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Ein Interview mit Viktor Vladimirowitsch Starogin* über Probleme der Linken

DWR: Genosse Viktor Vladimirowitsch –

Starogin: Ich grüße euch, Genossen!

DWR: Wir freuen uns, endlich einmal mit dir über diejenigen Fragen sprechen zu können, die uns und unsere Leserschar sicher sehr viel mehr interessieren als die bekannten neunundneunzig Prozent.

Starogin: Leider, ja.

DWR: Also über Fragen der Wirtschaft, gestellt aus einer nicht auf Effizienz und Umsatz eingeengten Perspektive…

Starogin: Gegen Effizienz habe ich gar nichts. Man sollte nur wissen, in welche Richtung sie geht. Die Perspektive, von der ihr sprecht, ist nicht in einem intellektuellen Sinne eingeengt oder sogar dumm – sie ist es vor allem in einem quantitativen Sinne, weil sie lediglich die Interessen einer Minderheit vertritt. Die entgegengesetzte Perspektive, die wir vertreten, ist einfach die Perspektive der Mehrheit der Bevölkerung auf diesem Planeten und damit, in einem mittelbaren Sinne, sogar aller Menschen – was die erste Sichtweise letztlich dann doch dumm macht.

DWR: Die Mehrheit der Bevölkerung würde uns da aber nicht zustimmen.

Starogin: Mit dieser Erwägung fängt das geistige Elend schon an. Die Mehrheit der Menschen würde auch nicht zustimmen, wenn man ihnen sagte, dass Nukleinsäuren wichtiger für ihr Wohlbefinden sind als Geld, Alkohol und Geschlechtsverkehr zusammen.

DWR: Zugegeben.

Starogin: Was für Menschen wichtig, ja notwendig ist hängt nicht von ihrer Zustimmung ab. Was objektiv wichtig ist für einen Menschen, das läuft ohnehin, sagen wir mal, unterhalb eines durchschnittlichen Bewusstseins ab. Was sich der Herr Mensch so dazu denkt, das hat geringen Einfluss auf sein Rückenmark, bildlich gesprochen.

DWR: Der Zustand unserer Gesellschaften legt nahe, dass die Menschen kaum zu wissen scheinen, was für sie wichtig und notwendig ist.

Starogin: Natürlich nicht. Ärzte, Lehrer, Ingenieure und andere für den quasi physischen, objektiven Erhalt einer Gesellschaft wesentliche Personen richten sich nicht nach Meinungen und Zustimmungen, sondern nach dem Stand der Wissenschaften, in denen sie ausgebildet worden sind. Und bestenfalls werden dort keine Meinungen ermittelt, sondern Tatsachen.

DWR: Unsere Perspektive, die wir in diesem Gespräch vertreten möchten, ist also einfach eine Perspektive der Tatsachen?

Starogin: Wissenschaftlicher Sozialismus, ja.

DWR: Ist das nicht ein bisschen simpel, sich einfach auf das Faktische zu berufen?

Starogin: Es ist kein bisschen simpel, wir haben es nur simpel ausgedrückt. Es gibt zahllose Tatsachen, die gegen die Marktwirtschaft sprechen, überprüfbare, unleugbare, bezifferbare Tatsachen. Erst auf der Grundlage dieser Belege kann man für eine andere Gesellschaftsform überhaupt argumentieren. Erst kommen die Fakten, dann die Utopie. Erst das Konkrete, die Erfahrung, dann das Argument, das sie zitiert. Und bei diesem Vorgang des Erkennens geht es nicht um die Mehrheit, sondern um die Wahrheit. Mehr nicht. Oder, theologisch formuliert: Auf Erden sind wir Bettler, im logischen Raum aber sind wir Könige, denn wir haben die besseren, die meisten, die kritischsten Argumente.

DWR: Da haben wir aber doch ein Grundproblem des Kommunismus…

Starogin: Die Freiheitsfrage?

DWR: Genau.

Starogin: Wieso? Jede nützliche Wissenschaft hat dieses „Grundproblem“ und löst es auf ihre Art: indem sie die Wahrheit und ihre Folgen präsentiert und sie die Leute spüren lässt oder umgekehrt den Leuten die Begriffe gibt, die dazu, was sie schon spüren, passen. Kein Mensch zweifelt an der Kariesbehandlung, wenn er die segensreichen Folgen selbst erfahren kann. Wenn Freiheit Leiden bedeutet, muss sie geheilt werden. Wahrheit im sozialistischen Sinne ist ebenso erfahrbar wie medizinische Wahrheit – ohne den Vergleich zu weit treiben zu wollen. Der Schmerz hört auf oder zumindest: das Befinden bessert sich, das einmalige Geschenk des Lebens wird ernst genommen. Der Mensch gibt seine Freiheit freiwillig für die Dauer der Behandlung ab – anders gesagt: er bleibt frei.

DWR: Wie soll das gehen, wenn man den Arzt an der Behandlung hindert?

Starogin: Indem der verhinderte Arzt Schmerz und Behandlung erklärt, und nach hundert Quacksalbern, die seine Schmerzen nur verschlimmert haben, wird der Patient den neuen Arzt verlangen.

DWR: Und das ist dann die Revolution?

Starogin: Ja, warum nicht?

DWR: Aber wie kommt der Patient zum Arzt? Wie entsteht eine Mehrheit für den Sozialismus?

Starogin: Tja. Gar nicht.

DWR: Gar nicht?

Starogin: Unter den jetzigen ökonomischen Verhältnissen ist es unmöglich, eine Mehrheit vom Sozialismus oder auch nur vom notwendigen Versagen der Marktwirtschaft zu überzeugen. Die bestehenden Machtverhältnisse machen Aufklärung doch inzwischen zu einem Glücksfall bei Einzelnen. Die meisten Kapitalismusinsassen erwerben sich im Laufe eines 80-jährigen Lebens keineswegs das nötige Vorwissen, um die Gesellschaftsordnung zu begreifen, in der sie gelebt haben.

DWR: Kannst du da eine Zahl nennen oder ist das nur pessimistische Intuition?

Starogin: Kürzlich lese ich von einer Umfrage, nach der 55 % der Deutschen Merkels Sparkurs in der sogenannten ‚Euro-Krise‘ unterstützen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist also für die Unterdrückung der Bevölkerung – wenn auch vorerst der nichtdeutschen Bevölkerung am Mittelmeer. Die Mehrheit der Menschen im Westen vertritt in vielerlei Fragen Meinungen, die ihren Interessen konträr zuwiderlaufen. Es sind folglich nicht ihre Meinungen.

DWR: Sie sind beeinflusst im Sinne der Profiteure.

Starogin: Natürlich. Wer die Ressourcen hat bestimmt die öffentliche und zunehmend auch die private Meinung. Die meisten Menschen nehmen ihre Informationen in Form von Überschriften und Kurzmeldungen hegemonialer Medien wahr. Da ist weder Platz für detailliertes Argumentieren noch für grundlegend abweichende Perspektiven. Das sind Peitschenhiebe für Scheuklappengäule, nichts sonst. Sie denken nicht, sie werden gedacht. Sie fühlen nicht, sie reagieren auf gesetzte Reize. Der BILD-Leser etwa ist ein Pawlowscher Konsument, mehr nicht. Der Mensch dem Menschen eine Laborratte! Das kann man ja schön bei Adorno nachlesen, der in den Vierzigern noch dachte, er übertreibt mit seiner Kulturkritik. Heute ist sie eher untertrieben, und das heißt etwas.

DWR: Was ist mit alternativen Medien?

Starogin: Welche denn? Generell sind die doch meist noch schlimmer! Die haben dann, jenseits von Publikum und Auflage, die Narrenfreiheit, in obskuren Meinungsnischen ihre eigene Verwirrung zu pflegen und treiben so mit ihren Privatideen den letzten Rest an Realitätskontakt und journalistischer Seriosität aus. Verwirrung ist hingegen fast schon ein pharmazeutisches Produkt in einer Gesellschaft, in der die Vernunft dazu dient, Rentner auszuhungern, systematisch den Planeten zu zerstören und Angestellte möglichst gründlich um ihre Lebenszeit zu bringen.

DWR: Gut, wir grenzen die Frage auf sozialistisch und kommunistisch orientierte Medien ein…

Starogin: Von den 1000 Leuten, die sie lesen, überzeugen die 0,01 % (ja, das ist nur eine intuitive Zahl). Weil schlicht niemand sie aufschlägt, der nicht schon ihre Überzeugungen teilt und eben Konsument seiner eigenen gedruckten Überzeugung ist. „Gegenstandpunkt“, „Junge Welt“, „Konkret“ und was weiß ich wer noch alles halten höchstens ein paar Gefährten bei Laune, Tendenz sinkend. Das ist kein Funke, der in die Scheune überspringt – eher ein paar zerstrittene Wüstenmäuse inmitten einer Elefantenstampede. Das – wohl verstanden! – ist keine inhaltliche Wertung, sondern nur eine Abschätzung der Effizienz solcher Medien.

DWR: Also egal, wer was wo schreibt: unter den herrschenden gesellschaftlichen Machtverhältnissen ist eine Mehrheit gegen die Marktwirtschaft oder für eine humanere Gesellschaft – wie auch immer man sie nennen mag – ausgeschlossen?

Starogin: Da bin ich mir leider sicher. Wer schreibt ist doch ohne Einfluss, was er schreibt ebenfalls – wichtig sind nur die Leute, die ihn oder sie bezahlen. Die bestimmen über die Verbreitung, die Präsentation und damit letztlich über die Durchsetzungskraft eines Gedankens. Zahlungskräftige, einflussreiche Leute finanzieren nur selten ihre eigene Abschaffung. Das ist ein hoffnungsloser Krieg. Und übrigens, was heißt da „Mehrheit“? Selbst zwanzig Prozent wären schon ein Märchen. Inzwischen haben sich derartige Monopole an Geld und Einfluss emporakkumuliert, dass deren Gewicht die ehemals so genannten ‚Progressiven‘ oder ‚Alternativen‘, also Staats- und Marktfeinde, die ernstlich die politökonomische Ordnung in Frage stellen, tief unter die 0,5-Prozent-Hürde drückt. „Nonkonformismus“ scheint mir inzwischen schon eine Floskel aus den Poesiealben merkwürdig menschlicher Jahrzehnte zu sein…

DWR: Nehmen Subkulturen, progressive und regressive, nicht eher zu?

Starogin: Ja, die patriarchalische Subkultur nimmt unter jungen Männern aus islamischen Familien zu. Und weiter?

DWR: Ist das kein Nonkonformismus?

Starogin: Soll das ein Witz sein? Wenn ich mich einer weltweit herumplärrenden Strömung von hasserfüllten Phalluskriegern anschließe, ist das genau das Gegenteil von individuell und nonkonform. Subkulturen sind das ja nur, wenn überhaupt noch irgendwo, in nichtislamischen Ländern. Nonkonformisten können sich nicht auf Staaten berufen, die ihre Meinung womöglich mit Atomwaffen unterstützen, und auch nicht auf Aufmerksamkeitsmonopolisten wie den Deutschen Fussballbund zum Beispiel. Und selbst wenn – was heißt das schon, ein Nonkonformist zu sein? Damit fängt alle Vernunft zwar an, aber für sich genommen ist das trotzdem noch Dummheit. Sogenannte ‚Subkulturen‘ sind doch kollektive Kulte, sonst nichts. Irrationale, rückschrittliche Kompensationen der Tatsache, dass im Kapitalismus die Konkurrenz die soziale Währung ist, in der kommuniziert wird. Nehmt nur Anhänger jedweder Jugend- und Musikkulturen – das sind kollektive Anpassungsrituale, gemeinsame Bäder in der Ähnlichkeit, die alle teilen wollen – kurz narzisstische Privat- und Intimveranstaltungen, selbstidentifikatorischer Gruppensex. Selbst wenn die nonkonform wären, wäre damit ja nichts gewonnen, da sich diese Nonkonformität in ästhetischen Fragen erschöpft und keineswegs nach außen wirkt in die gesellschaftliche Dimension. Selbst politische Subkulturen sind ja oft Lifestyle-Biotope, deren Anhänger und Anhängerinnen auch nicht anders leben als ihre Eltern und Nachbarn – und oft nicht einmal anders denken. Jede Sub- oder Gegenkultur oder Szene, oder welchen Namen man auch immer finden mag für diese eng abgegrenzten und sich abgrenzenden Identitätskommunen, hat ihren Zweck in der Zugehörigkeit, in Nestwärme, nicht in Aktion. Das gilt auch für linksradikale Zirkel. Man kann nicht von ihnen verlangen, raus ins Freie zu stolpern: Unterm Druck der großen wilden Welt ist der Einzelne von ihnen hilflos und die Gruppe immer viel zu klein, um zu bestehen. Das sind Gesinnungsfamilien, aber keine gesellschaftlichen Bewegungen.

DWR: Du hältst also nichts von den Hoffnungen gewisser Linker auf eine Art aufgeklärtes subkulturelles Bewusstsein?

Starogin: Ich halte von den Hoffnungen nichts, und von diesen gewissen Linken halte ich noch weniger. Nur weil man eine schwuler jüdischer Punk aus Peru ist, steht man noch nicht auf der richtigen Seite – wenn ihr das damit meint.

DWR: Kommt diese Faszination nicht einfach aus der Parteinahme für das Proletariat, die Opfer der Geschichte, die Geknechteten?

Starogin: Vielleicht. Diese Parteinahme, wie ihr sagt, ist im übrigen nicht mehr als eine Parteinahme für die zugleich verkannten eigenen Interessen. Der dandyhafte Applestudent mit Markenschuh und Style-Bewusstsein ist ein Proletarier, ob er das Wort mag oder nicht. Die Solidarität mit jenen scheinbar fernen Menschen, die meist mehr leiden als diejenigen, die dieses Leiden beschreiben, und für die man das Wort ‚Unterschicht‘ erfunden hat, um die privilegierteren Proletarier eine Stufe höher, in der ‚Mittelschicht‘ ansiedeln zu können, ist von der Solidarität mit dem prekären herumapplenden Nachbarn, der mit mir am Starbucks-Tischchen um ein paar Klicks konkurriert, doch nicht verschieden. Solidarität ist eine Kardinaltugend jedes Sozialisten – das heißt: jedes Menschen, der noch einer sein will. Aber Solidarität heißt nicht, die Denkweisen der Lumpenproletarier zu fetischisieren, wie es meinetwegen der elternfinanzierte Berliner Jungmarxist tut, wenn er daherkommt und sich nach einer Pasoliniphase durch ein paar schaurig-jämmerliche Milieus ethnologisiert, um diese ach so exotischen Erfahrungen unter Glas mit nach hause zu nehmen, darüber zwei Artikelchen zu schreiben und sich als Hornbrillenrebell auf der Seite der Gequälten zu inszenieren. Das ist auf den Kopf gestellte Spießigkeit. Wer oben ist lügt, aber wer ganz unten ist hat auch nicht recht. Demütigung ist keine gute Aufklärerin.

DWR: Wer oder was ist denn eine gute Aufklärerin?

Starogin: Die richtigen Begriffe an der richtigen Stelle, also leider auch der Zufall und die Krise. Man muss die Theorie deshalb lebendig halten – und das glaubt im Grunde jeder Marxist heute, jeder in seiner eigenen Gegenöffentlichkeit – für jenen historischen Moment, in dem die plötzliche, ungeahnte Gelegenheit ihre Verbreitung und Anwendung ermöglicht.

DWR: Eine Art Kairos also?

Starogin: Genau. Marxismus ist wohl zu einem großen Teil heute die Hoffnung auf diesen Kairos.

DWR: Ohne Hoffnung geht es nicht?

Starogin: Ohne Hoffnung beginnt der Zynismus. Der Marxismus ist eine kollektive, nicht unkomplizierte Erkenntnisanstrengung mit einer mehr als hundertfünfzigjährigen Erfahrungs- und Argumentationsakkkumulation – niemand, der hoffnungslos und zynisch ist, beteiligt sich an so etwas.

DWR: Hoffst du denn auf eine mögliche Revolution?

Starogin: Früher sagte man immer „die Revolution“, das hat sich jetzt also schon zu „einer Revolution“ abgeschwächt; sie ist schon in die Ferne gerückt und nicht mehr so genau erkennbar…

DWR: Es geht uns jetzt nicht darum zu bestimmen, was für eine Revolution genau damit gemeint sein könnte, sondern vielmehr um die Frage, ob die derzeitige Krise, die im Rahmen der Marktwirtschaft kaum noch zu bewältigen scheint, Hoffnungen auf eine revolutionäre Aneignung der Produktionsmittel bei dir nährt.

Starogin: Nein, überhaupt nicht.

DWR: Warum nicht?

Starogin: Weil ich, wie schon gesagt, die herrschenden Ideologien für viel zu verbreitet und verankert halte. Mit zunehmender Kapitalakkumulation und damit zunehmender Krisenhaftigkeit unserer Gesellschaftsordnung offenbart sich zwar immer mehr die Tatsache, dass dieses Wirtschaftssystem nicht mehr zu retten ist, übrigens nie zu retten war, weil es nichts ist als die Organisation krisenhafter Widersprüche auf vielen Ebenen seiner Wirksamkeit; zugleich aber mit dieser Problemphase des Kapitals findet erwartbarerweise eine ideologische Mobilmachung statt, die im selben Maß verstärkt werden muss, in dem die Ängste der Menschen innerhalb dieses Systems anwachsen. Die Masse wird erfolgreich daran gehindert, eine abstrakte Wirtschaftsordnung für die gesellschaftlichen Probleme verantwortlich zu machen und nach einer, zunächst, ebenso abstrakten Antwort auf diese Probleme zu suchen. Angst verhindert Abstraktion. Dann muss nur noch für jedes einzelne Problem eine andere Scheinursache ‚beworben‘ werden und schon sind die Produktionsmittel mittelfristig gesichert. Statt also ihren Zorn auf die marktwirtschaftlichen Mechanismen zu lenken und das ökonomische System anzugreifen, werden die Menschen in ihrer ideologischen Zurichtung die inneren Konflikte der Gesellschaft forcieren, die sich ja in vielen Staaten nicht erst seit kurzem zuspitzen. An die Stelle des Klassenkampfs treten Kämpfe innerhalb der gleichen Klasse, entlang kultureller und Identitätsgrenzen. Wir kennen die Sündenböcke und Strohpuppen alle, gegen die sich dann wieder einmal die grölende Stimme des Volkes richtet – „Juden“, „Zigeuner“, „Schmarotzer“, „Nestbeschmutzer“, Andersfarbige, Andersgläubige, Anderslebende und Andersdenkende. Teile und herrsche! Das haben sich nicht die Kapitalisten ausgedacht, nein, es hat sich günstigerweise so aus dem Konsumismus entwickelt, dass wir alle lästernde Egoisten geworden sind, die nur ihre persönlichen Träume zu retten versuchen und aus ihrer engen, leidenden Privatheit gar nicht mehr herauswollen, weil sie alles andere für noch schlimmer halten. „Mich erwischt es schon nicht, ich bin besser als die anderen“ oder „Wir stehen zusammen gegen die da gegenüber“ – das sind alles Scheinfronten, die den Frieden sichern. Das Kapital duckt sich indessen ängstlich, aber sicher hinter alle diese Sandsäcke der Volksverblendung.

DWR: Was ist deiner Meinung nach die Folge davon? Wird man die Demokratie opfern, um das Kapital zu retten?

Starogin: Ich kann nicht hellsehen. Aber warum sollte man nicht – erst recht, wenn es niemandem auffallen würde? Der Fall Griechenland zeigt, dass die Demokratie zumindest noch ein unvorhergesehener Störfaktor sein könnte. Doch den Betreuern des Kapitals ist da gewiss schon etwas eingefallen, um besser auf Störungen durch den Ungehorsam der Bevölkerung vorbereitet zu sein. Die Stärkung der EU-Institutionen, die momentan im Gespräch ist, geht ja schon in diese Richtung; da herrscht dann eine supranationale Verwaltung über die ohnehin schon nicht mehr repräsentativen nationalen Parlamente und verlängert so den Weg von den Wählern zu den Entscheidern noch einmal erheblich.

DWR: Du hast eben gesagt, auch linksradikale Gruppierungen seien keine gesellschaftlichen Strömungen, sondern…

Starogin: Gesinnungsfamilien!

DWR: Genau. Kannst du diese Metapher vielleicht argumentativ ein bisschen auffüttern?

Starogin: Aber gern. Die Familie bildet im sozial erkaltenden Spätkapitalismus immer mehr die Solidaritätsgrenze des Einzelnen, also diejenige Sphäre, über die seine Mitmenschlichkeit nur noch selten hinauskommt. Das sieht man schön in amerikanischen Filmen – Filme sind ja laut Žižek die reinsten Abbildungen herrschender Ideologien – in denen der Familienvater einen wahren Massenmord anrichten darf, nur um seine Kleinfamilie zu beschützen, und am Ende damit noch als Held dasteht. – Was tut also der verunsicherte Kleinbürger angesichts von atomarem GAU, Klimaschäden, Arbeitslosigkeit und Krisenpolitik? Er sucht sich ein gebärwilliges Weibchen, feiert einen feudalen Hochzeitstraum, zeugt weitere Kleinbürger, verschanzt sich in einem burgähnlichen Eigenheim, vor dem er vielleicht noch seine Nationalflagge aufzieht, und fährt pünktlich mit einem allradgetriebenen Wehrfahrzeug durch feindliches Gebiet ins Büro seines Ausbeuters.

DWR: Gut, aber was…

Starogin: Moment! Eine Gesinnungsfamilie verhält sich sehr ähnlich, nur statt auf materieller auf immaterieller Grundlage, das heißt sie pflanzt sich weder natürlich fort noch bildet sie eine Gütergemeinschaft. Sie basiert lediglich auf einer gemeinsamen Gesinnung, die in der Regel gegen die materiellen Gruppenbildungen gerichtet ist, die den Normen der Gesellschaft entsprechen. Ein Gesinnungsbund ist die zweitstärkste Gruppenbindung in unserer ökonomischen Umgebung. Wer keine Familie gründen kann oder will muss sich eine Gesinnungsfamilie suchen – eine Szene, eine Subkultur, irgendeinen Identitätspakt – deren Bande umso stärker sind, je weiter sich die Gesinnung von der Allgemeinheit entfernt. Nur so wird jene Abgrenzung und Eingrenzung geschaffen, die nach innen eine gewisse Geborgenheit gewährleistet, also das Gefühl, vertraut, geschützt, gekannt und anerkannt zu sein. Freundschaften gibt es ja praktisch nicht mehr; sie sind ephemer und unbehaglich. Keiner hat mehr Zeit für sowas, keiner kann und will sich noch an ein halbes Dutzend Menschen binden, die ständig umziehen oder Überstunden machen oder – schlimmer noch – gar nicht mehr arbeiten. Was bleibt sind Familie und Ehe, die physisch und ökonomisch funktionieren, so dass man für sie weniger Zeit und Verständnis als für Freundschaften opfern muss, ohne ihr Zerbrechen zu riskieren – und eben diese Gesinnungsbündelei gegen den Zeitgeist, die ja eindeutig zunimmt. Der inzwischen wieder salonfähige Nationalismus in Deutschland hat bei seiner Wiedererstehung seit den 90er Jahren übrigens genau davon profitiert, gegen einen Zeitgeist gerichtet zu sein, der ihn zu problematisieren schien. – Solche Identifikationsfamilien sind der einzige Weg aus der Isolation, wenn man sich keine Familie leisten kann oder will: so viel soziale Wahlfreiheit hat man also im Kapitalismus; genau so viel und kein bisschen mehr!

DWR: Linke Gruppen funktionieren also als soziale Wärmequelle, als immaterieller Familienersatz?

Starogin: Ja, und wie echte Familien auch stellen sie die Solidaritätsgrenze ihrer Mitglieder dar.

DWR: Soll das etwa heißen, es gibt keine Mitmenschlichkeit gegenüber Außenstehenden?!

Starogin: Es gibt keine Sympathie, kaum Empathie, wenig Verständnis und auch keinerlei Versuche, derartige soziale Qualitäten zu aktivieren. Die Mitglieder der Gesinnungsgruppe bestärken sich untereinander natürlich vor allem in ihrer Abgrenzung, Distanz und Differenz. Offenheit ist nicht erwünscht, sie würde ja den sozialen und emotionalen Zweck der Vereinigungen nur stören.

DWR: Ist das deine Deutung der chronischen Zersplitterung der Linken?

Starogin: Es ist eine mögliche Deutung. Aber diese Zersplitterung gilt nicht nur für die linke Szene, sie gilt für alle anderen politischen und unpolitischen Gegenkulturen genauso.

DWR: Bleiben wir trotzdem bei der linken Szene, um deine Deutung vielleicht noch etwas weiterzuführen. Wir alle wissen, wie spinnefeind die zahlreichen oder besser zahllosen Gruppierungen einander sind. Für Marxisten sind alle Nichtmarxisten Analphabeten, die erstmal in die Lesegruppe müssen; hat man aber Marx gelesen, muss man immer noch entscheiden, ob man sich traditionellen Marxisten, Vertretern der neuen Marx-Lektüre, Postoperaisten, Wertkritikern oder anderen Postmarxisten zugesellt; für Anarchisten sind das alles autoritäre Vereine und für Antideutsche ist ohnehin der ganze Rest der Welt außer ihnen selbst, Israel und den USA eine antisemitische Volksfront, die bombardiert gehört, während sie ihrerseits bei vielen als Rassisten gelten…

Starogin: Ja, sie alle sind verliebt in ihre Gleichheit, die sich von allen Anderen scheinbar so sehr unterscheidet, und verachten jeden, der nicht ganz genauso ist wie sie selber. Also auch hier: narzisstische Identitätskommunen und Distinktionsclubs. Je größer die Gleichheit nach innen und je kleiner der Kreis, desto größer die Differenz nach außen – und umgekehrt. Beides erhöht den Familien-Effekt, das Angenommensein und die Bestätigung zugleich von Einzigartigkeit und Zugehörigkeit. Gesellige Auserwähltheit: noch der hirnrissigste Irrenzirkel kann einer Person Zutritt zu dieser euphorisierenden Gefühlssituation verschaffen. Psychosoziale Strategien also, aber sicher keine gesellschaftlichen Strömungen sind solche Gruppierungen.

DWR: Entkräftet das denn ihre politischen Aussagen?

Starogin: Das kommt darauf an, worauf sich die jeweilige Aussage bezieht. Wenn man sie als Mittel zur Abgrenzung interpretieren kann, dann ja, wenn nicht, dann nein. Das Marxsche „Kapital“ wird in seinen Grundüberlegungen natürlich in keiner Weise dadurch entkräftet, dass ein paar Studenten durch die gemeinsame Lektüre ihr fades Selbstgefühl aufpeppen wollen. Was mir allerdings immer wieder auffällt ist die Tatsache, dass die Unterschiede zwischen diesen Polit-Clubs meist übertrieben werden, die Abgrenzung wird argumentativ und rhetorisch quasi-militarisiert. Der politische Nachbar oder meinetwegen auch Gegner kommt nie unter der schlimmstmöglichen Beschimpfung weg, es werden ausschließlich Höchststrafen verhängt. Besteht etwa das maximale Verdikt einer Gruppe darin, dass jemand antisemitisch ist – klar, dann ist der politische Gegner und sind alle andersartigen politischen Gruppierungen der Linken natürlich immer wieder „antisemitisch“. Die jeweiligen Begründungsmuster, warum das richtig ist und sein muss, besorgt die Propagandaabteilung der Gruppe qua Presseperiodikum. Der einzige Sinn vieler solcher Organe besteht dann darin, die Familienstrategie der Abgrenzung theoretisch zu verbrämen, zu rationalisieren also. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass die Solidarität linker Gruppen, deren gemeinsames Erbe ja die Solidarität ist, kaum mehr über die eigene Identitätsnische hinauskommt. Und noch innerhalb dieser Nischen entstehen neue Nischen, bis jeder bald sich selbst in seiner Privatnische begraben lassen und die Distinktionsstrategie ihr verdientes dialektisches Ende im Solipsismus gefunden hat. Das ist dann die endgültige Bestätigung der herrschenden Verhältnisse durch das isolierte, abgestorbene Subjekt.

DWR: Hat die Linke aus diesem Grund keine gesellschaftliche Relevanz mehr?

Starogin: Das ist wohl ein Teil des Grundes, wobei ich hier nur einen psychologischen Erklärungsversuch ihres Gruppenverhaltens in der bestehenden historischen Situation gebe. Also: die Isolierung des Individuums in einer auf Konsum und Konkurrenz gegründeten Gesellschaft fördert die Entstehung narzisstischer Wahlfamilien und damit auch die Abschottung linker Gruppierungen, das wäre meine erste These dazu. Ökonomischer formuliert: die Privatheit der Produktion setzt sich in der Privatisierung des Politischen fort. So. Es bedarf aber noch einer zweiten These. Man sollte einmal darüber nachdenken, warum die Unterschiede zwischen linken Gruppierungen von diesen selbst stets und systematisch übertrieben werden, ohne dass jemals Kompromisse auch nur erwogen würden. Ein Kompromiss wird generell als Verrat an der eigenen Gruppe und Verfälschung der eigenen Wahrheit gewertet, niemals aber im Sinne eines Erkenntnis- oder Organisationsfortschritts, obwohl man letzteres ja nicht schon vorher ausschließen kann. Warum ist das so? Woher dieser Eifer? Und was bewirkt er letzten Endes? Ich kann nicht glauben, dass die enorme Beliebtheit rücksichtsloser Polemik nur als Abgrenzungsstrategie interpretierbar ist. Nun, ich denke, dass damit jede Kooperation schon im Vorhinein verhindert werden soll und zwar deshalb, weil jedem Linken klar ist, dass Kooperation der einzige Weg zu Praxis und politischer Wirksamkeit ist.

DWR: Das scheint mir jetzt ein Widerspruch zu sein…

Starogin: Es ist kein Widerspruch, weil meiner Einschätzung nach die überwiegende Mehrheit der Linken politisch und praktisch gar nicht wirksam sein will.

DWR: Du zählst die Occupy-Bewegung nicht zur Linken?

Starogin: Doch. Ich sprach ja deshalb auch von einer überwiegenden Mehrheit der linken Gruppen – die Occupy-Bewegung, die ihre Bekanntheit und Aktivität noch aus dem Schwung des Anfangs bezieht, ist eine der wenigen Strömungen, die vor allem auf politische Praxis zielen, leider zuungunsten der theoretischen Vorformulierung ihrer Absichten. Sie zeigt damit zugleich, dass es nicht nur schlechte Gründe gibt, dabei nicht mitzumischen.

DWR: Es gibt nicht nur schlechte Gründe – das ist klar – aber deiner Meinung nach wohl vor allem schlechte Gründe gegen Aktivismus?

Starogin: Das kann man doch nicht so allgemein beantworten! Was habe ich gesagt? Ich fasse einmal zusammen: die meisten linken Gruppierungen sind Wahlfamilien, die ihre Differenzen zu politischen Nachbarn maßlos überhöhen, um ihre Identitätsbaracken nicht verlassen und in einen solidarischen Klassenkampf ziehen zu müssen – der freilich auch andere, ganz und gar nicht psychologische Nachteile bedeutete. Die Rationalisierung dieser Nesthockerei funktioniert immer nach demselben Muster. Ich zitiere: „Nein, das sind Rassisten / Antisemiten / Sexisten / Feministen / Leninisten / Trotzkisten / Bellizisten / die haben ‚Das Kapital‘ nicht systematisch / nicht historisch / rein akademisch / unakademisch interpretiert / die haben eine autoritäre Diskussionskultur / die pinkeln im Stehen / die mögen keine Zwölftonmusik / die halten Denundden für ein Genie / einen Volltrottel / die interessieren sich nicht für Ökologie / sind Ökofaschisten / essen Fleisch / sind vegane Spinner / haben das Widerstandpotential der Popmusik nicht erfasst / die sehen sich Pornos an / sehen sich keine an / die beziehen sich auf Bücher aus dem Verlag X, obwohl das derselbe Verlag ist, der vor zehn Jahren in einem Sammelband einmal eine Rede von Y abgedruckt hat, der ja erwiesenermaßen ein Rassist / Antisemit / Sexist / Trotzkist / Bellizist / Stehpinkler ist, was man in unserer Clubgazette Z nachlesen kann. Die verstehen also nicht ansatzweise, worum es in dieser ganzen Scheiße eigentlich geht! Was zu tun ist und so. Deshalb kann man mit denen nicht reden oder zusammenarbeiten. Jeder Kompromiss mit denen wäre reaktionär / faschistoid / antisemitisch / rassistisch / sexistisch / trotzkistisch / bellizistisch / wie wenn man erst Fleisch isst und danach im Stehen pinkelt etc. und damit unvertretbar. Das sind Leute, die bekämpft werden müssen!“ Dieses Muster beinhaltet eine vielleicht nicht bewusst, aber akzeptiert unrealistische Forderung nach Reinheit der Lehre, die als Ausrede für mangelnde Praxisorientierung benutzt wird. Nur wenn alle den von der eigenen Gruppe mehr oder weniger einheitlich erreichten Grad an Erkenntnis und dogmatischer Reinheit erreicht haben, kann man erst beginnen, gemeinsam – was in diesem Falle gar nicht mehr hieße ‚gemeinsam‘, sondern eben einfach ‚wie eine Person‘ – gegen den eigentlichen Gegner vorzugehen, nämlich den Kapitalismus, in dessen Analyse sich komischerweise viele unterschiedliche Gruppen in grundsätzlichen Punkten (Scheinpolitik, Krisenhaftigkeit, Verarmung, Umweltzerstörung, globale Ausbeutungszusammenhänge, ideologische Nebenwirkungen, Kriege usw.) einig sind. Dabei ist jeder einzelnen Gruppierung klar, dass es NIEMALS dazu kommen wird, dass auch nur die Hälfte aller Linken ihrer eigenen Dogmatik beipflichten oder die auch nur dulden wird – sie, die jeweilige Gruppe selbst ist ja ein Beleg der Gründe und Mechanismen, die sie ebenso wie die anderen daran hindern. Die Beseitigung inhaltlicher Unterschiede – notabene nur bei den anderen! – ist also ein nicht erreichbares Scheinziel, das man sich setzt, um das wirkliche Ziel, nämlich die Ablösung der bestehenden Verhältnisse, dessen Erreichung das Erreichen des Scheinziels strategisch vorgeschaltet ist, gar nicht erst ansteuern zu müssen, weil es weniger amüsante Konsequenzen haben könnte.

DWR: Das Scheinziel der inneren Einigung ersetzt also das Hauptziel des Widerstandes nach außen?

Starogin: Genau so ist es. Die innerlinken Unterschiede werden im Laufe der Auseinandersetzungen für einige Grüppchen wichtiger als die Kritik am bestehenden System, das damit ja perpetuiert wird. Man könnte also gleich das ganze Kritisieren und Polemisieren sein lassen, der politische Effekt wäre wahrscheinlich der gleiche. Aus dem Widerstand, für den sich in früheren Zeiten Kommunisten haben foltern und ermorden lassen müssen, ohne dass sie ihn aufgegeben hätten, wird ein pubertäres Spiel mit Codes und Fahnenwörtern, das nichts und niemanden weiterbringt außer dem eigenen Ego. Ich schließe daraus, dass für ebendiese Gruppen das bestehende System dann eben einfach nicht das drängende Problem ist. Es ist ganz okay so. Starbucks, Internet, Gratisfilme, ab und zu einen durchziehen und über ein paar Leute lästern, zur Not halt auf Hartz IV, alles easy. Es fehlt in Deutschland die persönliche Betroffenheit, die Widerständler in anderen, härteren Zeiten und an anderen Orten so mutig, aber auch so kaltblütig gemacht hat und immer noch macht. Was dann vom linken Studenten in Germanien in seinem Blog eifrig kritisiert werden kann.

DWR: Zu bemängeln, dass jemand wie Max Hoelz ein Kommunist von anderem Schlag war als wir Wohlstandskritiker heute, heißt zugleich, den Wohlstand bemängeln, weil er uns noch nicht kaltblütig gemacht hat. Das ist weder eine haltbare Kritik noch etwas Neues…

Starogin: Nein, aber vielleicht sollte es dennoch einmal wieder gesagt werden: für zumindest einige  linke Gruppen ist es offensichtlich wichtiger, die eigene Identität in einem streitbaren sozialen Zusammenhang zu verwirklichen als eine andere Gesellschaft, in der sie womöglich nicht mehr die Lufthoheit über ihr privates Ideenreich genießen könnten, sondern die Wahrheit mit anderen teilen müssten. Vergemeinschaftung, Gleichheit, Solidarität – schlimme Vorstellungen für Linke…

DWR: Im Spätkapitalismus hat sich also, etwa zwischen dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Durchschlagen der gegenwärtigen Krise auf die sogenannten Mittelschichten in Deutschland, eine Situation entwickelt, in der Angehörige linksradikaler Randgruppen von den individualistischen Optionen der Konsumgesellschaft psychologisch und privat so sehr zu profitieren scheinen, dass Angriffe auf diese Gesellschaft in den Hintergrund getreten sind. Würdest du das so unterschreiben?

Starogin: Nein. Denn die Individuen profitieren nicht von diesem Individualismus, nicht einmal scheinbar. Die Konsumgesellschaft bietet keinerlei ‚Optionen‘, die nicht am Ende Zwänge wären. Der und die Einzelne macht dabei Verlust. Um zugleich auf euren Einwand von eben zurückzukommen: Linksradikale heute können und wollen sich vom Konsumismus natürlich nicht ausschließen. Wie  sollten sie auch? Entscheidend ist aber, ob sie seine Optionen erweitern wollen – oder ob sie mit diesem Schmalspurindividualismus zufrieden sind. Ob sie ihre Gegenwart in dieser pseudohedonistischen Zwangsgesellschaft ideologisch verklären und genießen können – oder ob ihnen das richtige Bewusstsein dazwischenkommt und eine Identifizierung mit den ‚Optionen‘ dieses Beglückungssystems dauerhaft verhindert. Das ist doch die Frage, das ist doch der Unterschied, auf den es ankommt!

DWR: Konkret?

Starogin: Ob sie sich also mit der Filterlosen im einen und einem verbalen Distinktionsbeweis im anderen Mundwinkel in der Berliner Szenekneipe schon dermaßen lebenskönnerisch und solitär vorkommen, dass es in einer alternativen Gesellschaft gar nicht mehr besser für sie laufen könnte. Diese Selbstverliebtheit, die typisch ist für unsere Gesellschaft, in der jeder glaubt, dass man sich für ihn interessieren müsse, zugleich aber keiner sich für den anderen interessiert und niemand diesen Widerspruch überhaupt bemerkt – dieser Narzissmus, der die gesellschaftliche Bedrohung, die mögliche Zerstörung des geliebten Selbst so völlig verkennt, verdrängt oder vergisst, weil die alltägliche Zerstörung fremder ‚Selbste‘ ja nicht in dieselbe Kategorie fällt, das ist heute der Wendepunkt vom vielleicht richtigen zum ganz sicher falschen Bewusstsein, von der Vernunft zur Ideologie, von der Kritik zur Affirmation, vom Menschen zum Konsumenten, vom Sozialisten zum Sozialdemokraten, vom Linksradikalen zum Bohemien und in jedem Fall zum Vollidioten!

DWR: Was bedeutet das bezogen auf die Zersplitterung der Linken?

Starogin: Das bedeutet, dass der wahre Individualismus, den zu vertreten überhaupt erst die Existenzberechtigung der Linken ist, sich nicht in Apple-Produkten und irgend bestehenden Identitätsangeboten verwirklichen kann, sondern einzig und allein auf dem Weg des Klassenkampfs. Das heißt durch die Ablösung immer rigiderer Zwänge der Marktgesellschaft durch eine vergemeinschaftete Produktion. Punkt. Dahinter geht kein Weg zurück, der aus Unterwerfung und Lebensmüdigkeit herausführen soll. Und das muss und kann man auch begreifen!

DWR: Und Gruppen, die das nicht begreifen, wären für dich also keine Kooperationspartner?

Starogin: Soll das eine Fangfrage sein?

DWR: Nur ein Bemühen um Präzision.

Starogin: Das käme auch hier auf den konkreten Fall an, auf die begriffliche Ausgangssituation der Gruppe, ihre Ziele, ob man diese dem Klassenkampf unterordnen könnte oder sie davon herleiten könnte und so weiter. In den allermeisten Fällen kann man das. Das ist ja der Witz an der Geschichte…

DWR: Danke für deine verlustreich in unser Blog investierte Lebenszeit.

Starogin: Danke ebenso. Wieder ein Schritt weiter auf dem Weg zum profitlosen Dasein…

 Musik wird eingespielt:Vorwärts und nicht vergessen, / worin unsere Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen, vorwärts nie vergessen: / die Solidarität!“

* Name von der Redaktion geändert

 

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