Dead Wall Reveries

Horror hominis – Das positive Wir erschrickt über die AfD

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Es ist schon ziemlich ärgerlich und nicht erstaunlich, wenn Linken bei der Betrachtung der AfD nicht viel mehr einfällt als dass das ja wieder mal alles Nazis seien. Zur Erinnerung: Nazis sind Nationalsozialisten. Der Nationalsozialismus betrieb den Holocaust als politische Hauptmaßnahme, einen Weltkrieg, die Gleichschaltung sämtlicher gesellschaftlicher Institutionen unter dem Führerprinzip und eine Rassenlehre, die über den heute nicht nur in der AfD verbreiteten Alltagsrassismus in ihrer pseudowissenschaftlichen Genauigkeit weit hinausging. Die AfD dagegen wird im Fall eines Erdrutschsieges bei den nächsten Bundestagwahlen weder KZ’s errichten noch Polen überfallen. Was noch kein Grund zur Freude ist. Denn natürlich ist die AfD menschenverachtend, reaktionär, autoritär und rassistisch. Aber sie ist keine Nazipartei. Diesen Unterschied sollte man auch als Linker verstehen.

 

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Sich über die Dummheit oder Bosheit von AfD-Wählern aufzuregen, kann erbauen und verbinden. Aber scheinheilig ist es dennoch, sich mit erschrockenen Demokraten über die Folgen der bürgerlichen Demokratie zu erregen, als wären die Folgen an sich selbst schuld. Die meisten AfD-Wähler, das belegen Umfragen, stören vor allem zwei Dinge, die sie zu ihrer Wahl bewegt haben:
1. Das unangenehme Gefühl, dass die Regierung nicht nach ihren Wünschen regiert.
2. Die als ungerecht empfundene Tatsache, dass Flüchtlinge Wohnungen und Taschengeld bekommen, ohne dafür arbeiten zu müssen – was ihnen selber aber keiner anbietet.

Man kann beides zwar als Untertanengeist (Warum überhaupt eine Regierung wählen?) oder Neid (Geht es mir denn besser, wenn es dem anderen schlechter geht?) abtun. Aber doch muss man zugeben, dass diese Wahrnehmungen einen wahren Kern haben: den nämlich, dass es um sie, die sich ‚Volk‘ nennen, und ihr Wohlergehen in der bürgerlichen Demokratie gar nicht geht. Das begreifen sie aber nicht. Und da verfallen sie auf ihr allerkleinstes Recht, das sie an ‚ihrer‘ Regierung zu haben meinen, nämlich die Staatsbürgerschaft – ‚Wie kann es sein, dass sich ein Staat, der Deutschland heißt, so schlecht um seine Deutschen kümmert?‘ – die in Wirklichkeit ein Recht des Staates an ihnen ist. So werden sie Patrioten. Dass der Staat sich schon lange um sie kümmert und dass gerade dieses Kümmern ja zu ihrer Unzufriedenheit führt, kapieren sie nicht, weil sie sich mit ihm trostreich identifizieren wollen. Sie meinen, dass alles besser würde, wenn sich ‚ihr‘ Staat vor allem oder nur noch um sie kümmern würde, die schlechte Behandlung also auf sein Staatsvolk beschränkte, damit daraus eine gute Behandlung würde.

 

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Der innere Widerspruch des Patriotismus deckt sich mit dem, was Karl Kraus über die Psychoanalyse gesagt hat: Er ist die Krankheit, für deren Heilung er sich hält. Vom antideutschen Westler über den sozialdemokratischen Wertespießer bis zur AfD wähnen sie alle, die bis zum Scheitel in rationalisierten Kuschelhormonen durch den Kapitalismus driften, dass das eigene Land oder die eigene Kultur als Impfung und Heilmittel gegen Krankheiten funktionieren müsse, die von genau diesen geliebten Systemen erst hervorgerufen worden sind. Der Westen, denkt man dann, ist die gute Kraft im Kampf gegen den zweifelsohne nicht so guten Islamismus, dessen so erfolgreiche Radikalisierung überhaupt erst eine Konsequenz westlicher Einmischungen in die arabische Welt gewesen ist. Gegen die Flüchtlinge, denken sie, helfe nur ein starker Nationalstaat mit rücksichtslosem außenpolitischem Egoismus, als wäre es nicht genau diese Art imperialen Kalküls, die immer noch ganze Volkswirtschaften in Afrika durch Preisdruck verkümmern und unliebsame arabische Regime im Bürgerkrieg versinken lässt, von wo dann die Millionen flüchten.

Im selben Widerspruch empfehlen Antifa-Linke, dass man doch wählen gehen soll, damit ‚die Rechten‘ nicht meine Stimme erhalten: ich soll also eine der Parteien stärken, die eine Gesellschaft aufrechterhalten, welche so etwas wie die AfD erst hervorbringt, nur weil sonst noch mehr Prozent auf diese AfD entfallen?! Mich also demselben Parlamentarismus anbiedern, dessen hässliche Seiten ich vermeiden will? Äh. Nein.

Aber zwischen Abgrenzung und Identifikation ist selten Platz für eine vernünftige Erklärung. Jeder Gedanke wird, einmal aus der positivsten Gefühlsperspektive ‚gedacht‘, zum Reflex auf unbewusste Regungen und jede argumentative Auseinandersetzung muss dann scheitern. Eigene Denkfehler werden auch dann nicht erkannt, wenn sie zum eigenen Nachteil sind: der eigene Staat – ein falscher Freund in feindlicher Zeit.

 

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Genau dieses Fehlverständnis erkennt man wunderbar in einer Stadt wie Bitterfeld, wo z.B. 31,9% von 62% Wählern, also absolut ca. 20% der Wahlberechtigten die AfD gewählt haben. 10-11% der Einwohner sind arbeitslos. Das ist der Durchschnittswert in Sachsen-Anhalt und Spitzenwert aller Bundesländer (neben Mecklenburg-Vorpommern). Man kann davon ausgehen, dass es eine signifikante Schnittmenge von Hartz-IV-Empfängern und AfD-Wählern gibt. Und das, obwohl die AfD in ihrem Wahlprogramm davon spricht, dass der Niveau-Unterschied zwischen Hartz-IV und schlecht bezahlter Arbeit deutlich vergrößert werden muss, um den Schmarotzern Beine zu machen. Für eine Senkung von Hartz-IV hat sich kürzlich Lydia Funke vom dortigen AfD-Landesvorstand ausgesprochen. (Selbst wenn sie sich verplappert haben mag: sie wird nicht die einzige in ihrer Partei sein, die so ähnlich denkt.)

Das heißt also, dass Leute, die arm dran sind, nämlich deutsche Arbeitslose, aus Neid auf Leute, die noch ärmer dran sind, nämlich Flüchtlinge, eine Partei wählen, die beide noch ärmer machen will.

Das muss man erst einmal zu verstehen versuchen, um zu begreifen, wie sehr von Ideologien und wie wenig von materiellen oder anderen rationalen Erwägungen die Untertanen der bürgerlichen Demokratie geleitet werden. Aus Irrtümern über sich und andere werden Irrtümer gefolgert, die zur politischen Agenda werden, sobald der Irrtum zur Partei wird. Alles läuft falsch – und ist trotzdem erfolgreich. Wer das sieht und weiterhin zur Wahl geht, dem ist nicht mehr zu helfen.

 

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Daran sind aber nicht die AfD-Wähler allein schuld, sondern auch diejenigen und vor allem dasjenige, was sie in diese Lage gebracht hat, in der es vor lauter Verbitterung und Neid und Wut aus den eigenen Irrtümern keinen Ausweg mehr gibt. (Denn mit dem rechten psychischen Kitt halten auch wirre Ideologien erst richtig gut zusammen und erwecken bei ihren Inhabern einen Anschein von Stringenz.) Und diese Lage hat viele Namen, die keine der antretenden Parteien, und schon gar nicht die LINKE, entheiligen wollen: Arbeit – Staat – Familie – Geld – Europa – Werte – Tradition – gerechter Lohn und was der hohlen Glaubensphrasen mehr sind. Darauf hoffen heißt bei Enttäuschung und Hass enden.

Der hässliche Nazi hat sich nicht aus seinem eigenen Schenkel geschnitten, er ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Prägung, in der jene pseudoindividuellen Münzen gefertigt werden, die zur Aufrechterhaltung der Ökonomie eben nötig sind. Wer über den abscheulichen Menschen und seine unerfreulichen Eigenschaften lästert und womöglich noch den ‚Glauben an die Menschheit‘ zu verlieren droht, der vergisst, dass Menschen nur in historischen Modellen vorkommen. Und wem ein Modell nicht gefällt, dem gefällt notwendigerweise die jeweilige historische Produktionsweise nicht… Der Mensch des Spätkapitalismus und der bürgerlichen westlichen Mediendemokratie ist nun einmal in aller Regel nicht besser als seine Welt: ihre Tugenden sind seine Tugenden, wie sie funktioniert, so funktioniert und denkt auch er, was man in ihr für Glück und Gut hält, wird auch er dafür halten, und was sie zerstört an ihm, muss er erdulden. Neidische, frustrierte, hassende und irrationale Wähler sind eine historische Konlusion aus ihrer Lage im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Die Marktwirtschaft ist die Mutter hässlicher und unfreundlicher Kinder. Und das wird so bleiben, solange sie besteht. Es liegt in ihren Genen.

 

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Und genau so lange auch wird Politik mit Irrtümern gemacht werden, und derjenige, der sie aufklären will, bleibt notwendigerweise politisch machtlos.

Damit muss man dann eben leben. Alle anderen aber auch. –

 

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