltuntergang‘ ist in mancher Hinsicht das Gegenteil von ‚Weltfrieden‘. Die ‚Welt‘ in dem hier untersuchten Satz bezeichnet nichts sonst als [der Raum für alle Lebenshoffnungen eines Sprechers oder einer Sprecherin]. ‚Weltuntergang‘ heißt demzufolge das Ende aller Hoffnungen. Die Unmöglichkeit des Glücks. Der Beginn unüberwindlichen Leids. Die Hölle.

Die Rottweiler wachen auf und ziehen unruhige Kreise durch den verrauchten Raum. Plötzlich scheinen sie Witterung aufzunehmen und verschwinden bellend im Flur, in Richtung jener Tür, die der Guy-Fawkes-Clown zuvor zertrümmert hat. Ihr Gebell geht in drohendes Knurren über…

Der ‚Weltuntergang‘, so müssen wir schlussfolgern, ist in unserer Welt für viele Menschen Alltag. Der Satz „2012 geht die Welt unter“ hat für sie keine besondere und angstvolle Bedeutung, aus der sich eine große diskursive Relevanz speisen könnte. Auf Schmerz und Hunger folgen Armut und Gewalt – wo sollte hier die radikale Änderung, die Zerstörung geltender Lebensumstände oder das befürchtete zukünftige Ereignis sein?
In jenen vom endzeitlichen Alltag verschonten Weltteilen aber ist der Untergang ein Albtraum, aus dem wir umso schwerer zu erwachen scheinen, je mehr wir zu verlieren und hinzugewonnen haben, da im kapitalistischen Wirtschaften Reichtum und Krisenanfälligkeit untrennbar sind. Ein solches Zuviel haben wir angehäuft, dass wir immer mehr befürchten müssen, es könnte plötzlich ein Zuwenig daraus werden – und zwar dieses Mal sogar für uns zuwenig, nicht mehr ‚nur‘ für die Fremden dort draußen in den glasfaserarmen Einöden der Erde, wo Tiere leben, die sich nicht streicheln lassen, und Menschen an Schmutz und Diarhhoe verenden. So weit ist die Natur – ein Wort, das in Deutschland zum Synonym für österliche Picknickkulissen domestiziert worden ist – unter uns zurückgeblieben, dass uns schwindlig wird, wenn wir hinabsehen. Ja, die Natur ist auch im nicht-katastrophischen Zustand ein unvermeidliches Element der Apokalypse: wenn unsere Welt unterginge, was bliebe dann wohl? Der Abgrund einer fühl- und geistlosen Natur empfinge uns, deren erbarmungslose Destruktivität uns heute nur noch aus Krebsstationen bekannt ist.
‚Weltuntergang‘, das heißt für uns – ich gehe davon aus, das keine(r) meiner LeserInnen aus Wüsten oder Dschungeln hergesurft ist – das Ende der westlichen Lebenshoffnungen, der Fluchtpunkt aller Wohlstandsängste, die Unmöglichkeit des kapitalistischen Glücks, des freien Konsums der eignen Wunschidentität mithin. An deren Stelle tritt der Neubeginn einer unüberwindlichen Natur, die Wiederkehr von Schmerzen, von Schmutz. Alles das kann man sogar, à l’occidentale, noch knapper zusammenfassen – ökonomischer: der Untergang der Welt im Westen, wo Strom und Heizöl fließen, bedeutet nicht mehr und nicht weniger als der Verlust aller Annehmlichkeiten und Perspektiven eines Lebensstils, der auf dem Vorhandensein von billiger Energie aufbaut. Man braucht sich nur einige Endzeit-Blockbuster anzusehen, in denen paranormale Pandemien die Infrastruktur unserer Kontinente zerstören, und man begreift schon bald: eine untergegangene Welt aus westlicher Sicht ist eine Welt ohne Benzin. Solange Daddy noch den Pickup starten kann, besteht die Hoffnung auf ein Leben irgendwo in einem neuen Eden, in dem es wahrscheinlich auch wieder Baseballfelder geben wird… Erst wenn der Motor nicht mehr anspringt, wird es utopisch eng (der nicht anspringende Motor ist nicht umsonst fester Bestandteil der Dramaturgie von Horrorfilmen und löst bei den Zuschauern todsicher Panikempfindungen aus). Erst dann wird aus dem utopischen Wesen Homo sapiens wieder ein Sklave der Natur.

Während von draußen immer heftiger an die Wand gehämmert wird und urtümliche Laute hindurchdringen, graben sich zwei knochige Hände unter Nickys Trümmerhaufen langsam und fahrig den Weg frei…

Die Apokalypse ist der Verlust der Naturbeherrschung, des körperlichen Wohlbefindens, der Glücksmomente und -möglichkeiten, die man allesamt nur hat – solange man Erdöl hat. Eine Welt ohne Erdöl wäre für alle Sprecher, die das Wort ‚Weltuntergang‘ überhaupt regelmäßig und aus Furcht benutzen, gleichbedeutend mit einer Welt nach ihrem Untergang. Eine Welt nach einem apokalyptischen welthistorischen Ereignis, das noch ausreichend Erdöl übrig gelassen hat, gab es schon mehrmals, zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch hat sich niemand angewöhnt, vom Zweiten Weltkrieg als vom ‚Weltuntergang‘ zu sprechen – obwohl das durchaus nicht zu abschätzig gewesen wäre, gemessen an den unvorstellbaren Ausmaßen des Leids und den zahllosen Gründen zur Hoffnungslosigkeit, die dieser Krieg jedem noch so besonnenen Geist gegeben hat. Doch auch nach diesem Untergang kam ein Neuaufbau und ein Vergessen, die nur möglich waren durch die bald schon wieder im Übermaß verfügbare Energie. Erst wenn diese Möglichkeit einmal erloschen sein sollte, wird man die vorangegangenen Ereignisse in jenen Ländern, die das Öl sich hatten leisten können, tatsächlich ‚Apokalypse‘ oder ‚Weltuntergang‘ nennen. Die postapokalyptische Welt, wie sie in den letzten Jahren so viele Autoren und Filmemacher erzählt haben, beginnt ab diesem Zeitpunkt. Die präapokalyptische Welt umfasst damit lediglich den Okzident und seine Handelspartner in der Ära der billigen Energie, in der wir nun seit jenen Tagen leben, da in Pennsylvania 1858 nach einem ganz besondren Saft gebohrt wurde.

Die Wand erbebt unter der Wut der Menge. Staub rieselt vom Schnürboden herab. Nicky hat sich inzwischen einen Weg aus den Trümmern gegraben und erhebt sich langsam: ein halbverwester Schädel mit einer erloschenen Zigarre zwischen den fleischlosen Zähnen taucht auf, von Sandro unbemerkt, der sich begeistert dem Ende seines Textes nähert. Im Zeitlupentempo arbeitet sein untoter Genosse sich aus Schutt und Holz heraus, bis er schließlich in voller Größe auf der Bühne steht: ein von Lumpen und ledriger Haut behängtes Skelett, das (wie freilich alle Skelette) hungrig aussieht…

Wir brauchen den ‚Maya-Kalender‘ mit seinem angeblichen, von Ängsten und ihren Händlern beschrienen Endzeittermin 13.0.0.0.0 ebensowenig zu fürchten wie die biblischen Plagen. Die größte Plage, die wir fürchten müssen, ist das System der Armut und des Öls, des Wachstums und sinnlosen Nutzens, der Zahlenspiele und Verblendung, an dem wir alle teilhaben. Es wird keinen Weltuntergang geben, lediglich ökonomische Schwierigkeiten, große, unlösbare Schwierigkeiten, die mit dem Wirtschaftswachstum wachsen – und nicht abnehmen. Keine Theologie ist nötig, um diese Apokalypse zu begreifen – sondern die Abschaffung jeder Theologie! Nicht das Übernatürliche wird uns bedrohen, sondern die Natur, die uns bald unterwerfen wird wie Steinzeitkinder, wenn wir nicht lernen, die Geschichte zu beherrschen und den Fortschritt vom Profit zu trennen!

Mit großer Geste setzt Sandro den letzten Punkt, schleudert den Stift fort und steht vom Tisch auf. Wilder Lärm durch die Wand. Nicky, mit dem Rücken zu ihm, irrt tapernd durch Rauch und Staub. Sandro kommt zu sich.
SANDRO: Potzhimmel, Nicky, was ist das für ein Lärm? Hoffentlich keine Revolution! Die Massen sind doch noch gar nicht aufgeklärt!
Er eilt ziellos durchs Zimmer, bis er eine Klappe in der Wand öffnet, hinter der sich ein Periskop befindet, mit dem er aus dem DWR-Keller über die Erdoberfläche linsen kann. Er tut es. Inzwischen hat Nicky sich nach seiner Stimme umgedreht und nähert sich mit schleifendem Schritt.
SANDRO (durch das Periskop blickend): Ha! Wie lächerlich! Ein Zombieflashmob! Das sind wieder diese verblödeten Occupy-Aktivisten, die sich mit ihrem Kostümball als politisch ernstzunehmende Strömung selbst disqualifizieren. Lächerlich! Ewige Pubertät – das ist ihr Fluch. (Pause) Jessas, es sind viele! Unnatürlich viele… Das musst du dir ansehen, Nicky…
Sandro dreht sich nach Nicky um, der schon direkt hinter ihm steht. Sandro schreit erschrocken auf, und Nicky fällt über ihn her und beißt ihm ein Stück Fleisch aus dem Hals. Blut spritzt acht Meter weit über die Bühne und besudelt das Kostüm der Kanzlerin in der ersten Reihe. Im selben Moment bricht die Geheimtür auf und eine Masse Untoter drängelt herein mit rudernden Armen und klappenden Kiefern.
SANDRO (schreiend): Aah, nein!! Unmöglich! Halt! Es gibt euch nicht! Ihr seid Literatur! Ihr seid nicht die Wirklichkeit! Ihr seid Literatur! Wartet, wartet!! Ich kann es beweisen!
Während er überwältigt wird, wirft Sandro die brennende Zigarre weit in den Raum hinein, der sofort Feuer fängt – der Boden, die Möbel, die Wände und Türen – als sei er aus Papier. Binnen Sekunden steht alles in Flammen und verbrennt zu leichter Asche. Anders gesagt: dieser Text zerstört sich nach dem Lesen selbst. –

 

(Der Autor lebt als Dichter und Bodybuilder in einem Erdloch.)

 

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