Junge Männer, die wochentags magnetische Ansteckschilder mit Firmenlogos und ganz persönlichem Namenszug am Revers tragen, sind gut beraten, wenn sie sich nicht an sonnigen Sonnabenden dabei erblicken lassen, wie sie auf scheineinsamen Wanderpfaden breitbeinig auf hölzernen Brücken stehen und in frohem Bogen über das knorrige Naturgeländer in einen metertief darunter plätschernden Bach hinunterstrullern, dass es noch hinter der übernächsten Pfadbiegung wasserfallgleich zu vernehmen ist. Das ist nicht die verinnerlichte Stimme der eichendorffischen Waldeinsamkeit, werden sich erfahrene und erst recht ortskundige Wandersleute denken, die in Hörweite dieses Geräuschs geraten. Und sie werden ihre haxendrallen Waden spannen in neugierigem Marsch um die nächste und die übernächste Biegung und – aber das ist doch – – Herr Bittenfeld! Endlich wieder wie ein Kind ins All hineingeströmt und lächelnd, sozusagen kniend in der Kirche der Natur, braucht es noch einen halbbewußten Augenblick, bis man erkennt, dass es dort unten einen kniebundbehosten Grund gibt zu erschrecken: Herr Doktor Krautheuser, mit Walkingbesteck und Deutschem Wachtelrüden (Note ‚gut‘ bei der Verbandsschweißprüfung und seit dem Tod der Gattin Krautheusers letzte Kreatur für warme Worte), ein Inbild der Gewichtigkeit, ganz Mann mit manchen ganzen Männern unter sich – und jetzt vor sich dies Männchen! Gott – die quälenden Sekunden, bis der Wasserfall vertropft ist und der Reißverschluss der Zivilisation wieder geschlossen! Eine panische Stille kehrt ein unters Blätterdach. Nicht gesprochen werden kann über solche Dinge, die in der Geschichte der Menschheit eigentlich bereits geendet hatten, als die Sprache begann. Urtümlich-Lehmiges. Körperflüssiges.

„Steht nicht in Ihrem Arbeitsvertrag geschrieben: ‚Der Angestellte hat in seinem Tun und Handeln stets die Steigerung der Anziehungskraft der Marke Schlagmichtot nach innen und nach außen zu fördern‘? Und erachten Sie es im Vollbesitz Ihrer zweitrangigen Geisteskräfte für dem Ansehen des Unternehmens förderlich, in romantischer Naturidylle, welcher sich eine Vielzahl seriöser Wanderer mit offenen Sinnen anzuvertrauen pflegt, ihren Stoffwechsel derart tolldreist zu inszenieren?“

Auf diesem Höhepunkt des Konflikts ergeben sich zweierlei Entwicklungsmöglichkeiten. Erstens: Zwei finstere Wanderstiefelträger werden bald von verschiedenen Seiten die Brücke entern und diesen hoffnungsvollen jungen Herrn, auf dessen Ansteckschild einst der Name „Bittenfeld“ blitzte, aus der Hörweite seriöser Wandersleute entfernen, ohne dass er etwas Böses getan hätte. Zweitens: Von der Höhe azurdurchwirkter Buchenwipfel sprengt von Ast zu Ast auf einem Ziegenbock ein gehörnter Dämon auf die Brücke herab, schüttelt seine mit dem roten Bart verflochtene Mähne und bietet dem Ankläger seine befellte, breite Brust. Und spricht:

„Das Menschliche kann nicht durch Klauseln dividiert werden. Immer bleibt ein stummer, flüssiger Rest. Nasenbluten im Meeting. Ein Alptraum in der Hochzeitsnacht. Unvorhersehbare Zwischenfälle im Drüsengewebe. Das alles sind Ereignisse des Waldes, des dunklen Grundes unter dem Asphalt und Anzug. Eines endlosen neundimensionalen Labyrinths. Da kommt man zwischen zwei Terminen nicht mal eben durch: zwischen Geburt und Sterben. Ein Lauf unter Wasser, traumzäh, die Luft ist begrenzt, und keiner weiß, wo oben ist. Selbst mit einem lebenslangen Faust-Stipendium für Existenzergründung und All-Erkenntnis inklusive mystischer Exkursionen, Nürnberger-Trichter-Seminaren in sämtlichen Wissenschaften und Forschungskolloquien mit verstorbenen Geistesfürsten,  maßgeblichen Naturgeistern sowie dem Teufel persönlich (Gottes Stellvertreter auf Erden) verdrehen sich die Augen auf dem letzten Pfühl doch nur in den eignen Schädel, und nicht in den der Welt.“

„Und danach?“ wendet unser Vorgesetzter ein. „Ein brauchbarer Mensch hat bis zu seiner letzten Stunde Referenzen angesammelt. Und hat womöglich gute Aussichten auf eine postmortale Karriere am Puls der Ewigkeit. Da lösen sich dann alle Fragen!“

„Ewigkeitskonzepte von Eintagsfliegen! Wortreiches Antichambrieren in den unteren Etagen der Zentrale des großen Universalvorsitzenden (unendlichstes Stockwerk – Büro rundumverspiegelt – leer – Aschenbecher aus schädelförmigem Malachit). Jeder Mensch ist eine Marionette an vieltausend Fäden, und kein Gott groß genug, die Fäden alle so zu spielen, dass sie sich nicht verwirren alle sieben Hundejahre. Die Verwirrung ist gerade das Göttliche. Das Schicksalsknäuel. Die Schicksalsknoten. Der Schicksalsfaden – eine Tripelhelix aus Wärme, Tod und Unwissen.“

Alles schwieg. Der Wind trug einen stillen Raben durch den offnen Raum.

„Also ist es menschlich und klug, für einen plätschernden Moment die schwachen Grenzen der Kontrolle und das eingeübte Selbst zu überschreiten. Innezuhalten am Weg und sich seitwärts zu wagen auf eine Lichtung des Alls, nur um einmal anders zu atmen. Bildhaft gesprochen. Und vielleicht dort auf dem Farn zu liegen, bis die Nacht kommt, unterm grünen Hauch des Pflanzenhimmels…“

Ein Traum, was sonst. Im Aufzug. Den Anzug harnischhaft gestrafft. Die Brille, das Visier, nochmal zurechtgerückt. Homo sapiens honoris causa. „Ach, Bitterfeld, Sie stehen gerade so schön. Drücken Sie doch mal fix auf die 33. Besten Dank.“

 

(Dieser Text ist zuerst am 2.2.2012 in gekürzter Fassung in der „Berliner Zeitung“ erschienen unter dem Titel „Die wahren Ereignisse des Waldes“.)

 

Advertisements