DWR-Lexikon

A

antideutscher Antiantisemitismus

Diese Manie, dogmatisch ‘sauber’ zu bleiben und mit jedem, der auch nur im selben Medium oder Verlag wie vermeintliche Urheber antisemitischer oder antiimperialistischer Äußerungen publiziert, nurmehr im inquisitorischen Verhörtonfall zu kommunizieren – selbst wenn es sich um persönliche Bekannte handelt – ja nicht einmal selbst den einwandfrei vernünftigsten Text eines Autors mehr anzurühren, weil er sich in anderen Texten abfällig über Israel etwa äußert (von den Texten des Antisemiten Marx freilich abgesehen), als ob eine antisemitische Äußerung eine Infektion wäre, die ganz notwendig ganze Lebenswerke, Medien und Publikationsstätten über Jahrzehnte ‘befalle’ und völlig unbrauchbar mache, halte ich für nichts anderes als ein in der Sache unhaltbares Manöver der Angst, selbst zur Zielscheibe der erbarmungslosen ‘Ideologiekritk’ zu werden, für ein unmittelbares Weitergeben dessen, was man selbst fürchtet, also für eine autoritäre Regung derjenigen Antideutschen, die, ganz zurecht, um ihr soziales Standing fürchten, wenn sie eine unübliche Ambiguitätstoleranz offenbaren. Sich gegen diese Strategie zu stellen heißt schon Verdacht erregen. Sehen so emanzipatorische Gruppierungen aus? Mit Kritik oder gar ‘Praxis’ hat das nichts zu tun, es ist die selbstbezügliche Folklore einer inhaltlich hochrepetitiven Sekte, die sich angewöhnt hat, ihre zunehmende Wirkungslosigkeit mit der ‘ideologiekritischen’ Verbannung aller anderen Gruppierungen zu erklären. Diese eigene Erklärung bietet dann auch noch ganz selbstverständlich den erklärten Grund dafür, genauso damit weiterzumachen: weil die anderen alle Antisemiten sind, bedarf es der Ideologiekritik, die eben keiner annimmt, weil sie ja alle Antisemiten sind, weshalb es weiterer Kritik bedarf usw. Aber mit einem fetischisierten Adorno im Handgepäck kann man solche logischen Einwände natürlich sofort als ‘positivistisch’ abschmettern…

„Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“

Geben ist seliger als Nehmen – diese Hierarchie ist im Begriffspaar von ‚Arbeitgeber‘ und ‚Arbeitnehmer‘ konnotiert. Der Eigentümer ist seliger als seine Angestellten, denn er gibt ihnen Arbeit: er hat wohl zu viel davon, schenkt sie wohl gar. Der Angestellte nimmt die dargebotene Frucht, er reißt sie ihm aus der Hand, wenig großherzig, wie Tiere, von ihren Bedürfnissen geplagt, rafft sie womöglich, die Arbeit, weil er nicht genug davon bekommen kann… Genau umgekehrt stimmten die Begriffe. Der Lohnabhängige bietet dem Unternehmen seine Arbeitskraft, seine Lebenszeit an, und zwar einen sehr erheblichen Teil davon, um dieses Leben, das er da vergibt, leben zu können, was bedeutet: den Rest davon. Der Unternehmer nimmt diese Arbeit an, weil sein Unternehmen sonst gleichfalls nicht bestehen könnte. Die angebotene Arbeitskraft wird durch seine Weisungen – die letztlich zu Gewinn führen müssen – zur verrichteten Arbeit. Ist also nicht beides richtig? Der „Arbeitgeber“ gibt und nimmt Arbeit und der Arbeiter ebenso? Es ist nicht nur beides richtig, sondern weniger. Denn der „Arbeitnehmer“ erwirtschaftet den Gewinn des Unternehmens, durch seine Arbeit und durch die an ihm eingesparten Kosten, während der „Arbeitgeber“ aus genau diesem Ertrag das Unternehmen erst führen, Zinsen zurückzahlen, eigene Einkünfte abziehen, den Lohn der „Arbeitnehmer“ als geringen Anteil ihres Erarbeiteten an diese zurück-„geben“ oder eben neue Arbeitsplätze „schaffen“ kann – auch das eine theologisch nachklingende Falschformulierung, in der aus der Macht des Eigentümers seine Leistung abgeleitet wird, aus einer Macht, die ihm erst von denen gegeben, geschaffen und geschenkt wird, an denen er sie dann vollstreckt.

 

B

Bewerbungen

Die angesetzte Arbeitszeit von 75 Stunden pro Woche passt mir als Single sehr gut. Auf mein Gehalt in Höhe von 0,95 € pro Stunde werde ich selbstverständlich den Tarifvereinbarungen gemäß während der ersten 18 Monate keinerlei Rechtsansprüche erheben. Die Zahlung der von McHinz Unlimited errechneten Anstellungs-, Einarbeitungs- und Betriebsgebäudenutzungsgebühren in Höhe von monatlich 187,99 € werde ich jeweils am Ersten des Monats leisten. Ein entsprechender Kredit bei der Sozialbank der Warmherzigen Brüder AG ist mir bereits gesprächsweise zugesagt worden.

Ab dem 1. Januar bin ich jederzeit für einen Neubeginn bei der McHinz Unlimited AG verfügbar. Mein großer Wunsch ist es, in einigen Jahren als Rest Room and Garbage Management Trainee ein Teil der McHinzschen Unternehmenskultur zu sein.

Rest Room Manager ist für mich kein ehrenrühriger Beruf. Die Verdauung ist ein sehr viel wesentlicheres Element des Menschseins als Algorithmen oder das interne Rechnungswesen. Hygiene ist die Grundlage unserer Zivilisation, und die Tätigkeit einer Hygienefachkraft ist unverzichtbarer Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft, die ohne das Engagement von Menschen wie mir im Kot versinken müsste. Mit Bürste und Flüssigreiniger steht der Rest Room Manager an den Toren der bestehenden Ordnung. Ich wäre stolz und dankbar, diese dienende Funktion mit all meiner Kraft auszufüllen. Darminhalt ist für mich kein Tabu, das Wort „Arschkriecher“ für mich keine Beleidigung. Ich sehe mich als Dienstleister im Rektalbereich. Scheiße ist mein Leben!

„Bildungsbürger“ und „Mittelschicht“

Bildungsbürger ist wieder so ein Wort, das seine Bedeutung aus den Irrtümern der bürgerlichen Gesellschaft bezieht und außerhalb deren keine sinnvolle Bedeutung mehr hat. Bildungsbürger bilden keine Klasse. Kapitalisten können sich ebenso als Bildungsbürger aufführen wie Lohnabhängige oder Kleinbürger. Worauf es ankommt, ist eben das Sichaufführen. Den Bildungsbürger zeichnet eine besondere Art der Heuchelei und des Selbstbetrugs aus, die darin besteht, die ökonomische Bessergestelltheit in eine nichtökonomische Überlegenheit umzudeuten, in etwas Nichtäußerliches, Persönliches, Wesentliches. Aus äußeren Werten innere Werte zu machen, das ist das bildungsbürgerliche Grundprinzip.

Aus genau diesem Grund, weil der Bildungsbürger ökonomischen Wert in nichtökonomischen umtauschen will, sind alle ökonomisch relevanten Bildungsbereiche für ihn uninteressant. Das ist, wenn man so will, die einfache Wertform des Bildungsbürgertums:

x ökonomischer Wert = y nichtökonomischer Wert

Das bildungsbürgerliche Äquivalent der wirtschaftlichen Stellung kann nur in Konsum und Kennerei nutzloser, unverwertbarer Kulturgüter bestehen. In betriebswirtschaftliche Kenntnisse beispielsweise kann die Begütertheit nicht getauscht werden, weil man eben nicht Gleiches tauschen kann. Nein, es muss sich schon um musische Angelegenheiten und Geisteswissenschaften, um einen Abendkurs im Hieroglyphenlesen oder die Fähigkeit, nach wenigen Takten eine Scarlatti-Sonate zu erkennen, oder eben Ähnliches handeln. Dies hat zur Folge, dass viele Menschen, die jenseits der Arbeit überhaupt noch Zeit und Kraft haben sich zu bilden, ausschließlich Themen anhängen, welche die politökonomische Situation, in der sie sich befinden, überhaupt nicht betreffen und sie die Gesellschaft, in der sie leben, keineswegs besser verstehen lassen. Im Gegenteil: die Fiktion von einer Bildung, die mit Beiwörtern wie „umfassend“, „humanistisch“, „allgemein“, oder „ganzheitlich“ verklärt wird, hindert sie daran zu bemerken, wie einseitig und funktional diese distinktiven Geistesübungen tatsächlich sind.

Dabei besteht ein Klassenunterschied zwischen bildungsbürgerlichen Kapitalisten und bildungsbürgerlichen Proletariern bzw. – um Ihnen das böse wahre Wort zu ersparen: Lohnabhängigen. Der Bildungskapitalist konsumiert die Kulturgüter, die er für den Geschäftserfolg nicht braucht, um die Haltbarkeit dieses Erfolgs (und damit auch seine Kreditwürdigkeit) zu demonstrieren: wer Zeit hat, in die Oper zu gehen oder sich auf Vernissagen herumzudrücken, hat es nicht nötig, sich ununterbrochen um seine Geschäfte zu kümmern. Er kann ‚abschalten‘. Er ist nicht in Sorge. Er ist psychisch und sozial nicht weniger gesund als finanziell. Musische oder geisteswissenschaftliche Bildung bei Kapitalisten ist selten, denn die Konkurrenz ist hart; das gerade erhöht aber ihren Wert als ein Zeichen für (vorerst) ausgestandene Konkurrenz. Der lohnabhängige Bildungsbürger dagegen ist ein Proletarier, der sich über seiner Klasse sieht. Nein, denkt er, ein Proletarier ist er sicher nicht. Proleten, so begründet er, haben doch wohl nicht Bachs „Sämtliche Werke“ in der CD-Vitrine, sie wissen nicht, wer Glenn Gould oder Peter Hacks oder Père Joseph war und so fort. Diese Bildungsproletarier sind zwar Proletarier und wissen freilich auch, dass sie nicht „reich“ sind, sehen sich aber dennoch weit oben in der Gesellschaftpyramide – lediglich aufgrund ihrer Bildung. Bildungseifer, so wähnen sie, mündet in gesellschaftlichen Aufstieg, und sei er auch immateriell, das heißt: Bildung ist gesellschaftlicher Aufstieg. Daran glauben die Bildungsbürger so fest, dass sie selbst in der tiefsten wirtschaftlichen Misere ihresgleichen auf dem Flur des Jobcenters nicht erkennen können. Goethe und Kleist studiert zu haben impliziert für sie quasi den Rechtstitel auf ein Adelsprädikat. Die bewusst zwecklose Bildung ist ein unbewusstes Mittel zum Zweck der Zugehörigkeit zur Elite, der sie objektiv und ökonomisch nicht angehören. Dass sie ihr ökonomisch nicht angehören, wissen sie, dass sie ihr objektiv nicht angehören, bestreiten sie – und diesen Widerspruch verdecken sie unter einem typisch klein- und bildungsbürgerlichen Wort: „Mittelschicht“.

In einer Gesellschaft, in der ganze Staaten einzig um den Zweck herum organisiert werden, die Anhäufung von Kapital möglichst reibungslos, von Krise zu Krise, voranzutreiben, in der es folglich auf der einen Seite Kapitaleigner gibt und auf der anderen Seite ein große Mehrheit von Menschen, die ihr Leben dafür opfern, ebendiese Gewinne zu erwirtschaften, von denen im Verhältnis immer geringere Löhne für sie abgezogen werden, damit die Ausbeutung weitergeht, in dieser Gesellschaft also, in der das Kapital nur auf Kosten derjenigen akkumuliert werden kann, die kein Kapital haben, ist genau diesen letzteren Leuten das Märchen von der auserwählten „Mittelschicht“ eingefallen, die sich auf magische Art immer genau in der Mitte zwischen Reich und Arm, zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Firmeneigentümer und Lohnabhängigen halten kann, obwohl es im weiten Wald der Empirie nicht ein einziges Zauberwürzelchen von Indiz dafür gibt. Im Gegenteil liest man heute, wenn man etwas über die „Mittelschicht“ liest, immer nur etwas über ihr Verschwinden. „Mittelschicht“ scheint schon jetzt ein Land zu sein, in das man aus der kapitalistischen Gesellschaft nur durch einen Kaninchenbau gelangen kann, wie Alice ins Wunderland. Genau deshalb lesen Bildungsbürger auch lieber „Alice im Wunderland“ als „Das Kapital“.

D

„Dead Wall Reveries“

– Ihr müsst endlich aufhören mit eurem Satirequatsch, der aufgesetzten Lustigkeit, der als Ironie getarnten Arroganz, den bildungsbürgerlichen Masken und Allusionen, mit den Gedichten, den Theaterformen und überhaupt dem ganzen literarischen und nutzlosen Heckmeck. Ab jetzt legt ihr euch richtig in die Riemen und betreibt nur noch Agitation, geradeaus und ohne zu lächeln.

– Vergiss es. Absolut unmöglich. Nur Agitation?! Was für ein Programm! Das bringt doch überhaupt nichts! Siehst du doch! Da kann er uns genauso gut fürs Furzen bezahlen. Nein, wir brauchen schon auch ein bisschen Kulisse. Du musst auch bedenken: der Heckmeck ist für uns ein Mittel der Agitation, gerade weil er keine Agitation ist. Das lockt Leute an, die sonst niemals marxistische Seiten besuchen würden. Das ist PR.

Demokratie

In Wirklichkeit scheißt jemand wie Rogowski auf die hehren Ideale der Demokratie, auf die er sich lediglich in guten Worten gern beruft, wie das alle Berufsdemokraten zu tun pflegen. Denn wie alle Berufsdemokraten weiß Rogowski, dass diese Demokratie vor allem jene Staatsform ist, die dem Zweck der Kapitalanhäufung dient. Die MLPD dient diesem Zweck nicht. In seiner Demokratie – und ist es denn nicht seine Demokratie? – haben deren Plakate also nichts verloren. Und wie immer, wenn der Zweck der Kapitalverwertung in einer Demokratie angegriffen wird, wird sofort verlautbart, dass es nun darum ginge, demokratische ‘Werte’, den Rechtsstaat, die Freiheit und die Würde und Rechte des Menschen an sich zu verteidigen. Mit solcherlei idealistischem Pathos wird das Tagesgeschäft der Demokratie verschwiegen und vernebelt, das, wenn man es offen benennte, gar nicht mehr so verteidigenswert erschiene.

Um diese Demokratie, da seien alle Wähler und Patrioten beruhigt, muss man sich keine Sorgen machen. Nicht, solange sich Patrone nur über die MLPD aufregen müssen. Nicht, solange die sie nur mit Wahlplakaten ärgert – Wahlplakate, die der Genosse Stalin seinen MLPD’lern sehr zu Recht um die Ohren gehauen hätte (mindestens). Und erst recht nicht, solange ausgerechnet Maoisten und Stalinisten den bürgerlichen Staat zu Hilfe rufen gegen einen Mann, zu dessen Gunsten dieser Staat gemacht ist, um ihn wegen Diebstahls anzuzeigen, wo sie ihn doch eigentlich enteignen wollten…

Ja, es sind goldene Zeiten für das Kapital, das gern robust hinlangt, während Revolutionäre Anzeige erstatten.

 

E

Erfolg

Warum schreiben Menschen Blogs? Die meisten Blogs werden nicht um der Texte willen geschrieben, sondern desjenigen wegen, der sie schreibt: hier hat jeder, auch der unbeachtetste und erfolgloseste Mensch im bürgerlichen Kosmos, seinen Platz, den er mit allerlei Illusionen, Erwartungen und Beschönigungen kultivieren und mit beliebigen Inhalten zumüllen kann, bis ihm der eigene Dreck bis zum Hals steht. Er stellt sich vors digitale Fenster und sagt sich: jetzt werde auch ich gesehen. Nur wenige, und von denen wieder viele, die sich belügen, sagen: jetzt werden meine Inhalte gesehen. Aber vielleicht schaut ja niemand zu ihm hoch. Daran darf er nicht denken, denn das hieße: unbeachtet, das hieße: erfolglos zu sein. Das hieße: ebensogut tot sein zu können.

An dieser Stelle treten dann die Fragen nach „dem Sinn des Lebens“ auf: ja, warum denn leben, wenn man Erfolg haben soll, ihn zugleich aber offenbar nicht haben kann? Diesen Widerspruch kann in der Tat nur Gott lösen – sofern man ihn sich nicht bewusst macht und nicht auf die Idee gebracht wird, den Nebensatz mit Wenn als profitables Diktat der profitgeschmierten Gesellschaftsform, der wir dummerweise unterliegen, zu erklären, anstatt seinen individuellen ‚Wert‘ daran zu messen. Womit auch das Ziel dieses Blogs schon genannt wäre: Leute auf solcherlei Ideen zu bringen, auf die wir selbst, nur eben früher, gebracht worden sind, Ideen, die (in einem ersten Schritt) die (innere) Emanzipation von einer Gesellschaftsform ermöglichen, die nur durch die Identifikation derjenigen mit ihr, die in ihr wenig zu gewinnen haben, überhaupt bestehen kann – ein Widerspruch, den nur sie selbst lösen können (oder, wie der Erfolgstrainer sagt: es liegt an dir!).

Die Angst vor der Erfolglosigkeit gab es im Feudalismus nicht. Erfolg und seine Notwendigkeit – die jeder schon ganz allein und vor sich selbst vertritt, weil er oder sie sich sonst nicht mehr traut, „in den Spiegel zu schauen“, selbst wenn kein Anderer etwas vom Mißerfolg merken würde – ist eine der wunderbaren Entwicklungen der ‚freien‘ Konkurrenz des bürgerlichen Zeitalters. Jeder darf versuchen, der zu werden, der er sein möchte – solange er nur dafür arbeitet und konkurriert, was in fast allen Fällen nichts anderes bedeutet, als dass er eben nicht derjenige sein darf, der er gerne sein möchte. (Aber das weiß er erst, wenn es so spät ist – dass er es oft nicht einmal mehr einsehen kann.)

Vor allem darin versiertere amerikanische Promis, die sich vor der Kamera zu ihrer Karriere äußern, beeilen sich stets zu sagen, dass sie ja hart für ihren Erfolg gearbeitet haben, und legen damit den Fehlschluss nahe, dass es von der Arbeit zum Erfolg (als Synonym für den „Traum“, den jeder am Feierabend auch noch pflegen soll wie ein magisches Haustier) so ähnlich hinüberginge wie vom geplatzten Kondom zur Schwangerschaft: spätestens nach einigen Versuchen wird das was. Nein, es wird nichts, jedenfalls meistens nicht: man muss nur die Masse der Träumenden mit der ‚Masse‘ der Gewinner ins Verhältnis setzen, da darf man auch ruhig grob schätzen, um einzusehen, dass es viele VerliererInnen gibt, die sicher auch wahnsinnig fleißig, hochbegabt oder sonstwie toll sein dürften, und – oh konträr! trotzdem kräht kein Hahn nach ihnen. Sind es doch nicht die Qualitäten oder irgendein Mangel an ihnen, der über den Werdegang eines Menschen entscheidet, sondern die immergleiche Kalkulation, ob dieser Mensch in die Verwertungsmuster der kapitalistischen Gesellschaft allgemein und diejenigen, die in seinem speziellen Betätigungsfeld nun einmal gerade gelten (und wer weiß, wie lange), hineinpasst.

Will man die Verwertung auf dem Weg zum Erfolg einfach umgehen – beliebtes Perspektiven-Puzzle bei kreativen Frechdachsen in den bürgerlichen Metropolen – kann es einem durchaus gelingen, als Partikularmatador in einer der unzähligen Independent-Sparten dieses Universums seinen Erfolg auszukosten – als Mod-Programmierer, Punk Porn Regisseurin, Welsangler, Deviant-Art-Fotograf, Fan-Fiction-Autor oder als irgendein anderes sonderbares Wesen des Lebe-deinen-Traum-Zoos, dessen komplizierte Bezeichnungen kein Nicht-Spezialist überhaupt je gehört hat – während man eben nach Feierabend noch kurz in einem Call- oder Jobcenter eincheckt, um easy peasy die paar Kröten abzuholen, mit denen man sich lässig ein paar Lebensmittel anschafft. Schließlich steht schon bei Jesus, der ja auch als Indie-Prediger den Sprung ins große Business geschafft hat (und dabei authentisch geblieben ist!): „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

 

G

Geist

(Er braucht auch Wasser.) Die Materie müsse man nicht so absolut nehmen, lautet so ein weiteres Dogma, das den Glauben an die bürgerliche Gesellschaft ausmacht. Im Geistigen lässt sich nämlich immer alles irgendwie so hinbiegen, wie man es haben will, selbst wenn es im Materiellen vollkommen anders ist. Aber wer weiß überhaupt so genau, wie es im Materiellen, also in der Ökonomie, in der Umwelt, in der Lebenswirklichkeit der Körper von Menschen und Tieren auf diesem Planeten so zugeht? Die bürgerliche Welt leistet sich inzwischen eine Armada an Disziplinen und Branchen, Kirchen und Künsten, Schulen, Institutionen und runden Tischen, die der gewaltigen Aufgabe, das materiell und faktisch Bestehende – also dass der größte je in der Geschichte der Menschheit angehäufte Reichtum an Gütern mit 9 Millionen Hungertoten jährlich zusammenfällt – durch geistige Erfindungen und Interpretationen zu vertreten: zu rechtfertigen, zu verschleiern oder davon abzulenken, aufs Prächtigste nachkommen.

Alle Dummheit beginnt mit dem ‚Geist‘.

 

H

Höflichkeit

Jedem Fremden mit derselben angeübten Freundlichkeit zu begegnen widerspricht den bürgerlichen Werten der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit – so dass man schon an dieser Stelle leicht ersehen kann, wie viel den Vertretern der bürgerlichen Gesellschaft ihre eigenen Tugenden gelten. Wer seinen Vorgesetzten hasst, der wird die Höflichkeit einer aufrichtigen Geste vorziehen. Wer seinen Untergebenen nicht schätzt, macht es umgekehrt. Der Gang der Geschäfte entscheidet über den Wert der Tugend wie der Tugendhaftigkeit allgemein, die doch, so heißt es, zum Geschäft im Widerstreit steht: zähmen die vielgelobten bürgerlichen Werte etwa nicht die Herrschaft des Geldes und veredeln sie von der Kriegsgesellschaft zur „Zivilgesellschaft“ (ganz so, als wäre ein höflich Gefeuerter, gerecht Eingesperrter, aufrichtig Ausgegrenzter oder bescheiden Zugrundegegangener fast schon zu beneiden)? Halb Heuchelei oder entleerte Form, halb ästhetische Erleichterung all jener schweren Worte und ernsten Taten, die das Geschäftemachen zwischen Konkurrenz und Bankerott nun einmal mit sich bringt, ist der „zivilisierte Umgang miteinander“ mit Zimmerpflanzen in Kasernen und Konzernen vergleichbar: ohne Einfluss auf Berechnungen, die zur optimalen Vernichtung oder Verwertung von Leben angestellt werden, sorgen sie für eine angenehme Atmosphäre, die den Angestellten ihre Aufgabe umso leichter macht. Alle Höflichen – und es sind erfreulich viele – stellen sich als Zimmerpflanzen in die Korridore der Klassengesellschaft und lächeln Arm und Reich, Emporgekommenen und Niedergetretenen gleichermaßen ermutigend zu, mit dem, was sie nun einmal sind, in Frieden fortzufahren – gutmütige Masken eines kostümierten Schicksals. Und spricht man einen von ihnen darauf an, dann lächelt er nur weiter, räuspert sich und sagt: „Entschuldigen Sie, das war nicht meine Absicht.“

 

I

Illusionen

Die Vereinseitigung einer Weltordnung, die alle Dinge im Hinblick auf Angebot und Nachfrage interpretiert, bringt notwendigerweise vielfältige Mängel hervor. So bewirkt die globale Homogenisierung von Räumen, Waren, Konsumenten und Bedürfnissen etwa einen Mangel an Individualität und Regionalität, den eine marktrelevante Anzahl Menschen verspüren und äußern. Darauf wird wiederum dieser Mangel als Nachfrage erkannt, die gewinnträchtig zu bedienen ein neuartiges Angebot entsteht. Obwohl ihrerseits längst ebenso globalisiert wie ihre Kunden spielen beispielshalber an vielerlei Orten der Erde autochthone Gruppen ihren touristischen Besuchern das Theater ihrer längst nicht mehr integrationskräftigen Traditionen vor, um vom davon verdienten Geld ihrerseits ein ungestilltes Bedürfnis, vielleicht das nach mobiler Urbanität, zu stillen zu versuchen. Denn wo immer im Kapitalismus immaterielle, etwa emotionale, psychische oder religiöse Mängel entstehen und, wie Rohstoffe der Illusionsproduktion, entdeckt werden, dienen sie bald nur als Nachfrage für diese Illusionen der Fülle. Trugbilder sind es aber notwendigerweise insofern als die Mängel, welche sie besänftigen sollen, gerade durch die Ökonomisierung aller Lebensräume, der inneren wie der äußeren, überhaupt erst geschaffen werden. Die Schädigungen aber, die durch die totalitäre Ökonomie an Menschheit und Menschlichkeit entstehen, können logischerweise nicht durch ein Wachstum dieser Ökonomie behoben oder gelindert werden. Dennoch muss freilich dies immer neu versucht werden, da langfristig das Versprechen, ebenjene kapitalistischen Krankheiten zu heilen der letzte Absatzmarkt des Kapitals vor seinem historischen Verschwinden darstellen wird.

K

Kommunismus

NUR DER KOMMUNISMUS, schreit Hans-Peter in die Weite des größten Golfplatzes der Milchstraße, der vor seinem Nachdenkzimmer beginnt und zwölf Tagesreisen mit dem Hummer später am Times Square endet, NUR DER KOMMUNISMUS DAS HEISST DIE ABSCHAFFUNG DES PRIVATEIGENTUMS AN PRODUKTIONSMITTELN UND DADURCH DIE ABSCHAFFUNG DER ZERSTÖRERISCHEN KONKURRENZ, DER AUSBEUTUNG DER LOHNABHÄNGIGEN SOWIE DER STAATLICHEN GEWALT UND DES GELDES KANN UNS VOR DER VERNICHTUNG DES MENSCHEN UND DER ERDE UND MICH VOR DER ÜBERHITZUNG MEINES NACHDENKZIMMERS RETTEN DER WIR ODER VIELMEHR IHR TAGTÄGLICH UNAUFFÄLLIG ZUARBEITET WEIL IHR DENKT ES WÄRE DOCH ALLES MEHR ODER WENIGER IN ORDNUNG SOLANGE MAN FRIEDLICH IM NETZ SURFEN KANN!

Kommunisten

Was wollen eigentlich Kommunisten? Vor allem wollen sie erreichen, dass die Menschen für ihre Bedürfnisse arbeiten statt für den Profit, denn Bedürfnisse können befriedigt werden, Profit dagegen kennt kein Genug, weder an Geld noch an Arbeit oder anderen Ressourcen.

Wenn niemand mehr von der Arbeit anderer profitiert und jeder nur soviel arbeitet wie er einsieht – für das eigene gute Leben, aber nicht für Banken oder Bilanzen – wird Geld überflüssig. Jeder erhält was er braucht, denn die Produktivität heute erlaubt die Herstellung zahlloser Gebrauchswerte und die Informationsmittel heute machen jedes Bedürfnis erkennbar. Diebstahl, Schulden, Pfändung, Bankrott, Investment, Zins – eine Legion von Wörtern wird unnütz.

An die Stelle berechnender und Zwangsgemeinschaften treten selbstgewählte Sozietäten. Die Konkurrenz machte die Menschen ängstlich und hart, ihr Fehlen verwandelt sie in Menschen zurück, die einander als solche erkennen. Wen müsste man zu diesem Leben zwingen? Der Staat als Gewaltmacht wird überflüssig.

Eine solche Gesellschaft kann nur vom Willen derjenigen, die in ihr leben, getragen werden. Kommunismus wird daher entweder auf dem Weg der Einsicht erreicht – oder er ist unerreichbar. Beides ist möglich.

Kommunisten (2)

Dass Kommunisten in Wahrheit arbeitsscheue, geldgierige Schlingel seien, die sich den Kommunismus nur ausgedacht hätten, um ihre kriminellen Machenschaften zu kaschieren und ehrliche Leute abzuzocken, während der freie Unternehmer tagtäglich nur seine selbstlose Liebe zum Lohnarbeiter ausagiert, weiß jeder schwäbische Mittelständler. Bettler, weiß man in ähnlichen Kreisen, haben auch alle ihren Mercedes um die Ecke geparkt, und Zigeuner leben nur in alten Wohnwagen, um zu verbergen, wie unfassbar reich sie durch das Klauen von Wäsche und den Handel mit Sperrmüll in Rumänien geworden sind.

Trotzdem will bizarrerweise keiner dieser Durchblicker ein Zigeuner, Bettler oder Kommunist sein.

 

„Kritik“

Kritik ist das Lieblingswort aller Kritiker. Ich vermute: je allgemeiner und radikaler ihre Kritik, desto häufiger benutzen sie es und desto mehr betonen sie den Wert der einschlägigen Tätigkeit. Ein linksradikaler Kritiker, der seinen Lektürekanon erst unvollständig abgearbeitet hat, wird in Anbetracht der prompten und billigen Publikationsmöglichkeiten, die ihm heute zur Verfügung stehen, noch bevor er das Kritisieren (oder Kritisiertwerden) geübt hat – Kritik üben, öffentlich und fundamental und mit den besten Gefühlen. Allein daraus, dass ein Mensch Kritik übt, kann er sich schließlich schon eine Art Kampfposition und -mut zuschreiben, erst recht wenn er „Kritik“ im von linken Kritikern für linke Kritiker eigens aufgewerteten Sinne einer prärevolutionären Blaupause der Universalrettung alles Rettenswerten betreibt. Und das, selbst wenn die von ihm kritisierten Personen seine Kampfansage nie bemerken, geschweige auf sie reagieren werden, wovon die meisten Linken (und alle anderen Sprachrohre einer der zahllosen Gegenöffentlichkeiten, so recht sie vielleicht haben mögen) mit großer Sicherheit ausgehen können. Der Kritiker zieht sich die Rüstung an und – bleibt zuhause. „Da hab ich diese reaktionäre Bagage aber wieder grunddoll kritisiert heute“, kichert er am Abend an der Seite seiner Partnerin, Mutter oder Meersau. An solchen Abenden hat er keinen Schatten mehr, so schrecklich hat er’s dem armen gegeben…

Einen Konflikt auszufechten, mithin Vorwürfe zu präzisieren, Gegenargumente abzuwehren oder aufzunehmen und in eine neue rationale Angriffsposition zu wenden, die sich gegen falsche und von Privatinteresse korrumpierte Aussagen nachvollziehbar durchsetzt – das wäre Kritik, die den Namen verdiente. Die „Kritik“, die sich vor allem diesen Namen gibt, ist davon leider sehr verschieden. Sie ist die Ein-Zimmer-Beschäftigungsnische geistig hyperaktiver Organisationssingles. Eine Art R.E.M.-Schlaf. Diese „Kritik“ hat kein Gegenüber, sie hat keinen Konflikt, sie hat keine Wirkung; sie trägt nicht das Risiko in sich, aufgerieben oder widerlegt zu werden, und nicht die Möglichkeit, einen faktischen Sieg zu erringen. Sie hat von all dem nur den Namen. Dieser Name, den die „Kritik“ trägt, ist ein strategischer Klang, die sprachliche Simulation eines sozialen Kampfes, er militarisiert den Frieden, dem man weiterhin anhängt, obwohl man ihn geringschätzt: kompensiert also den Konflikt, den man de facto nicht mit anderen, sondern mit der eigenen, wirkungslosen Situation hat!

„Kritik“ ist eine diskursive Heroisierung der Harmlosigkeit, die quasi-monologische Kriegserklärung einer Linken, die ihre Hoffnung auf Sieg längst aufgegeben hat, eben weil sie sehr gut weiß, dass ihre „Kritik“ Veränderungen außerhalb der Sprechergruppe kaum bewirken kann. (Hier beißt sich die Harmlosigkeit in den Schwanz, sie wird schmerzhaft – mag sie sich selbst aufwecken und begreifen, warum es schmerzhafter sein kann, harmlos als schmerzhaft zu sein.)

 

Kunst

Gäbe es in der heutigen historischen Situation keine Kunst, keine Unterhaltungsindustrie, keine Filme, Spiele, Serien, Comics, Musik und Romane, die kapitalistische Gesellschaft stände unmittelbar vor ihrem Zusammenbruch. Kaum jemand würde sich dann zumuten, was er sich heute noch zumutet, getröstet und vertröstet durch fiktive Welten. Brauchbar ist diese Überlegung für alle, die noch an die Kunst glauben, in ihr gar einen Motor des Fortschritts, des Guten und Wahren, und nicht einfach des Schönen und Reizvollen sehen wollen, das mit dem Wahren umso weniger gemeinsam hat, je häßlicher und profitabler die Zeiten sind.

Man sollte Kunst ernst nehmen, aber als ideologisches Phänomen, als Technik der Weltflucht und Lebens-Verhinderung. Kunst an und für sich, also den Bereich des gezielt Nutzlosen ernst zu nehmen, ja überhaupt hinzunehmen, seine Nutzlosigkeit gar zu verherrlichen, einen Sinn, eine Identität, ein ganzes scheinhaftes Leben darum herum aufzubauen und nicht einfach ‚nur‘ Lusterlebnis oder Vergnügen sein lassen zu können, das man mit einem einzelnen Kunstwerk haben oder auch nicht haben kann, heißt eben nichts anderes als das materiale Leben, in dem sich Leben und Tod tatsächlich entscheidet, nicht mehr ernst zu nehmen.

Auch für die sogenannten linken Kunst-, Literatur- oder Filmkritiker, die glauben, sie träten für eine gesellschaftliche Veränderung am besten dadurch ein, dass sie einzelne Kulturprodukte nach Ideologischem durchforsten, es freilich finden und dann nach allen Regeln der Theoretisierkunst in einer entsprechenden Rezension kräftig verurteilen, gilt, dass es immer und in jedem Fall leichter und nützlicher gewesen wäre, in derselben Zeit, an demselben Ort, demselben Kommunikationspartner ein paar wissenswerte Einwände gegen Lohnarbeit, Konkurrenz, Wahlen, Marktwirtschaft, Schule, Familie, Geld oder Nationen zu unterbreiten.

Ob die Menschen ihre Zwänge in der bürgerlichen Gesellschaft akzeptieren oder annehmen, hängt nicht davon ab, in welcher Qualität oder Quantität sie ideologische oder aber ungeheuer aufgeklärte Kunstwerke rezipieren, in welchen beiden ohnehin und per definitionem Mehrdeutigkeit und Emotion die rationale Ebene überstimmen, sondern ob sie diese Zwänge und einiges von dem, was sie für den Untertanen konkret bedeuten, überhaupt erkennen. Diese Erkenntnis zu fördern kann und wird niemals vorrangig Aufgabe irgendeiner Kunstrichtung sein – sonst wäre es eben keine Kunstrichtung mehr, sondern sachliche, rationale, bilderarme Agitation.

Auch linke Kritik von Kunstprodukten dient vor allem der Konsumberatung und Orientierung in der bürgerlichen Waren-Welt, zu der die Kenntnis gewisser Kunstprodukte in jeder Klasse und jedem Milieu dazugehört, damit man über das, was einen bedrückt und was man nicht ändern zu können meint, nicht nachdenken oder sprechen muss.

Wie schreibt Theodor Fontane irgendwo: „Der Satz ‚meine Kunst ist mein Leben‘ bringt mich um.“ Nicht nur ihn, auch den Sprecher des Satzes.

 

L

Lesen

Die Form des geschriebenen Zeichens kommt der Langsamkeit des menschlichen Erkenntnisapparates entgegen. Einsamkeit und Nüchternheit sind daher keine beiläufigen Elemente des Erkennens. Vernunft ist ohne diese rezeptive Einsamkeit vielleicht gar nicht möglich.

Lesen ist also die die beste Methode, komplexe Informationen aufzunehmen und zu Urteilen über weitreichende Sachverhalte zu kommen. Ohne diese wiederum ist keine rationale Orientierung in einer Welt möglich, in der das gute Leben und oft sogar das Leben überhaupt verteidigt oder erst erkämpft werden muss.

Es gibt kein gutes Leben ohne Vernunft. Aber es gibt, behaupten wir, auch keine Vernunft ohne einen Begriff vom guten Leben.

Beides ist ohne Lektüre nur schwer zu haben – noch schwerer jedenfalls als ohnehin.

 

M

Massenmedien

Ist die Doktorarbeit der Ministerin ein Plagiat? Tritt Frau Sowieso zurück oder kann sie sich halten? Hatte sie Tränen in den Augen, als sie zurücktrat? Hat der Liberale die Journalistin an der Hotelbar unsittlich angesprochen? Ist er vielleicht Alkoholiker? Wer wird jetzt in Sowieso gewählt? Hat die Sowiesopartei in den Umfragewerten gewonnen oder verloren? Und warum eigentlich? Wird bei der Anhörung des Vorstandschefs klarer werden, wie weit seine Bank in die Zinssatzmanipulation verwickelt war? Und was macht eigentlich der Bundespräsident momentan? Wer hat gegen wen wie aggressiv auf dem politischen Aschermittwoch polemisiert? Welches Karnevalskostüm trug diesmal der bayerische Finanzminister? Und wie geht es weiter im Lebensmittelskandal XY? Gibt es da neue eklige Details? Werden Köpfe rollen?

Auf diese und tausendundeins weitere Fragen antworten tagtäglich Massenmedien, bislang vor allem in gedrucktem, künftig wohl überwiegend in digitalem Format. Was für die nur sekundär wichtigen Freizeitressorts Sport, Reisen, Wochenende, Kunst und das Feuilleton mit seinen solipsistischen Fortsetzungsdebatten gilt, kann mit einer Einschränkung auch vom staatstragenden Politik- und Wirtschaftsteil der Nachrichten gesagt werden: zwar berichten sie vom demokratisch legitimierten Verwaltungspersonal des Staates und den „Entscheidern“ in den privaten Vorständen, welche beide einen unleugbaren Einfluss auf das Leben der gesamten Bevölkerung haben; zugleich jedoch wird mit dieser auch ästhetisch wirksamen Doku-Soap eine Welt des Scheins erzeugt und ausgeleuchtet, die so oder so ähnlich zwar tatsächlich existiert, deren eigene Abhängigkeit von wenigen grundlegenden Prinzipien unseres Gemeinwesens aber niemals in den Massenmedien explizit erwähnt wird – auch wenn sie sich ebensowenig je ganz verschweigen lässt – und das schlicht darum, weil sie den MedienmacherInnen selbst meist nicht bewusst sein dürfte.[1]

Ein Beispiel. Auch in Deutschland werden regelmäßig massenhafte Entlassungen bekannt. Im Anschluss an derartige Meldungen spekulieren die Wirtschaftsexperten der Medien im gleichen Geist wie Gewerkschafter und Politiker über die Fehler und Mängel des Managements in jedem einzelnen Fall. Was hätte man tun können, um das zu vermeiden? Was könnte man in Zukunft tun? Wer ist dafür der richtige Mann und wer war der falsche, der das nicht eingesehen hat? Diese Fragen kann man natürlich stellen. Aber von den Fragen, die man stellen kann, sind das die weniger wichtigen. Freilich haben Manager Macht und können ihr Unternehmen auf diese oder jene Art leiten. Ihre Macht wird aber vom Markt eng begrenzt, die Konkurrenz, die jedes Unternehmen stets in seiner Existenz gefährdet, diktiert den „Entscheidern“ ihre Entscheidungen. Der „Boss“ ist nur der Ausführende objektiver Zwänge des freien Marktes, die ihm in (für andere) schwierigen Situationen zurecht als Entschuldigung dienen. Auf diesem freien Markt ist jeder Lohnempfänger ein Kostenfaktor, der nötigenfalls eben eingespart wird – ob man das nun „ungerecht“ findet oder nicht. Leider spricht von diesen objektiven Zwängen in den meisten Medien niemand. Warum nicht?

Zum einen einfach deshalb, weil die Erkenntnis der immanenten Gesetze des Kapitalismus nicht zum Weltbild und auch nicht zum Weltwissen der Meinungsmacher, Gewerkschafter und Politiker gehört. Wäre das anders, wären sie keine Meinungsmacher, Gewerkschafter und Politiker und hätten ein weniger wichtiges und weniger bequemes Leben. Diese Erkenntnis dringt nicht zu ihnen durch, sie wird an vielen Stellen auf ihrem Weg ‚blockiert‘, an institutionellen, an sozialen, und last, but not least an der Stelle im eigenen Kopf. Das hat wiederum darin seinen Grund, dass die einzige Lösung des Problems, auf die man von dieser Erkenntnis der Zwangsläufigkeit des kapitalistischen Wirtschaftens schlussfolgern kann, die Überwindung des freien Marktes wäre. Das aber wird einem auch im Studium der Volkswirtschaftslehre keineswegs beigebracht; dort lernt man vielmehr, wie man eine solche Schlussfolgerung nicht zieht. Denn Radikalität ist ein Karrierehindernis und eine Gefährdung, selbst wenn sie tausendmal recht hätte. (Das ist der Galileo-Effekt.) Der dritte Grund ist spekulativ und würde auch für jene gelten, die das Spiel des Marktes durchschaut haben und bemerken, dass man keine Zeitung machen kann, wenn man sich aufs Grundsätzliche beschränkt: Aktualität muss kleinteilig sein, je detaillierter ich berichte, desto mehr Neuigkeiten habe ich zu berichten. Nach Neuigkeiten und Geschichten, nach der Fortsetzung, der Antwort auf die ewige Frage derer, die abgelenkt werden wollen: „Wie geht’s weiter?“ – danach besteht ein zahlungskräftiges Bedürfnis. Dieses Bedürfnis zu stillen ist ein Geschäft, und zwar zumindest in der Unterhaltungsindustrie ein sehr gutes. Die Antwort: „Das ist doch unwichtig, solange grundsätzlich alles beim Alten bleibt“ würde dieses Geschäft verhindern. Und die Verhinderung von Geschäften macht das Leben im Kapitalismus für niemanden einfacher. Anstelle einer Tageszeitung hätte man bald eine Vierteljahresschrift, die mehr oder weniger „Das Kapital“ an aktuellen Fällen durchdekliniert und ganz sicher ohne Anzeigenwerbung auskommen muss. Also macht man eben mit: „Was soll’s?“

Der Zweck einer Zeitung mag es sein, das Geschäft und die Unterhaltung mit vorsortierten Informationen über das Entscheidungspersonal der “marktkonformen Demokratie“ (Merkel) zu verbinden. Diese Größen werden je nach ökonomischer Vorgabe und politischer Tendenz in verschiedenem Verhältnis austariert. Die Wirkung einer Zeitung (oder eines vergleichbaren massenmedialen Informationsformats) besteht darin, durch kontinuierliche Berichte aus einem scheinbar geschlossenen Kosmos der Macht ihre Leser dazu zu bringen, das politische und ökonomische Personal als letzte Instanz der Herrschaft anzuerkennen, der sie unterworfen sind; dabei wird diese Wirkung notwendigerweise auch ästhetisch durch die immanente Erzählstruktur der Nachrichten vermittelt. Die objektive Dynamik der Kapitalverwertung jedoch, der alle dramtis personae unterliegen, kommt in diesem Theater der Charaktermasken, in dieser bunten Mythologie von Pseudogöttern nicht vor. Genau darin besteht die von allen Massenblättern täglich verbreitete Ideologie.

[1] Insofern ist es ungenau, hier von einer bewussten Inszenierung zu sprechen; es wäre aber ebenso ungenau, einfach einen Irrtum zu unterstellen. Das unhinterfragte und professionalisierte Ernstnehmen dieser abhängigen oder de facto zweitrangigen Welt der Tagespolitik ist eine ideologische Erscheinung, also eine falsche Haltung aus gesellschaftlichen Zwängen heraus.

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Polizei

Bei Linken gehen sogar die Meinungen über die Polizei auseinander. Manche Linke, Anarchisten, Autonome und Antifas zum Beispiel, mögen sie verabscheuungswürdig finden, andere, darunter Volksvertreter der Linkspartei, Ex-Skinheads im Zeugenschutzprogramm, die jetzt SPD wählen, und natürlich Antideutsche, finden die Polizei eigentlich ganz okay. So hat eben jeder seine Meinung. Und bei einem Bierchen darf man sich darüber streiten, diskutieren und in der Kneipe auch mal etwas lauter herummeinen, das ist ganz legal.

Am besten wäre es aber, man hätte überhaupt keine „Meinung“, sondern stattdessen ein Wissen über die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen die Polizei steht, also Kenntnisse und Einsichten, die man an den tagtäglichen Abläufen in dieser Gesellschaft auch überprüfen kann, was ihren ‚Gebrauchswert‘ ausmacht. Bei der Entstehung solcher Einsichten mag der folgende Querschnitt durch den bürgerlichen Staat dem einen oder der anderen behilflich sein. (Ob übrigens der einzelne Polizeibeamte oder seine Kollegin wegen oder trotz ihres Berufs zum Kreis jener Personen gehört, mit denen man gern auch mal in der Kneipe die Meinungsfreiheit auskostet oder lieber nicht, das ist eine für unsere Zwecke völlig belanglose, weil gänzlich unpolitische Frage. Dass aber PolizistInnen auch Menschen sind und sicher auch solche, denen es besser gehen könnte und besser gehen sollte, muss hoffentlich nicht eigens erwähnt werden.)

Ein kapitalistischer Staat wird mit einem bestimmten Ziel organisiert: mit dem Ziel, auf dem seiner Herrschaft zugehörigen Gebiet optimale Bedingungen für das Kapital zu schaffen. Kapital ist eine Summe Geld, die vermehrt wird. Kapitaleigner wie Aktionäre, Unternehmer oder Banken investieren eine Summe a nur zu dem Zweck, später eine Summe a + x zu erhalten. Das x ist der Mehrwert, der Prozess, der zu ihm führt, heißt Verwertung. Ein volkswirtschaftliches Signal für optimale Verwertungsbedingungen in einem Staat ist ein deutliches Wirtschaftswachstum. Die Prozentzahl für das Wirtschaftswachstum ist quasi eine Schulnote für die kapitalistische Funktionalität eines Gemeinwesens.

Der Mehrwert kommt durch Arbeit zustande. Je mehr die Menschen in einem Land arbeiten, desto mehr erwirtschaften sie, desto besser lässt sich das Kapital verwerten. Der kapitalistische Staat hat ein zentrales Interesse an der Arbeit seiner Bürger, und zwar auch an der Höhe oder besser gesagt an der Niedrigkeit ihres Einkommens. In jedem kapitalistischen Staat ist dafür gesorgt, dass die Lohnabhängigen nicht am Dienstag sagen können, dass ihnen zwei Tage Arbeit in der Woche eigentlich genügten und sie deshalb jetzt ins Wochenende gingen. Durch die Lohnhöhe ist dafür gesorgt, dass kaum jemand von zwei Tagen Arbeit pro Woche leben kann. Der Lohn, der die Menschen dazu zwingt, mehr zu arbeiten als sie wollen und immer häufiger auch mehr als sie können, folgt aus Entscheidungen, die für die Verwertung des Kapitals getroffen werden müssen. Staatliche Institutionen flankieren diese Entscheidungen, geben den rechtlichen Rahmen der Eigentumsordnung vor, verwalten die Armut in einer Weise, die Arbeit nicht entbehrlich, sondern erstrebenswert macht und schützen das Privateigentum vor jedem Zugriff, der nicht tauschen, sondern nehmen will.

So sind die Lohnabhängigen also, ob sie wollen oder nicht, zu einem ganzen „Arbeitsleben“ genötigt. Ein Fliesenleger ist gezwungen, fünfundvierzig Jahre lange seine Arbeit großteils auf den Knien auszuführen, ganz egal, ob er Schmerzen hat und seinen Körper dabei verkrüppelt. Ein Tischler, der an der Fräse zwei Finger verliert, ein Fabrikarbeiter mit einem Bandscheibenvorfall, Arthritiker auch in weniger anstrengenden Berufen mit immergleichen Bewegungen oder die Unzahl psychisch erkrankter Büroangestellter – sie alle haben ihre Schmerzen auszuhalten, ihre Schädigungen zu überspielen und weiter ihre Arbeit auszuführen, wenn sie nicht in Armut geraten und sich in allen ökonomischen Entscheidungen von staatlichen Repräsentanten bevormunden lassen wollen. Der bürgerliche Staat lässt ihnen keine andere Möglichkeit. Es gibt kein staatliches Auffangprogramm für kranke Lohnabhängige, um sie aus ihrer Abhängigkeit und in eine teure Therapie zu entlassen. Es gibt dieses Programm nicht, weil es die Mehrheit der Lohnabhängigen beträfe.

Eine kapitalistische Volkswirtschaft unter Verwertungsvorgabe basiert also zum größten Teil auf der Arbeit von eingeschränkt arbeitsfähigen LohnarbeiterInnen oder, konkreter gefasst, auf dem physischen und psychischen Leid der arbeitenden Bevölkerung. Zugespitzt, aber nicht verfälschend, könnte man sagen, dass für die Mehrheit der Menschen in Deutschland der ökonomische Zwang zur Arbeit einer jahrzehntelangen Körperverletzung gleichkommt. Diese massenhafte Schädigung der Menschen ist kein zufälliger Nachteil, kein beseitigbarer Missstand des Kapitalismus, sondern zentrales und notwendiges Element, da die kapitalistische Produktion ohne Lohnarbeit ebensowenig gedeihen kann wie die Lohnarbeit ohne den ökonomischen Zwang, seine Arbeitskraft verkaufen zu müssen. (Für die vielbeschworene Versorgung mit Gütern ist das heutige Arbeitsvolumen in Industrieländern, ist auch nur ein normaler Achtstundentag, beim aktuellen Stand der Produktivität ganz sicher nicht nötig.)

Auf der anderen Seite der Ordnung gibt es in Deutschland etwa 150.000 Fälle von schwerer oder gefährlicher Körperverletzung im Jahr. Im Laufe eines 45-jährigen Arbeitslebens werden also vielleicht 7 Millionen Fälle von Körperverletzung registriert und geahndet. Derzeit arbeiten in Deutschland 40 Millionen Menschen, von denen mehr als die Hälfte über arbeitsbedingte Gesundheitsschäden klagen. Selbst wenn man alle Gewaltdelikte – etwa 200.000 jährlich – zusammenfasst und diese 9 Millionen während eines Arbeitslebens Geschädigten den über 20 Millionen Arbeitsopfern im selben Zeitraum gegenüberstellt, muss man sich doch fragen, wieso „dein Freund und Helfer“ nicht auch gegen Unternehmer einschreitet – oder gar gegen den Staat selbst, wenn es ihm um die Unversehrtheit der Person ginge? Spätestens hier sieht jeder, wie dumm die Annahme ist, bei der Organisation eines Staates ginge es tatsächlich ums Wohl seiner Untertanen…

Die Polizei ist das Exekutivorgan des staatlichen Gewaltmonopols. Ihr Zweck ist der Schutz der „öffentlichen Sicherheit“ und der „öffentlichen Ordnung“. Die naive Annahme, die Polizei sei eine respektable und lobenswerte Einrichtung, weil sie die Menschen vor Schädigungen aller Art, vor der Verletzung ihrer Rechte und ihrer Körper bewahre, setzt voraus, dass Angriffe auf Personen notwendig auch Angriffe auf die öffentliche Ordnung darstellen würden. Dies ist nicht der Fall. Die öffentliche Ordnung ist vielmehr selbst, wie oben anhand der Arbeit skizziert, die ja im Zentrum dieser Ordnung steht, ein Angriff auf Leib und Leben(szeit) der ihr unterworfenen Personen. Sie ist ein System zur Ausbeutung, das Polizeischutz genießt. Man muss schon die öffentliche Ordnung mit dem, was man für schützenswert überhaupt hält, identifizieren, also auch sich selbst mit dieser Ordnung gleichsetzen (wie es der gute Bürger tut), um die Polizeit für eine Schutzmacht zu halten, die vor allem doch natürlichen Rechtspersonen helfe und nutze. Dass die sogenannte „öffentliche Ordnung“ nur ein euphemistischer Begriff für die Abwicklung politischer und wirtschaftlicher Herrschaft ist, die bei den Beherrschten vielmehr allergrößte „persönliche Unordnung“ hervorruft, wird dann ebensowenig bemerkt wie die jenseits germanischer Gemütlichkeit herrschenden Zustände in Griechenland, wo Hundertschaften bewaffneter Staatsdiener die Eigentumsordnung gegen hungernde Demonstranten verteidigen.

In Deutschland mag der Staat durch seinen Konkurrenzvorteil (noch) dazu imstande sein, den Hunger der Arbeitslosen durch Sozialgesetze zu verhindern – in Griechenland aber ist der Hunger schon gesetzlicher Beschluss, hinzunehmende Begleiterscheinung der Profite sichernden „Reformpolitik“, von der deutschen Elite gebilligt und von der griechischen Polizei geschützt. Ja, Polizisten schützen auch den Hunger, wenn er staatstragend und profitabel ist. Oder lädt man etwa die Verarmten zu einem Gratistag in die üppig gefüllten Hallen der Warenproduzenten ein? Läßt man sie gewähren, wenn sie sich Zutritt verschaffen wollen? Ist Diebstahl und Raub etwa erlaubt, sobald die Menschen hungern? Und kann man dann auf dem bürgerlichen Standpunkt verharren und nachbeten, dass Diebstahl und Raub eben inakzeptables Unrecht seien, das geahndet und verhindert werden müsse, wofür man der Polizei dankbar sein solle? Sind die Armen und Hungerndern denn nicht selber schuld? Darauf mit einem sicheren „Ja!“ zu antworten, das ist der billige Ausweg, den die Ideologie einer Gesellschaft bietet, in der (fast) jeder nur die Wahl zwischen Arbeit und Armut hat – und oft genug ist selbst diese Wahl, wie viele andere „Wahlmöglichkeiten“ in der „freien Welt“, nur eine scheinbare zwischen Optionen, die aufs selbe hinauslaufen!

Denn Verbrechen, das weiß jeder Krimigucker oder –leser, sind schlimm, ja sind vielleicht das Schlimmste. Zum Schutz vor Verbrechen gibt es die Polizei. Der „öffentlichen Ordnung“ des kapitalistischen Staates aber ist man ohne Schutzmacht ausgeliefert; unter diesem ehrenwerten Begriff wird eine massenhafte, massive physische und psychische Schädigung der lohnabhängigen Bevölkerung aufrechterhalten, verteidigt und weiter vorangetrieben. Keine organisierte Kriminalität hat jemals annähernd so viele Menschen bedroht, beraubt, verletzt und getötet wie der ganz normale Alltagsbetrieb der Verwertung unter den Fittichen des bürgerlichen Staates, dem wir alle werktags zuarbeiten.

 

 Pünktlichkeit

Es ist einfach unhöflich, jemanden warten zu lassen! Und mehr als das: wer wartet leidet. Wer arm ist oder wer schuftet leidet zwar auch, und sicher viel stärker, aber das gehört dazu, denn es ist Leiden, welches Reichtum schafft – wenn auch einen Reichtum, welcher Leiden schafft. Und mehr als das: auf den Punkt zu kommen ist wie auf den Punkt zu nageln eine wichtige Bedingung für Planungssicherheit, für ein widerstandsloses Ineinandergreifen der Prozesse, für das unverlangsamte Fortdrehen des Rads der warenproduzierenden Gesellschaft. Ein Punkt hat keine Ausdehnung und ist ein Sinnbild der Genauigkeit; ‚Pünktlichkeit‘ ist ein bildhafter Ausdruck für eine exakte Zeitplanung, auf der vielerlei weitere Exaktheit beruht. Und mehr als das: wer pünktlich kommt, tut nicht nur den Andern, sondern auch sich selbst einen Dienst, beweist er doch, wozu er organisatorisch imstande ist. Pünktlichkeit zeugt von Klugheit, Realismus, Selbstbeherrschung, Orientierung, Lebenstüchtigkeit und Verlässlichkeit, allesamt unverzichtbare Qualitäten eines erfolgreichen Geschäftsmenschen (und damit jedes Menschen). Der Pünktliche empfiehlt sich für eine Geschäftsbeziehung. Ginge es heute nicht darum, geschäftstüchtig und berechnend zu sein, sondern darum, phantasievoll und geistreich ein Dasein mit möglichst vielen anderen Menschen – und nicht gegen sie – zu verleben, dann wäre der Pünktliche eine bedauernswerte Figur, ein zwanghaft alberner Charakter, dessen Bedürfnis nach abstrakter sozialer Genauigkeit ebenso unverständlich bliebe wie jede sonstige Forderung nach ‚Höflichkeit‘. Und mehr als das: indem man sich durch Pünktlichkeit empfiehlt, man also kundtut, dass kein möglicher Sinnenrausch, kein geistiger Genuss, jäher Lichtstrahl der Erkenntnis, kein plötzliches Aufreißen der drückenden Wolken unter golden aufs Grün hervorschießender Lichtflut und ja, auch kein heftiger Krampf, ein später vielleicht tödlicher, kein Anfall von Todesangst – dass also nichts auf dieser weiten Welt einen hatte davon abhalten können, die Verabredung auf die Minute einzuhalten, indem man das kundtut, dient man sich dem Erwartenden an, unterwirft man all seine Möglichkeiten, für heute, einer bloßen Gepflogenheit, die zudem voraussetzt, dass der Andere all diese Möglichkeiten wohl nicht habe, sich ohne einen selbst entweder jämmerlich langweilen müsse oder in seiner Leblosigkeit immerhin keine Krämpfe oder Ängste kenne, die ihn selbst vielleicht daran gehindert haben mochten, pünktlich zu sein. Diese gegenseitige Erniedrigung vor jemand, den man doch nicht achtet, ist die Haltung von übereifrigen Lohnempfängern, die es sich nicht nehmen lassen wollen, ihrem Chef zu zeigen, dass sie ihm für ihren wenig eifrigen Lohn nichts von der eigenen Arbeitszeit, die er niemals voll entlohnt, nehmen wollen: Pünktlichkeit ist ein Symptom der Selbstverleugnung.

 

S

Staat, bürgerlicher

–> siehe Polizei


 

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