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1

 

am frühen frühen morgen

steht der revolutionär nicht auf.

am frühen morgen

auch nicht.

 

am spätmorgen

wendet sich

ein ahornblatt im herbst:

der revolutionär.

 

wer sein kapital vermehren will

soll das selbst tun,

sagt er

 

ich habe kein kapital

also schlafe ich

 

so ist es nicht

doch soll es sein

noch lebt der revolutionär als schwein

noch ist nicht jeder schwein genug

zehntausend schweine stoppen den zug

 

 

2

 

am mittag lümmelt der revolutionär

am fenster die tätigen menschen

bedenkend

 

vorm gesetz sind sie frei

wozu?

 

sie freuen sich arbeiten zu dürfen

weil ihnen außer dem dürfen

nichts bleibt

 

sie freut das geld das sie verdienen

weil sie keins haben

 

ihre arbeit ist wertvoll

für andere

 

ihr leben vergeht rasch

 

viele wissen nicht mehr

warum sie es überhaupt

haben und leiden

am ’sinn‘

 

zum denken kommen sie erst nachts

im traum

 

traurig, denkt der revolutionär

nun nicht – !sondern wirft flugblätter

aus dem fenster

unter die werktätigen,

bis die büros und baustellen

davon verdeckt, straßen und flure

davon verstopft und jeder

arbeitsfortgang

ohne lektüre

und erkenntnis

genauso unmöglich wird

wie mit!

 

so ist es nicht

doch soll es sein

noch lebt der revolutionär als schwein

noch ist nicht jeder schwein genug

zehntausend schweine stoppen den zug

 

 

3

 

in der abendröte reitet der revolutionär

auf einem rostigen esel zum frühstück

mit anderen revolutionären

und bespricht den tag:

 

vielleicht noch 1 zeitung gründen

1 großen saal anmieten

2 agitationsreihen vorbereiten

3 streiks unterstützen

5 fabriken besetzen

16 neue genossen anwerben

17 artikel redigieren

200 bücher nachbestellen

2 000 broschüren verteilen

12 000 neue drucken

1 geldtransport entführen

 

so ist es nicht

doch soll es sein

noch lebt der revolutionär als schwein

noch ist nicht jeder schwein genug

zehntausend schweine stoppen den zug

 

 

4

 

nach getanem kampf gegen die arbeit

zieht sich der revolutionär

zum vögeln zurück

 

er macht ein feuer in den wäldern

aus müll und stahl

 

er berauscht sich an feinen gewächsen

und schwerem gebräu

 

besudelt die finsternisse der welt

mit seinem lachen: wie einer der

kalk an eine schwarze wand wirft

mit löffeln

 

oder ertüchtigt seinen

schwelgerischen geist in den

sieben revolutionären künsten:

 

logik

arithmetik

dialektik

ökonomiekritik

geschichte

rhetorik und

melancholie

 

so ist es nicht

doch soll es sein

noch lebt der revolutionär als schwein

noch ist nicht jeder schwein genug

zehntausend schweine stoppen den zug

 

 

5

 

und wenn die nacht am horizont

ihre rötlichen hundeaugen öffnet

schlägt die stunde des schönen

und der revolutionär ein buch

auf und liest laut

in die luft

 

waldstille bächlein

gotische teufel

preußische prinzen

griechenlands götter

trunkene iren

schlüpfrige lieder

stumme dialoge und

 

gedichte von männern die

70 jahre dichterisch dampften

und nur 7 seiten vernunft

destilliert haben

 

hier sieht der revolutionär

die bürgerliche gesellschaft

im kostüm ihrer selbstanbetung

 

ihr zerstörungswirken

versteckt

unter jahrhundertwerken

wie kadaver unter dem mist

 

genosse kritiker hotte rechnet vor

die einzige kritik, deren

bürgerliche kunst würdig ist:

 

1 von 100 schreibern gedruckt

1 von 100 gedruckten bekannt

1 von 100 bekannten berühmt

1 von 100 berühmten vernünftig

 

aber, lallt genosse oscar, man

muss nicht immer tun und lesen

was vernünftig ist. vernunft heißt

vielmehr: ihre grenzen

kennen

 

(und damit hat er

nun auch wieder recht)

 

so ist es nicht

doch soll es sein

noch lebt der revolutionär als schwein

noch ist nicht jeder schwein genug

zehntausend schweine stoppen den zug

 

 

6

 

eintausendundeinen morgen später

erhebt sich, mit dem morgenrot:

der revolutionär

 

und hört durch den äther

und sieht aus dem fenster

ein ungeordnetes heer – –

 

und ungewaschen schließt er sich an

und ungehindert geht es voran

denn in diesem land wie im land nebenan

ist kaum noch einer mehr

kein revolutionär!

 

nur einige kleinliche geifrige reiche

die wollen ‚ihr eignes‘ nicht teilen

die wollen noch eher beschießen

die leute die’s ihnen schufen und ließen

 

und man sperrt sie nicht ein

und man lässt sie allein

im wasser mit gold an den seilen –

 

So ist es nicht,

doch so soll es sein!

noch lebt der revolutionär als schwein

noch ist nicht jeder schwein genug

und zehntausend schweine

und elftausend schweine

und zwölftausend schweine

sind noch lange nicht schweine genug

 

 

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