1

Nur schwach verwandt mit Mod und Rocker

zieht seine Bahn der Neujahrsmorgenjogger.

Noch riecht die Stadt nach Pulverrauch,

nach halbverdauten Speisen auch,

noch decken Trümmer Bürgersteige,

Scherben, Brillen, Körperteile –

da naht in grünen Neontights

ein munt’rer Jogger doch bereits.

 

Indes der Mitmensch krampft und siecht,

grunzend über Kacheln kriecht,

auf die zuvor, vom Rausch umnachtet,

er selberst sich hat hingeschlachtet –

hüpft durch die Dämm’rung, eins, zwei, drei,

ein Jogger zum WC herbei,

setzt über mancherlei Kadaver,

tollkühn durch saures Sodgewaber,

 

und harret, stetig weiter hüpfend,

den Harnschlauch überm Becken lüpfend,

bis, gar nicht immer zielgenau,

der Vitaminsaftrestestau

gelöst: mit einem leichten Gruß

tänzelt er auf leichtem Fuß

aus der nekrotischen Baracke

zipp! schließt sich seine Windbreak-Reflektoren-Jacke.

 

 

2

Du, froher Früher-Vogel-Mann,

zu selten ehrt man deinesgleichen;

ist doch der zeitig aufstehn kann

der Mann an Deutschlands Zukunftsweichen!

 

Prinzipien sind dir wichtiger

als Körperfreuden, Witz und Rausch,

Sichquälen scheint dir richtiger

als Hirnsynapsenaufgebausch.

 

Wir sind ja Menschen, keine Tiere,

Und Menschen liegen nicht herum!

Wir haben Zahlen, Schlipse und Visiere

in unserm Bestiarium.

 

Das Leben ist ein Hamsterrad,

das hast du früh erkannt:

als Kind schon warst du groß in Fahrt

und hast dich nie verrannt.

 

Laufen, Laufen ist dein Ziel,

von einem Ziel zum andern

(das Ziel gilt dabei nicht mehr viel),

nur schnell – und nicht mäandern!

 

Als Coach, Consultant, Chief Controller

geliebt von jeder Gattin Mutter;

dem faulen Wurm zwar ist erst wohler –

doch früh ist er dein Futter.

 

Du blinkend-flinker Neujahrsläufer!

Du Falk im Frühlicht dieses Jahrs!

O achte nicht der mürben Säufer,

am Zebrastreif unaufgebahrt!

 

Zerrenn, zerstürm, zerstäube die,

so dich heut scheel beäugen!

Sei du der Schinder, sie das Vieh,

und alle Geier Zeugen!

 

Dir, Flügelknabe, Ampelhermes,

singe ich mein Lied:

dir Perle eines göttlichen Gedärmes,

in der man diese Welt gespiegelt sieht,

 

dir, Stadtparkheros, Schützling der Athene,

von Notebookglorien Besonntem,

geschnellt von eines starken Vorstands Sehne

als Pfeil zu neuen Leistungshorizonten!

 

Was wäre Dichten – ohne dich?

Ein lange weilendes Gelage.

So stemmt Apoll vom Lager sich,

damit er eine Laus erjage.

 

 

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