Schlagwörter

,

Nein, es hat nichts mit der Wahl des neuen US-Präsidenten zu tun. Jedenfalls nicht mehr damit als mit den übrigen Ereignissen in einer jahrelangen Reihe, die zusammen eine historische Entwicklung sehr deutlich anzeigt. Manche lesen diese Entwicklung als Imperativ. Machen wir weiter mit demselben, nur besser, jetzt erst recht! Oder Ähnliches. Wir nicht. Wir lesen diese Entwicklung als klare Niederlage. Wir sehen den Sturm und laufen ihm nicht engagiert entgegen. Zumal die Engagierten ihn einst verhindern wollten.

Um es ohne Bild zu sagen: Wir glauben, dass die Erfolgsaussichten einer aufklärerischen Agitation, die auf eine radikal andere, sozialere Welt zielt, noch nie so schlecht waren wie heute und die globale politische Linke seit fast zweihundert Jahren nicht mehr derartig schlecht dagestanden hat wie jetzt. Diese These kann man angreifen. Vielleicht fielen manchem Historiker findige Gegenbelege ein. Wir fürchten aber, dass sie nicht gut genug wären, unser Bild von unserer Epoche wesentlich zu verbessern. Natürlich kennen wir den richtigen Einwand, dass die schiere Quantität seiner Widersacher die Qualität eines Arguments nicht schmälert. Wir nehmen auch nichts zurück. Wir sind immer noch Marxisten. Wir halten immer noch für richtig, was wir in diesem Blog veröffentlicht haben. Aber dass etwas richtig ist, heißt ja noch nichts. Um sich dafür einzusetzen, muss man die Möglichkeit sehen, dass dieser Einsatz sinnvoll ist. Und das ist er nach unserer Einschätzung nicht mehr.

Der Marxismus in einer bestimmten Lesart bleibt für uns eine Lehre mit großer Erklärungskraft. Aber eine politische Bewegung und übrigens auch eine politische Agenda wird damit nicht aus ihm. Er ist, für uns, lediglich noch ein scharfes Instrument der Kritik. Und es ist Heuchelei zu behaupten, dass damit allein schon eine neue, bessere Richtung vorgegeben wäre, die man nicht eigens mehr zu bestimmen hätte. Doch, das hätte man. Und wie diese Richtung dann noch praktikabel abzugehen sei – d.h. wie man die noch so elaborierte Blaupause der besseren Ordnung umsetzen will in einer Welt wie dieser – wäre noch eine weitere ungelöste Aufgabe. Der dritte Schritt wäre dann noch die Umsetzung selbst. Hielten wir bisher zumindest die erste Aufgabe für theoretisch lösbar, erscheinen uns nun die anschließenden Schritte vollkommen irreal.

Nicht den geringsten Drang empfinden wir mehr, unsere Erkenntnisse anderen mitzuteilen, die sie noch nicht hatten. Um uns über den Inhalt in fremden Köpfen zu ärgern oder überhaupt nur zu bekümmern, fehlt uns Zeit und Opfertum. Wir betrinken uns lieber, pflegen eine anregende Konversation, schreiben oder lesen ein Sonett, freuen uns über das Sonnenlicht, ein paar Welpen, die Gotik oder lauschen der achten Sinfonie von Bruckner. – Hören wir da ‚Gegenargumente‘? Gibt es etwa einen kategorischen Imperativ unter ‚Genossen‘, dass man seine Lebenszeit mit dem freudigen Kalkulieren minimalistischer Erfolgschancen vergeuden müsse? Wäre es nicht schade um so vieles, was uns entginge, wenn wir weiter mit liberalen Wirtschaftsstudenten über den Fall der Profitrate stritten… (Vielleicht fällt sie ja wirklich nicht: welchen Unterschied macht das eigentlich?)

Wir sind also Egoisten geworden – es gibt Marxisten, die genau das von ihren Zeitgenossen erwarten – ja, schlimmer noch: Defätisten. Biedermeier. Was auch immer. Wir haben genug von Sektierern, mediokren Nachbetern und marxologisch daherschnöselnden Studenten. Wir haben auch genug von circensisch theoretisierenden Begriffsbestimmungen, deren Auswirkungen auf die reale Gesellschaft geringer sind als die eines Furzes in der Oldenburger S-Bahn. Wo sich (alt-)linke Voluntaristen treffen, um ihre eigene Systemgegnerschaft zu zelebrieren wie Katholiken die eucharistische Wandlung: alle wissen, es ändert sich nichts, aber es ist nunmal der Weg zum Heil – werden wir uns künftig nicht mehr einfinden. Die Notwendigkeit des Überzeugens der Massen löst sich angesichts der dafür minimal benötigten drei Dutzend Lebensspannen für uns persönlich in nichts auf.

Und wir akzeptieren jedes versteckt-moralische Argument gegen unseren Defätismus. Mag sein, dass das feige ist und ‚der Sache‘ nicht dient. Mag sein, dass man ’sich selbst untreu‘ wird. Mag sein, dass es sogar irrational ist, die eigene Gesellschaft radikal zu kritisieren, ohne sich für eine Umgestaltung einzusetzen. Aber sobald man sich von dem Projekt einer Umgestaltung verabschiedet – und das tun wir hiermit – greifen diese Gründe alle nicht mehr. Und um moralische Attacken, die aus einem Gruppenkodex kommen, scheren wir uns jetzt immer noch genau so wenig.

Die Gesellschaft kann unseretwegen so bleiben wie sie ist und sich entwickelt. Nicht weil sie uns so am besten gefällt. Sondern weil wir die völlige Einflusslosigkeit unserer Position eingesehen haben und das Wort ‚unseretwegen‘ in obigem Satz nichts bedeutet. Wir mögen auch Regen nicht. Trotzdem schreiben wir keine Artikel gegen ihn. ‚Er darf weiterregnen‘ ist dann ein sinnloser Satz. Er muss nicht ‚dürfen‘, um zu regnen. Er ist der Regen, also regnet er. Und wir werden nass oder bleiben zuhause. Oder beides.

Wir finden, dass man, um vernünftig zu bleiben, auch Projekte beenden und Irrtümer einsehen können muss. Und wir finden, dies ist dafür der richtige historische Moment.

In der Hoffnung, deutlich genug gewesen zu sein, um alle unsere Leser zu verscheuchen, die weiterhin Wert auf eine stramme revolutionäre Grundhaltung bei jedem legen, mit dem sie kommunizieren, geben wir bekannt, uns in Zukunft keinen wirtschaftlichen, politischen oder ideologischen Themen mehr in diesem Blog zuzuwenden. Dieses Kapitel schließen wir endgültig ab. DWR sind nicht länger Teil der ‚linken Blogosphäre‘. Amen!

Sollten wir überhaupt noch Zeit und Lust finden, irgendwann neue Texte auf diese Seite zu laden, werden sie eher von klassischer Musik handeln, von Romanen, Philosophie, Ästhetik, Zweifeln, Logik, Kunst, dem Interesse an Vergangenem und anderen Wegen aus der Welt hinaus.

Denn das ist doch das Gute an der Welt: es führen so viele Wege von ihr weg, dass in ihr selber kaum noch ein Mensch übrigbleibt. –

Advertisements