Kritik ist das Lieblingswort aller Kritiker. Ich vermute: je allgemeiner und radikaler ihre Kritik, desto häufiger benutzen sie es und desto mehr betonen sie den Wert der einschlägigen Tätigkeit. Ein linksradikaler Kritiker, der seinen Lektürekanon erst unvollständig abgearbeitet hat, wird in Anbetracht der prompten und billigen Publikationsmöglichkeiten, die ihm heute zur Verfügung stehen, noch bevor er das Kritisieren (oder Kritisiertwerden) geübt hat – Kritik üben, öffentlich und fundamental und mit den besten Gefühlen. Allein daraus, dass ein Mensch Kritik übt, kann er sich schließlich schon eine Art Kampfposition und -mut zuschreiben, erst recht wenn er „Kritik“ im von linken Kritikern für linke Kritiker eigens aufgewerteten Sinne einer prärevolutionären Blaupause der Universalrettung alles Rettenswerten betreibt. Und das, selbst wenn die von ihm kritisierten Personen seine Kampfansage nie bemerken, geschweige auf sie reagieren werden, wovon die meisten Linken (und alle anderen Sprachrohre einer der zahllosen Gegenöffentlichkeiten, so recht sie vielleicht haben mögen) mit großer Sicherheit ausgehen können. Der Kritiker zieht sich die Rüstung an und – bleibt zuhause. „Da hab ich diese reaktionäre Bagage aber wieder grunddoll kritisiert heute“, kichert er am Abend an der Seite seiner Partnerin, Mutter oder Meersau. An solchen Abenden hat er keinen Schatten mehr, so schrecklich hat er’s dem armen gegeben…

Einen Konflikt auszufechten, mithin Vorwürfe zu präzisieren, Gegenargumente abzuwehren oder aufzunehmen und in eine neue rationale Angriffsposition zu wenden, die sich gegen falsche und von Privatinteresse korrumpierte Aussagen nachvollziehbar durchsetzt – das wäre Kritik, die den Namen verdiente. Die „Kritik“, die sich vor allem diesen Namen gibt, ist davon leider sehr verschieden. Sie ist die Ein-Zimmer-Beschäftigungsnische geistig hyperaktiver Organisationssingles. Eine Art R.E.M.-Schlaf. Diese „Kritik“ hat kein Gegenüber, sie hat keinen Konflikt, sie hat keine Wirkung; sie trägt nicht das Risiko in sich, aufgerieben oder widerlegt zu werden, und nicht die Möglichkeit, einen faktischen Sieg zu erringen. Sie hat von all dem nur den Namen. Dieser Name, den die „Kritik“ trägt, ist ein strategischer Klang, die sprachliche Simulation eines sozialen Kampfes, er militarisiert den Frieden, dem man weiterhin anhängt, obwohl man ihn geringschätzt: kompensiert also den Konflikt, den man de facto nicht mit anderen, sondern mit der eigenen, wirkungslosen Situation hat!

„Kritik“ ist eine diskursive Heroisierung der Harmlosigkeit, die quasi-monologische Kriegserklärung einer Linken, die ihre Hoffnung auf Sieg längst aufgegeben hat, eben weil sie sehr gut weiß, dass ihre „Kritik“ Veränderungen außerhalb der Sprechergruppe kaum bewirken kann. (Hier beißt sich die Harmlosigkeit in den Schwanz, sie wird schmerzhaft – mag sie sich selbst aufwecken und begreifen, warum es schmerzhafter sein kann, harmlos als schmerzhaft zu sein.)

 

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