Warum schreiben Menschen Blogs? Die meisten Blogs werden nicht um der Texte willen geschrieben, sondern desjenigen wegen, der sie schreibt: hier hat jeder, auch der unbeachtetste und erfolgloseste Mensch im bürgerlichen Kosmos, seinen Platz, den er mit allerlei Illusionen, Erwartungen und Beschönigungen kultivieren und mit beliebigen Inhalten zumüllen kann, bis ihm der eigene Dreck bis zum Hals steht. Er stellt sich vors digitale Fenster und sagt sich: jetzt werde auch ich gesehen. Nur wenige, und von denen wieder viele, die sich belügen, sagen: jetzt werden meine Inhalte gesehen. Aber vielleicht schaut ja niemand zu ihm hoch. Daran darf er nicht denken, denn das hieße: unbeachtet, das hieße: erfolglos zu sein. Das hieße: ebensogut tot sein zu können.

An dieser Stelle treten dann die Fragen nach „dem Sinn des Lebens“ auf: ja, warum denn leben, wenn man Erfolg haben soll, ihn zugleich aber offenbar nicht haben kann? Diesen Widerspruch kann in der Tat nur Gott lösen – sofern man ihn sich nicht bewusst macht und nicht auf die Idee gebracht wird, den Nebensatz mit Wenn als profitables Diktat der profitgeschmierten Gesellschaftsform, der wir dummerweise unterliegen, zu erklären, anstatt seinen individuellen ‚Wert‘ daran zu messen. Womit auch das Ziel dieses Blogs schon genannt wäre: Leute auf solcherlei Ideen zu bringen, auf die wir selbst, nur eben früher, gebracht worden sind, Ideen, die (in einem ersten Schritt) die (innere) Emanzipation von einer Gesellschaftsform ermöglichen, die nur durch die Identifikation derjenigen mit ihr, die in ihr wenig zu gewinnen haben, überhaupt bestehen kann – ein Widerspruch, den nur sie selbst lösen können (oder, wie der Erfolgstrainer sagt: es liegt an dir!).

Die Angst vor der Erfolglosigkeit gab es im Feudalismus nicht. Erfolg und seine Notwendigkeit – die jeder schon ganz allein und vor sich selbst vertritt, weil er oder sie sich sonst nicht mehr traut, „in den Spiegel zu schauen“, selbst wenn kein Anderer etwas vom Mißerfolg merken würde – ist eine der wunderbaren Entwicklungen der ‚freien‘ Konkurrenz des bürgerlichen Zeitalters. Jeder darf versuchen, der zu werden, der er sein möchte – solange er nur dafür arbeitet und konkurriert, was in fast allen Fällen nichts anderes bedeutet, als dass er eben nicht derjenige sein darf, der er gerne sein möchte. (Aber das weiß er erst, wenn es so spät ist – dass er es oft nicht einmal mehr einsehen kann.)

Vor allem darin versiertere amerikanische Promis, die sich vor der Kamera zu ihrer Karriere äußern, beeilen sich stets zu sagen, dass sie ja hart für ihren Erfolg gearbeitet haben, und legen damit den Fehlschluss nahe, dass es von der Arbeit zum Erfolg (als Synonym für den „Traum“, den jeder am Feierabend auch noch pflegen soll wie ein magisches Haustier) so ähnlich hinüberginge wie vom geplatzten Kondom zur Schwangerschaft: spätestens nach einigen Versuchen wird das was. Nein, es wird nichts, jedenfalls meistens nicht: man muss nur die Masse der Träumenden mit der ‚Masse‘ der Gewinner ins Verhältnis setzen, da darf man auch ruhig grob schätzen, um einzusehen, dass es viele VerliererInnen gibt, die sicher auch wahnsinnig fleißig, hochbegabt oder sonstwie toll sein dürften, und – oh konträr! trotzdem kräht kein Hahn nach ihnen. Sind es doch nicht die Qualitäten oder irgendein Mangel an ihnen, der über den Werdegang eines Menschen entscheidet, sondern die immergleiche Kalkulation, ob dieser Mensch in die Verwertungsmuster der kapitalistischen Gesellschaft allgemein und diejenigen, die in seinem speziellen Betätigungsfeld nun einmal gerade gelten (und wer weiß, wie lange), hineinpasst.

Will man die Verwertung auf dem Weg zum Erfolg einfach umgehen – beliebtes Perspektiven-Puzzle bei kreativen Frechdachsen in den bürgerlichen Metropolen – kann es einem durchaus gelingen, als Partikularmatador in einer der unzähligen Independent-Sparten dieses Universums seinen Erfolg auszukosten – als Mod-Programmierer, Punk Porn Regisseurin, Welsangler, Deviant-Art-Fotograf, Fan-Fiction-Autor oder als irgendein anderes sonderbares Wesen des Lebe-deinen-Traum-Zoos, dessen komplizierte Bezeichnungen kein Nicht-Spezialist überhaupt je gehört hat – während man eben nach Feierabend noch kurz in einem Call- oder Jobcenter eincheckt, um easy peasy die paar Kröten abzuholen, mit denen man sich lässig ein paar Lebensmittel anschafft. Schließlich steht schon bei Jesus, der ja auch als Indie-Prediger den Sprung ins große Business geschafft hat (und dabei authentisch geblieben ist!): „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

(Er braucht auch Wasser.) Die Materie müsse man nicht so absolut nehmen, lautet so ein weiteres Dogma, das den Glauben an die bürgerliche Gesellschaft ausmacht. Im Geistigen lässt sich nämlich immer alles irgendwie so hinbiegen, wie man es haben will, selbst wenn es im Materiellen vollkommen anders ist. Aber wer weiß überhaupt so genau, wie es im Materiellen, also in der Ökonomie, in der Umwelt, in der Lebenswirklichkeit der Körper von Menschen und Tieren auf diesem Planeten so zugeht? Die bürgerliche Welt leistet sich inzwischen eine Armada an Disziplinen und Branchen, Kirchen und Künsten, Schulen, Institutionen und runden Tischen, die der gewaltigen Aufgabe, das materiell und faktisch Bestehende – also dass der größte je in der Geschichte der Menschheit angehäufte Reichtum an Gütern mit 9 Millionen Hungertoten jährlich zusammenfällt – durch geistige Erfindungen und Interpretationen zu vertreten: zu rechtfertigen, zu verschleiern oder davon abzulenken, aufs Prächtigste nachkommen.

Gäbe es in der heutigen historischen Situation keine Kunst, keine Unterhaltungsindustrie, keine Filme, Spiele, Serien, Comics, Musik und Romane, die kapitalistische Gesellschaft stände unmittelbar vor ihrem Zusammenbruch. Kaum jemand würde sich dann zumuten, was er sich heute noch zumutet, getröstet und vertröstet durch fiktive Welten. Brauchbar ist diese Überlegung für alle, die noch an die Kunst glauben, in ihr gar einen Motor des Fortschritts, des Guten und Wahren, und nicht einfach des Schönen und Reizvollen sehen wollen, das mit dem Wahren umso weniger gemeinsam hat, je häßlicher und profitabler die Zeiten sind.

Man sollte Kunst ernst nehmen, aber als ideologisches Phänomen, als Technik der Weltflucht und Lebens-Verhinderung. Kunst an und für sich, also den Bereich des gezielt Nutzlosen ernst zu nehmen, ja überhaupt hinzunehmen, seine Nutzlosigkeit gar zu verherrlichen, einen Sinn, eine Identität, ein ganzes scheinhaftes Leben darum herum aufzubauen und nicht einfach ‚nur‘ Lusterlebnis oder Vergnügen sein lassen zu können, das man mit einem einzelnen Kunstwerk haben oder auch nicht haben kann, heißt eben nichts anderes als das materiale Leben, in dem sich Leben und Tod tatsächlich entscheidet, nicht mehr ernst zu nehmen.

Auch für die sogenannten linken Kunst-, Literatur- oder Filmkritiker, die glauben, sie träten für eine gesellschaftliche Veränderung am besten dadurch ein, dass sie einzelne Kulturprodukte nach Ideologischem durchforsten, es freilich finden und dann nach allen Regeln der Theoretisierkunst in einer entsprechenden Rezension kräftig verurteilen, gilt, dass es immer und in jedem Fall leichter und nützlicher gewesen wäre, in derselben Zeit, an demselben Ort, demselben Kommunikationspartner ein paar wissenswerte Einwände gegen Lohnarbeit, Konkurrenz, Wahlen, Marktwirtschaft, Schule, Familie, Geld oder Nationen zu unterbreiten.

Ob die Menschen ihre Zwänge in der bürgerlichen Gesellschaft akzeptieren oder annehmen, hängt nicht davon ab, in welcher Qualität oder Quantität sie ideologische oder aber ungeheuer aufgeklärte Kunstwerke rezipieren, in welchen beiden ohnehin und per definitionem Mehrdeutigkeit und Emotion die rationale Ebene überstimmen, sondern ob sie diese Zwänge und einiges von dem, was sie für den Untertanen konkret bedeuten, überhaupt erkennen. Diese Erkenntnis zu fördern kann und wird niemals vorrangig Aufgabe irgendeiner Kunstrichtung sein – sonst wäre es eben keine Kunstrichtung mehr, sondern sachliche, rationale, bilderarme Agitation.

Auch linke Kritik von Kunstprodukten dient vor allem der Konsumberatung und Orientierung in der bürgerlichen Waren-Welt, zu der die Kenntnis gewisser Kunstprodukte in jeder Klasse und jedem Milieu dazugehört, damit man über das, was einen bedrückt und was man nicht ändern zu können meint, nicht nachdenken oder sprechen muss.

Wie schreibt Theodor Fontane irgendwo: „Der Satz ‚meine Kunst ist mein Leben‘ bringt mich um.“ Nicht nur ihn, auch den Sprecher des Satzes.

Alle Dummheit beginnt mit dem ‚Geist‘.

Die Perspektive des Autors

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