Die linke Illustrierte „KONKRET“, halb antideutsches, halb undogmatisches Meinungsmagazin, das seine teils gelungenen Stilbemühungen um Politik und Kultur kreisen lässt und dabei den weniger glanzvollen konkret-ökonomischen Komplex meist links liegen lässt, nichtsdestotrotz aber regelmäßig lesenswerte Beiträge enthält, hat im Heft 06/2012 beide Pole seines Qualitätsspektrums exemplarisch präsentiert. In dem Artikel „Noch fünf Jahre“ des Journalisten und Bloggers Tomasz Konicz über die Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Ökologie, der ebenso weitsichtig wie detailgenau, in Stil wie Logik frappierend klar und treffend ist, kann man die Überzeugungskraft marxistischer Kritik, die Argumente konsistent vom ökonomischen Einzelfaktum bis zur Endzeitentwicklung des Planeten spannend, wie unter Glas bestaunen. Das geht? Aber ja:

„Um die notwendige energetische Infrastruktur für eine regenerative Energiewende bereitzustellen […], wären allein in der BRD Investitionen von Hunderten von Milliarden Euro notwendig. Diesen enormen Aufwendungen steht aber keine entsprechend massive Verwertung von Arbeitskraft in den regenerativen Branchen gegenüber, die diese mit Hilfe eines zunehmenden staatlichen Steueraufkommens finanzieren könnte. […] Kurz: der Spätkapitalismus ist zu produktiv für eine Energiewende. […] Das Kapital ist aufgrund der Notwendigkeit permanenter Verwertung das logische Gegenteil einer ressourcenschonenden Wirtschaftsweise, die notwendig wäre, um ein Überleben der menschlichen Zivilisation zu sichern.“

Noch Fragen? –

Neunzehn Seiten später stößt man dagegen auf einen jener Aufsätze, mit dem sich der aus der Arbeitslosenstatistik in eine provisorische Duldungsnische vorgelagerte geisteswissenschaftliche Mittelbau sporadisch seine gesellschaftliche Relevanz vorlügen will. Karin Stögner und Karin Bischof heißen die beiden Autorinnen einer im Gutachterinnentonfall gehaltenen Enthüllungsarbeit zum nie abkühlenden Thema Antisemitismus – hier des Antisemitismus österreichischer Printmedien im Kontext der Berichterstattung über die „Finanzkrise“ (die von den Autorinnen eben so genannt wird, obwohl sie an anderer Stelle zurecht die künstliche Trennung der Kapitalakkumulation in Produktions- und Spekulationssphäre kritisieren). Sagen wir es mal ganz gemein und ohne damit sagen zu wollen, dass der Antisemitismus kein immer noch und immer wieder wichtiges Problemfeld der Vermenschlichung der Menschheit wäre: Welche(r) Junglinke will schon Artikel über den EU-Fiskalpakt verfassen? Die hierfür notwendige Anhäufung von Kenntnissen behindert natürlich nur die Karriere als Mitarbeiter prominenter Szeneblätter. Ein dankbares Thema ist dagegen der Antisemitismus. Zehn Stunden Selbstschulung genügen, und man hat das so ungefähr raus, worum’s da geht: „daß unter Finanzkapital ein abstraktes, nicht an einzelne Personen zurückzubindendes Machtverhältnis zu verstehen ist“, das hat der Antisemit natürlich nicht verstanden. Und los geht’s schon mit der Kritik! Tausendfach den eigenen Mitstreitern und Lesern erläutern und erklären was die auch alles zur Genüge kennen und schon selber ausartikeln könnten, immer im sicheren Wissen, dass andrerseits die, die das nicht wissen, es auch nicht verstehen würden, selbst wenn man es ihnen sagte, was man ja deshalb gar nicht erst tut, oder selbst wenn sie es verstehen könnten, sie es ja nicht verstehen wollten, weil sie eben Antisemiten sind nicht aus Gründen, sondern aus Ursachen, die gar nicht diskutabel, sondern nur abschaffbar sind – in dieser sadomasochistischen Selbstbeschränkung schlägt der antiantisemitische Komplex der radikalen Linken seine Freizeit und anderer Leute Geduld tot. A propos Geduld – Zitat:

„Antisemitische Erklärungsmuster versuchen die österreichischen Medien bei der Krisendarstellung möglichst zu vermeiden.“

Mit diesem Satz beginnt die Auswertung der Daten. Ohne die österreichischen Medien in Schutz nehmen zu wollen – steht da nicht, dass es eigentlich gar nichts auszuwerten gebe? Nicht ganz. Da steht, dass die Medien antisemitische Erklärungsmuster vermieden: es gibt sie also, diese Muster, innerhalb des Erklärungsprozesses, also „bei der Krisendarstellung“ der österreichischen Medien, sie werden eben nur „vermieden“. Jetzt will man als naiver Leser bloß noch erfahren, woher die Autorinnen trotzdem das Wissen nehmen, dass hier Antisemiten am Werk sind, die ihre eigenen Erkärungsmuster, die sie als Antisemiten ja haben müssen, nur aufgrund eines „durchgängig wirksamen Tabu[s]“ unterdrücken – fast möchte man sagen ‚unterschlagen‘. (Ist Unterschlagung von Antisemitismus nicht vielleicht ein noch größerer Angriff auf die kritisierende Vernunft als Antisemitismus?) Was sind das aber auch für perfide Medien in Österreich! Weiter im Text:

„Mit Ausnahme des auflagenstärksten Blattes, der ‚Neuen Kronen Zeitung‘, hat man sich vor offenem Antisemitismus gehütet; man vermied Stereotype wie ‚raffgierige Juden‘ oder ‚Weltjudentum‘, ja selbst die bloße Erwähnung von Juden oder Judentum im Zusammenhang mit der Krise unterblieb.“

Ist denn das die Möglichkeit? Die Medien in Hitlers Heimat erwähnen nicht einmal mehr Juden im Zusammenhang mit der Krise? Wie kann man sich als Antisemit denn diese Gelegenheit entgehen lassen! Ja selbst die allergeringsten Anzeichen eines enthüllungstauglichen Judenhasses haben sich diese Naziblätter erdreistet nicht zu drucken!

An die Stelle des schnarrenden Antisemitismus aus den Zeiten dieselgetriebener Kriegsmaschinerien scheint ein Nano-Judenhass getreten: unsichtbar und tausend Mal gefährlicher… Oder hat der Klassenfeind schlicht unsre schöne Dialektik ausspioniert und spiegelt nun damit die eigne Barbarei in den Anschein der Zivilisation zurück beziehungsweise umgekehrt (so ähnlich hätte Adorno das wohl gesagt…).

Aber im Ernst und bei aller Solidarität mit den verfehlten Zielen der Autorinnen – diese dümmlichen Feststellungen, mit denen das Ergebnis der Untersuchung antizipiert wird, treffen auf jeden Text zu, der nicht nachweisbar antisemitisch, also auch gar nicht antisemitisch ist. Anders gesagt: die Untersuchung war ergebnislos. Den einzigen Unterschied zwischen den zitierten Sätzen und dem Satz „wir haben halt leider nichts gefunden“ stellt die implizite Unterstellung der Kritikerinnen dar, dass es im Textkorpus Antisemitismus geben müsse. Voreingenommenheit macht also das „Ergebnis“ dieser wissenschaftlichen Studie aus; „enthüllt“ wird nichts sonst als der schon vor dem Suchen in die untersuchten Texte und Medien hinein geargwöhnte Judenhass, der überhaupt erst einen Artikel, seine Publikation in KONKRET und die Versorgung der LeserInnen mit Alarmstimmung und aktuellen Gründen für ihre kritischen Hobbies zur Folge haben kann. Undenkbar, in KONKRET zu schreiben: „Eigentlich gibt es gar nicht mehr so viel Antisemitismus in Texten österreichischer Printmedien.“ Jede(r) Linke weiß, dass das nicht stimmen kann.

Genau das lässt sich aus dem Artikel aber trotzdem schließen. Drei mehr oder weniger antisemitismuskompatible Äußerungen werden zitiert, eine davon aus einem Leserbrief, der tatsächlich „unkommentiert“ (!) geblieben sei – also auch der verantwortliche Zeitungsmensch ein Antisemit (und sicher auch sein Chef) – und das bei einem Untersuchungszeitraum von 2009 bis 2011 und einem Korpus, das sieben Tages- und Wochenzeitungen umfasst! Felix Austria…

„Wohl aber fanden sich im Rahmen der allgemeinen Krisendarstellungen häufig Erwägungen, die auf der semantischen und argumentativen Ebene Assoziationen zu antisemitischen Stereotypen wachriefen, ohne den Zusammenhang zu explizieren.“

Mit diesem unheimlichen Satzgespinst (direkt folgend auf obiges Zitat) umschreiben die Autorinnen ihren positiven Befund. Und man muss es sich genau anhören, wie hier, wo eigentlich präzisiert werden will, im Wortsinne umschrieben, umkreist, umschlichen und umstammelt wird. Erwägungen fanden sich – schon zu Beginn ein recht vages Wort, das den Urheber mit einer Verwarnung davonkommen lässt – die nicht unbedingt… ja wie soll man sagen… so geradeheraus antisemitisch, primär oder auch sekundär, waren sie eigentlich nicht, nein, sie riefen da nur etwas wach – bei wem? doch wohl nur bei unseren bereits der Unterstellung verdächtigen Autorinnen – und was riefen sie da wach? – ein antisemitisches Stereotyp doch hoffentlich endlich? – na ja, noch nicht ganz… sie riefen eigentlich nur Assoziationen zu antisemitischen Stereotypen wach – Assoziationen, ja, die sind so eine Sache (es gab schon Leute, die Kleeblätter mit Atomkriegen assoziiert haben, was soll man jetzt damit anfangen?) – ein recht uneindeutiger Weg wird hier im Unbewussten eines recht unbekannten Subjektes zum Antisemitismus beschritten – – so geht also progressive Aufklärung im weiten Gewande der Wissenschaft bzw. so fällt sie. Und ganz nebenbei noch: so unpersönlich-objektiv ist die Perspektive der Autorinnen (na, hat da jemand seinen Adorno nicht richtig gelesen?), dass die Ergebnisse nicht etwa von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen gefunden wurden, sondern gar ‚sich fanden‘ – kaum eine intellektuelle Aktion war hier vonnöten. Erst recht keine weniger intellektuelle, nämlich gänzlich subjektive und unredliche: Unterstellung also.

Zweierlei lässt sich aus diesem traurigen Artikel schlussfolgern:

1. Die Kritik des Antisemitismus scheint entweder in der Heimatregion des Holocaust momentan nicht allzuviel zu tun zu haben oder sich mit den falschen Äußerungen zu beschäftigen; im Übrigen sollte sie noch einmal an ihrer ‚wissenschaftlichen‘ Methodik feilen. Aber das ist auch ein Problem der Geisteswissenschaften insgesamt.

2. Auch ganz doll dagegene Blätter wie KONKRET liefern journalistisch reproduzierte „Fakten“ zur Befriedigung der Lesererwartungen und lassen sich damit nicht ausnehmen vom Geschäftsmodell aller Printmedien. Wahrheit ist dann ein Kompromiss zwischen journalistischen Konventionen und vermutetem Konsumentenpsychogramm. Aber nein, ich übertreibe. Würde KONKRET tatsächlich auf Umsatzsteigerung statt Aufklärung zielen, gäbe es wieder nackte Mädels auf dem Cover…

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