Dass Kommunisten in Wahrheit arbeitsscheue, geldgierige Schlingel seien, die sich den Kommunismus nur ausgedacht hätten, um ihre kriminellen Machenschaften zu kaschieren und ehrliche Leute abzuzocken, während der freie Unternehmer tagtäglich nur seine selbstlose Liebe zum Lohnarbeiter ausagiert, weiß jeder schwäbische Mittelständler. Bettler, weiß man in ähnlichen Kreisen, haben auch alle ihren Mercedes um die Ecke geparkt, und Zigeuner leben nur in alten Wohnwagen, um zu verbergen, wie unfassbar reich sie durch das Klauen von Wäsche und den Handel mit Sperrmüll in Rumänien geworden sind.

Trotzdem will bizarrerweise keiner dieser Durchblicker ein Zigeuner, Bettler oder Kommunist sein…

In einem heutigen Artikel des Titels „Deutschland will Honeckers Schatz heben“ kolportiert das „Handelsblatt“ einmal mehr, was für ein Absahner Erich H. aus der DDR gewesen sei. Der Text beginnt mit dem Satz:

Während der eigene Staat langsam aber sicher der Pleite entgegen taumelte, hortete die SED-Führung ein Millionenvermögen im Ausland.

Wäre es nur so gewesen, dass man der SED-Führung diese Staatsverachtung hätte nachsagen können, es hätte die mißratene DDR nie gegeben! Im übrigen verwundert dieser moralische Ton seitens eben dieser Zeitung: wie viele Leser des „Handelsblatts“ würden wohl ihr Vermögen opfern, wenn „der eigene Staat“ der Pleite „entgegen taumelt“? Von griechischen Reedern, die all ihr Geld opferten, um „den eigenen Staat“ zu retten, ist vielleicht einfach zu selten berichtet worden.

Über dem Artikel ist ein Bild des abgeklärten Generalsekretärs zu sehen, in an lateinamerikanische (sozialistische?) Großgrundbesitzer gemahnender weißer Sommerkleidung mit Strohhut und vor Meereskulisse (Ostsee?). Bildunterschrift:

Die SED-Führung rund um Erich Honecker hortete ein Milliardenvermögen im Ausland.

Milliardenvermögen? War es nicht eben noch ein Millionenvermögen? Beim „Handelsblatt“ rechnet man wohl nach Aktienhändler-Art: die Nullen, die zählen, sind die vor dem Bildschirm, nicht die auf dem Bildschirm!

Um dem Zweifel die Ehre zu geben, beantworten wir hier exklusiv die Frage: wieviel Kohle hatte Honecker? Wie man vielleicht weiß, hat die Staatsanwaltschaft der DDR kurz vor dem Ende ihrer Existenz Ermittlungen gegen Ex-Kader wegen Amtsmissbrauchs und Korruption eingeleitet, darunter auch gegen Erich Honecker nach seinem Sturz. Pikanterweise war es also „die SED-Führung“ selbst, nur eine andere, die den früheren Amtsmissbrauch aufgedeckt hat, der sich aus heutiger Sicht in doch sehr bescheidenen Ausmaßen bewegt hat. Der Wikipedia-Artikel über Erich H. hätte den interessierten Journalisten belehrt:

Honecker musste nach einer Hausdurchsuchung seine wertvolle Sammlung von Dienst- und Jagdwaffen abgeben, und sein Privatkonto mit einem Bestand von etwa 218.000 DDR-Mark wurde gesperrt.

218.000 DDR-Mark entsprachen im Jahr 1988 etwa 50.000 DM. Das ist weniger als mancher verdiente Berufsdemokrat im Bundestag der BRD monatlich an Nebeneinkünften bezieht – und das ganz ohne Ermittlungen seitens der ‚BRD-Führung‘.

Aber es gibt noch eine zweite Zahl, die wir nicht unterschlagen wollen. Wir geben zu: sie ist höher. Nämlich die exakte Höhe von „Honeckers Schatz“, höchstrichterlich festgestellt nach dem verlorenen Prozess seiner Witwe gegen die Bundesrepublik (eilig nachzulesen unter ‚Margot Honecker‘ auf Wikipedia):

Den Prozess gegen die Bundesrepublik Deutschland um das beschlagnahmte Vermögen der Eheleute Honecker in Höhe von umgerechnet etwa 60.300 Euro hat sie [Margot Honecker] 1999 verloren.

Je nun, mehr wird es nicht. Die DDR war also auch in korruptionstechnischer Sicht einigermaßen unglamourös. Und doch ist sie dem „Handelsblatt“ noch immer eine Meldung wert. Denn, wie es auch der schwäbische Mittelständler weiß, Kommunisten sind Kriminelle, und das kann man nicht oft genug sagen.

Im „Handelsblatt“ werden übrigens „rund 135 Millionen Euro“ erwähnt, unter Honeckers Foto:

Das Geld stammt von Konten des früheren DDR-Außenhandelsunternehmens Novum (…) [der] halb-kapitalistische[n] Außenvertretung des Arbeiter- und Bauernstaates

Ursprünglich also kein Privatvermögen. Schon gar nicht das von Honecker. Aber welchen „Handelsblatt“-Leser interessieren schon 135 Millionen, wenn man nicht dazu schreiben kann, es sei „Honeckers Schatz“ gewesen oder zumindest „ein Milliardenvermögen“ der „SED-Führung rund um Erich Honecker“?

Und warum schreiben wir das alles? Um zu belegen, dass Honecker ein integrer Staatsmann war und die DDR ein tolles Land? Nein. Nur um zu belegen, wie verlogen, wie ‚kundenorientiert‘, auf wie wenig selbst um bloße Faktizität bemühte Weise sogenannte Leitmedien der bürgerlichen Demokratie ihre Leser mit jener Ware versorgen, die sie zu ‚Informationen‘ umetikettieren wie der Kadaverhändler das Gammelfleisch. Nur darum.

 

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