Kann sich noch jemand an Michael Rogowski erinnern? Der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland hat von 2001 bis 2004 als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie die Interessen des Kapitals in diesem Land vertreten – also die Interessen derjenigen, die durch die niedrigen Löhne ihrer Untergebenen nicht nur an Verdienstorden gelangen. Das ist den „Stuttgarter Nachrichten“ Grund genug für folgende sympathieheischende Einleitung eines Artikels:

Im vergangenen März ist er 75 Jahre alt geworden, doch noch immer geht Michael Rogowski keinem Ärger aus dem Weg. So kennt man den langjährigen Patron des Großmaschinenbauers Voith. Wenn es sein muss, kann er robust hinlangen.

Ein Macher, ein Ärmelaufkrempler, einer, der „unsere Wirtschaft“ voranbringt! Wäre er statt Macher Malocher beim Großmaschinenbauer gewesen, könnte er in seinem 76. Lebensjahr sicher nicht mehr so „robust hinlangen“. Als Ex-Patron aber setzt er weiterhin seine Vitalität für eine gute Sache ein, Geld nämlich, und dafür, dass es sich dort mehrt, wo es schon ist, also auf den Konten anderer Patrone, die unsere Wirtschaft voranbringen.

Dass es bei soviel Anpacken, Robustheit und Hinlangen nicht immer buchstabengetreu pluralistisch zugehen kann und soll – na, wer wüsste das nicht, der über den Sozialkundeunterricht ein wenig hinausgelangt ist. Ins bürgerliche Leben hinaus, wo mit viel Phrasendrescherei um Rechte, Würde und Freiheit eine real existierende Demokratie verbrämt wird, die zu nichts anderem gut ist als zu Erhalt und Rechtfertigung der privatwirtschaftlichen Eigentumsordnung, dummerweise unter tätiger Mithilfe der lohnabhängigen Wähler und Patrioten. Die latschen regelmäßig zu Millionen an die Urnen – die nicht umsonst Urnen heißen – damit „unser Staat“ auch weiterhin so funktioniert, dass sie zwar unbezahlte Überstunden machen, aber immerhin arbeiten gehen dürfen, zwar für andere und zu deren Bedingungen, aber immerhin, es könnte schlechter sein, wie immer, es könnte besser werden, auch wie immer, solange der Strom nicht abgestellt wird, geht’s ja, und Lotto kann man auch noch spielen. Alles bestens also für das Kapital und seine Helferlein, sollte man meinen. Aber man irrt:

Jeden Tag gafft mich der Che Guevara an oder eine Knarre oder sonst irgend ein Spruch, der mich in Rage bringt

sagt Rogowski den Stuttgarter Nachrichten anlässlich der Europawahl, für die auch die berüchtigte Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands plakatiert hat – ironischerweise genau vor seiner Villa in Heidenheim bei Ulm.

Eine perfide Psychofolter, mit der die letzte verbliebene Stalinistentruppe in Deutschland der herrschenden Elite ein ähnliches Gefühl vermittelt wie es aufgeklärte Bewohner Europas verspüren, wenn sie an den Plakaten der etablierten Parteien vorbeikommen und von Horrormasken wie Martin Schulz angefeixt werden. Beide Arten der Belästigung sind natürlich offiziell genehmigt: auch die MLPD ist derzeit, vermutlich wegen ihres minimalen Wirkungsgrads, von keinerlei Verbotsverfahren bedroht.

Nur ist der Rogowski Michael freilich aus anderem Holz geschnitzt als der aufgeklärte Bürger, der die Sprüche und Visagen des etablierten Politkarnevals duldsam hinzunehmen gewohnt ist. Der Rogowski Michael ist nämlich ganz und überhaupt nicht gewohnt, irgendetwas hinzunehmen, was ihm nicht passt! Dafür ist er ja der Patron Rogowski und dafür war er schließlich sogar der Patron der Patrone, der capo di tutti capi des Mehrwertklerus! Und wie andere Capi auch, kann Don Rogowski dann auch handgreiflich werden:

Irgendwann habe ich gesagt, da muss was geschehen. Die Leute haben ja schon gefragt, warum der Rogowski das zulässt. Dann habe ich mir erlaubt, wenigstens die zwei Plakate, die direkt vor unserem Haus hängen, zu entfernen.

Er hat sich das erlaubt. Selbstverständlich. Wer sonst könnte auch ihm etwas erlauben? Der Marxist erkennt hier einmal mehr, dass gerade auch Kapitalisten nicht recht über den bürgerlichen Staat im Bilde sind. Denkt doch der Rogowski in seinem Größenwahn, er müsste da einschreiten, weil es sonst keiner tut! Er begreift nicht, dass es deshalb sonst keiner tut, weil es eben ganz offiziell irrelevant ist, ob und was die MLPD plakatiert. Wenn der Staat eine Partei nicht verbietet, die ihm feindlich gegenübersteht, dann nur deshalb, weil es eine (politisch und strafrechtlich) irrelevante Partei ist und daher auch ein Verfahren gegen sie irrelevant wäre. Um das einzuschätzen, gibt es den Verfassungsschutz. Und solange der keine Bedrohung feststellt, kann es allen anderen Dienern des bürgerlichen Staats auch egal sein, wie explizit rebellisch irgendeine Exotenliga vor sich hin fuhrwerkt.

Aber das weiß der Rogowski alles nicht so genau, weil das ein „Industriekapitän“ auch gar nicht wissen muss. (Schon bei Marx kann man irgendwo lesen, dass die angebliche Genialität des Unternehmers vorwiegend aus Wissen besteht, das jeder Homo sapiens sich in ein paar Wochen aneignen könnte.) Ganz im Geist der alten Pioniere und Self-Made-Men und voller Misstrauen gegen den zögerlichen Staat nimmt er die Sache, also die Plakate, selbst in die Hand – mittels Leiter und Zange womöglich, und das mit fünfundsiebzig! – und verstaut das Diebesgut in seinem Keller. Eine veritable Straftat also. Eine handgreifliche Missachtung der verfassungsmäßigen Prinzipien Privateigentum, Meinungsfreiheit und Volkssouveränität.

Ganz richtig kommentiert Rogowski:

Ich kann nur jeden, der demokratische Grundsätze sein eigen nennt, aufrufen, sich gegen solche Strömungen zu wenden, wo immer er kann,

meint damit jedoch nicht sein eigenes demokratiezersetzendes Tun, sondern die offiziell genehmigte Wahlwerbung eines legalen Zusammenschlusses zur politischen Willensbildung, der nun einmal MLPD heißt. „Demokratische Grundsätze“ werden laut Rogowski also dort ausgelebt, wo greise Herren Wahlplakate stehlen, weil die sie „in Rage bringen“. Diese Art Paranoia sollte man ‚Wutbürgerdemenz‘ taufen: mit staatstreuen Argumenten gegen den Staat vorgehen, weil der nicht staatstreu genug ist, um dann von Polizisten verprügelt zu werden, die selbst dafür bezahlt zu haben man für eine hervorragende demokratische Errungenschaft hält!

Auch Rogowski hat jetzt Ärger mit der Staatsmacht. Die Polizei Ulm ermittelt wegen Diebstahls gegen ihn. Doch der Capo steht dazu, es mit dem demokratischen Gesetz nicht allzu genau zu nehmen, wenn es um seine demokratischen Grundsätze geht:

Das habe ich auch in der Vernehmung durch die Polizei gesagt,

sagt er den ‚Stuttgarter Nachrichten.

Diese Schizophrenie des Ex-BDI-Mannes lässt sich leicht auflösen. In Wirklichkeit scheißt jemand wie Rogowski auf die hehren Ideale der Demokratie, auf die er sich lediglich in guten Worten gern beruft, wie das alle Berufsdemokraten zu tun pflegen. Denn wie alle Berufsdemokraten weiß Rogowski, dass diese Demokratie vor allem jene Staatsform ist, die dem Zweck der Kapitalanhäufung dient. Die MLPD dient diesem Zweck nicht. In seiner Demokratie – und ist es denn nicht seine Demokratie? – haben deren Plakate also nichts verloren. Und wie immer, wenn der Zweck der Kapitalverwertung in einer Demokratie angegriffen wird, wird sofort verlautbart, dass es nun darum ginge, demokratische ‚Werte‘, den Rechtsstaat, die Freiheit und die Würde und Rechte des Menschen an sich zu verteidigen. Mit solcherlei idealistischem Pathos wird das Tagesgeschäft der Demokratie verschwiegen und vernebelt, das, wenn man es offen benennte, gar nicht mehr so verteidigenswert erschiene.

Das demokratische Tagesgeschäft kennt Rogowski. Schließlich war es nicht zuletzt Rogowskis BDI, der zu Gerhard Schröders Amtszeit die Agenda 2010 durchgesetzt hatte – als Kompromiss, denn Hartz IV war Rogowski noch viel zu sozial. In einem Interview mit der ‚Welt‘ sagte er 2004:

Hartz IV ist ein richtiger Schritt, doch er reicht nicht aus. Uns fehlt immer noch ein wirksamer Niedriglohnsektor.

Es ist kein Zufall, dass dieses Ziel inzwischen erreicht ist. Im selben Interview empfahl der Wirtschaftsmann eine Absenkung des Hartz-IV-Satzes um 20-25 %. Mehrfach hat Rogowski sich auch dagegen ausgesprochen, dass Arbeiter und Eigentümer in Aufsichtsräten gleich stark vertreten sind – immer noch haben ihm die lästigen Untergebenen, die produzieren, was die Chefs verkaufen dürfen, viel zu viel zu sagen. Gar nicht sonderbar ist es übrigens, dass der Arbeitgebervertreter immer wieder durch seine Lobreden auf den SPD-Kanzler aufgefallen ist:

Schröder ist kein Mann der Distanz, er ist einfach im Umgang. Und er ist ungemein hilfsbereit,

sagte Rogowski 2004 dem Spiegel. Bleiben bei solchen Formulierungen noch Fragen zur deutschen Sozialdemokratie offen?

Natürlich zieht Rogowski heute auch das gleiche Resümee wie Schröder (bzw. umgekehrt):

Dass es Deutschland heute so gut geht, liegt maßgeblich an der Agenda 2010.

In solchen Sätzen ist Deutschland freilich immer synonym mit den deutschen Unternehmen und die wiederum sind nicht etwa mit ihrer Belegschaft gleichzusetzen, der es ja gar nicht so gut geht, sondern mit dem Kapital und seinen Eignern. Und dass es dem Kapital heute so gut geht, während es Millionen von Menschen sehr viel schlechter geht (nicht nur Kindern, Rentnern, Frauen, Leiharbeitern oder Schuldnern), ja, das ist in der Tat ein Resultat der funktionierenden Demokratie in Deutschland, für die Rogowski verständlicherweise auch auf die Straße geht.

Um diese Demokratie, da seien alle Wähler und Patrioten beruhigt, muss man sich keine Sorgen machen. Nicht, solange sich Patrone nur über die MLPD aufregen müssen. Nicht, solange die sie nur mit Wahlplakaten ärgert – Wahlplakate, die der Genosse Stalin seinen MLPD’ler sehr zu Recht um die Ohren gehauen hätte (mindestens…). Und erst recht nicht, solange ausgerechnet Maoisten und Stalinisten den bürgerlichen Staat zu Hilfe rufen gegen einen Mann, zu dessen Gunsten dieser Staat gemacht ist, um ihn wegen Diebstahls anzuzeigen, wo sie ihn doch eigentlich enteignen wollten…

Ja, es sind goldene Zeiten für das Kapital, das gern robust hinlangt, während Revolutionäre Anzeige erstatten.

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