Schlagwörter

 

Ist die Doktorarbeit der Ministerin ein Plagiat? Tritt Frau Sowieso zurück oder kann sie sich halten? Hatte sie Tränen in den Augen, als sie zurücktrat? Hat der Liberale die Journalistin an der Hotelbar unsittlich angesprochen? Ist er vielleicht Alkoholiker? Wer wird jetzt in Sowieso gewählt? Hat die Sowiesopartei in den Umfragewerten gewonnen oder verloren? Und warum eigentlich? Wird bei der Anhörung des Vorstandschefs klarer werden, wie weit seine Bank in die Zinssatzmanipulation verwickelt war? Und was macht eigentlich der Bundespräsident momentan? Wer hat gegen wen wie aggressiv auf dem politischen Aschermittwoch polemisiert? Welches Karnevalskostüm trug diesmal der bayerische Finanzminister? Und wie geht es weiter im Lebensmittelskandal XY? Gibt es da neue eklige Details? Werden Köpfe rollen?

Auf diese und tausendundeins weitere Fragen antworten tagtäglich Massenmedien, bislang vor allem in gedrucktem, künftig wohl überwiegend in digitalem Format. Was für die nur sekundär wichtigen Freizeitressorts Sport, Reisen, Wochenende, Kunst und das Feuilleton mit seinen solipsistischen Fortsetzungsdebatten gilt, kann mit einer Einschränkung auch vom staatstragenden Politik- und Wirtschaftsteil der Nachrichten gesagt werden: zwar berichten sie vom demokratisch legitimierten Verwaltungspersonal des Staates und den „Entscheidern“ in den privaten Vorständen, welche beide einen unleugbaren Einfluss auf das Leben der gesamten Bevölkerung haben; zugleich jedoch wird mit dieser auch ästhetisch wirksamen Doku-Soap eine Welt des Scheins erzeugt und ausgeleuchtet, die so oder so ähnlich zwar tatsächlich existiert, deren eigene Abhängigkeit von wenigen grundlegenden Prinzipien unseres Gemeinwesens aber niemals in den Massenmedien explizit erwähnt wird – auch wenn sie sich ebensowenig je ganz verschweigen lässt – und das schlicht darum, weil sie den MedienmacherInnen selbst meist nicht bewusst sein dürfte[1].

Ein Beispiel. Auch in Deutschland werden regelmäßig massenhafte Entlassungen bekannt. Im Anschluss an derartige Meldungen spekulieren die Wirtschaftsexperten der Medien im gleichen Geist wie Gewerkschafter und Politiker über die Fehler und Mängel des Managements in jedem einzelnen Fall. Was hätte man tun können, um das zu vermeiden? Was könnte man in Zukunft tun? Wer ist dafür der richtige Mann und wer war der falsche, der das nicht eingesehen hat? Diese Fragen kann man natürlich stellen. Aber von den Fragen, die man stellen kann, sind das die weniger wichtigen. Freilich haben Manager Macht und können ihr Unternehmen auf diese oder jene Art leiten. Ihre Macht wird aber vom Markt eng begrenzt, die Konkurrenz, die jedes Unternehmen stets in seiner Existenz gefährdet, diktiert den „Entscheidern“ ihre Entscheidungen. Der „Boss“ ist nur der Ausführende objektiver Zwänge des freien Marktes, die ihm in (für andere) schwierigen Situationen zurecht als Entschuldigung dienen. Auf diesem freien Markt ist jeder Lohnempfänger ein Kostenfaktor, der nötigenfalls eben eingespart wird – ob man das nun „ungerecht“ findet oder nicht. Leider spricht von diesen objektiven Zwängen in den meisten Medien niemand. Warum nicht?

Zum einen einfach deshalb, weil die Erkenntnis der immanenten Gesetze des Kapitalismus nicht zum Weltbild und auch nicht zum Weltwissen der Meinungsmacher, Gewerkschafter und Politiker gehört. Wäre das anders, wären sie keine Meinungsmacher, Gewerkschafter und Politiker und hätten ein weniger wichtiges und weniger bequemes Leben. Diese Erkenntnis dringt nicht zu ihnen durch, sie wird an vielen Stellen auf ihrem Weg ‚blockiert‘, an institutionellen, an sozialen, und last, but not least an der Stelle im eigenen Kopf. Das hat wiederum darin seinen Grund, dass die einzige Lösung des Problems, auf die man von dieser Erkenntnis der Zwangsläufigkeit des kapitalistischen Wirtschaftens schlussfolgern kann, die Überwindung des freien Marktes wäre. Das aber wird einem auch im Studium der Volkswirtschaftslehre keineswegs beigebracht; dort lernt man vielmehr, wie man eine solche Schlussfolgerung nicht zieht. Denn Radikalität ist ein Karrierehindernis und eine Gefährdung, selbst wenn sie tausendmal recht hätte. (Das ist der Galileo-Effekt.)

Der dritte Grund ist spekulativ und würde auch für jene gelten, die das Spiel des Marktes durchschaut haben und bemerken, dass man keine Zeitung machen kann, wenn man sich aufs Grundsätzliche beschränkt: Aktualität muss kleinteilig sein, je detaillierter ich berichte, desto mehr Neuigkeiten habe ich zu berichten. Nach Neuigkeiten und Geschichten, nach der Fortsetzung, der Antwort auf die ewige Frage derer, die abgelenkt werden wollen: „Wie geht’s weiter?“ – danach besteht ein zahlungskräftiges Bedürfnis. Dieses Bedürfnis zu stillen ist ein Geschäft, und zwar zumindest in der Unterhaltungsindustrie ein sehr gutes. Die Antwort: „Das ist doch unwichtig, solange grundsätzlich alles beim Alten bleibt“ würde dieses Geschäft verhindern. Und die Verhinderung von Geschäften macht das Leben im Kapitalismus für niemanden einfacher. Anstelle einer Tageszeitung hätte man bald eine Vierteljahresschrift, die mehr oder weniger „Das Kapital“ an aktuellen Fällen durchdekliniert und ganz sicher ohne Anzeigenwerbung auskommen muss. Also macht man eben mit: „Was soll’s?“

Der Zweck einer Zeitung mag es sein, das Geschäft und die Unterhaltung mit vorsortierten Informationen über das Entscheidungspersonal der “marktkonformen Demokratie“ (Merkel) zu verbinden. Diese Größen werden je nach ökonomischer Vorgabe und politischer Tendenz in verschiedenem Verhältnis austariert. Die Wirkung einer Zeitung (oder eines vergleichbaren massenmedialen Informationsformats) besteht darin, durch kontinuierliche Berichte aus einem scheinbar geschlossenen Kosmos der Macht ihre Leser dazu zu bringen, das politische und ökonomische Personal als letzte Instanz der Herrschaft anzuerkennen, der sie unterworfen sind; dabei wird diese Wirkung notwendigerweise auch ästhetisch durch die immanente Erzählstruktur der Nachrichten vermittelt. Die objektive Dynamik der Kapitalverwertung jedoch, der alle dramtis personae unterliegen, kommt in diesem Theater der Charaktermasken, in dieser bunten Mythologie von Pseudogöttern nicht vor. Genau darin besteht die von allen Massenblättern täglich verbreitete Ideologie.

 


[1] Insofern wäre es ungenau, hier von einer bewussten Inszenierung zu sprechen; es wäre aber ebenso ungenau, einfach einen Irrtum zu unterstellen. Das unhinterfragte und professionalisierte Ernstnehmen dieser abhängigen oder de facto zweitrangigen Welt der Tagespolitik ist eine ideologische Erscheinung, also eine falsche Haltung aus gesellschaftlichen Zwängen heraus.

 

Advertisements