Neue Rubrik „Aufschlussreich“

 

Seit kurzem besteht DWR aus einer weiteren Rubrik mit dem Namen „Aufschlussreich„.

Hier sollen lediglich Zitate, Exzerpte oder kurze Transkriptionen versammelt werden, die irgendwo sonst von irgendwem geschriebenen oder gesprochenen Texten entnommen sind und uns für eine kommunistische Perspektive ebenso wie für den neugierigen Zaungast, der unsere Kritik (bislang) nur in Ansätzen teilt, relevant, eben: aufschlussreich erscheinen.

Alle Auszüge bleiben unkommentiert. Sie können also Aufschluss geben entweder durch ihre besondere Nützlichkeit, Klugheit und Trefflichkeit oder als ernüchterndes Beispiel und Mahnmal der Verirrung. Welche Aussage in welche Schublade gehört, erschließt sich dem Lesenden durch Hirngebrauch.

„Aufschlussreich“ wird etwa zwei Mal wöchentlich erweitert.

(Dass auch hier wieder sektiererischen ‚Mißverständnissen‘ und denunziatorischen Taschenspielereien eine Krabbelecke eröffnet wird, nehmen wir nicht etwa nur hin, sondern begrüßen wir sogar im Namen der Vielfalt emotionaler Erfahrung, welche in der bürgerlichen Gesellschaft zwischen Produktion und Reproduktion schon allzu sehr gelitten hat.)

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DWR bei „Le Bohémien“

 

Lieber Sympathisant, geehrte Genossin, geneigte Gäste,

mit elf zu eins Stimmen hat das vorgestern nacht in der Behelfsküche unserer unterirdischen Geheimfestung tagende Oralkomitee von Dead Wall Reveries eine mit dem heutigen Tage beginnende informelle Zusammenarbeit mit dem ökonomiekritischen Blog „Le Bohémien“ in Form eines lockeren Gelegenheitsaustauschs von Texten und Thesen beschlossen.

Erstes Zeugnis dieser publizistischen Kooperative ist die Zweitveröffentlichung unseres Selbstinterviews vom 09.07.2012 unter dem treffenden Titel „Weltrevolution in der Szenekneipe„.

Da der Konsumismus und die Konkurrenz uns alle zu Wesen geformt haben, die ihr Glück stets von sich selbst, ihr Unglück aber stets von ‚Gegen-Menschen‘ verwirklicht wähnen, kurz: die in Wagenburgen zusammenstecken und den nichtkriegerischen Austausch mit Apachen oder Hottentotten meiden, ist dem Einleitungstext von „Le Bohémien“ ein Argument beigefügt, das den Einlass von Marxisten ans heimische Feuer aufklärerisch rechtfertigt.

In derselben Weise sehen leider auch wir uns veranlasst, hier eine Note für haltlos identifizierte Splittergruppenagent_innen anzufügen, die uns künftig vorwerfen mögen, mit der Publikation eines unserer Texte an fremdem Ort das Böse in der Welt unmäßig zu befördern: wir sind dem intellektuellen Stadium der Wohngemeinschaft inzwischen weit genug entrückt, um auf Denunziation und Aussagenunterschieberei von Texten, die wir womöglich nicht einmal gelesen haben, hin zu unseren eigenen Texten, nur weil die danebenstehen, mit einem gedankenschweren Mittagsschlaf zu reagieren.

(Als Kommentatoren sind DWR-Mitglieder übrigens schon lange in tatsächlich finsteren Tälern des virtuellen Gebirges aktiv, um dort, quasi-entristisch, mäeutisch oder drachentötergleich, mit Neoliberalen, Neuen Rechten und sogar – horribile dictu – Sozialdemokraten die blutigen Klingen zu kreuzen. Und warum das? Weil man den Drachen schließlich nicht zuhause bekämpfen kann.)

Wie formulierte einmal Genosse Viktor Vladimirowitsch Starogin so einprägsam:

Wer glaubt, die großen Probleme der Gesellschaft, die uns zusetzt, mit zahnärztlicher Gesinnungshygiene lösen zu müssen – der ist an ihrer Lösung nicht interessiert.

Serienjunkies – Wie wirken Massenmedien?

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Ist die Doktorarbeit der Ministerin ein Plagiat? Tritt Frau Sowieso zurück oder kann sie sich halten? Hatte sie Tränen in den Augen, als sie zurücktrat? Hat der Liberale die Journalistin an der Hotelbar unsittlich angesprochen? Ist er vielleicht Alkoholiker? Wer wird jetzt in Sowieso gewählt? Hat die Sowiesopartei in den Umfragewerten gewonnen oder verloren? Und warum eigentlich? Wird bei der Anhörung des Vorstandschefs klarer werden, wie weit seine Bank in die Zinssatzmanipulation verwickelt war? Und was macht eigentlich der Bundespräsident momentan? Wer hat gegen wen wie aggressiv auf dem politischen Aschermittwoch polemisiert? Welches Karnevalskostüm trug diesmal der bayerische Finanzminister? Und wie geht es weiter im Lebensmittelskandal XY? Gibt es da neue eklige Details? Werden Köpfe rollen?

Auf diese und tausendundeins weitere Fragen antworten tagtäglich Massenmedien, bislang vor allem in gedrucktem, künftig wohl überwiegend in digitalem Format. Was für die nur sekundär wichtigen Freizeitressorts Sport, Reisen, Wochenende, Kunst und das Feuilleton mit seinen solipsistischen Fortsetzungsdebatten gilt, kann mit einer Einschränkung auch vom staatstragenden Politik- und Wirtschaftsteil der Nachrichten gesagt werden: zwar berichten sie vom demokratisch legitimierten Verwaltungspersonal des Staates und den „Entscheidern“ in den privaten Vorständen, welche beide einen unleugbaren Einfluss auf das Leben der gesamten Bevölkerung haben; zugleich jedoch wird mit dieser auch ästhetisch wirksamen Doku-Soap eine Welt des Scheins erzeugt und ausgeleuchtet, die so oder so ähnlich zwar tatsächlich existiert, deren eigene Abhängigkeit von wenigen grundlegenden Prinzipien unseres Gemeinwesens aber niemals in den Massenmedien explizit erwähnt wird – auch wenn sie sich ebensowenig je ganz verschweigen lässt – und das schlicht darum, weil sie den MedienmacherInnen selbst meist nicht bewusst sein dürfte[1].

Ein Beispiel. Auch in Deutschland werden regelmäßig massenhafte Entlassungen bekannt. Im Anschluss an derartige Meldungen spekulieren die Wirtschaftsexperten der Medien im gleichen Geist wie Gewerkschafter und Politiker über die Fehler und Mängel des Managements in jedem einzelnen Fall. Was hätte man tun können, um das zu vermeiden? Was könnte man in Zukunft tun? Wer ist dafür der richtige Mann und wer war der falsche, der das nicht eingesehen hat? Diese Fragen kann man natürlich stellen. Aber von den Fragen, die man stellen kann, sind das die weniger wichtigen. Freilich haben Manager Macht und können ihr Unternehmen auf diese oder jene Art leiten. Ihre Macht wird aber vom Markt eng begrenzt, die Konkurrenz, die jedes Unternehmen stets in seiner Existenz gefährdet, diktiert den „Entscheidern“ ihre Entscheidungen. Der „Boss“ ist nur der Ausführende objektiver Zwänge des freien Marktes, die ihm in (für andere) schwierigen Situationen zurecht als Entschuldigung dienen. Auf diesem freien Markt ist jeder Lohnempfänger ein Kostenfaktor, der nötigenfalls eben eingespart wird – ob man das nun „ungerecht“ findet oder nicht. Leider spricht von diesen objektiven Zwängen in den meisten Medien niemand. Warum nicht?

Zum einen einfach deshalb, weil die Erkenntnis der immanenten Gesetze des Kapitalismus nicht zum Weltbild und auch nicht zum Weltwissen der Meinungsmacher, Gewerkschafter und Politiker gehört. Wäre das anders, wären sie keine Meinungsmacher, Gewerkschafter und Politiker und hätten ein weniger wichtiges und weniger bequemes Leben. Diese Erkenntnis dringt nicht zu ihnen durch, sie wird an vielen Stellen auf ihrem Weg ‚blockiert‘, an institutionellen, an sozialen, und last, but not least an der Stelle im eigenen Kopf. Das hat wiederum darin seinen Grund, dass die einzige Lösung des Problems, auf die man von dieser Erkenntnis der Zwangsläufigkeit des kapitalistischen Wirtschaftens schlussfolgern kann, die Überwindung des freien Marktes wäre. Das aber wird einem auch im Studium der Volkswirtschaftslehre keineswegs beigebracht; dort lernt man vielmehr, wie man eine solche Schlussfolgerung nicht zieht. Denn Radikalität ist ein Karrierehindernis und eine Gefährdung, selbst wenn sie tausendmal recht hätte. (Das ist der Galileo-Effekt.)

Der dritte Grund ist spekulativ und würde auch für jene gelten, die das Spiel des Marktes durchschaut haben und bemerken, dass man keine Zeitung machen kann, wenn man sich aufs Grundsätzliche beschränkt: Aktualität muss kleinteilig sein, je detaillierter ich berichte, desto mehr Neuigkeiten habe ich zu berichten. Nach Neuigkeiten und Geschichten, nach der Fortsetzung, der Antwort auf die ewige Frage derer, die abgelenkt werden wollen: „Wie geht’s weiter?“ – danach besteht ein zahlungskräftiges Bedürfnis. Dieses Bedürfnis zu stillen ist ein Geschäft, und zwar zumindest in der Unterhaltungsindustrie ein sehr gutes. Die Antwort: „Das ist doch unwichtig, solange grundsätzlich alles beim Alten bleibt“ würde dieses Geschäft verhindern. Und die Verhinderung von Geschäften macht das Leben im Kapitalismus für niemanden einfacher. Anstelle einer Tageszeitung hätte man bald eine Vierteljahresschrift, die mehr oder weniger „Das Kapital“ an aktuellen Fällen durchdekliniert und ganz sicher ohne Anzeigenwerbung auskommen muss. Also macht man eben mit: „Was soll’s?“

Der Zweck einer Zeitung mag es sein, das Geschäft und die Unterhaltung mit vorsortierten Informationen über das Entscheidungspersonal der “marktkonformen Demokratie“ (Merkel) zu verbinden. Diese Größen werden je nach ökonomischer Vorgabe und politischer Tendenz in verschiedenem Verhältnis austariert. Die Wirkung einer Zeitung (oder eines vergleichbaren massenmedialen Informationsformats) besteht darin, durch kontinuierliche Berichte aus einem scheinbar geschlossenen Kosmos der Macht ihre Leser dazu zu bringen, das politische und ökonomische Personal als letzte Instanz der Herrschaft anzuerkennen, der sie unterworfen sind; dabei wird diese Wirkung notwendigerweise auch ästhetisch durch die immanente Erzählstruktur der Nachrichten vermittelt. Die objektive Dynamik der Kapitalverwertung jedoch, der alle dramtis personae unterliegen, kommt in diesem Theater der Charaktermasken, in dieser bunten Mythologie von Pseudogöttern nicht vor. Genau darin besteht die von allen Massenblättern täglich verbreitete Ideologie.

 


[1] Insofern wäre es ungenau, hier von einer bewussten Inszenierung zu sprechen; es wäre aber ebenso ungenau, einfach einen Irrtum zu unterstellen. Das unhinterfragte und professionalisierte Ernstnehmen dieser abhängigen oder de facto zweitrangigen Welt der Tagespolitik ist eine ideologische Erscheinung, also eine falsche Haltung aus gesellschaftlichen Zwängen heraus.

 

Sie nennen es Arbeit oder: Sind Bullen Bastarde? – Simples zum bürgerlichen Staat

 

Just as every cop is a criminal / And all the sinners saints

Bei Linken gehen sogar die Meinungen über die Polizei auseinander. Manche Linke, Anarchisten, Autonome und Antifas zum Beispiel, mögen sie verabscheuungswürdig finden, andere, darunter Volksvertreter der Linkspartei, Ex-Skinheads im Zeugenschutzprogramm, die jetzt SPD wählen, und natürlich Antideutsche, finden die Polizei eigentlich ganz okay. So hat eben jeder seine Meinung. Und bei einem Bierchen darf man sich darüber streiten, diskutieren und in der Kneipe auch mal etwas lauter herummeinen, das ist ganz legal.

Am besten wäre es aber, man hätte überhaupt keine „Meinung“, sondern stattdessen ein Wissen über die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen die Polizei steht, also Kenntnisse und Einsichten, die man an den tagtäglichen Abläufen in dieser Gesellschaft auch überprüfen kann, was ihren ‚Gebrauchswert‘ ausmacht. Bei der Entstehung solcher Einsichten mag der folgende Querschnitt durch den bürgerlichen Staat dem einen oder der anderen behilflich sein. (Ob übrigens der einzelne Polizeibeamte oder seine Kollegin wegen oder trotz ihres Berufs zum Kreis jener Personen gehört, mit denen man gern auch mal in der Kneipe die Meinungsfreiheit auskostet oder lieber nicht, das ist eine für unsere Zwecke völlig belanglose, weil gänzlich unpolitische Frage. Dass aber PolizistInnen auch Menschen sind und sicher auch solche, denen es besser gehen könnte und besser gehen sollte, muss hoffentlich nicht eigens erwähnt werden.)

Ein kapitalistischer Staat wird mit einem bestimmten Ziel organisiert: mit dem Ziel, auf dem seiner Herrschaft zugehörigen Gebiet optimale Bedingungen für das Kapital zu schaffen. Kapital ist eine Summe Geld, die vermehrt wird. Kapitaleigner wie Aktionäre, Unternehmer oder Banken investieren eine Summe a nur zu dem Zweck, später eine Summe a + x zu erhalten. Das x ist der Mehrwert, der Prozess, der zu ihm führt, heißt Verwertung. Ein volkswirtschaftliches Signal für optimale Verwertungsbedingungen in einem Staat ist ein deutliches Wirtschaftswachstum. Die Prozentzahl für das Wirtschaftswachstum ist quasi eine Schulnote für die kapitalistische Funktionalität eines Gemeinwesens.

Der Mehrwert kommt durch Arbeit zustande. Je mehr die Menschen in einem Land arbeiten, desto mehr erwirtschaften sie, desto besser lässt sich das Kapital verwerten. Der kapitalistische Staat hat ein zentrales Interesse an der Arbeit seiner Bürger, und zwar auch an der Höhe oder besser gesagt an der Niedrigkeit ihres Einkommens. In jedem kapitalistischen Staat ist dafür gesorgt, dass die Lohnabhängigen nicht am Dienstag sagen können, dass ihnen zwei Tage Arbeit in der Woche eigentlich genügten und sie deshalb jetzt ins Wochenende gingen. Durch die Lohnhöhe ist dafür gesorgt, dass kaum jemand von zwei Tagen Arbeit pro Woche leben kann. Der Lohn, der die Menschen dazu zwingt, mehr zu arbeiten als sie wollen und immer häufiger auch mehr als sie können, folgt aus Entscheidungen, die für die Verwertung des Kapitals getroffen werden müssen. Staatliche Institutionen flankieren diese Entscheidungen, geben den rechtlichen Rahmen der Eigentumsordnung vor, verwalten die Armut in einer Weise, die Arbeit nicht entbehrlich, sondern erstrebenswert macht und schützen das Privateigentum vor jedem Zugriff, der nicht tauschen, sondern nehmen will.

So sind die Lohnabhängigen also, ob sie wollen oder nicht, zu einem ganzen „Arbeitsleben“ genötigt. Ein Fliesenleger ist gezwungen, fünfundvierzig Jahre lange seine Arbeit großteils auf den Knien auszuführen, ganz egal, ob er Schmerzen hat und seinen Körper dabei verkrüppelt. Ein Tischler, der an der Fräse zwei Finger verliert, ein Fabrikarbeiter mit einem Bandscheibenvorfall, Arthritiker auch in weniger anstrengenden Berufen mit immergleichen Bewegungen oder die Unzahl psychisch erkrankter Büroangestellter – sie alle haben ihre Schmerzen auszuhalten, ihre Schädigungen zu überspielen und weiter ihre Arbeit auszuführen, wenn sie nicht in Armut geraten und sich in allen ökonomischen Entscheidungen von staatlichen Repräsentanten bevormunden lassen wollen. Der bürgerliche Staat lässt ihnen keine andere Möglichkeit. Es gibt kein staatliches Auffangprogramm für kranke Lohnabhängige, um sie aus ihrer Abhängigkeit und in eine teure Therapie zu entlassen. Es gibt dieses Programm nicht, weil es wohl die Mehrheit der Lohnabhängigen beträfe.

Eine kapitalistische Volkswirtschaft unter Verwertungsvorgabe basiert also zum größten Teil auf der Arbeit von eingeschränkt arbeitsfähigen LohnarbeiterInnen oder, konkreter gefasst, auf dem physischen und psychischen Leid der arbeitenden Bevölkerung. Zugespitzt, aber nicht verfälschend, könnte man sagen, dass für die Mehrheit der Menschen in Deutschland der ökonomische Zwang zur Arbeit einer jahrzehntelangen Körperverletzung gleichkommt. Diese massenhafte Schädigung der Menschen ist kein zufälliger Nachteil, kein beseitigbarer Missstand des Kapitalismus, sondern zentrales und notwendiges Element, da die kapitalistische Produktion ohne Lohnarbeit ebensowenig gedeihen kann wie die Lohnarbeit ohne den ökonomischen Zwang, seine Arbeitskraft verkaufen zu müssen. (Für die vielbeschworene Versorgung mit Gütern ist das heutige Arbeitsvolumen in Industrieländern, ist auch nur ein normaler Achtstundentag, beim aktuellen Stand der Produktivität ganz sicher nicht nötig.)

Auf der anderen Seite der Ordnung gibt es in Deutschland etwa 150.000 Fälle von schwerer oder gefährlicher Körperverletzung im Jahr. Im Laufe eines 45-jährigen Arbeitslebens werden also vielleicht 7 Millionen Fälle von Körperverletzung registriert und geahndet. Derzeit arbeiten in Deutschland 40 Millionen Menschen, von denen mehr als die Hälfte über arbeitsbedingte Gesundheitsschäden klagen. Selbst wenn man alle Gewaltdelikte – etwa 200.000 jährlich – zusammenfasst und diese 9 Millionen während eines Arbeitslebens Geschädigten den über 20 Millionen Arbeitsopfern im selben Zeitraum gegenüberstellt, muss man sich doch fragen, wieso „dein Freund und Helfer“ nicht auch gegen Unternehmer einschreitet – oder gar gegen den Staat selbst, wenn es ihm um die Unversehrtheit der Person ginge? Spätestens hier sieht jeder, wie dumm die Annahme ist, bei der Organisation eines Staates ginge es tatsächlich ums Wohl seiner Untertanen…

Die Polizei ist das Exekutivorgan des staatlichen Gewaltmonopols. Ihr Zweck ist der Schutz der „öffentlichen Sicherheit“ und der „öffentlichen Ordnung“. Die naive Annahme, die Polizei sei eine respektable und lobenswerte Einrichtung, weil sie die Menschen vor Schädigungen aller Art, vor der Verletzung ihrer Rechte und ihrer Körper bewahre, setzt voraus, dass Angriffe auf Personen notwendig auch Angriffe auf die öffentliche Ordnung darstellen würden. Dies ist nicht der Fall. Die öffentliche Ordnung ist vielmehr selbst, wie oben anhand der Arbeit skizziert, die ja im Zentrum dieser Ordnung steht, ein Angriff auf Leib und Leben(szeit) der ihr unterworfenen Personen. Sie ist ein System zur Ausbeutung, das Polizeischutz genießt. Man muss schon die öffentliche Ordnung mit dem, was man für schützenswert überhaupt hält, identifizieren, also auch sich selbst mit dieser Ordnung gleichsetzen (wie es der gute Bürger tut), um die Polizeit für eine Schutzmacht zu halten, die vor allem doch natürlichen Rechtspersonen helfe und nutze. Dass die sogenannte „öffentliche Ordnung“ nur ein euphemistischer Begriff für die Abwicklung politischer und wirtschaftlicher Herrschaft ist, die bei den Beherrschten vielmehr allergrößte „persönliche Unordnung“ hervorruft, wird dann ebensowenig bemerkt wie die jenseits germanischer Gemütlichkeit herrschenden Zustände in Griechenland, wo Hundertschaften bewaffneter Staatsdiener die Eigentumsordnung gegen hungernde Demonstranten verteidigen.

In Deutschland mag der Staat durch seinen Konkurrenzvorteil (noch) dazu imstande sein, den Hunger der Arbeitslosen durch Sozialgesetze zu verhindern – in Griechenland aber ist der Hunger schon gesetzlicher Beschluss, hinzunehmende Begleiterscheinung der Profite sichernden „Reformpolitik“, von der deutschen Elite gebilligt und von der griechischen Polizei geschützt. Ja, Polizisten schützen auch den Hunger, wenn er staatstragend und profitabel ist. Oder lädt man etwa die Verarmten zu einem Gratistag in die üppig gefüllten Hallen der Warenproduzenten ein? Läßt man sie gewähren, wenn sie sich Zutritt verschaffen wollen? Ist Diebstahl und Raub etwa erlaubt, sobald die Menschen hungern? Und kann man dann auf dem bürgerlichen Standpunkt verharren und nachbeten, dass Diebstahl und Raub eben inakzeptables Unrecht seien, das geahndet und verhindert werden müsse, wofür man der Polizei dankbar sein solle? Sind die Armen und Hungerndern denn nicht selber schuld? Darauf mit einem sicheren „Ja!“ zu antworten, das ist der billige Ausweg, den die Ideologie einer Gesellschaft bietet, in der (fast) jeder nur die Wahl zwischen Arbeit und Armut hat – und oft genug ist selbst diese Wahl, wie viele andere „Wahlmöglichkeiten“ in der „freien Welt“, nur eine scheinbare zwischen Optionen, die aufs selbe hinauslaufen!

Denn Verbrechen, das weiß jeder Krimigucker oder –leser, sind schlimm, ja sind vielleicht das Schlimmste. Zum Schutz vor Verbrechen gibt es die Polizei. Der „öffentlichen Ordnung“ des kapitalistischen Staates aber ist man ohne Schutzmacht ausgeliefert; unter diesem ehrenwerten Begriff wird eine massenhafte, massive physische und psychische Schädigung der lohnabhängigen Bevölkerung aufrechterhalten, verteidigt und weiter vorangetrieben. Keine organisierte Kriminalität hat jemals annähernd so viele Menschen bedroht, beraubt, verletzt und getötet wie der ganz normale Alltagsbetrieb der Verwertung unter den Fittichen des bürgerlichen Staates, dem wir alle werktags zuarbeiten.

Sollte man sich nicht fragen, ob das Leben, wie man es führen könnte, die eine wirklich freie Entscheidung wert ist, die es im Kapitalismus gibt? — die eine wirklich freie Entscheidung, deren Folgen nicht bereits von Staat oder Kapital vorausberechnet worden sind und sich als Zahlenwert auf der Habenseite einer Bilanz finden werden? Es gibt sie. Diese einzig freie Entscheidung im Kapitalismus, im bürgerlichen Staat, in der Diktatur des „freien Marktes“ ist die Entscheidung gegen den Kapitalismus, gegen den bürgerlichen Staat, gegen den „freien Markt“.

 

Warum lesen wir… Teil 1: … überhaupt?

 

Immerhin das sollte klar sein, dass es kein gutes Leben ohne Vernunft, keine Vernunft ohne Wissen und kein Wissen ohne Texte gibt.

Ein Text ist eine systematische Anordnung von Zeichen auf einer Zeitachse. Da das menschliche Gehirn nicht in der Lage ist, komplexe Informationen auf ein Mal zu begreifen, ist eine sequentielle Struktur der Informationen, und nicht etwa eine simultane, im Erkentnisprozess vonnöten. Argumente in allen Bereichen, Diskussionen, Berechnungen, naturwissenschaftliche Beweise, aber auch Musik, Theater und Literatur verlaufen sequentiell und zeichenhaft, sind also in diesem Sinne sämtlich Texte.

Daraus folgt, dass je komplexer die Systematik oder Logik eines Textes, desto langsamer die Rezeption des Textes ablaufen wird und ablaufen muss. Einen komplexen Text zu verstehen erfordert einen freieren Umgang mit der Sequentialität aus lernpsychologischen Gründen: man muss Informationen und Zusammenhänge mehrfach rezipieren, um sie zu begreifen, sie mit vorherigen oder späteren Textstellen abgleichen, den hermeneutischen Zirkel umlaufen, sie mit dem inneren Text des eigenen Wissens in Beziehung setzen, innehalten, memorieren und eigene Schlussfolgerungen ausprobieren.

In welcher medialen Form ist dies am ehesten möglich?

Nicht in der Form des Films, nicht in Form eines Vortrags, überhaupt nicht in einer medialen Form, in welcher der Sender den Rezeptionsvorgang des Empfängers zeitlich organisiert und das Rezeptionstempo bestimmt. Also nicht in der Form des äußeren Dialogs mit einer Person, sondern als innerer Dialog mit einer Informationsstruktur, als geleiteter Denkvorgang sozusagen.

Die Form des geschriebenen Zeichens kommt der Langsamkeit des menschlichen Erkenntnisapparates entgegen. Einsamkeit und Nüchternheit sind daher keine beiläufigen Elemente des Erkennens. Vernunft ist ohne diese rezeptive Einsamkeit vielleicht gar nicht möglich.

Lesen ist also die die beste Methode, komplexe Informationen aufzunehmen und zu Urteilen über weitreichende Sachverhalte zu kommen. Ohne diese wiederum ist keine rationale Orientierung in einer Welt möglich, in der das gute Leben und oft sogar das Leben überhaupt verteidigt oder erst erkämpft werden muss.

Es gibt kein gutes Leben ohne Vernunft. Aber es gibt, behaupten wir, auch keine Vernunft ohne einen Begriff vom guten Leben.

Beides ist ohne Lektüre nur schwer zu haben – noch schwerer jedenfalls als ohnehin.

 

Eine Anekdote aus der Frühzeit der Occupy-Bewegung

 

Kürzlich, auf einer Zugfahrt von Berchtesgaden nach Bielefeld, sitzen zwei Occupy-Aktivisten hinter mir im Abteil und bilanzieren nach seiner Auflösung durch die Polizei ihre Zeit in jenem berühmten Frankfurter Protestcamp, das die Hedgefondsmanager unserer Galaxie erzittern ließ. Wie inzwischen schon sozialwissenschaftlich erforscht, nimmt der Optimismus in den jüngeren Generationen hierzulande ja proportional zur Komplexität der gesellschaftlichen Probleme zu, von denen sie betroffen sind. Ich wundere mich daher nicht über die in einem halben Dutzend Praktika und Coachings eingeübten Formulierungen, mit denen man auch Blähungen oder einen Mittagsschlaf zu einem „eindeutigen Entwicklungsereignis“ oder einer „unmittelbaren Erfahrung“ emporschwafeln kann. So ist denn auch die ganze gedanken- und ergebnislose Pfadfinderei vor den unbehelligten und unbegriffenen Banken am Main und überall sonst „schon eine superwichtige Sache“ gewesen, „die auf jeden Fall Türen geöffnet“ hat – von denen man vielleicht auch gar nicht sagen können muss, wohin sie einen führen. Türen sind ja spätestens seit den psychedelischen Sechzigern, die auch schon gerne gezeltet haben (Big Sur, gleich neben Thoreaus Behelfstoilette), an sich schonmal eine super Sache. Türen sind jedenfalls besser als Banken. Türen sind Bewegung. Und so weiter…

Anstatt mich hier dem Tod noch ein paar Stunden weiter zu nähern, indem ich die Thesen unbedachter Studierender, die mal auf den Putz hauen, aber nichts, vor allem nicht sich selber schmutzig machen wollten, rezensiere, tue ich lieber meine monatliche gute Tat und spare meinen LeserInnen gleichfalls Lebenszeit, indem ich die ganze Chose auf Anekdotengröße zurechtschrumpfe. Eine Anekdote aus der Frühzeit der Occupy-Bewegung sozusagen – et voilà:

 

Baron Jakob Rothschild kommt eben aus der Pariser Börse, als ihm ein Sozialist in den Weg tritt.

„Wenn der Sozialismus kommt“, meint der Mann, „wird man Sie enteignen und Ihr Vermögen an das Volk verteilen!“

Rothschild kramt in seiner Tasche. „Wir sind vierzig Millionen Franzosen“, erwidert er, zieht ein Geldstück hervor und gibt es dem Sozialisten: „Hier ist Ihr Franc.“

 

In diesem Sinne wünsche ich einen revolutionären Feierabend!

 

„Kritik“

 

Kritik ist das Lieblingswort aller Kritiker. Ich vermute: je allgemeiner und radikaler ihre Kritik, desto häufiger benutzen sie es und desto mehr betonen sie den Wert der einschlägigen Tätigkeit. Ein linksradikaler Kritiker, der seinen Lektürekanon erst unvollständig abgearbeitet hat, wird in Anbetracht der prompten und billigen Publikationsmöglichkeiten, die ihm heute zur Verfügung stehen, noch bevor er das Kritisieren (oder Kritisiertwerden) geübt hat – Kritik üben, öffentlich und fundamental und mit den besten Gefühlen. Allein daraus, dass ein Mensch Kritik übt, kann er sich schließlich schon eine Art Kampfposition und -mut zuschreiben, erst recht wenn er „Kritik“ im von linken Kritikern für linke Kritiker eigens aufgewerteten Sinne einer prärevolutionären Blaupause der Universalrettung alles Rettenswerten betreibt. Und das, selbst wenn die von ihm kritisierten Personen seine Kampfansage nie bemerken, geschweige auf sie reagieren werden, wovon die meisten Linken (und alle anderen Sprachrohre einer der zahllosen Gegenöffentlichkeiten, so recht sie vielleicht haben mögen) mit großer Sicherheit ausgehen können. Der Kritiker zieht sich die Rüstung an und – bleibt zuhause. „Da hab ich diese reaktionäre Bagage aber wieder grunddoll kritisiert heute“, kichert er am Abend an der Seite seiner Partnerin, Mutter oder Meersau. An solchen Abenden hat er keinen Schatten mehr, so schrecklich hat er’s dem armen gegeben…

Einen Konflikt auszufechten, mithin Vorwürfe zu präzisieren, Gegenargumente abzuwehren oder aufzunehmen und in eine neue rationale Angriffsposition zu wenden, die sich gegen falsche und von Privatinteresse korrumpierte Aussagen nachvollziehbar durchsetzt – das wäre Kritik, die den Namen verdiente. Die „Kritik“, die sich vor allem diesen Namen gibt, ist davon leider sehr verschieden. Sie ist die Ein-Zimmer-Beschäftigungsnische geistig hyperaktiver Organisationssingles. Eine Art R.E.M.-Schlaf. Diese „Kritik“ hat kein Gegenüber, sie hat keinen Konflikt, sie hat keine Wirkung; sie trägt nicht das Risiko in sich, aufgerieben oder widerlegt zu werden, und nicht die Möglichkeit, einen faktischen Sieg zu erringen. Sie hat von all dem nur den Namen. Dieser Name, den die „Kritik“ trägt, ist ein strategischer Klang, die sprachliche Simulation eines sozialen Kampfes, er militarisiert den Frieden, dem man weiterhin anhängt, obwohl man ihn geringschätzt: kompensiert also den Konflikt, den man de facto nicht mit anderen, sondern mit der eigenen, wirkungslosen Situation hat!

„Kritik“ ist eine diskursive Heroisierung der Harmlosigkeit, die quasi-monologische Kriegserklärung einer Linken, die ihre Hoffnung auf Sieg längst aufgegeben hat, eben weil sie sehr gut weiß, dass ihre „Kritik“ Veränderungen außerhalb der Sprechergruppe kaum bewirken kann. (Hier beißt sich die Harmlosigkeit in den Schwanz, sie wird schmerzhaft – mag sie sich selbst aufwecken und begreifen, warum es schmerzhafter sein kann, harmlos als schmerzhaft zu sein.)

 

„Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“

 

Geben ist seliger als Nehmen – diese Hierarchie ist im Begriffspaar von ‚Arbeitgeber‘ und ‚Arbeitnehmer‘ konnotiert. Der Eigentümer ist seliger als seine Angestellten, denn er gibt ihnen Arbeit: er hat wohl zu viel davon, schenkt sie wohl gar. Der Angestellte nimmt die dargebotene Frucht, er reißt sie ihm aus der Hand, wenig großherzig, wie Tiere, von ihren Bedürfnissen geplagt, raffen die Überstündler die Arbeit, weil sie nicht genug davon bekommen können… Genau umgekehrt stimmten die Begriffe. Der Lohnabhängige bietet dem Unternehmen seine Arbeitskraft, seine Lebenszeit an, und zwar einen sehr erheblichen Teil davon, um dieses Leben, das er da vergibt, leben zu können, was bedeutet: den Rest davon. Der Unternehmer nimmt diese Arbeit an, weil sein Unternehmen sonst gleichfalls nicht bestehen könnte. Die angebotene Arbeitskraft wird durch seine Weisungen – die letztlich zu Gewinn führen müssen – zur verrichteten Arbeit. Ist also nicht beides richtig? Der „Arbeitgeber“ gibt und nimmt Arbeit und der Arbeiter ebenso? Es ist nicht nur beides richtig, sondern weniger. Denn der „Arbeitnehmer“ erwirtschaftet den Gewinn des Unternehmens, durch seine Arbeit und durch die an ihm eingesparten Kosten, während der „Arbeitgeber“ aus genau diesem Ertrag das Unternehmen erst führen, Zinsen zurückzahlen, eigene Einkünfte abziehen, den Lohn der „Arbeitnehmer“ als geringen Anteil ihres Erarbeiteten an diese zurück-„geben“ oder eben neue Arbeitsplätze „schaffen“ kann – auch das eine theologisch nachklingende Falschformulierung, in der aus der Macht des Eigentümers seine Leistung abgeleitet wird, aus einer Macht, die ihm erst von denen gegeben, geschaffen und geschenkt wird, an denen er sie dann vollstreckt.

 

KONKRET – The Best and Worst of 6/2012

 

Die linke Illustrierte „KONKRET“, halb antideutsches, halb undogmatisches Meinungsmagazin, das seine teils gelungenen Stilbemühungen um Politik und Kultur kreisen lässt und dabei den weniger glanzvollen konkret-ökonomischen Komplex meist links liegen lässt, nichtsdestotrotz aber regelmäßig lesenswerte Beiträge enthält, hat im Heft 06/2012 beide Pole seines Qualitätsspektrums exemplarisch präsentiert. In dem Artikel „Noch fünf Jahre“ des Journalisten und Bloggers Tomasz Konicz über die Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Ökologie, der ebenso weitsichtig wie detailgenau, in Stil wie Logik frappierend klar und treffend ist, kann man die Überzeugungskraft marxistischer Kritik, die Argumente konsistent vom ökonomischen Einzelfaktum bis zur Endzeitentwicklung des Planeten spannend, wie unter Glas bestaunen. Das geht? Aber ja:

„Um die notwendige energetische Infrastruktur für eine regenerative Energiewende bereitzustellen […], wären allein in der BRD Investitionen von Hunderten von Milliarden Euro notwendig. Diesen enormen Aufwendungen steht aber keine entsprechend massive Verwertung von Arbeitskraft in den regenerativen Branchen gegenüber, die diese mit Hilfe eines zunehmenden staatlichen Steueraufkommens finanzieren könnte. […] Kurz: der Spätkapitalismus ist zu produktiv für eine Energiewende. […] Das Kapital ist aufgrund der Notwendigkeit permanenter Verwertung das logische Gegenteil einer ressourcenschonenden Wirtschaftsweise, die notwendig wäre, um ein Überleben der menschlichen Zivilisation zu sichern.“

Noch Fragen? –

Neunzehn Seiten später stößt man dagegen auf einen jener Aufsätze, mit dem sich der aus der Arbeitslosenstatistik in eine provisorische Duldungsnische vorgelagerte geisteswissenschaftliche Mittelbau sporadisch seine gesellschaftliche Relevanz vorlügen will. Karin Stögner und Karin Bischof heißen die beiden Autorinnen einer im Gutachterinnentonfall gehaltenen Enthüllungsarbeit zum nie abkühlenden Thema Antisemitismus – hier des Antisemitismus österreichischer Printmedien im Kontext der Berichterstattung über die „Finanzkrise“ (die von den Autorinnen eben so genannt wird, obwohl sie an anderer Stelle zurecht die künstliche Trennung der Kapitalakkumulation in Produktions- und Spekulationssphäre kritisieren). Sagen wir es mal ganz gemein und ohne damit sagen zu wollen, dass der Antisemitismus kein immer noch und immer wieder wichtiges Problemfeld der Vermenschlichung der Menschheit wäre: Welche(r) Junglinke will schon Artikel über den EU-Fiskalpakt verfassen? Die hierfür notwendige Anhäufung von Kenntnissen behindert natürlich nur die Karriere als Mitarbeiter prominenter Szeneblätter. Ein dankbares Thema ist dagegen der Antisemitismus. Zehn Stunden Selbstschulung genügen, und man hat das so ungefähr raus, worum’s da geht: „daß unter Finanzkapital ein abstraktes, nicht an einzelne Personen zurückzubindendes Machtverhältnis zu verstehen ist“, das hat der Antisemit natürlich nicht verstanden. Und los geht’s schon mit der Kritik! Tausendfach den eigenen Mitstreitern und Lesern erläutern und erklären was die auch alles zur Genüge kennen und schon selber ausartikeln könnten, immer im sicheren Wissen, dass andrerseits die, die das nicht wissen, es auch nicht verstehen würden, selbst wenn man es ihnen sagte, was man ja deshalb gar nicht erst tut, oder selbst wenn sie es verstehen könnten, sie es ja nicht verstehen wollten, weil sie eben Antisemiten sind nicht aus Gründen, sondern aus Ursachen, die gar nicht diskutabel, sondern nur abschaffbar sind – in dieser sadomasochistischen Selbstbeschränkung schlägt der antiantisemitische Komplex der radikalen Linken seine Freizeit und anderer Leute Geduld tot. A propos Geduld – Zitat:

„Antisemitische Erklärungsmuster versuchen die österreichischen Medien bei der Krisendarstellung möglichst zu vermeiden.“

Mit diesem Satz beginnt die Auswertung der Daten. Ohne die österreichischen Medien in Schutz nehmen zu wollen – steht da nicht, dass es eigentlich gar nichts auszuwerten gebe? Nicht ganz. Da steht, dass die Medien antisemitische Erklärungsmuster vermieden: es gibt sie also, diese Muster, innerhalb des Erklärungsprozesses, also „bei der Krisendarstellung“ der österreichischen Medien, sie werden eben nur „vermieden“. Jetzt will man als naiver Leser bloß noch erfahren, woher die Autorinnen trotzdem das Wissen nehmen, dass hier Antisemiten am Werk sind, die ihre eigenen Erkärungsmuster, die sie als Antisemiten ja haben müssen, nur aufgrund eines „durchgängig wirksamen Tabu[s]“ unterdrücken – fast möchte man sagen ‚unterschlagen‘. (Ist Unterschlagung von Antisemitismus nicht vielleicht ein noch größerer Angriff auf die kritisierende Vernunft als Antisemitismus?) Was sind das aber auch für perfide Medien in Österreich! Weiter im Text:

„Mit Ausnahme des auflagenstärksten Blattes, der ‚Neuen Kronen Zeitung‘, hat man sich vor offenem Antisemitismus gehütet; man vermied Stereotype wie ‚raffgierige Juden‘ oder ‚Weltjudentum‘, ja selbst die bloße Erwähnung von Juden oder Judentum im Zusammenhang mit der Krise unterblieb.“

Ist denn das die Möglichkeit? Die Medien in Hitlers Heimat erwähnen nicht einmal mehr Juden im Zusammenhang mit der Krise? Wie kann man sich als Antisemit denn diese Gelegenheit entgehen lassen! Ja selbst die allergeringsten Anzeichen eines enthüllungstauglichen Judenhasses haben sich diese Naziblätter erdreistet nicht zu drucken!

An die Stelle des schnarrenden Antisemitismus aus den Zeiten dieselgetriebener Kriegsmaschinerien scheint ein Nano-Judenhass getreten: unsichtbar und tausend Mal gefährlicher… Oder hat der Klassenfeind schlicht unsre schöne Dialektik ausspioniert und spiegelt nun damit die eigne Barbarei in den Anschein der Zivilisation zurück beziehungsweise umgekehrt (so ähnlich hätte Adorno das wohl gesagt…).

Aber im Ernst und bei aller Solidarität mit den verfehlten Zielen der Autorinnen – diese dümmlichen Feststellungen, mit denen das Ergebnis der Untersuchung antizipiert wird, treffen auf jeden Text zu, der nicht nachweisbar antisemitisch, also auch gar nicht antisemitisch ist. Anders gesagt: die Untersuchung war ergebnislos. Den einzigen Unterschied zwischen den zitierten Sätzen und dem Satz „wir haben halt leider nichts gefunden“ stellt die implizite Unterstellung der Kritikerinnen dar, dass es im Textkorpus Antisemitismus geben müsse. Voreingenommenheit macht also das „Ergebnis“ dieser wissenschaftlichen Studie aus; „enthüllt“ wird nichts sonst als der schon vor dem Suchen in die untersuchten Texte und Medien hinein geargwöhnte Judenhass, der überhaupt erst einen Artikel, seine Publikation in KONKRET und die Versorgung der LeserInnen mit Alarmstimmung und aktuellen Gründen für ihre kritischen Hobbies zur Folge haben kann. Undenkbar, in KONKRET zu schreiben: „Eigentlich gibt es gar nicht mehr so viel Antisemitismus in Texten österreichischer Printmedien.“ Jede(r) Linke weiß, dass das nicht stimmen kann.

Genau das lässt sich aus dem Artikel aber trotzdem schließen. Drei mehr oder weniger antisemitismuskompatible Äußerungen werden zitiert, eine davon aus einem Leserbrief, der tatsächlich „unkommentiert“ (!) geblieben sei – also auch der verantwortliche Zeitungsmensch ein Antisemit (und sicher auch sein Chef) – und das bei einem Untersuchungszeitraum von 2009 bis 2011 und einem Korpus, das sieben Tages- und Wochenzeitungen umfasst! Felix Austria…

„Wohl aber fanden sich im Rahmen der allgemeinen Krisendarstellungen häufig Erwägungen, die auf der semantischen und argumentativen Ebene Assoziationen zu antisemitischen Stereotypen wachriefen, ohne den Zusammenhang zu explizieren.“

Mit diesem unheimlichen Satzgespinst (direkt folgend auf obiges Zitat) umschreiben die Autorinnen ihren positiven Befund. Und man muss es sich genau anhören, wie hier, wo eigentlich präzisiert werden will, im Wortsinne umschrieben, umkreist, umschlichen und umstammelt wird. Erwägungen fanden sich – schon zu Beginn ein recht vages Wort, das den Urheber mit einer Verwarnung davonkommen lässt – die nicht unbedingt… ja wie soll man sagen… so geradeheraus antisemitisch, primär oder auch sekundär, waren sie eigentlich nicht, nein, sie riefen da nur etwas wach – bei wem? doch wohl nur bei unseren bereits der Unterstellung verdächtigen Autorinnen – und was riefen sie da wach? – ein antisemitisches Stereotyp doch hoffentlich endlich? – na ja, noch nicht ganz… sie riefen eigentlich nur Assoziationen zu antisemitischen Stereotypen wach – Assoziationen, ja, die sind so eine Sache (es gab schon Leute, die Kleeblätter mit Atomkriegen assoziiert haben, was soll man jetzt damit anfangen?) – ein recht uneindeutiger Weg wird hier im Unbewussten eines recht unbekannten Subjektes zum Antisemitismus beschritten – – so geht also progressive Aufklärung im weiten Gewande der Wissenschaft bzw. so fällt sie. Und ganz nebenbei noch: so unpersönlich-objektiv ist die Perspektive der Autorinnen (na, hat da jemand seinen Adorno nicht richtig gelesen?), dass die Ergebnisse nicht etwa von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen gefunden wurden, sondern gar ‚sich fanden‘ – kaum eine intellektuelle Aktion war hier vonnöten. Erst recht keine weniger intellektuelle, nämlich gänzlich subjektive und unredliche: Unterstellung also.

Zweierlei lässt sich aus diesem traurigen Artikel schlussfolgern:

1. Die Kritik des Antisemitismus scheint entweder in der Heimatregion des Holocaust momentan nicht allzuviel zu tun zu haben oder sich mit den falschen Äußerungen zu beschäftigen; im Übrigen sollte sie noch einmal an ihrer ‚wissenschaftlichen‘ Methodik feilen. Aber das ist auch ein Problem der Geisteswissenschaften insgesamt.

2. Auch ganz doll dagegene Blätter wie KONKRET liefern journalistisch reproduzierte „Fakten“ zur Befriedigung der Lesererwartungen und lassen sich damit nicht ausnehmen vom Geschäftsmodell aller Printmedien. Wahrheit ist dann ein Kompromiss zwischen journalistischen Konventionen und vermutetem Konsumentenpsychogramm. Aber nein, ich übertreibe. Würde KONKRET tatsächlich auf Umsatzsteigerung statt Aufklärung zielen, gäbe es wieder nackte Mädels auf dem Cover…