Jedem Fremden mit derselben angeübten Freundlichkeit zu begegnen widerspricht den bürgerlichen Werten der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit – so dass man schon an dieser Stelle leicht ersehen kann, wie viel den Vertretern der bürgerlichen Gesellschaft ihre eigenen Tugenden gelten. Wer seinen Vorgesetzten hasst, der wird die Höflichkeit einer aufrichtigen Geste vorziehen. Wer seinen Untergebenen nicht schätzt, macht es umgekehrt. Der Gang der Geschäfte entscheidet über den Wert der Tugend wie der Tugendhaftigkeit allgemein, die doch, so heißt es, zum Geschäft im Widerstreit steht: zähmen die vielgelobten bürgerlichen Werte etwa nicht die Herrschaft des Geldes und veredeln sie von der Kriegsgesellschaft zur „Zivilgesellschaft“ (ganz so, als wäre ein höflich Gefeuerter, gerecht Eingesperrter, aufrichtig Ausgegrenzter oder bescheiden Zugrundegegangener fast schon zu beneiden)? Halb Heuchelei oder entleerte Form, halb ästhetische Erleichterung all jener schweren Worte und ernsten Taten, die das Geschäftemachen zwischen Konkurrenz und Bankerott nun einmal mit sich bringt, ist der „zivilisierte Umgang miteinander“ mit Zimmerpflanzen in Kasernen und Konzernen vergleichbar: ohne Einfluss auf Berechnungen, die zur optimalen Vernichtung oder Verwertung von Leben angestellt werden, sorgen sie für eine angenehme Atmosphäre, die den Angestellten ihre Aufgabe umso leichter macht. Alle Höflichen – und es sind erfreulich viele – stellen sich als Zimmerpflanzen in die Korridore der Klassengesellschaft und lächeln Arm und Reich, Emporgekommenen und Niedergetretenen gleichermaßen ermutigend zu, mit dem, was sie nun einmal sind, in Frieden fortzufahren – gutmütige Masken eines kostümierten Schicksals. Und spricht man einen von ihnen darauf an, dann lächelt er nur weiter, räuspert sich und sagt: „Entschuldigen Sie, das war nicht meine Absicht.“

 

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