Sätze, auf die und derengleichen man nicht mit Worten, sondern mit Schüssen erwidern sollte (Auszug)

NB: Beim Rezitieren dieses Textes empfiehlt es sich, nach jeder der zitierten Äußerungen mit dem Munde das eigentümliche Geräusch einer in Betrieb genommenen Handfeuerwaffe zu imitieren, indem man die Lippen fest aufeinanderpresst, während dahinter die Luft einen Moment gestaut wird, um dann mit einem explosiven Laut entlassen zu werden, an den sich ein zwischen Zungenrücken und Gaumensegel gebildeter stimmloser Reibelaut unmittelbar anschließt, der, in der Tonhöhe sinkend, rasch ausklingt. Dieses Geräusch kann nach jedem der Sätze beliebig oft wie auch beliebig laut zu Gehör gebracht werden, wobei die mit derlei Variationsmöglichkeiten ausdrückbaren Unterschiede in der Bewertung der vorangegangenen Äußerung als bedeutendes Element der Interpretation des Poems anzusehen nicht vernachlässigt werden dürfte.

 

„Willkommen beim Bewerbungstraining!“

„Wollen Sie vielleicht zwei Wochen kostenlos DIE ZEIT lesen?“

„Sie sind vier Minuten zu spät.“

„Wer spricht das Tischgebet?“

„Der frühe Vogel –“

„Schonmal über Ihre Altersvorsorge nachgedacht?“

„Sie können hier nicht sitzen. Dieses Grundstück ist Privateigentum.“

„Kriminalpolizei. Können wir Sie mal kurz sprechen?“

„Ganz ruhig, man kann über alles reden.“

„Ich forsche als Postdoc in einem Drittmittelprojekt zum Thema ‚Queere Räume in der Sakralarchitektur postavantgardistischer Science-Fiction-Romane Schwarzafrikas‘. Ist total interessant!“

„… Verantwortung –“

„Dies waren erfolgreiche Verhandlungen. Die Fortschritte sind sehr deutlich. Wir konnten uns auf weitreichende Vorschläge für verbindliche Vereinbarungen über Minimalziele einigen und sind auf einem guten Weg.“

„Ich will ein Kind von dir.“

„Wir möchten mit Ihnen über Gott sprechen.“

„Der Kapitalismus hat sich als ein hocheffizientes System zur Güterverteilung erweisen.“

„Sammeln Sie unsere Treueherzen?“

„Heute sprechen wir über Aufgestiegene Meister und ihre unterschiedlichen Qualitäten. Außerdem lernen wir, mit Baumelfen, Delphin-Energien, Wal-Energien, Hasen-Energien, Schnabeltier-Energien und Furz-Energien zu arbeiten und an Typhus verstorbene Tanten zu channeln.“

„Ich weiß, es ist spät, aber wenn Sie damit fertig sind, müssten sie unbedingt heute noch –“

„Und nochmal die vier Stufen der Teamentwicklung, alle zusammen: Forming! Storming! Norming! Performing!“

„Hallo, darf ich dich mal kurz ansprechen: hast du Lust auf einen Schnupperkurs im Lachyogazentrum?“

„Meinetwegen kann ganz Afrika verrecken. Ich hab schon genug eigene Probleme.“

„Ich sag immer: erst die Arbeit, dann –“

„Ich sag immer –“

„Sie sagen: Leistung. Ich sage: mehr Leistung! Sie sagen: Wettbewerb. Ich sage: mehr Wettbewerb! Sie sagen –“

„340 PS. Acht-Stufen-Automatik. 10 Liter etwa. Fast 200 Sachen. Geleast. 279,- im Monat. Laufzeit drei Jahre. Geil, wa? Und du? Immer noch Radler?“

„Wir haben lange überlegt und ihn dann doch Abbondio Amadeus genannt. Willst du mal ein Foto sehen?“

„Pinkeln Sie etwa an meinen Zaun, Sie Schwein?!“

„Wenn Sie zu diesem Bleistift noch einen Kalender und einen Korrekturroller kaufen möchten, hätten wir das dazu passende Mäppchen mit Prinzessin-Lillifee-Motiven um fünfzehn Prozent reduziert da. Wär das was für Sie?“

„So, so, das dachten Sie. Fürs Denken werden Sie aber nicht bezahlt.“

„Arbeit entwickelt Kompetenzen, gibt Orientierung und sozialen Rückhalt, verschafft Anerkennung, wirkt identitätsstiftend und sichert die Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand. Hat jemand etwas hinzuzufügen?“

„Na, Soldat, wir salutiert man richtig?”

„Menschen waren schon immer arm. Hunger gabs auch schon immer. Ist eben so. Kannst du nichts machen. Das Leben ist kein –“

„Erst Nummer ziehen!!“

„Eh, Mann, bist du das wirklich? Ja, meine Fresse! Ewig nicht gesehn ham wir uns, oder?! Wow, ich freu mich echt! Find ich supertoll, dich zu sehen! Hammergeil! Siehst fantastisch aus, ganz ehrlich, total relaxt!“

„Kannst du auch mal positiv sein?!“

„Ich könnte nirgendwo sonst leben. Arschkrampingen ist meine Heimat und der beste Ort der Welt! Und deshalb sage ich laut: Nieder mit Oberarschkrampingen!“

„Ich weiß noch, wie ich an meinem zwölften Geburtstag mit Daddy zum Baseball ging. Es war ein heißer Tag. Die Yankees spielten gegen die Tigers. Das war das Spiel, in dem O’Husty den Rekord von MacPillerman brach. Und Daddy war damals schon sehr, sehr krank …“

„Es gilt nun für uns alle, Reformbereitschaft zu zeigen und die schmerzhaften Einschnitte mitzutragen, um das Vertrauen an den Märkten zurückzugewinnen.“

„Ich weiß, wer da dahinter steckt … aber ich darf’s ja nicht sagen: Israel und die Juden nämlich!“

„Geh arbeiten!“

„Ich finde das toll, dass wir heute nicht mehr so verkrampft sind. Dass man sich auch wieder ganz positiv auf Heimat beziehen kann und Familie und Religion und andere Traditionen. Dieses ganze Rebellionsding war doch sowieso immer total spießig. Ich bete, bin meinem Schorschi treu, liebe mein Land und trage gern Tracht. Ich seh das ganz locker. Und du?“

„Weil ich es Ihnen sage. Reicht Ihnen das als Begründung?“

„So einem Kinderschänder, so einem üblen Dreckschwein, so einem abartigen, perversen Unmenschen, dem würde ich …, dem sollte man …, also so jemanden muss man wie im Mittelalter …“

„Laut Wiedereingliederungsvereinbarung hatten wir aber eine Eigenbemühung im Monat mehr vereinbart. Das muss ich sanktionieren. Sie können sich aber gerne dazu äußern.“

„So jemanden sollte man sofort erschießen!“

„Hey, los, wir tanzen!“

„Letzte Runde!“

„Schlaaaaand!“

„Hände hoch und keine Mätzchen!“

„Pff, die is ja nichmal geladen …“

 

 

 

(zuerst erschienen in „EXOT – Zeitschrift für komische Literatur“, Nr. 17)

Advertisements

Danke, Hape! – DWR bei Facebook

Schlagwörter

 

Zark Muckerberg [Namen v. d. Red. geändert], weltbekannter Rotschopf, kungelt nicht nur mit Freimaurern, CIA und dem Teufel, sondern ist auch, ganz geheim natürlich nur, ein beflissener Förderer des jüngst wieder in Europa erstarkten – und warum wohl erstarkten? – Weltbolschewismus. Zark oder, wie seine Genossen ihn nennen: Hans-Peter ist nämlich besessen von der Angst, dass eine abgründige Wirtschaftskrise im Verein mit klimatischen und geologischen Endzeitspektakeln schon bald dazu führen könnten, dass seine Klimaanlage ausfällt. Was ziemlich scheiße wäre. Genial, brillant und visionär, typisch Hans-Peter eben, ist ihm in seinem wohltemperierten Nachdenkzimmer klar geworden, dass es nur einen – wir wiederholen: nur einen einzigen Weg gibt, die Wohltemperiertheit seines Nachdenkzimmers zu erhalten.

Den Kommunismus.

NUR DER KOMMUNISMUS, schreit Hans-Peter in die Weite des größten Golfplatzes der Milchstraße, der vor seinem Nachdenkzimmer beginnt und zwölf Tagesreisen mit dem Hummer später am Times Square endet, NUR DER KOMMUNISMUS DAS HEISST DIE ABSCHAFFUNG DES PRIVATEIGENTUMS AN PRODUKTIONSMITTELN UND DADURCH DIE ABSCHAFFUNG DER ZERSTÖRERISCHEN KONKURRENZ, DER AUSBEUTUNG DER LOHNABHÄNGIGEN SOWIE DER STAATLICHEN GEWALT UND DES GELDES KANN UNS VOR DER VERNICHTUNG DES MENSCHEN UND DER ERDE UND MICH VOR DER ÜBERHITZUNG MEINES NACHDENKZIMMERS RETTEN DER WIR ODER VIELMEHR IHR TAGTÄGLICH UNAUFFÄLLIG ZUARBEITET WEIL IHR DENKT ES WÄRE DOCH ALLES MEHR ODER WENIGER IN ORDNUNG SOLANGE MAN FRIEDLICH IM NETZ SURFEN KANN!

Um der tagtäglich unwissend oder unbekümmert ihrer eigenen Zerstörung zuarbeitenden Menschheit klar zu machen, dass sie unwissend oder unbekümmert ihrer eigenen Zerstörung zuarbeitet, macht Hans-Peter stante pede achthundertausend Zarkilliarden locker und schickt den Scheck, der so lang ist wie die Beine von neunzig Giraffenherden, wenn man sie amputiert und lückenlos aneinanderreiht, durch die sein Anwesen abhörsicher vernetzende Rohrpost an seinen bolschewistischen Busenfreund und Netzwerkmastermind Hans-Werner mit der Notiz: „Agitation jetzt!“

Hans-Werner, mit dem wir schon in den Achtzigern Skat gespielt haben, als er noch in Gera eine Stasi-Kneipe bewirtschaftete, macht sich daran, die Spende in Höhe des achtzigfachen Bruttioinlandsprodukts der gesamten südlichen Hemisphäre weise zu verteilen und ruft uns zu diesem Zweck noch am selben Tag an.

– Dead, sagt er, Hans-Peter macht ernst. Schmeißt eure miesen Jobs. Ihr seid jetzt Berufsrevolutionäre.

– Na endlich, erwidern wir im Chor, meine Mutter hat sich schon Sorgen gemacht.

– Der Boss zahlt euch Miete, Autos, Hundefutter, Bier, Zeitungen, Spesen, pharmazeutische Erzeugnisse und Sexspielzeug. Und auch sonst alles, was ihr braucht, um das zu machen was ihr macht, spricht der aufrechte Mann.

– Gut, Hans-Werner. Wo ist der Haken? sagen wir natürlich ganz clever.

– Es gibt keinen.

– Ach komm, Junge. Jetzt reden wir mal unter Genossen.

– Na gut, sagt er langsam und räuspert sich… Ihr müsst euch bei Facebook anmelden!

Uns stockt der Atem:

– Das kann doch nicht dein Ernst sein! Wir sollen uns beim CIA und dem Teufel anmelden? Sollen wir uns danach vielleicht auch die Pulsadern aufschneiden?

Hans-Werner nimmt einen Zug an seiner Kubanischen, wie es andere Diplomaten an derselben Stelle auch getan hätten.

– Das ist nicht die einzige Bedingung, schmaucht er in den Hörer. Ihr müsst endlich aufhören mit eurem Satirequatsch, der aufgesetzten Lustigkeit, der als Ironie getarnten Arroganz, den bildungsbürgerlichen Masken und Allusionen, mit den Gedichten, den Theaterformen und überhaupt dem ganzen literarischen und nutzlosen Heckmeck. Ab jetzt legt ihr euch richtig in die Riemen und betreibt nur noch Agitation, geradeaus und ohne zu lächeln.

– Vergiss es. Absolut unmöglich. Nur Agitation?! Was für ein Programm! Das bringt doch überhaupt nichts! Siehst du doch! Da kann er uns genauso gut fürs Furzen bezahlen. Nein, wir brauchen schon auch ein bisschen Kulisse. Du musst auch bedenken: der Heckmeck ist für uns ein Mittel der Agitation, gerade weil er keine Agitation ist. Das lockt Leute an, die sonst niemals marxistische Seiten besuchen würden. Das ist PR. Verstehst du, Hans-Werner?

– Na gut, Jungs. Wir kommen euch entgegen. Ihr meldet euch also nur bei Facebook an und dürft dafür weiter eure postmodernen Idiotien betreiben.

Abgemacht.

 

DWR bei „EXOT“

Wir freuen uns, heute im privaten Rahmen unseres Blogs ankündigen zu dürfen, dass Freiherr Brinus vom Schrock, nicht wegzudenkendes Gründungsmitglied von DEAD WALL REVERIES, daselbst verantwortlich für Financial Networking, Schutzgeld und Inkasso, ein reizbarer, aus der moselfränkischen Lumpenaristokratie zur revolutionären Genossenschaft aufgestiegener Privatmönch und Sodomit, in der aktuellen Ausgabe der einzigen deutschsprachigen Zeitschrift für ausschließlich komische Literatur, im ‚EXOT’en, für einen Text verantwortlich zeichnet, in dem Klassenkampf und Braukunst einander in den Armen liegen, wenn dieses Bild erlaubt ist. Nein, ist es nicht? Dann schick uns ein besseres und gewinne einen Twopack „Basta Blaulicht!“ aus unserer konspirativen Privatbrauerei!

Brinus vom Schrocks Text ist vorläufig leider nur in der Printversion der aktuellen EXOT-Ausgabe zu lesen. Wir entschuldigen uns dafür und versprechen, derlei unbefriedigende Verhältnisse nach der nächsten Revolution aufzuheben.

Den Toast platziert unser CFO:

Mögen die schneckenweichen Gemüter all derer, die noch warme Worte für ihr erbärmliches Lohnsklavendasein finden, zu historischen Gewalttaten hingerissen werden!

Rot Front und à la vôtre!

Musterbewerbung

Jan-Cäsar Hansel

Einheitsgasse 5

43210 Amarschen

Mobil: 0815 / xx xxx xx xx

Mail: adventure_guy8924@dream.biz

McHinz Unlimited AG

McHinz-Unlimited-Platz 1 – 32

D-05111 McHinzenhausen

Amarschen, den 24.12.2019

Powerjob1 im Bereich Rest Room Management

Eure Anzeige im Job-Portal LEBE DEINEN TRAUM! ® vom 24.12.2019

 

Lieber Mitarbeiter, liebe Mitarbeiterin, liebe Trans-, Non- und Postgender,

hiermit möchte ich mich auf eure spannende Anzeige bewerben, nach der ihr für die Europazentrale der McHinz Unlimited AG einhundert Powerjobber im Bereich Rest Room Management sucht.

Ich arbeite bereits seit acht Monaten als staatlich geförderter Powerjobber bei einem renommierten Marktforschungsunternehmen, wo ich bei der primären Datenerhebung insbesondere im Segment Hygieneartikel tätig war. In dieser Eigenschaft war ich unter anderem an der Produktentwicklung des preisgekrönten Hygienepapiers Senator Symphony extrasensitiv® beteiligt und habe außerdem den europaweit führenden Keramikhersteller OSIRIS bei der Markteinführung der Wasserspülung Night inVenezia® unterstützt. Zuvor war ich drei Monate Mitglied eines hochmotivierten Powerjobber-Teams bei der Gebäudereinigungsfirma Karnowsky & Söhne im Zukunftsbundesland Mecklenburg-Vorpommern®, wo ich Erfahrungen in der Beseitigung auch hartnäckigster Exkrementrückstände (beispielsweise von Stadttauben) sammeln durfte. In 2018 habe ich überdies als einer von 8.000 ausgewählten Teilnehmenden der bundesweiten Initiative DURCHSTARTEN MIT HOCHSCHULABSCHLUSS! des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Psychiatrie als Altenpflegehilfskraft in mehreren Lebensabendhäusern und Demenzresidenzen in der Uckermark, der Niederlausitz und den Ostwaldecker Randsenken unter anderem für die börsennotierten Unternehmen EXITUS ESCORT und MINDLESS HAPPINESS gearbeitet. Mit großem Interesse habe ich dabei die abwechslungsreichen Tätigkeiten in der Altenpflege, wie das Austauschen von Windeln, Bettpfannen, Laken und Kathetern, kennen gelernt. Nicht zuletzt habe ich langjährige Erfahrung in den Bereichen Home Cleaning, Personal Faecal Administration und Darmspiegelung (passiv).

Ich möchte erwähnen, dass ich bereits im vorvergangenen Jahr im Rahmen des Auswahlverfahrens für Hygienehilfskraftanwärter an dem von der McHinz Unlimited AG veranstalteten Assessment-Center Be a Hinz!® teilgenommen und dieses mit der Wertung Triple-B: A Hinz for Life abgeschlossen habe, obwohl ich durch einen dummen Zufall beim Haischwimmen in der letzten Runde verletzt wurde und das Auswahlverfahren wegen eines Klinikaufenthaltes leider nicht abschließen konnte.

In diesem Zusammenhang darf ich hinzufügen, dass ich als Diplom-Volkswirt (Abschlussarbeit zum Thema „Positive Auswirkungen eines unbeschränkten Leistungswettbewerbs auf die Situation der Arbeitskräfte“, Note 1,7) mit den ungeschminkten Tatsachen der Konkurrenzgesellschaft gut vertraut bin und daher durchaus Verständnis für die zuweilen kritisierten Methoden der McHinz AG habe, mit deren Leitbild – Work hard! Live wild! – ich mich voll und ganz identifiziere. Den beliebten Slogan I am Hinz! You are Hinz! We are Hinz!® habe ich stets wörtlich genommen und schon früh zu meiner ganz persönlichen Lebensphilosophie gemacht.

Meine ausgesprochen methodische Arbeitsweise in Verbindung mit einem radikal lösungsorientiertes Vorgehen möchte ich als meine größten Stärken bezeichnen. Sie waren auch bisher der Schlüssel zu meinem beruflichen Erfolg. Weitere herausragende Qualitäten sehe ich in meinem realistischen Blick auf Problemsituationen und in meinem Talent, Mitarbeitende auch für scheinbar weniger attraktive Aufgaben zu begeistern. Loyalität, Konzeptionsstärke und Natriumhydrogensulfat sind für mich keine Fremdwörter! Die Position als Hygienehilfskraft bei McHinz Unlimited sehe ich als konsequenten Schritt im Hinblick auf meine berufliche und persönliche Verwirklichung.

Die angesetzte Arbeitszeit von 75 Stunden pro Woche passt mir als Single sehr gut. Auf mein Gehalt in Höhe von 0,95 € pro Stunde werde ich selbstverständlich den Tarifvereinbarungen gemäß während der ersten 18 Monate keinerlei Rechtsansprüche erheben. Die Zahlung der von McHinz Unlimited errechneten Anstellungs-, Einarbeitungs- und Betriebsgebäudenutzungsgebühren in Höhe von monatlich 187,99 € werde ich jeweils am Ersten des Monats leisten. Ein entsprechender Kredit bei der Sozialbank der Warmherzigen Brüder AG ist mir bereits gesprächsweise zugesagt worden.

Ab dem 1. Januar bin ich jederzeit für einen Neubeginn bei der McHinz Unlimited AG verfügbar. Mein großer Wunsch ist es, in einigen Jahren als Rest Room and Garbage Management Trainee ein Teil der McHinzschen Unternehmenskultur zu sein.

Schließlich muss ich darauf hinweisen, dass ich als Träger einer Oberschenkelprothese zu achtzig Prozent schwerbehindert bin, was sich jedoch keineswegs als leistungsmindernd auswirkt, sondern im Gegenteil überdurchschnittliche Problem solving Skills mit sich bringt: meine sogenannte ‚Behinderung‘ begreife ich als alltägliches Resilienz-Training, für das ich sehr dankbar bin, und als Ansporn zu kreativen Problemlösungen.

Über eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch oder zur erneuten Teilnahme am Assessment-Center Be a Hinz!® würde ich mich sehr freuen.

Mit motivierten Grüßen,

Jan-Cäsar Hansel

 

 

ANLAGEN:

1 Motivationsschreiben

1 Lebenslauf

1 Diplom in Volkswirtschaftslehre (Gesamtnote 1,3)

6 Zertifikate div. Weiterbildungen (u. a. Mentaltraining, Leben ohne Geld, Suizidprävention)

9 Zwischenzeugnisse

14 Praktikumsbescheinigungen

1 Verschwiegenheitserklärung

1 Testament

 

Zu meiner Motivation im Bereich Rest Room Management

 

Ich hatte schon immer eine besondere Neigung zu weißen Fliesen. Dieser Glanz, der, geradezu unauslöschlich, noch in einer Neumondnacht von polierten weiß gefliesten Wänden ausgeht, sowie ihre einzigartige haptische Beschaffenheit, weicher als Metall, doch mit mehr Entschlossenheit als Holz, rational und elementar zugleich, lösen in mir Glücksgefühle aus, für die ich mitunter belächelt worden bin. Bereits in Kindertagen habe ich viele Stunden in großer Zufriedenheit damit verbracht, schmutzige Kacheln zu scheuern. Da mein Vater in der Fleischereibranche tätig war, gab es stets Anlass dazu. Das Erlebnis, wie durch den Akt der Reinigung das Wesen der Fliese allmählich ans Licht trat, gerade wenn sie zuvor kaum mehr als Fliese zu erkennen gewesen war, wie der anfängliche Ekel vor dem Schmutz in ein universales Behagen mündete, in dem nicht nur die Fliese, sondern auch mein Geist sich zu Klarheit und Reinheit zu erheben, ja die Welt in einem weißen Polierglanz zu schimmern schien, das weckte in mir ein Triumphgefühl angesichts dieser Metamorphose von krustigem, blutigem Schleim in männliche Vernunft, als hätte ich selbst teil am Akt einer göttlichen Beseelung. Eine Fliese zu scheuern schien mir nicht weniger zu bedeuten als einen Stein, der aus dem Gemäuer des Kosmos gefallen war, wieder dort anzubringen, wo Gott selbst ihn angebracht hatte. –

Auf der anderen Seite berührt mich Schmutz auf ebenso besondere, erklärungswürdige Weise. Ich pflege ihm gegenüber eine geradezu epische Feindschaft, insbesondere gegen seine gröbste, widerlichste, unerträglichste Ausprägung – das Exkrement. Das Exkrement ist der finstere Herrscher über den Unrat in allen Erdteilen, und der Kot die Lepra unter den stofflichen Dingen. Mein Hass auf Exkremente ist die Triebfeder all meiner Handlungen, und meine Gedanken sind nahezu ununterbrochen von Exkrementen beherrscht. Wenn ich Zeitung lese, stoße ich häufig auf Wörter, die mein unermüdlicher Reinigungswille mir vorspiegelt, wie Rechtsexkremisten, Genexkremente, Exkremenzminimum,Urinalgenie,Exkremenzinitiative und Top-Exkremenz. Dies ist keineswegs ein pathologisches Symptom, wie man mir versichert hat, sondern lediglich eine normale Erscheinung bei überaus leistungsbereiten Menschen.

Meine Leistung, von der ich mir wünsche, sie künftig in den Dienst der McHinz AG stellen zu dürfen, ist das Entfernen von Schmutz mit Exkrementcharakter, und meine Bereitschaft zu dieser Leistung ist eine eiserne Entschlossenheit, alles Exkrementale und Exkrementartige, alles Kotige und Urinale, kurz sämtliche Absonderungen des gastroenteritischen Organkomplexes rückstandslos und ohne jedes Zögern zu eliminieren und alle mit derlei Substanzen in direkten oder indirekten Kontakt gekommenen Bauteile zu polieren, zu desinfizieren und zu desodorieren.

Rest Room Manager ist für mich kein ehrenrühriger Beruf. Die Verdauung ist ein sehr viel wesentlicheres Element des Menschseins als Algorithmen oder das interne Rechnungswesen. Hygiene ist die Grundlage unserer Zivilisation, und die Tätigkeit einer Hygienefachkraft ist unverzichtbarer Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft, die ohne das Engagement von Menschen wie mir im Kot versinken müsste. Mit Bürste und Flüssigreiniger steht der Rest Room Manager an den Toren der bestehenden Ordnung. Ich wäre stolz und dankbar, diese dienende Funktion mit all meiner Kraft auszufüllen. Darminhalt ist für mich kein Tabu, das Wort „Arschkriecher“ für mich keine Beleidigung. Ich sehe mich als Dienstleister im Rektalbereich. Scheiße ist mein Leben!

 

 

 

1 Anm. d. Hrsg.: Im Zuge der ‚Neuen Sozialen Arbeitsmarktreform‘ von 2018 wurden die bis dato in Deutschland als ‚Ein-Euro-Jobs‘ bekannten Arbeitsverhältnisse in sog. ‚Power-Jobs‘ umbenannt.

Schwerpunkt zu TTIP & Freihandel in „Z“

 

Die „Z – Zeitschrift Marxistische Erneuerung“ widmet in ihrer nächsten Ausgabe je einen ca. 50-seitigen Schwerpunkt den Themen Freihandel / TTIP sowie den Ursachen des Ersten Weltkriegs. Wer bislang eine eingehende Analyse des geplanten Freihandelsabkommens aus marxistischer Perspektive vermisst hat, dürfte hier fündig werden. Im Mitte Juni erscheinenden Gegenstandpunkt 2/14 wird dieses Thema nach unserem beschränkten Wissen nämlich keine Rolle spielen.

Hier die Ankündigung für Interessierte:

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

hiermit möchten wir Sie auf das Heft Nr. 98 der Z. – Zeitschrift Marxistische Erneuerung aufmerksam machen, das in der ersten Juniwoche-Woche erscheinen wird und jetzt bestellt werden kann.

Schwerpunkte sind die Themen „TTIP und Freihandelsideologie“ und „August 1914 – Kriegsursachen und Kriegsschuld“. Weitere Beiträge befassen sich mit Rosa Luxemburgs „Gefängnismanuskripten“, der Digitalisierung in der Medienwirtschaft, Empirischem zum Eigentum und der militärischen Spitzensportförderung. Dazu Berichte und Rezensionen.

Bestellungen der Z. – Zeitschrift Marxistische Erneuerung sind über eine kurze Mitteilung an die Mailadresse: redaktion@zme-net.de möglich.

Informationen über die Zeitschrift und über die bisher erschienenen Ausgaben finden Sie unter: http://www.zme-net.de

Freundliche Grüße aus Frankfurt sendet

die Z-Redaktion

 

Siehe auch: http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/

 

Stalinismus heute: Europawahl im Schwabenland

 

Kann sich noch jemand an Michael Rogowski erinnern? Der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland hat von 2001 bis 2004 als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie die Interessen des Kapitals in diesem Land vertreten – also die Interessen derjenigen, die durch die niedrigen Löhne ihrer Untergebenen nicht nur an Verdienstorden gelangen. Das ist den „Stuttgarter Nachrichten“ Grund genug für folgende sympathieheischende Einleitung eines Artikels:

Im vergangenen März ist er 75 Jahre alt geworden, doch noch immer geht Michael Rogowski keinem Ärger aus dem Weg. So kennt man den langjährigen Patron des Großmaschinenbauers Voith. Wenn es sein muss, kann er robust hinlangen.

Ein Macher, ein Ärmelaufkrempler, einer, der „unsere Wirtschaft“ voranbringt! Wäre er statt Macher Malocher beim Großmaschinenbauer gewesen, könnte er in seinem 76. Lebensjahr sicher nicht mehr so „robust hinlangen“. Als Ex-Patron aber setzt er weiterhin seine Vitalität für eine gute Sache ein, Geld nämlich, und dafür, dass es sich dort mehrt, wo es schon ist, also auf den Konten anderer Patrone, die unsere Wirtschaft voranbringen.

Dass es bei soviel Anpacken, Robustheit und Hinlangen nicht immer buchstabengetreu pluralistisch zugehen kann und soll – na, wer wüsste das nicht, der über den Sozialkundeunterricht ein wenig hinausgelangt ist. Ins bürgerliche Leben hinaus, wo mit viel Phrasendrescherei um Rechte, Würde und Freiheit eine real existierende Demokratie verbrämt wird, die zu nichts anderem gut ist als zu Erhalt und Rechtfertigung der privatwirtschaftlichen Eigentumsordnung, dummerweise unter tätiger Mithilfe der lohnabhängigen Wähler und Patrioten. Die latschen regelmäßig zu Millionen an die Urnen – die nicht umsonst Urnen heißen – damit „unser Staat“ auch weiterhin so funktioniert, dass sie zwar unbezahlte Überstunden machen, aber immerhin arbeiten gehen dürfen, zwar für andere und zu deren Bedingungen, aber immerhin, es könnte schlechter sein, wie immer, es könnte besser werden, auch wie immer, solange der Strom nicht abgestellt wird, geht’s ja, und Lotto kann man auch noch spielen. Alles bestens also für das Kapital und seine Helferlein, sollte man meinen. Aber man irrt:

Jeden Tag gafft mich der Che Guevara an oder eine Knarre oder sonst irgend ein Spruch, der mich in Rage bringt

sagt Rogowski den Stuttgarter Nachrichten anlässlich der Europawahl, für die auch die berüchtigte Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands plakatiert hat – ironischerweise genau vor seiner Villa in Heidenheim bei Ulm.

Eine perfide Psychofolter, mit der die letzte verbliebene Stalinistentruppe in Deutschland der herrschenden Elite ein ähnliches Gefühl vermittelt wie es aufgeklärte Bewohner Europas verspüren, wenn sie an den Plakaten der etablierten Parteien vorbeikommen und von Horrormasken wie Martin Schulz angefeixt werden. Beide Arten der Belästigung sind natürlich offiziell genehmigt: auch die MLPD ist derzeit, vermutlich wegen ihres minimalen Wirkungsgrads, von keinerlei Verbotsverfahren bedroht.

Nur ist der Rogowski Michael freilich aus anderem Holz geschnitzt als der aufgeklärte Bürger, der die Sprüche und Visagen des etablierten Politkarnevals duldsam hinzunehmen gewohnt ist. Der Rogowski Michael ist nämlich ganz und überhaupt nicht gewohnt, irgendetwas hinzunehmen, was ihm nicht passt! Dafür ist er ja der Patron Rogowski und dafür war er schließlich sogar der Patron der Patrone, der capo di tutti capi des Mehrwertklerus! Und wie andere Capi auch, kann Don Rogowski dann auch handgreiflich werden:

Irgendwann habe ich gesagt, da muss was geschehen. Die Leute haben ja schon gefragt, warum der Rogowski das zulässt. Dann habe ich mir erlaubt, wenigstens die zwei Plakate, die direkt vor unserem Haus hängen, zu entfernen.

Er hat sich das erlaubt. Selbstverständlich. Wer sonst könnte auch ihm etwas erlauben? Der Marxist erkennt hier einmal mehr, dass gerade auch Kapitalisten nicht recht über den bürgerlichen Staat im Bilde sind. Denkt doch der Rogowski in seinem Größenwahn, er müsste da einschreiten, weil es sonst keiner tut! Er begreift nicht, dass es deshalb sonst keiner tut, weil es eben ganz offiziell irrelevant ist, ob und was die MLPD plakatiert. Wenn der Staat eine Partei nicht verbietet, die ihm feindlich gegenübersteht, dann nur deshalb, weil es eine (politisch und strafrechtlich) irrelevante Partei ist und daher auch ein Verfahren gegen sie irrelevant wäre. Um das einzuschätzen, gibt es den Verfassungsschutz. Und solange der keine Bedrohung feststellt, kann es allen anderen Dienern des bürgerlichen Staats auch egal sein, wie explizit rebellisch irgendeine Exotenliga vor sich hin fuhrwerkt.

Aber das weiß der Rogowski alles nicht so genau, weil das ein „Industriekapitän“ auch gar nicht wissen muss. (Schon bei Marx kann man irgendwo lesen, dass die angebliche Genialität des Unternehmers vorwiegend aus Wissen besteht, das jeder Homo sapiens sich in ein paar Wochen aneignen könnte.) Ganz im Geist der alten Pioniere und Self-Made-Men und voller Misstrauen gegen den zögerlichen Staat nimmt er die Sache, also die Plakate, selbst in die Hand – mittels Leiter und Zange womöglich, und das mit fünfundsiebzig! – und verstaut das Diebesgut in seinem Keller. Eine veritable Straftat also. Eine handgreifliche Missachtung der verfassungsmäßigen Prinzipien Privateigentum, Meinungsfreiheit und Volkssouveränität.

Ganz richtig kommentiert Rogowski:

Ich kann nur jeden, der demokratische Grundsätze sein eigen nennt, aufrufen, sich gegen solche Strömungen zu wenden, wo immer er kann,

meint damit jedoch nicht sein eigenes demokratiezersetzendes Tun, sondern die offiziell genehmigte Wahlwerbung eines legalen Zusammenschlusses zur politischen Willensbildung, der nun einmal MLPD heißt. „Demokratische Grundsätze“ werden laut Rogowski also dort ausgelebt, wo greise Herren Wahlplakate stehlen, weil die sie „in Rage bringen“. Diese Art Paranoia sollte man ‚Wutbürgerdemenz‘ taufen: mit staatstreuen Argumenten gegen den Staat vorgehen, weil der nicht staatstreu genug ist, um dann von Polizisten verprügelt zu werden, die selbst dafür bezahlt zu haben man für eine hervorragende demokratische Errungenschaft hält!

Auch Rogowski hat jetzt Ärger mit der Staatsmacht. Die Polizei Ulm ermittelt wegen Diebstahls gegen ihn. Doch der Capo steht dazu, es mit dem demokratischen Gesetz nicht allzu genau zu nehmen, wenn es um seine demokratischen Grundsätze geht:

Das habe ich auch in der Vernehmung durch die Polizei gesagt,

sagt er den ‚Stuttgarter Nachrichten.

Diese Schizophrenie des Ex-BDI-Mannes lässt sich leicht auflösen. In Wirklichkeit scheißt jemand wie Rogowski auf die hehren Ideale der Demokratie, auf die er sich lediglich in guten Worten gern beruft, wie das alle Berufsdemokraten zu tun pflegen. Denn wie alle Berufsdemokraten weiß Rogowski, dass diese Demokratie vor allem jene Staatsform ist, die dem Zweck der Kapitalanhäufung dient. Die MLPD dient diesem Zweck nicht. In seiner Demokratie – und ist es denn nicht seine Demokratie? – haben deren Plakate also nichts verloren. Und wie immer, wenn der Zweck der Kapitalverwertung in einer Demokratie angegriffen wird, wird sofort verlautbart, dass es nun darum ginge, demokratische ‚Werte‘, den Rechtsstaat, die Freiheit und die Würde und Rechte des Menschen an sich zu verteidigen. Mit solcherlei idealistischem Pathos wird das Tagesgeschäft der Demokratie verschwiegen und vernebelt, das, wenn man es offen benennte, gar nicht mehr so verteidigenswert erschiene.

Das demokratische Tagesgeschäft kennt Rogowski. Schließlich war es nicht zuletzt Rogowskis BDI, der zu Gerhard Schröders Amtszeit die Agenda 2010 durchgesetzt hatte – als Kompromiss, denn Hartz IV war Rogowski noch viel zu sozial. In einem Interview mit der ‚Welt‘ sagte er 2004:

Hartz IV ist ein richtiger Schritt, doch er reicht nicht aus. Uns fehlt immer noch ein wirksamer Niedriglohnsektor.

Es ist kein Zufall, dass dieses Ziel inzwischen erreicht ist. Im selben Interview empfahl der Wirtschaftsmann eine Absenkung des Hartz-IV-Satzes um 20-25 %. Mehrfach hat Rogowski sich auch dagegen ausgesprochen, dass Arbeiter und Eigentümer in Aufsichtsräten gleich stark vertreten sind – immer noch haben ihm die lästigen Untergebenen, die produzieren, was die Chefs verkaufen dürfen, viel zu viel zu sagen. Gar nicht sonderbar ist es übrigens, dass der Arbeitgebervertreter immer wieder durch seine Lobreden auf den SPD-Kanzler aufgefallen ist:

Schröder ist kein Mann der Distanz, er ist einfach im Umgang. Und er ist ungemein hilfsbereit,

sagte Rogowski 2004 dem Spiegel. Bleiben bei solchen Formulierungen noch Fragen zur deutschen Sozialdemokratie offen?

Natürlich zieht Rogowski heute auch das gleiche Resümee wie Schröder (bzw. umgekehrt):

Dass es Deutschland heute so gut geht, liegt maßgeblich an der Agenda 2010.

In solchen Sätzen ist Deutschland freilich immer synonym mit den deutschen Unternehmen und die wiederum sind nicht etwa mit ihrer Belegschaft gleichzusetzen, der es ja gar nicht so gut geht, sondern mit dem Kapital und seinen Eignern. Und dass es dem Kapital heute so gut geht, während es Millionen von Menschen sehr viel schlechter geht (nicht nur Kindern, Rentnern, Frauen, Leiharbeitern oder Schuldnern), ja, das ist in der Tat ein Resultat der funktionierenden Demokratie in Deutschland, für die Rogowski verständlicherweise auch auf die Straße geht.

Um diese Demokratie, da seien alle Wähler und Patrioten beruhigt, muss man sich keine Sorgen machen. Nicht, solange sich Patrone nur über die MLPD aufregen müssen. Nicht, solange die sie nur mit Wahlplakaten ärgert – Wahlplakate, die der Genosse Stalin seinen MLPD’ler sehr zu Recht um die Ohren gehauen hätte (mindestens…). Und erst recht nicht, solange ausgerechnet Maoisten und Stalinisten den bürgerlichen Staat zu Hilfe rufen gegen einen Mann, zu dessen Gunsten dieser Staat gemacht ist, um ihn wegen Diebstahls anzuzeigen, wo sie ihn doch eigentlich enteignen wollten…

Ja, es sind goldene Zeiten für das Kapital, das gern robust hinlangt, während Revolutionäre Anzeige erstatten.

Der Katalog der bürgerlichen Tugenden – die Pünktlichkeit

 

Es ist einfach unhöflich, jemanden warten zu lassen! Und mehr als das: wer wartet leidet. Wer arm ist oder wer schuftet leidet zwar auch, und sicher viel stärker, aber das gehört dazu, denn es ist Leiden, welches Reichtum schafft – wenn auch einen Reichtum, welcher Leiden schafft. Und mehr als das: auf den Punkt zu kommen ist wie auf den Punkt zu nageln eine wichtige Bedingung für Planungssicherheit, für ein widerstandsloses Ineinandergreifen der Prozesse, für das unverlangsamte Fortdrehen des Rads der warenproduzierenden Gesellschaft. Ein Punkt hat keine Ausdehnung und ist ein Sinnbild der Genauigkeit; ‚Pünktlichkeit‘ ist ein bildhafter Ausdruck für eine exakte Zeitplanung, auf der vielerlei weitere Exaktheit beruht. Und mehr als das: wer pünktlich kommt, tut nicht nur den Andern, sondern auch sich selbst einen Dienst, beweist er doch, wozu er organisatorisch imstande ist. Pünktlichkeit zeugt von Klugheit, Realismus, Selbstbeherrschung, Orientierung, Lebenstüchtigkeit und Verlässlichkeit, allesamt unverzichtbare Qualitäten eines erfolgreichen Geschäftsmenschen (und damit jedes Menschen). Der Pünktliche empfiehlt sich für eine Geschäftsbeziehung. Ginge es heute nicht darum, geschäftstüchtig und berechnend zu sein, sondern darum, phantasievoll und geistreich ein Dasein mit möglichst vielen anderen Menschen – und nicht gegen sie – zu verleben, dann wäre der Pünktliche eine bedauernswerte Figur, ein zwanghaft alberner Charakter, dessen Bedürfnis nach abstrakter sozialer Genauigkeit ebenso unverständlich bliebe wie jede sonstige Forderung nach ‚Höflichkeit‘. Und mehr als das: indem man sich durch Pünktlichkeit empfiehlt, man also kundtut, dass kein möglicher Sinnenrausch, kein geistiger Genuss, jäher Lichtstrahl der Erkenntnis, kein plötzliches Aufreißen der drückenden Wolken unter golden aufs Grün hervorschießender Lichtflut und ja, auch kein heftiger Krampf, ein später vielleicht tödlicher, kein Anfall von Todesangst – dass also nichts auf dieser weiten Welt einen hatte davon abhalten können, die Verabredung auf die Minute einzuhalten, indem man das kundtut, dient man sich dem Erwartenden an, unterwirft man all seine Möglichkeiten, für heute, einer bloßen Gepflogenheit, die zudem voraussetzt, dass der Andere all diese Möglichkeiten wohl nicht habe, sich ohne einen selbst entweder jämmerlich langweilen müsse oder in seiner Leblosigkeit immerhin keine Krämpfe oder Ängste kenne, die ihn selbst vielleicht daran gehindert haben mochten, pünktlich zu sein. Diese gegenseitige Erniedrigung vor jemand, den man doch nicht achtet, ist die Haltung von übereifrigen Lohnempfängern, die es sich nicht nehmen lassen wollen, ihrem Chef zu zeigen, dass sie ihm für ihren wenig eifrigen Lohn nichts von der eigenen Arbeitszeit, die er niemals voll entlohnt, nehmen wollen: Pünktlichkeit ist ein Symptom der Selbstverleugnung.

 

Der Katalog der bürgerlichen Tugenden: die Höflichkeit

 

Jedem Fremden mit derselben angeübten Freundlichkeit zu begegnen widerspricht den bürgerlichen Werten der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit – so dass man schon an dieser Stelle leicht ersehen kann, wie viel den Vertretern der bürgerlichen Gesellschaft ihre eigenen Tugenden gelten. Wer seinen Vorgesetzten hasst, der wird die Höflichkeit einer aufrichtigen Geste vorziehen. Wer seinen Untergebenen nicht schätzt, macht es umgekehrt. Der Gang der Geschäfte entscheidet über den Wert der Tugend wie der Tugendhaftigkeit allgemein, die doch, so heißt es, zum Geschäft im Widerstreit steht: zähmen die vielgelobten bürgerlichen Werte etwa nicht die Herrschaft des Geldes und veredeln sie von der Kriegsgesellschaft zur „Zivilgesellschaft“ (ganz so, als wäre ein höflich Gefeuerter, gerecht Eingesperrter, aufrichtig Ausgegrenzter oder bescheiden Zugrundegegangener fast schon zu beneiden)? Halb Heuchelei oder entleerte Form, halb ästhetische Erleichterung all jener schweren Worte und ernsten Taten, die das Geschäftemachen zwischen Konkurrenz und Bankerott nun einmal mit sich bringt, ist der „zivilisierte Umgang miteinander“ mit Zimmerpflanzen in Kasernen und Konzernen vergleichbar: ohne Einfluss auf Berechnungen, die zur optimalen Vernichtung oder Verwertung von Leben angestellt werden, sorgen sie für eine angenehme Atmosphäre, die den Angestellten ihre Aufgabe umso leichter macht. Alle Höflichen – und es sind erfreulich viele – stellen sich als Zimmerpflanzen in die Korridore der Klassengesellschaft und lächeln Arm und Reich, Emporgekommenen und Niedergetretenen gleichermaßen ermutigend zu, mit dem, was sie nun einmal sind, in Frieden fortzufahren – gutmütige Masken eines kostümierten Schicksals. Und spricht man einen von ihnen darauf an, dann lächelt er nur weiter, räuspert sich und sagt: „Entschuldigen Sie, das war nicht meine Absicht.“

 

Notizen von der Alm: über Blogs, Erfolg, Kunst(-kritik) und die unbekannte Materie

Warum schreiben Menschen Blogs? Die meisten Blogs werden nicht um der Texte willen geschrieben, sondern desjenigen wegen, der sie schreibt: hier hat jeder, auch der unbeachtetste und erfolgloseste Mensch im bürgerlichen Kosmos, seinen Platz, den er mit allerlei Illusionen, Erwartungen und Beschönigungen kultivieren und mit beliebigen Inhalten zumüllen kann, bis ihm der eigene Dreck bis zum Hals steht. Er stellt sich vors digitale Fenster und sagt sich: jetzt werde auch ich gesehen. Nur wenige, und von denen wieder viele, die sich belügen, sagen: jetzt werden meine Inhalte gesehen. Aber vielleicht schaut ja niemand zu ihm hoch. Daran darf er nicht denken, denn das hieße: unbeachtet, das hieße: erfolglos zu sein. Das hieße: ebensogut tot sein zu können.

An dieser Stelle treten dann die Fragen nach „dem Sinn des Lebens“ auf: ja, warum denn leben, wenn man Erfolg haben soll, ihn zugleich aber offenbar nicht haben kann? Diesen Widerspruch kann in der Tat nur Gott lösen – sofern man ihn sich nicht bewusst macht und nicht auf die Idee gebracht wird, den Nebensatz mit Wenn als profitables Diktat der profitgeschmierten Gesellschaftsform, der wir dummerweise unterliegen, zu erklären, anstatt seinen individuellen ‚Wert‘ daran zu messen. Womit auch das Ziel dieses Blogs schon genannt wäre: Leute auf solcherlei Ideen zu bringen, auf die wir selbst, nur eben früher, gebracht worden sind, Ideen, die (in einem ersten Schritt) die (innere) Emanzipation von einer Gesellschaftsform ermöglichen, die nur durch die Identifikation derjenigen mit ihr, die in ihr wenig zu gewinnen haben, überhaupt bestehen kann – ein Widerspruch, den nur sie selbst lösen können (oder, wie der Erfolgstrainer sagt: es liegt an dir!).

Die Angst vor der Erfolglosigkeit gab es im Feudalismus nicht. Erfolg und seine Notwendigkeit – die jeder schon ganz allein und vor sich selbst vertritt, weil er oder sie sich sonst nicht mehr traut, „in den Spiegel zu schauen“, selbst wenn kein Anderer etwas vom Mißerfolg merken würde – ist eine der wunderbaren Entwicklungen der ‚freien‘ Konkurrenz des bürgerlichen Zeitalters. Jeder darf versuchen, der zu werden, der er sein möchte – solange er nur dafür arbeitet und konkurriert, was in fast allen Fällen nichts anderes bedeutet, als dass er eben nicht derjenige sein darf, der er gerne sein möchte. (Aber das weiß er erst, wenn es so spät ist – dass er es oft nicht einmal mehr einsehen kann.)

Vor allem darin versiertere amerikanische Promis, die sich vor der Kamera zu ihrer Karriere äußern, beeilen sich stets zu sagen, dass sie ja hart für ihren Erfolg gearbeitet haben, und legen damit den Fehlschluss nahe, dass es von der Arbeit zum Erfolg (als Synonym für den „Traum“, den jeder am Feierabend auch noch pflegen soll wie ein magisches Haustier) so ähnlich hinüberginge wie vom geplatzten Kondom zur Schwangerschaft: spätestens nach einigen Versuchen wird das was. Nein, es wird nichts, jedenfalls meistens nicht: man muss nur die Masse der Träumenden mit der ‚Masse‘ der Gewinner ins Verhältnis setzen, da darf man auch ruhig grob schätzen, um einzusehen, dass es viele VerliererInnen gibt, die sicher auch wahnsinnig fleißig, hochbegabt oder sonstwie toll sein dürften, und – oh konträr! trotzdem kräht kein Hahn nach ihnen. Sind es doch nicht die Qualitäten oder irgendein Mangel an ihnen, der über den Werdegang eines Menschen entscheidet, sondern die immergleiche Kalkulation, ob dieser Mensch in die Verwertungsmuster der kapitalistischen Gesellschaft allgemein und diejenigen, die in seinem speziellen Betätigungsfeld nun einmal gerade gelten (und wer weiß, wie lange), hineinpasst.

Will man die Verwertung auf dem Weg zum Erfolg einfach umgehen – beliebtes Perspektiven-Puzzle bei kreativen Frechdachsen in den bürgerlichen Metropolen – kann es einem durchaus gelingen, als Partikularmatador in einer der unzähligen Independent-Sparten dieses Universums seinen Erfolg auszukosten – als Mod-Programmierer, Punk Porn Regisseurin, Welsangler, Deviant-Art-Fotograf, Fan-Fiction-Autor oder als irgendein anderes sonderbares Wesen des Lebe-deinen-Traum-Zoos, dessen komplizierte Bezeichnungen kein Nicht-Spezialist überhaupt je gehört hat – während man eben nach Feierabend noch kurz in einem Call- oder Jobcenter eincheckt, um easy peasy die paar Kröten abzuholen, mit denen man sich lässig ein paar Lebensmittel anschafft. Schließlich steht schon bei Jesus, der ja auch als Indie-Prediger den Sprung ins große Business geschafft hat (und dabei authentisch geblieben ist!): „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

(Er braucht auch Wasser.) Die Materie müsse man nicht so absolut nehmen, lautet so ein weiteres Dogma, das den Glauben an die bürgerliche Gesellschaft ausmacht. Im Geistigen lässt sich nämlich immer alles irgendwie so hinbiegen, wie man es haben will, selbst wenn es im Materiellen vollkommen anders ist. Aber wer weiß überhaupt so genau, wie es im Materiellen, also in der Ökonomie, in der Umwelt, in der Lebenswirklichkeit der Körper von Menschen und Tieren auf diesem Planeten so zugeht? Die bürgerliche Welt leistet sich inzwischen eine Armada an Disziplinen und Branchen, Kirchen und Künsten, Schulen, Institutionen und runden Tischen, die der gewaltigen Aufgabe, das materiell und faktisch Bestehende – also dass der größte je in der Geschichte der Menschheit angehäufte Reichtum an Gütern mit 9 Millionen Hungertoten jährlich zusammenfällt – durch geistige Erfindungen und Interpretationen zu vertreten: zu rechtfertigen, zu verschleiern oder davon abzulenken, aufs Prächtigste nachkommen.

Gäbe es in der heutigen historischen Situation keine Kunst, keine Unterhaltungsindustrie, keine Filme, Spiele, Serien, Comics, Musik und Romane, die kapitalistische Gesellschaft stände unmittelbar vor ihrem Zusammenbruch. Kaum jemand würde sich dann zumuten, was er sich heute noch zumutet, getröstet und vertröstet durch fiktive Welten. Brauchbar ist diese Überlegung für alle, die noch an die Kunst glauben, in ihr gar einen Motor des Fortschritts, des Guten und Wahren, und nicht einfach des Schönen und Reizvollen sehen wollen, das mit dem Wahren umso weniger gemeinsam hat, je häßlicher und profitabler die Zeiten sind.

Man sollte Kunst ernst nehmen, aber als ideologisches Phänomen, als Technik der Weltflucht und Lebens-Verhinderung. Kunst an und für sich, also den Bereich des gezielt Nutzlosen ernst zu nehmen, ja überhaupt hinzunehmen, seine Nutzlosigkeit gar zu verherrlichen, einen Sinn, eine Identität, ein ganzes scheinhaftes Leben darum herum aufzubauen und nicht einfach ‚nur‘ Lusterlebnis oder Vergnügen sein lassen zu können, das man mit einem einzelnen Kunstwerk haben oder auch nicht haben kann, heißt eben nichts anderes als das materiale Leben, in dem sich Leben und Tod tatsächlich entscheidet, nicht mehr ernst zu nehmen.

Auch für die sogenannten linken Kunst-, Literatur- oder Filmkritiker, die glauben, sie träten für eine gesellschaftliche Veränderung am besten dadurch ein, dass sie einzelne Kulturprodukte nach Ideologischem durchforsten, es freilich finden und dann nach allen Regeln der Theoretisierkunst in einer entsprechenden Rezension kräftig verurteilen, gilt, dass es immer und in jedem Fall leichter und nützlicher gewesen wäre, in derselben Zeit, an demselben Ort, demselben Kommunikationspartner ein paar wissenswerte Einwände gegen Lohnarbeit, Konkurrenz, Wahlen, Marktwirtschaft, Schule, Familie, Geld oder Nationen zu unterbreiten.

Ob die Menschen ihre Zwänge in der bürgerlichen Gesellschaft akzeptieren oder annehmen, hängt nicht davon ab, in welcher Qualität oder Quantität sie ideologische oder aber ungeheuer aufgeklärte Kunstwerke rezipieren, in welchen beiden ohnehin und per definitionem Mehrdeutigkeit und Emotion die rationale Ebene überstimmen, sondern ob sie diese Zwänge und einiges von dem, was sie für den Untertanen konkret bedeuten, überhaupt erkennen. Diese Erkenntnis zu fördern kann und wird niemals vorrangig Aufgabe irgendeiner Kunstrichtung sein – sonst wäre es eben keine Kunstrichtung mehr, sondern sachliche, rationale, bilderarme Agitation.

Auch linke Kritik von Kunstprodukten dient vor allem der Konsumberatung und Orientierung in der bürgerlichen Waren-Welt, zu der die Kenntnis gewisser Kunstprodukte in jeder Klasse und jedem Milieu dazugehört, damit man über das, was einen bedrückt und was man nicht ändern zu können meint, nicht nachdenken oder sprechen muss.

Wie schreibt Theodor Fontane irgendwo: „Der Satz ‚meine Kunst ist mein Leben‘ bringt mich um.“ Nicht nur ihn, auch den Sprecher des Satzes.

Alle Dummheit beginnt mit dem ‚Geist‘.

Die Perspektive des Autors