Es ist einfach unhöflich, jemanden warten zu lassen! Und mehr als das: wer wartet leidet. Wer arm ist oder wer schuftet leidet zwar auch, und sicher viel stärker, aber das gehört dazu, denn es ist Leiden, welches Reichtum schafft – wenn auch einen Reichtum, welcher Leiden schafft. Und mehr als das: auf den Punkt zu kommen ist wie auf den Punkt zu nageln eine wichtige Bedingung für Planungssicherheit, für ein widerstandsloses Ineinandergreifen der Prozesse, für das unverlangsamte Fortdrehen des Rads der warenproduzierenden Gesellschaft. Ein Punkt hat keine Ausdehnung und ist ein Sinnbild der Genauigkeit; ‚Pünktlichkeit‘ ist ein bildhafter Ausdruck für eine exakte Zeitplanung, auf der vielerlei weitere Exaktheit beruht. Und mehr als das: wer pünktlich kommt, tut nicht nur den Andern, sondern auch sich selbst einen Dienst, beweist er doch, wozu er organisatorisch imstande ist. Pünktlichkeit zeugt von Klugheit, Realismus, Selbstbeherrschung, Orientierung, Lebenstüchtigkeit und Verlässlichkeit, allesamt unverzichtbare Qualitäten eines erfolgreichen Geschäftsmenschen (und damit jedes Menschen). Der Pünktliche empfiehlt sich für eine Geschäftsbeziehung. Ginge es heute nicht darum, geschäftstüchtig und berechnend zu sein, sondern darum, phantasievoll und geistreich ein Dasein mit möglichst vielen anderen Menschen – und nicht gegen sie – zu verleben, dann wäre der Pünktliche eine bedauernswerte Figur, ein zwanghaft alberner Charakter, dessen Bedürfnis nach abstrakter sozialer Genauigkeit ebenso unverständlich bliebe wie jede sonstige Forderung nach ‚Höflichkeit‘. Und mehr als das: indem man sich durch Pünktlichkeit empfiehlt, man also kundtut, dass kein möglicher Sinnenrausch, kein geistiger Genuss, jäher Lichtstrahl der Erkenntnis, kein plötzliches Aufreißen der drückenden Wolken unter golden aufs Grün hervorschießender Lichtflut und ja, auch kein heftiger Krampf, ein später vielleicht tödlicher, kein Anfall von Todesangst – dass also nichts auf dieser weiten Welt einen hatte davon abhalten können, die Verabredung auf die Minute einzuhalten, indem man das kundtut, dient man sich dem Erwartenden an, unterwirft man all seine Möglichkeiten, für heute, einer bloßen Gepflogenheit, die zudem voraussetzt, dass der Andere all diese Möglichkeiten wohl nicht habe, sich ohne einen selbst entweder jämmerlich langweilen müsse oder in seiner Leblosigkeit immerhin keine Krämpfe oder Ängste kenne, die ihn selbst vielleicht daran gehindert haben mochten, pünktlich zu sein. Diese gegenseitige Erniedrigung vor jemand, den man doch nicht achtet, ist die Haltung von übereifrigen Lohnempfängern, die es sich nicht nehmen lassen wollen, ihrem Chef zu zeigen, dass sie ihm für ihren wenig eifrigen Lohn nichts von der eigenen Arbeitszeit, die er niemals voll entlohnt, nehmen wollen: Pünktlichkeit ist ein Symptom der Selbstverleugnung.

 

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