Familie contra Klassenkampf oder Die Rolle meiner Szenekneipe in der Weltrevolution.

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Ein Interview mit Viktor Vladimirowitsch Starogin* über Probleme der Linken

DWR: Genosse Viktor Vladimirowitsch –

Starogin: Ich grüße euch, Genossen!

DWR: Wir freuen uns, endlich einmal mit dir über diejenigen Fragen sprechen zu können, die uns und unsere Leserschar sicher sehr viel mehr interessieren als die bekannten neunundneunzig Prozent.

Starogin: Leider, ja.

DWR: Also über Fragen der Wirtschaft, gestellt aus einer nicht auf Effizienz und Umsatz eingeengten Perspektive…

Starogin: Gegen Effizienz habe ich gar nichts. Man sollte nur wissen, in welche Richtung sie geht. Die Perspektive, von der ihr sprecht, ist nicht in einem intellektuellen Sinne eingeengt oder sogar dumm – sie ist es vor allem in einem quantitativen Sinne, weil sie lediglich die Interessen einer Minderheit vertritt. Die entgegengesetzte Perspektive, die wir vertreten, ist einfach die Perspektive der Mehrheit der Bevölkerung auf diesem Planeten und damit, in einem mittelbaren Sinne, sogar aller Menschen – was die erste Sichtweise letztlich dann doch dumm macht.

DWR: Die Mehrheit der Bevölkerung würde uns da aber nicht zustimmen.

Starogin: Mit dieser Erwägung fängt das geistige Elend schon an. Die Mehrheit der Menschen würde auch nicht zustimmen, wenn man ihnen sagte, dass Nukleinsäuren wichtiger für ihr Wohlbefinden sind als Geld, Alkohol und Geschlechtsverkehr zusammen.

DWR: Zugegeben.

Starogin: Was für Menschen wichtig, ja notwendig ist hängt nicht von ihrer Zustimmung ab. Was objektiv wichtig ist für einen Menschen, das läuft ohnehin, sagen wir mal, unterhalb eines durchschnittlichen Bewusstseins ab. Was sich der Herr Mensch so dazu denkt, das hat geringen Einfluss auf sein Rückenmark, bildlich gesprochen.

DWR: Der Zustand unserer Gesellschaften legt nahe, dass die Menschen kaum zu wissen scheinen, was für sie wichtig und notwendig ist.

Starogin: Natürlich nicht. Ärzte, Lehrer, Ingenieure und andere für den quasi physischen, objektiven Erhalt einer Gesellschaft wesentliche Personen richten sich nicht nach Meinungen und Zustimmungen, sondern nach dem Stand der Wissenschaften, in denen sie ausgebildet worden sind. Und bestenfalls werden dort keine Meinungen ermittelt, sondern Tatsachen.

DWR: Unsere Perspektive, die wir in diesem Gespräch vertreten möchten, ist also einfach eine Perspektive der Tatsachen?

Starogin: Wissenschaftlicher Sozialismus, ja.

DWR: Ist das nicht ein bisschen simpel, sich einfach auf das Faktische zu berufen?

Starogin: Es ist kein bisschen simpel, wir haben es nur simpel ausgedrückt. Es gibt zahllose Tatsachen, die gegen die Marktwirtschaft sprechen, überprüfbare, unleugbare, bezifferbare Tatsachen. Erst auf der Grundlage dieser Belege kann man für eine andere Gesellschaftsform überhaupt argumentieren. Erst kommen die Fakten, dann die Utopie. Erst das Konkrete, die Erfahrung, dann das Argument, das sie zitiert. Und bei diesem Vorgang des Erkennens geht es nicht um die Mehrheit, sondern um die Wahrheit. Mehr nicht. Oder, theologisch formuliert: Auf Erden sind wir Bettler, im logischen Raum aber sind wir Könige, denn wir haben die besseren, die meisten, die kritischsten Argumente.

DWR: Da haben wir aber doch ein Grundproblem des Kommunismus…

Starogin: Die Freiheitsfrage?

DWR: Genau.

Starogin: Wieso? Jede nützliche Wissenschaft hat dieses „Grundproblem“ und löst es auf ihre Art: indem sie die Wahrheit und ihre Folgen präsentiert und sie die Leute spüren lässt oder umgekehrt den Leuten die Begriffe gibt, die dazu, was sie schon spüren, passen. Kein Mensch zweifelt an der Kariesbehandlung, wenn er die segensreichen Folgen selbst erfahren kann. Wenn Freiheit Leiden bedeutet, muss sie geheilt werden. Wahrheit im sozialistischen Sinne ist ebenso erfahrbar wie medizinische Wahrheit – ohne den Vergleich zu weit treiben zu wollen. Der Schmerz hört auf oder zumindest: das Befinden bessert sich, das einmalige Geschenk des Lebens wird ernst genommen. Der Mensch gibt seine Freiheit freiwillig für die Dauer der Behandlung ab – anders gesagt: er bleibt frei.

DWR: Wie soll das gehen, wenn man den Arzt an der Behandlung hindert?

Starogin: Indem der verhinderte Arzt Schmerz und Behandlung erklärt, und nach hundert Quacksalbern, die seine Schmerzen nur verschlimmert haben, wird der Patient den neuen Arzt verlangen.

DWR: Und das ist dann die Revolution?

Starogin: Ja, warum nicht?

DWR: Aber wie kommt der Patient zum Arzt? Wie entsteht eine Mehrheit für den Sozialismus?

Starogin: Tja. Gar nicht.

DWR: Gar nicht?

Starogin: Unter den jetzigen ökonomischen Verhältnissen ist es unmöglich, eine Mehrheit vom Sozialismus oder auch nur vom notwendigen Versagen der Marktwirtschaft zu überzeugen. Die bestehenden Machtverhältnisse machen Aufklärung doch inzwischen zu einem Glücksfall bei Einzelnen. Die meisten Kapitalismusinsassen erwerben sich im Laufe eines 80-jährigen Lebens keineswegs das nötige Vorwissen, um die Gesellschaftsordnung zu begreifen, in der sie gelebt haben.

DWR: Kannst du da eine Zahl nennen oder ist das nur pessimistische Intuition?

Starogin: Kürzlich lese ich von einer Umfrage, nach der 55 % der Deutschen Merkels Sparkurs in der sogenannten ‚Euro-Krise‘ unterstützen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist also für die Unterdrückung der Bevölkerung – wenn auch vorerst der nichtdeutschen Bevölkerung am Mittelmeer. Die Mehrheit der Menschen im Westen vertritt in vielerlei Fragen Meinungen, die ihren Interessen konträr zuwiderlaufen. Es sind folglich nicht ihre Meinungen.

DWR: Sie sind beeinflusst im Sinne der Profiteure.

Starogin: Natürlich. Wer die Ressourcen hat bestimmt die öffentliche und zunehmend auch die private Meinung. Die meisten Menschen nehmen ihre Informationen in Form von Überschriften und Kurzmeldungen hegemonialer Medien wahr. Da ist weder Platz für detailliertes Argumentieren noch für grundlegend abweichende Perspektiven. Das sind Peitschenhiebe für Scheuklappengäule, nichts sonst. Sie denken nicht, sie werden gedacht. Sie fühlen nicht, sie reagieren auf gesetzte Reize. Der BILD-Leser etwa ist ein Pawlowscher Konsument, mehr nicht. Der Mensch dem Menschen eine Laborratte! Das kann man ja schön bei Adorno nachlesen, der in den Vierzigern noch dachte, er übertreibt mit seiner Kulturkritik. Heute ist sie eher untertrieben, und das heißt etwas.

DWR: Was ist mit alternativen Medien?

Starogin: Welche denn? Generell sind die doch meist noch schlimmer! Die haben dann, jenseits von Publikum und Auflage, die Narrenfreiheit, in obskuren Meinungsnischen ihre eigene Verwirrung zu pflegen und treiben so mit ihren Privatideen den letzten Rest an Realitätskontakt und journalistischer Seriosität aus. Verwirrung ist hingegen fast schon ein pharmazeutisches Produkt in einer Gesellschaft, in der die Vernunft dazu dient, Rentner auszuhungern, systematisch den Planeten zu zerstören und Angestellte möglichst gründlich um ihre Lebenszeit zu bringen.

DWR: Gut, wir grenzen die Frage auf sozialistisch und kommunistisch orientierte Medien ein…

Starogin: Von den 1000 Leuten, die sie lesen, überzeugen die 0,01 % (ja, das ist nur eine intuitive Zahl). Weil schlicht niemand sie aufschlägt, der nicht schon ihre Überzeugungen teilt und eben Konsument seiner eigenen gedruckten Überzeugung ist. „Gegenstandpunkt“, „Junge Welt“, „Konkret“ und was weiß ich wer noch alles halten höchstens ein paar Gefährten bei Laune, Tendenz sinkend. Das ist kein Funke, der in die Scheune überspringt – eher ein paar zerstrittene Wüstenmäuse inmitten einer Elefantenstampede. Das – wohl verstanden! – ist keine inhaltliche Wertung, sondern nur eine Abschätzung der Effizienz solcher Medien.

DWR: Also egal, wer was wo schreibt: unter den herrschenden gesellschaftlichen Machtverhältnissen ist eine Mehrheit gegen die Marktwirtschaft oder für eine humanere Gesellschaft – wie auch immer man sie nennen mag – ausgeschlossen?

Starogin: Da bin ich mir leider sicher. Wer schreibt ist doch ohne Einfluss, was er schreibt ebenfalls – wichtig sind nur die Leute, die ihn oder sie bezahlen. Die bestimmen über die Verbreitung, die Präsentation und damit letztlich über die Durchsetzungskraft eines Gedankens. Zahlungskräftige, einflussreiche Leute finanzieren nur selten ihre eigene Abschaffung. Das ist ein hoffnungsloser Krieg. Und übrigens, was heißt da „Mehrheit“? Selbst zwanzig Prozent wären schon ein Märchen. Inzwischen haben sich derartige Monopole an Geld und Einfluss emporakkumuliert, dass deren Gewicht die ehemals so genannten ‚Progressiven‘ oder ‚Alternativen‘, also Staats- und Marktfeinde, die ernstlich die politökonomische Ordnung in Frage stellen, tief unter die 0,5-Prozent-Hürde drückt. „Nonkonformismus“ scheint mir inzwischen schon eine Floskel aus den Poesiealben merkwürdig menschlicher Jahrzehnte zu sein…

DWR: Nehmen Subkulturen, progressive und regressive, nicht eher zu?

Starogin: Ja, die patriarchalische Subkultur nimmt unter jungen Männern aus islamischen Familien zu. Und weiter?

DWR: Ist das kein Nonkonformismus?

Starogin: Soll das ein Witz sein? Wenn ich mich einer weltweit herumplärrenden Strömung von hasserfüllten Phalluskriegern anschließe, ist das genau das Gegenteil von individuell und nonkonform. Subkulturen sind das ja nur, wenn überhaupt noch irgendwo, in nichtislamischen Ländern. Nonkonformisten können sich nicht auf Staaten berufen, die ihre Meinung womöglich mit Atomwaffen unterstützen, und auch nicht auf Aufmerksamkeitsmonopolisten wie den Deutschen Fussballbund zum Beispiel. Und selbst wenn – was heißt das schon, ein Nonkonformist zu sein? Damit fängt alle Vernunft zwar an, aber für sich genommen ist das trotzdem noch Dummheit. Sogenannte ‚Subkulturen‘ sind doch kollektive Kulte, sonst nichts. Irrationale, rückschrittliche Kompensationen der Tatsache, dass im Kapitalismus die Konkurrenz die soziale Währung ist, in der kommuniziert wird. Nehmt nur Anhänger jedweder Jugend- und Musikkulturen – das sind kollektive Anpassungsrituale, gemeinsame Bäder in der Ähnlichkeit, die alle teilen wollen – kurz narzisstische Privat- und Intimveranstaltungen, selbstidentifikatorischer Gruppensex. Selbst wenn die nonkonform wären, wäre damit ja nichts gewonnen, da sich diese Nonkonformität in ästhetischen Fragen erschöpft und keineswegs nach außen wirkt in die gesellschaftliche Dimension. Selbst politische Subkulturen sind ja oft Lifestyle-Biotope, deren Anhänger und Anhängerinnen auch nicht anders leben als ihre Eltern und Nachbarn – und oft nicht einmal anders denken. Jede Sub- oder Gegenkultur oder Szene, oder welchen Namen man auch immer finden mag für diese eng abgegrenzten und sich abgrenzenden Identitätskommunen, hat ihren Zweck in der Zugehörigkeit, in Nestwärme, nicht in Aktion. Das gilt auch für linksradikale Zirkel. Man kann nicht von ihnen verlangen, raus ins Freie zu stolpern: Unterm Druck der großen wilden Welt ist der Einzelne von ihnen hilflos und die Gruppe immer viel zu klein, um zu bestehen. Das sind Gesinnungsfamilien, aber keine gesellschaftlichen Bewegungen.

DWR: Du hältst also nichts von den Hoffnungen gewisser Linker auf eine Art aufgeklärtes subkulturelles Bewusstsein?

Starogin: Ich halte von den Hoffnungen nichts, und von diesen gewissen Linken halte ich noch weniger. Nur weil man eine schwuler jüdischer Punk aus Peru ist, steht man noch nicht auf der richtigen Seite – wenn ihr das damit meint.

DWR: Kommt diese Faszination nicht einfach aus der Parteinahme für das Proletariat, die Opfer der Geschichte, die Geknechteten?

Starogin: Vielleicht. Diese Parteinahme, wie ihr sagt, ist im übrigen nicht mehr als eine Parteinahme für die zugleich verkannten eigenen Interessen. Der dandyhafte Applestudent mit Markenschuh und Style-Bewusstsein ist ein Proletarier, ob er das Wort mag oder nicht. Die Solidarität mit jenen scheinbar fernen Menschen, die meist mehr leiden als diejenigen, die dieses Leiden beschreiben, und für die man das Wort ‚Unterschicht‘ erfunden hat, um die privilegierteren Proletarier eine Stufe höher, in der ‚Mittelschicht‘ ansiedeln zu können, ist von der Solidarität mit dem prekären herumapplenden Nachbarn, der mit mir am Starbucks-Tischchen um ein paar Klicks konkurriert, doch nicht verschieden. Solidarität ist eine Kardinaltugend jedes Sozialisten – das heißt: jedes Menschen, der noch einer sein will. Aber Solidarität heißt nicht, die Denkweisen der Lumpenproletarier zu fetischisieren, wie es meinetwegen der elternfinanzierte Berliner Jungmarxist tut, wenn er daherkommt und sich nach einer Pasoliniphase durch ein paar schaurig-jämmerliche Milieus ethnologisiert, um diese ach so exotischen Erfahrungen unter Glas mit nach hause zu nehmen, darüber zwei Artikelchen zu schreiben und sich als Hornbrillenrebell auf der Seite der Gequälten zu inszenieren. Das ist auf den Kopf gestellte Spießigkeit. Wer oben ist lügt, aber wer ganz unten ist hat auch nicht recht. Demütigung ist keine gute Aufklärerin.

DWR: Wer oder was ist denn eine gute Aufklärerin?

Starogin: Die richtigen Begriffe an der richtigen Stelle, also leider auch der Zufall und die Krise. Man muss die Theorie deshalb lebendig halten – und das glaubt im Grunde jeder Marxist heute, jeder in seiner eigenen Gegenöffentlichkeit – für jenen historischen Moment, in dem die plötzliche, ungeahnte Gelegenheit ihre Verbreitung und Anwendung ermöglicht.

DWR: Eine Art Kairos also?

Starogin: Genau. Marxismus ist wohl zu einem großen Teil heute die Hoffnung auf diesen Kairos.

DWR: Ohne Hoffnung geht es nicht?

Starogin: Ohne Hoffnung beginnt der Zynismus. Der Marxismus ist eine kollektive, nicht unkomplizierte Erkenntnisanstrengung mit einer mehr als hundertfünfzigjährigen Erfahrungs- und Argumentationsakkkumulation – niemand, der hoffnungslos und zynisch ist, beteiligt sich an so etwas.

DWR: Hoffst du denn auf eine mögliche Revolution?

Starogin: Früher sagte man immer „die Revolution“, das hat sich jetzt also schon zu „einer Revolution“ abgeschwächt; sie ist schon in die Ferne gerückt und nicht mehr so genau erkennbar…

DWR: Es geht uns jetzt nicht darum zu bestimmen, was für eine Revolution genau damit gemeint sein könnte, sondern vielmehr um die Frage, ob die derzeitige Krise, die im Rahmen der Marktwirtschaft kaum noch zu bewältigen scheint, Hoffnungen auf eine revolutionäre Aneignung der Produktionsmittel bei dir nährt.

Starogin: Nein, überhaupt nicht.

DWR: Warum nicht?

Starogin: Weil ich, wie schon gesagt, die herrschenden Ideologien für viel zu verbreitet und verankert halte. Mit zunehmender Kapitalakkumulation und damit zunehmender Krisenhaftigkeit unserer Gesellschaftsordnung offenbart sich zwar immer mehr die Tatsache, dass dieses Wirtschaftssystem nicht mehr zu retten ist, übrigens nie zu retten war, weil es nichts ist als die Organisation krisenhafter Widersprüche auf vielen Ebenen seiner Wirksamkeit; zugleich aber mit dieser Problemphase des Kapitals findet erwartbarerweise eine ideologische Mobilmachung statt, die im selben Maß verstärkt werden muss, in dem die Ängste der Menschen innerhalb dieses Systems anwachsen. Die Masse wird erfolgreich daran gehindert, eine abstrakte Wirtschaftsordnung für die gesellschaftlichen Probleme verantwortlich zu machen und nach einer, zunächst, ebenso abstrakten Antwort auf diese Probleme zu suchen. Angst verhindert Abstraktion. Dann muss nur noch für jedes einzelne Problem eine andere Scheinursache ‚beworben‘ werden und schon sind die Produktionsmittel mittelfristig gesichert. Statt also ihren Zorn auf die marktwirtschaftlichen Mechanismen zu lenken und das ökonomische System anzugreifen, werden die Menschen in ihrer ideologischen Zurichtung die inneren Konflikte der Gesellschaft forcieren, die sich ja in vielen Staaten nicht erst seit kurzem zuspitzen. An die Stelle des Klassenkampfs treten Kämpfe innerhalb der gleichen Klasse, entlang kultureller und Identitätsgrenzen. Wir kennen die Sündenböcke und Strohpuppen alle, gegen die sich dann wieder einmal die grölende Stimme des Volkes richtet – „Juden“, „Zigeuner“, „Schmarotzer“, „Nestbeschmutzer“, Andersfarbige, Andersgläubige, Anderslebende und Andersdenkende. Teile und herrsche! Das haben sich nicht die Kapitalisten ausgedacht, nein, es hat sich günstigerweise so aus dem Konsumismus entwickelt, dass wir alle lästernde Egoisten geworden sind, die nur ihre persönlichen Träume zu retten versuchen und aus ihrer engen, leidenden Privatheit gar nicht mehr herauswollen, weil sie alles andere für noch schlimmer halten. „Mich erwischt es schon nicht, ich bin besser als die anderen“ oder „Wir stehen zusammen gegen die da gegenüber“ – das sind alles Scheinfronten, die den Frieden sichern. Das Kapital duckt sich indessen ängstlich, aber sicher hinter alle diese Sandsäcke der Volksverblendung.

DWR: Was ist deiner Meinung nach die Folge davon? Wird man die Demokratie opfern, um das Kapital zu retten?

Starogin: Ich kann nicht hellsehen. Aber warum sollte man nicht – erst recht, wenn es niemandem auffallen würde? Der Fall Griechenland zeigt, dass die Demokratie zumindest noch ein unvorhergesehener Störfaktor sein könnte. Doch den Betreuern des Kapitals ist da gewiss schon etwas eingefallen, um besser auf Störungen durch den Ungehorsam der Bevölkerung vorbereitet zu sein. Die Stärkung der EU-Institutionen, die momentan im Gespräch ist, geht ja schon in diese Richtung; da herrscht dann eine supranationale Verwaltung über die ohnehin schon nicht mehr repräsentativen nationalen Parlamente und verlängert so den Weg von den Wählern zu den Entscheidern noch einmal erheblich.

DWR: Du hast eben gesagt, auch linksradikale Gruppierungen seien keine gesellschaftlichen Strömungen, sondern…

Starogin: Gesinnungsfamilien!

DWR: Genau. Kannst du diese Metapher vielleicht argumentativ ein bisschen auffüttern?

Starogin: Aber gern. Die Familie bildet im sozial erkaltenden Spätkapitalismus immer mehr die Solidaritätsgrenze des Einzelnen, also diejenige Sphäre, über die seine Mitmenschlichkeit nur noch selten hinauskommt. Das sieht man schön in amerikanischen Filmen – Filme sind ja laut Žižek die reinsten Abbildungen herrschender Ideologien – in denen der Familienvater einen wahren Massenmord anrichten darf, nur um seine Kleinfamilie zu beschützen, und am Ende damit noch als Held dasteht. – Was tut also der verunsicherte Kleinbürger angesichts von atomarem GAU, Klimaschäden, Arbeitslosigkeit und Krisenpolitik? Er sucht sich ein gebärwilliges Weibchen, feiert einen feudalen Hochzeitstraum, zeugt weitere Kleinbürger, verschanzt sich in einem burgähnlichen Eigenheim, vor dem er vielleicht noch seine Nationalflagge aufzieht, und fährt pünktlich mit einem allradgetriebenen Wehrfahrzeug durch feindliches Gebiet ins Büro seines Ausbeuters.

DWR: Gut, aber was…

Starogin: Moment! Eine Gesinnungsfamilie verhält sich sehr ähnlich, nur statt auf materieller auf immaterieller Grundlage, das heißt sie pflanzt sich weder natürlich fort noch bildet sie eine Gütergemeinschaft. Sie basiert lediglich auf einer gemeinsamen Gesinnung, die in der Regel gegen die materiellen Gruppenbildungen gerichtet ist, die den Normen der Gesellschaft entsprechen. Ein Gesinnungsbund ist die zweitstärkste Gruppenbindung in unserer ökonomischen Umgebung. Wer keine Familie gründen kann oder will muss sich eine Gesinnungsfamilie suchen – eine Szene, eine Subkultur, irgendeinen Identitätspakt – deren Bande umso stärker sind, je weiter sich die Gesinnung von der Allgemeinheit entfernt. Nur so wird jene Abgrenzung und Eingrenzung geschaffen, die nach innen eine gewisse Geborgenheit gewährleistet, also das Gefühl, vertraut, geschützt, gekannt und anerkannt zu sein. Freundschaften gibt es ja praktisch nicht mehr; sie sind ephemer und unbehaglich. Keiner hat mehr Zeit für sowas, keiner kann und will sich noch an ein halbes Dutzend Menschen binden, die ständig umziehen oder Überstunden machen oder – schlimmer noch – gar nicht mehr arbeiten. Was bleibt sind Familie und Ehe, die physisch und ökonomisch funktionieren, so dass man für sie weniger Zeit und Verständnis als für Freundschaften opfern muss, ohne ihr Zerbrechen zu riskieren – und eben diese Gesinnungsbündelei gegen den Zeitgeist, die ja eindeutig zunimmt. Der inzwischen wieder salonfähige Nationalismus in Deutschland hat bei seiner Wiedererstehung seit den 90er Jahren übrigens genau davon profitiert, gegen einen Zeitgeist gerichtet zu sein, der ihn zu problematisieren schien. – Solche Identifikationsfamilien sind der einzige Weg aus der Isolation, wenn man sich keine Familie leisten kann oder will: so viel soziale Wahlfreiheit hat man also im Kapitalismus; genau so viel und kein bisschen mehr!

DWR: Linke Gruppen funktionieren also als soziale Wärmequelle, als immaterieller Familienersatz?

Starogin: Ja, und wie echte Familien auch stellen sie die Solidaritätsgrenze ihrer Mitglieder dar.

DWR: Soll das etwa heißen, es gibt keine Mitmenschlichkeit gegenüber Außenstehenden?!

Starogin: Es gibt keine Sympathie, kaum Empathie, wenig Verständnis und auch keinerlei Versuche, derartige soziale Qualitäten zu aktivieren. Die Mitglieder der Gesinnungsgruppe bestärken sich untereinander natürlich vor allem in ihrer Abgrenzung, Distanz und Differenz. Offenheit ist nicht erwünscht, sie würde ja den sozialen und emotionalen Zweck der Vereinigungen nur stören.

DWR: Ist das deine Deutung der chronischen Zersplitterung der Linken?

Starogin: Es ist eine mögliche Deutung. Aber diese Zersplitterung gilt nicht nur für die linke Szene, sie gilt für alle anderen politischen und unpolitischen Gegenkulturen genauso.

DWR: Bleiben wir trotzdem bei der linken Szene, um deine Deutung vielleicht noch etwas weiterzuführen. Wir alle wissen, wie spinnefeind die zahlreichen oder besser zahllosen Gruppierungen einander sind. Für Marxisten sind alle Nichtmarxisten Analphabeten, die erstmal in die Lesegruppe müssen; hat man aber Marx gelesen, muss man immer noch entscheiden, ob man sich traditionellen Marxisten, Vertretern der neuen Marx-Lektüre, Postoperaisten, Wertkritikern oder anderen Postmarxisten zugesellt; für Anarchisten sind das alles autoritäre Vereine und für Antideutsche ist ohnehin der ganze Rest der Welt außer ihnen selbst, Israel und den USA eine antisemitische Volksfront, die bombardiert gehört, während sie ihrerseits bei vielen als Rassisten gelten…

Starogin: Ja, sie alle sind verliebt in ihre Gleichheit, die sich von allen Anderen scheinbar so sehr unterscheidet, und verachten jeden, der nicht ganz genauso ist wie sie selber. Also auch hier: narzisstische Identitätskommunen und Distinktionsclubs. Je größer die Gleichheit nach innen und je kleiner der Kreis, desto größer die Differenz nach außen – und umgekehrt. Beides erhöht den Familien-Effekt, das Angenommensein und die Bestätigung zugleich von Einzigartigkeit und Zugehörigkeit. Gesellige Auserwähltheit: noch der hirnrissigste Irrenzirkel kann einer Person Zutritt zu dieser euphorisierenden Gefühlssituation verschaffen. Psychosoziale Strategien also, aber sicher keine gesellschaftlichen Strömungen sind solche Gruppierungen.

DWR: Entkräftet das denn ihre politischen Aussagen?

Starogin: Das kommt darauf an, worauf sich die jeweilige Aussage bezieht. Wenn man sie als Mittel zur Abgrenzung interpretieren kann, dann ja, wenn nicht, dann nein. Das Marxsche „Kapital“ wird in seinen Grundüberlegungen natürlich in keiner Weise dadurch entkräftet, dass ein paar Studenten durch die gemeinsame Lektüre ihr fades Selbstgefühl aufpeppen wollen. Was mir allerdings immer wieder auffällt ist die Tatsache, dass die Unterschiede zwischen diesen Polit-Clubs meist übertrieben werden, die Abgrenzung wird argumentativ und rhetorisch quasi-militarisiert. Der politische Nachbar oder meinetwegen auch Gegner kommt nie unter der schlimmstmöglichen Beschimpfung weg, es werden ausschließlich Höchststrafen verhängt. Besteht etwa das maximale Verdikt einer Gruppe darin, dass jemand antisemitisch ist – klar, dann ist der politische Gegner und sind alle andersartigen politischen Gruppierungen der Linken natürlich immer wieder „antisemitisch“. Die jeweiligen Begründungsmuster, warum das richtig ist und sein muss, besorgt die Propagandaabteilung der Gruppe qua Presseperiodikum. Der einzige Sinn vieler solcher Organe besteht dann darin, die Familienstrategie der Abgrenzung theoretisch zu verbrämen, zu rationalisieren also. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass die Solidarität linker Gruppen, deren gemeinsames Erbe ja die Solidarität ist, kaum mehr über die eigene Identitätsnische hinauskommt. Und noch innerhalb dieser Nischen entstehen neue Nischen, bis jeder bald sich selbst in seiner Privatnische begraben lassen und die Distinktionsstrategie ihr verdientes dialektisches Ende im Solipsismus gefunden hat. Das ist dann die endgültige Bestätigung der herrschenden Verhältnisse durch das isolierte, abgestorbene Subjekt.

DWR: Hat die Linke aus diesem Grund keine gesellschaftliche Relevanz mehr?

Starogin: Das ist wohl ein Teil des Grundes, wobei ich hier nur einen psychologischen Erklärungsversuch ihres Gruppenverhaltens in der bestehenden historischen Situation gebe. Also: die Isolierung des Individuums in einer auf Konsum und Konkurrenz gegründeten Gesellschaft fördert die Entstehung narzisstischer Wahlfamilien und damit auch die Abschottung linker Gruppierungen, das wäre meine erste These dazu. Ökonomischer formuliert: die Privatheit der Produktion setzt sich in der Privatisierung des Politischen fort. So. Es bedarf aber noch einer zweiten These. Man sollte einmal darüber nachdenken, warum die Unterschiede zwischen linken Gruppierungen von diesen selbst stets und systematisch übertrieben werden, ohne dass jemals Kompromisse auch nur erwogen würden. Ein Kompromiss wird generell als Verrat an der eigenen Gruppe und Verfälschung der eigenen Wahrheit gewertet, niemals aber im Sinne eines Erkenntnis- oder Organisationsfortschritts, obwohl man letzteres ja nicht schon vorher ausschließen kann. Warum ist das so? Woher dieser Eifer? Und was bewirkt er letzten Endes? Ich kann nicht glauben, dass die enorme Beliebtheit rücksichtsloser Polemik nur als Abgrenzungsstrategie interpretierbar ist. Nun, ich denke, dass damit jede Kooperation schon im Vorhinein verhindert werden soll und zwar deshalb, weil jedem Linken klar ist, dass Kooperation der einzige Weg zu Praxis und politischer Wirksamkeit ist.

DWR: Das scheint mir jetzt ein Widerspruch zu sein…

Starogin: Es ist kein Widerspruch, weil meiner Einschätzung nach die überwiegende Mehrheit der Linken politisch und praktisch gar nicht wirksam sein will.

DWR: Du zählst die Occupy-Bewegung nicht zur Linken?

Starogin: Doch. Ich sprach ja deshalb auch von einer überwiegenden Mehrheit der linken Gruppen – die Occupy-Bewegung, die ihre Bekanntheit und Aktivität noch aus dem Schwung des Anfangs bezieht, ist eine der wenigen Strömungen, die vor allem auf politische Praxis zielen, leider zuungunsten der theoretischen Vorformulierung ihrer Absichten. Sie zeigt damit zugleich, dass es nicht nur schlechte Gründe gibt, dabei nicht mitzumischen.

DWR: Es gibt nicht nur schlechte Gründe – das ist klar – aber deiner Meinung nach wohl vor allem schlechte Gründe gegen Aktivismus?

Starogin: Das kann man doch nicht so allgemein beantworten! Was habe ich gesagt? Ich fasse einmal zusammen: die meisten linken Gruppierungen sind Wahlfamilien, die ihre Differenzen zu politischen Nachbarn maßlos überhöhen, um ihre Identitätsbaracken nicht verlassen und in einen solidarischen Klassenkampf ziehen zu müssen – der freilich auch andere, ganz und gar nicht psychologische Nachteile bedeutete. Die Rationalisierung dieser Nesthockerei funktioniert immer nach demselben Muster. Ich zitiere: „Nein, das sind Rassisten / Antisemiten / Sexisten / Feministen / Leninisten / Trotzkisten / Bellizisten / die haben ‚Das Kapital‘ nicht systematisch / nicht historisch / rein akademisch / unakademisch interpretiert / die haben eine autoritäre Diskussionskultur / die pinkeln im Stehen / die mögen keine Zwölftonmusik / die halten Denundden für ein Genie / einen Volltrottel / die interessieren sich nicht für Ökologie / sind Ökofaschisten / essen Fleisch / sind vegane Spinner / haben das Widerstandpotential der Popmusik nicht erfasst / die sehen sich Pornos an / sehen sich keine an / die beziehen sich auf Bücher aus dem Verlag X, obwohl das derselbe Verlag ist, der vor zehn Jahren in einem Sammelband einmal eine Rede von Y abgedruckt hat, der ja erwiesenermaßen ein Rassist / Antisemit / Sexist / Trotzkist / Bellizist / Stehpinkler ist, was man in unserer Clubgazette Z nachlesen kann. Die verstehen also nicht ansatzweise, worum es in dieser ganzen Scheiße eigentlich geht! Was zu tun ist und so. Deshalb kann man mit denen nicht reden oder zusammenarbeiten. Jeder Kompromiss mit denen wäre reaktionär / faschistoid / antisemitisch / rassistisch / sexistisch / trotzkistisch / bellizistisch / wie wenn man erst Fleisch isst und danach im Stehen pinkelt etc. und damit unvertretbar. Das sind Leute, die bekämpft werden müssen!“ Dieses Muster beinhaltet eine vielleicht nicht bewusst, aber akzeptiert unrealistische Forderung nach Reinheit der Lehre, die als Ausrede für mangelnde Praxisorientierung benutzt wird. Nur wenn alle den von der eigenen Gruppe mehr oder weniger einheitlich erreichten Grad an Erkenntnis und dogmatischer Reinheit erreicht haben, kann man erst beginnen, gemeinsam – was in diesem Falle gar nicht mehr hieße ‚gemeinsam‘, sondern eben einfach ‚wie eine Person‘ – gegen den eigentlichen Gegner vorzugehen, nämlich den Kapitalismus, in dessen Analyse sich komischerweise viele unterschiedliche Gruppen in grundsätzlichen Punkten (Scheinpolitik, Krisenhaftigkeit, Verarmung, Umweltzerstörung, globale Ausbeutungszusammenhänge, ideologische Nebenwirkungen, Kriege usw.) einig sind. Dabei ist jeder einzelnen Gruppierung klar, dass es NIEMALS dazu kommen wird, dass auch nur die Hälfte aller Linken ihrer eigenen Dogmatik beipflichten oder die auch nur dulden wird – sie, die jeweilige Gruppe selbst ist ja ein Beleg der Gründe und Mechanismen, die sie ebenso wie die anderen daran hindern. Die Beseitigung inhaltlicher Unterschiede – notabene nur bei den anderen! – ist also ein nicht erreichbares Scheinziel, das man sich setzt, um das wirkliche Ziel, nämlich die Ablösung der bestehenden Verhältnisse, dessen Erreichung das Erreichen des Scheinziels strategisch vorgeschaltet ist, gar nicht erst ansteuern zu müssen, weil es weniger amüsante Konsequenzen haben könnte.

DWR: Das Scheinziel der inneren Einigung ersetzt also das Hauptziel des Widerstandes nach außen?

Starogin: Genau so ist es. Die innerlinken Unterschiede werden im Laufe der Auseinandersetzungen für einige Grüppchen wichtiger als die Kritik am bestehenden System, das damit ja perpetuiert wird. Man könnte also gleich das ganze Kritisieren und Polemisieren sein lassen, der politische Effekt wäre wahrscheinlich der gleiche. Aus dem Widerstand, für den sich in früheren Zeiten Kommunisten haben foltern und ermorden lassen müssen, ohne dass sie ihn aufgegeben hätten, wird ein pubertäres Spiel mit Codes und Fahnenwörtern, das nichts und niemanden weiterbringt außer dem eigenen Ego. Ich schließe daraus, dass für ebendiese Gruppen das bestehende System dann eben einfach nicht das drängende Problem ist. Es ist ganz okay so. Starbucks, Internet, Gratisfilme, ab und zu einen durchziehen und über ein paar Leute lästern, zur Not halt auf Hartz IV, alles easy. Es fehlt in Deutschland die persönliche Betroffenheit, die Widerständler in anderen, härteren Zeiten und an anderen Orten so mutig, aber auch so kaltblütig gemacht hat und immer noch macht. Was dann vom linken Studenten in Germanien in seinem Blog eifrig kritisiert werden kann.

DWR: Zu bemängeln, dass jemand wie Max Hoelz ein Kommunist von anderem Schlag war als wir Wohlstandskritiker heute, heißt zugleich, den Wohlstand bemängeln, weil er uns noch nicht kaltblütig gemacht hat. Das ist weder eine haltbare Kritik noch etwas Neues…

Starogin: Nein, aber vielleicht sollte es dennoch einmal wieder gesagt werden: für zumindest einige  linke Gruppen ist es offensichtlich wichtiger, die eigene Identität in einem streitbaren sozialen Zusammenhang zu verwirklichen als eine andere Gesellschaft, in der sie womöglich nicht mehr die Lufthoheit über ihr privates Ideenreich genießen könnten, sondern die Wahrheit mit anderen teilen müssten. Vergemeinschaftung, Gleichheit, Solidarität – schlimme Vorstellungen für Linke…

DWR: Im Spätkapitalismus hat sich also, etwa zwischen dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Durchschlagen der gegenwärtigen Krise auf die sogenannten Mittelschichten in Deutschland, eine Situation entwickelt, in der Angehörige linksradikaler Randgruppen von den individualistischen Optionen der Konsumgesellschaft psychologisch und privat so sehr zu profitieren scheinen, dass Angriffe auf diese Gesellschaft in den Hintergrund getreten sind. Würdest du das so unterschreiben?

Starogin: Nein. Denn die Individuen profitieren nicht von diesem Individualismus, nicht einmal scheinbar. Die Konsumgesellschaft bietet keinerlei ‚Optionen‘, die nicht am Ende Zwänge wären. Der und die Einzelne macht dabei Verlust. Um zugleich auf euren Einwand von eben zurückzukommen: Linksradikale heute können und wollen sich vom Konsumismus natürlich nicht ausschließen. Wie  sollten sie auch? Entscheidend ist aber, ob sie seine Optionen erweitern wollen – oder ob sie mit diesem Schmalspurindividualismus zufrieden sind. Ob sie ihre Gegenwart in dieser pseudohedonistischen Zwangsgesellschaft ideologisch verklären und genießen können – oder ob ihnen das richtige Bewusstsein dazwischenkommt und eine Identifizierung mit den ‚Optionen‘ dieses Beglückungssystems dauerhaft verhindert. Das ist doch die Frage, das ist doch der Unterschied, auf den es ankommt!

DWR: Konkret?

Starogin: Ob sie sich also mit der Filterlosen im einen und einem verbalen Distinktionsbeweis im anderen Mundwinkel in der Berliner Szenekneipe schon dermaßen lebenskönnerisch und solitär vorkommen, dass es in einer alternativen Gesellschaft gar nicht mehr besser für sie laufen könnte. Diese Selbstverliebtheit, die typisch ist für unsere Gesellschaft, in der jeder glaubt, dass man sich für ihn interessieren müsse, zugleich aber keiner sich für den anderen interessiert und niemand diesen Widerspruch überhaupt bemerkt – dieser Narzissmus, der die gesellschaftliche Bedrohung, die mögliche Zerstörung des geliebten Selbst so völlig verkennt, verdrängt oder vergisst, weil die alltägliche Zerstörung fremder ‚Selbste‘ ja nicht in dieselbe Kategorie fällt, das ist heute der Wendepunkt vom vielleicht richtigen zum ganz sicher falschen Bewusstsein, von der Vernunft zur Ideologie, von der Kritik zur Affirmation, vom Menschen zum Konsumenten, vom Sozialisten zum Sozialdemokraten, vom Linksradikalen zum Bohemien und in jedem Fall zum Vollidioten!

DWR: Was bedeutet das bezogen auf die Zersplitterung der Linken?

Starogin: Das bedeutet, dass der wahre Individualismus, den zu vertreten überhaupt erst die Existenzberechtigung der Linken ist, sich nicht in Apple-Produkten und irgend bestehenden Identitätsangeboten verwirklichen kann, sondern einzig und allein auf dem Weg des Klassenkampfs. Das heißt durch die Ablösung immer rigiderer Zwänge der Marktgesellschaft durch eine vergemeinschaftete Produktion. Punkt. Dahinter geht kein Weg zurück, der aus Unterwerfung und Lebensmüdigkeit herausführen soll. Und das muss und kann man auch begreifen!

DWR: Und Gruppen, die das nicht begreifen, wären für dich also keine Kooperationspartner?

Starogin: Soll das eine Fangfrage sein?

DWR: Nur ein Bemühen um Präzision.

Starogin: Das käme auch hier auf den konkreten Fall an, auf die begriffliche Ausgangssituation der Gruppe, ihre Ziele, ob man diese dem Klassenkampf unterordnen könnte oder sie davon herleiten könnte und so weiter. In den allermeisten Fällen kann man das. Das ist ja der Witz an der Geschichte…

DWR: Danke für deine verlustreich in unser Blog investierte Lebenszeit.

Starogin: Danke ebenso. Wieder ein Schritt weiter auf dem Weg zum profitlosen Dasein…

 Musik wird eingespielt:Vorwärts und nicht vergessen, / worin unsere Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen, vorwärts nie vergessen: / die Solidarität!“

* Name von der Redaktion geändert

 

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Der Universal-Wahlomat für Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Europa, Nordamerika und die westliche Hemisphäre insgesamt!

 

„Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt.“

Rosa Luxemburg (1918)

 

„Endlich passiert mal wieder was! Endlich tut sich mal wieder was! Endlich fragt uns mal wieder wer, was wir wollen! Wählen nämlich wollen wir, der Souverän, denn Wählen ist Demokratie und Demokratie ist gut – oder doch zumindest das Beste, was es gibt. Und: Wählen heißt Wählen, weil man da wählen kann was man will – oder doch zumindest was man am ehesten will aus dem, was eben da ist…“

So denkt sich der Wähler, und seine Gedanken muss man linguistisch kommentieren: Der Superlativ ist eine grammatische Steigerung des Positivs, nicht aber eine semantische. Das Beste muss noch lange nicht besser sein als das Gute, es muss nicht einmal gut sein. Das Beste ist lediglich besser als die anderen Elemente einer gegebenen Menge – und je weniger gegeben wird, desto schlechter ist in der Regel das Beste davon. Besteht diese Menge beispielshalber aus Mord, Folter, Gefängnis und Armut – wählen wir die Armut. Für diese verständliche, aber unverständige Verhaltensweise – man wird ja schließlich nicht gezwungen zu wählen – hat sich bei ihren Verfechtern der Scheinbegriff „das kleinere Übel“ (im wahrsten Sinne:) eingebürgert.

Der verantwortungsbewusste Bürger geht wählen. Das gehört zu seinem Selbstbild wie das Arschabwischen und damit zu denjenigen Tätigkeiten, die ihn von Angehörigen unfreier, unzivilisierter Staaten unterscheiden, und darauf darf man ruhig auch ein bisschen stolz sein. Freie Wahlen sind schließlich eine historische Errungenschaft, die geehrt gehört. Wer wählt legt Zeugnis seiner Wertschätzung für diese Errungenschaft ab – außerdem seiner Anfälligkeit für Pathos, Patriotismus und die unhistorische Verehrung einer Tradition, die längst nicht mehr der Emanzipierung der Menschen dient, sondern ihrer Unterdrückung, wenn auch einer Unterdrückung mit dem Einverständnis der Unterdrückten. Denn nicht mehr als dieses Einverständnis ist ein ausgefüllter Wahlzettel.

Jeder Wähler ist für das Gewählte – nicht die Gewählten – verantwortlich, er übernimmt durch sein Stimmkreuz formell die Verantwortung für das Elend seines Verwaltetwerdens. Eigenverantwortlich gibt er sein Recht ab, nicht damit einverstanden zu sein, was das von ihm per Votum bestätigte System – dessen Parteien- und deren „Gestaltungs“-Optionen er ja akzeptiert hat – ihm widerfahren lässt und was er stets darauf schieben kann, dass nunmal nicht diejenigen an die Macht gekommen wären, die er gewählt hat, oder dass die, die er gewählt hat, nicht halten würden, was sie versprochen hätten. Als dritte Möglichkeit kann er gleich sogenannte Protestparteien wählen, von denen im Vorhinein schon klar ist, dass sie nicht an die Macht kommen werden, und die man nur wählt, um die Machtparteien ‚zu ärgern‘. (Die einzige Partei, die sich dabei wirklich ärgert, ist die Partei der Protestparteiwähler, deren politische Motive, Frustration über ihre private Einflusslosigkeit und privater Neid auf die Einflussreichen, so unpolitisch bleiben wie ihr Vorgehen.) Er sieht nicht ein, dass er sich niemals aus seiner Nörgelei wird herauswählen können. Solange er Wahlen als hinreichende Mittel der politischen Willensbildung hinnimmt, wird er seinen Willen nicht bekommen. Die Partei, die ihn nicht nörgeln ließe, wäre nicht wählbar, weil sie außerhalb jener gesellschaftlichen Ordnung stände, die ihn in Wahrheit und ohne dass er sich dessen bewusst ist, überhaupt erst nörgeln lässt. Seine Wahl ist eine Art Prokura, mit deren Unterzeichnung – es müssen nicht einmal drei Kreuze sein, zwei genügen meist schon, man will ja niemanden überfordern – er der Regierungsallianz von Kapital und Staat die Herrschaft über sein Leben übergibt und deren Vollstrecker damit befugt, seinen eigenen Willen anzuführen, wenn man sie einmal fragen sollte, was sie denn da für sonderbare wählerferne Dinge betreiben. „Wir haben von den Wählerinnen und Wählern einen Regierungsauftrag erhalten, und den nehmen wir sehr ernst“, leiert daher aus allen Parteisoldaten die einstudierte Formel, die schon der Kritik an ihren Machenschaften vorbeugen soll: ihr habt uns schließlich gewählt, ihr wolltet es doch nicht anders! Und damit haben sie (juristisch) recht.

Zu schweigen davon, dass der Wille der Wählerinnen und Wähler sich immer seltener erfüllt, je mehr Parteien in die Arena der „Volksvertreter“ einziehen. Je mehr Fraktionen in den Parlamenten sitzen, desto mehr geht die Regierungsbildung vom Wähler auf die Parteien über (gäbe es ebenso viele Parteien wie Wähler, wäre eine Wahl gänzlich überflüssig und würde durch Verhandlungen auf Repräsentationsebene ersetzt). Im Saarland schlurften zwei Drittel der Wahlberechtigten im März 2012 an die Urnen, etwas mehr als ein Drittel davon wählte die CDU. Nachdem klar war, dass sie damit die Stimme jedes fünften (!) wahlberechtigten Saarländers errungen hatten, brach in der CDU-Zentrale das Triumphgeheul los. Die De-facto-20-Prozent-Ministerpräsidentin regiert nun mit den Sozialdemokraten im Namen von insgesamt 40% der Wahlberechtigten das Bundesland. Aufgrund von Vorabfestlegungen war ohnehin längst klar, dass genau diese Koalition regieren würde. Und schließlich gibt es ja eben noch Verhandlungen nach der Wahl, in denen hinter verschlossenen Türen ausgemauschelt werden kann, wer mit wem was dem Wähler auftischt, der schon jetzt, bevor es eine Regierung gibt, seinen Prokuristen machtlos zusehen muss – sofern sie ihn denn überhaupt zusehen lassen. Diese Wahl war was Wahlen in der freien Marktwirtschaft, die nicht zur freien Wahlwirtschaft verkommen darf, immer sind: eine reine Formalität.

Das ahnen viele WählerInnen, es kann ihnen auch nicht dauerhaft verborgen geblieben sein. Und diese Ahnung greifen wiederum die Werbeagenturen auf, die Plakate und Slogans ‚produzieren‘, die einem kopflosen Plüschtier auf der Toilette einfallen könnten: „NRW im Herzen“, „Das ist meine FDP“ oder „Norbert Röttgen Wählen“, „Wähl deine Meinung“, „… macht den Unterschied“ sind derart inhaltsfrei, dass sie nicht einmal mehr die Illusion eines fernen argumentativen Hintergrundes assoziieren lassen. Gesichter, die sympathisch wirken sollen, bedruckt von Floskeln, die meistens nicht stören, ersetzen den „Wahlkampf“ im wörtlichen Sinne einer Auseinandersetzung um etwaige Unterschiede, die der Wähler ankreuzen könnte – und die es ja, verteilt in einem engen Spektrum des Irrelevanten, sogar gibt. Beworben werden diese Unterschiede allerdings nicht. Es könnte ja sein, überlegen sich die Werber in ihrem erfolgsmaximierenden Denkstil, dass man einen Unterschied bewirbt, der nur 20% der Passanten behagt, während hingegegen 50% der Plakatkontakte diesen lächelnden, glattrasierten Brillenträger ganz nett finden könnten. Folglich lässt man das Argument für Förderschulen, Hasenzucht oder Zahnersatz weg und retuschiert und suggeriert stattdessen ein wenig im Unbewussten des demokratischen Souveräns herum. Ich bin sympathisch, grinsen die postdemokratischen Berufsschleimer also von ihren Plakaten, jeder für sich, alle sind sympathisch, die eine mehr dem-, der andre mehr derjenigen, es kommt nicht drauf an, irgendwer wird schon die Geschäfte übernehmen und sich um das Wohl der Bauunternehmer und Energiekonzerne und der exportierenden Industrie kümmern und für eine möglichst reibungslose Kapitalakkumulation („Wachstum“) sorgen. Wen hört man schon einmal seine Wahlentscheidung mit einem Argument begründen? Wählt wirklich jemand die SPD, weil die dasunddas tun? Hört man nicht eher Sätze wie „Die X ist mir ganz sympathisch“ oder „Der Y ist ganz ok“ oder „Ich wähle eigentlich immer Z“ oder „Wen soll ich denn sonst wählen?“. Jeder wählt so nach dem Stilempfinden seines Selbstbildes: der Krawattenproletarier wählt seine FDP, selbst wenn sie die Interessen seines Chefs, die nicht die seinen sind, vertritt, der Ökologische wählt halt die Grünen, weil die so schön ökologisch heißen, und wer sich bei weitgehend sicheren Einkommensverhältnissen für halbwegs locker hält, der wählt dann eben SPD. Genauere Kenntnisse von den landespolitischen Entscheidungen seines Lieblingswahlvereins oder auch nur der in Programmen niedergelegten Versprechen hat man nicht. Warum auch? Hätte man die, würde man wohl gar nicht mehr wählen gehen, und das macht ja auch keinen Spaß. (Wüsste man, wo, von wem und unter welchen Umständen die Waren produziert werden, die man beim Samstagsshopping in den Einkaufsstraßen so zusammenträgt, hätte man auch weniger Spaß beim Shoppen. Das wäre nicht gut. Für die Konsumlaune nicht, für das Geschäftsklima nicht, für die Nation nicht. Wissen nutzt also nichts und macht keinen Spaß. Demokratie soll aber Spaß machen, sonst macht ja keiner mehr mit. Das wäre nicht gut. Nicht zu wissen, wobei man mitmacht, klingt aber auch nicht so toll. Verzwickte Lage das…)

Sitzen wir heute, am großen NRW-Wahltag im Café – wir, die in diesem Bundesland ansässige Handvoll Blogredakteure, einen Tag vor der nächsten Runde Erwerbshamsterrad und Aufstehen um fünf Uhr nachts, in gereizter Stimmung also, und diskutieren einen kommenden Artikel über die ökonomische Lage Südeuropas, als am Nachbartisch, wo drei ältere Herrschaften von ihrem (womöglich vorletzten) Urnengang ausruhen, ein Ehepaar und eine ihrer Mütter offenbar, letztere seufzt: „So. Haben wir unsere Pflicht getan.“ Gemeint war das Wählen.

Pflicht, Gehorsam und Verantwortung – im Nachhall dieses fatalen Dreiklangs der bürgerlichen Lebensführung, der so bieder klingt, an Hausmusik und Rosenkohl erinnert, sind mehr Höllen entfacht, mehr Feuer aufgeschichtet worden als im Namen des Satans selbst und aller stellvertretenden Menschenfeinde. Das Richtige tun zu müssen, auch wenn es schwerfällt, selbst wenn man es nicht versteht: damit ließ sich noch jedes Massaker rechtfertigen und jede zivilisiertere Vernichtungsentscheidung als Schritt zu höheren Zielen aufwerten. Im Kleinen und Einzelnen wirkt dieser Dreiklang, er ist in den letzten Jahrzehnten lauter geworden, und jeder, der zwei saubere Ohren hat, webt in seinem Sinne an seinem bescheidenen Platz in dieser großen Welt fort. Lernen, Arbeiten, Kaufen, Fortpflanzen, Abtreten. So. Haben wir unsere Pflicht getan. Muss ja. Ist nicht immer schön. Kann ich Ihnen sagen. Aber was will man machen?

Nachdem „Pflicht“ und „Gehorsam“ mit dem Sprachgebrauch der älteren Generationen deutlich abgesunken sind, hat die Verantwortung, in ihrer pleonastischen Verdoppelung als „Eigenverantwortung“ (die ähnlich sinnvoll ist wie die „Eigenintelligenz“ oder andere „Eigeneigenschaften“), umso mehr Karriere gemacht. „Eigenverantwortung“ ist auch so ein Grundwort der Profitgesellschaft, das immer dann fällt, wenn das Gegenteil gemeint ist: wer für das Arbeit organisierende Kapital nutzlos, arbeitslos geworden ist, der soll gefälligst „Eigenverantwortung“ übernehmen und sich nicht aufs faule Kreuz legen lassen. „Eigenverantwortung“ verlangen zu können setzt eine Wahlmöglichkeit voraus. „Schließlich leben wir in einem freien Land!“ Die Fußgängerzonen leuchten vor lauter Wahlmöglichkeiten. 100.000 Vollzeitstellen entfallen seit Anfang der 90er Jahre jedes Jahr in Deutschland. Na sowas! Die Faulheit greift um sich! Alles Leute, die von ihren kompetenten „Jobcenter“-Sachbearbeitern dringend in Seminare zur Bewusstmachung ihrer „Eigenverantwortung“ genötigt werden müssen, zur volldemokratischen Umerziehung…

Damit das nicht aufhört – und nur deshalb, damit es nicht aufhört – ist Wahlvieh vonnöten. Am Sonntag ist darum der Stall geöffnet und die mitunter nach Bier und Urin riechenden Souveräne werden – für Kugelschreiber ist gesorgt! – zur Wahlrinne geführt. Demokratische Pflicht! Nicht vergessen! Nicht verstehen!

Wer wählt wählt das Kapital. Das ist das Kleingedruckte jedes Wahlzettels der westlichen Welt. Der Kapitalismus ist nicht abwählbar. Die Partei der Systemgegner ist die Partei der Nichtwähler. Es ist die stärkste der Parteien.

Darum funktioniert der DWR-Wahlomat auch mit nur einer einzigen Frage:

Sind Sie der Meinung, dass der Kapitalismus eine erhaltenswerte Gesellschaftsordnung ist?

Antwort ‚Nein‘: Gehen Sie nicht wählen!

Antwort ‚Ja‘: Wählen Sie eine beliebige Partei!

 

Nachtrag: 59,60 % der Wahlberechtigten haben gewählt. Zwei Fünftel also fanden, da gab es nichts zu entscheiden. „Es sind vor allem die weniger Gebildeten und die sozial Schwachen, die zu zwei Dritteln nicht zur Wahl gehen„, lese ich in einem Artikel dazu. Ihre Bildung scheint immerhin auszureichen, um zu ahnen, wo sie nichts verpassen. Der folglich mit weniger als einem Drittel der Wählerzustimmung regierenden „absoluten“ rot-grünen Mehrheit mit Unternehmensberaterin Kraft an der Spitze schütteln wir an dieser Stelle recht herzhaft die Ohrläppchen und wiederholen: „Wir sind die stärkste der Partei’n“.

 

Den Mörder zum Arzt machen

 

Die Vereinseitigung einer Weltordnung, die alle Dinge im Hinblick auf Angebot und Nachfrage interpretiert, bringt notwendigerweise vielfältige Mängel hervor. So bewirkt die globale Homogenisierung von Räumen, Waren, Konsumenten und Bedürfnissen etwa einen Mangel an Individualität und Regionalität, den eine marktrelevante Anzahl Menschen verspüren und äußern. Darauf wird wiederum dieser Mangel als Nachfrage erkannt, die gewinnträchtig zu bedienen ein neuartiges Angebot entsteht. Obwohl ihrerseits längst ebenso globalisiert wie ihre Kunden spielen beispielshalber an vielerlei Orten der Erde autochthone Gruppen ihren touristischen Besuchern das Theater ihrer längst nicht mehr integrationskräftigen Traditionen vor, um vom davon verdienten Geld ihrerseits ein ungestilltes Bedürfnis, vielleicht das nach mobiler Urbanität, zu stillen zu versuchen. Denn wo immer im Kapitalismus immaterielle, etwa emotionale, psychische oder religiöse Mängel entstehen und, wie Rohstoffe der Illusionsproduktion, entdeckt werden, dienen sie bald nur als Nachfrage für diese Illusionen der Fülle. Trugbilder sind es aber notwendigerweise insofern als die Mängel, welche sie besänftigen sollen, gerade durch die Ökonomisierung aller Lebensräume, der inneren wie der äußeren, überhaupt erst geschaffen werden. Die Schädigungen aber, die durch die totalitäre Ökonomie an Menschheit und Menschlichkeit entstehen, können logischerweise nicht durch ein Wachstum dieser Ökonomie behoben oder gelindert werden. Dennoch muss freilich dies immer neu versucht werden, da langfristig das Versprechen, ebenjene kapitalistischen Krankheiten zu heilen der letzte Absatzmarkt des Kapitals vor seinem historischen Verschwinden darstellen wird.

 

 

Tiere im Park

 

Im Park im Frühling in der späten Stadt,

Wenn fünf Prozent von ihrer Fläche blühen,

Gibt man was man vom Leben netto hat

Dem Licht, den Freunden und der teuren Stadt

und nutzt es zur Erörterung der Mühen:

 

Dass man die Arbeit liebt, die man halt hat,

die Kinder wollte, die das Leben teuern,

dass man sich fit hält, obwohl häufig matt,

noch läuft und lernt und gern mit Freunden lacht,

und alles noch, nachdem sie einen feuern.

 

Die Vögel jubeln, hoch und fern von jeder Stadt,

Den Hunden sieht man an, dass sie nicht denken,

sie pesen über Rasen wie mit tausend Watt,

nichts Hinderndes scheint es zu geben, alles glatt

wie eine Eisbahn – niemand muss mehr lenken.

 

Und plötzlich hört man auf zu überlegen,

verliert sich in den frühlingsfrohen Lauf des Tiers –

erörtert und belacht nicht mehr Kollegen,

vergisst was man doch wollte widerlegen,

sehnt sich Betäubung, Leere, Nichts entgegen:

will Alles fluten noch im letzten Schlückchen Biers.

 

 

Intensivstation Literaturkritik

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In seinem nächsten Werk ‚Das 13. Kapitel‘ soll es denn auch um die Unmöglichkeit der Anpassung gehen – wobei Walser eigentlich weiß: ‚Wenn du kein Virtuose im Vergessen bist, verblutest du auf der Intensivstation Erinnerung.‘

So schreibt jemand, der ein erotisches Verhältnis zur eleganten Formulierung pflegt. Und jene ‚Leichtigkeitsschwere‘, die er Goethe nachrühmt, gelingt Martin Walser scheinbar mühelos.

 

(Hartmut Wilmes im „Bonner General-Anzeiger“ vom 24./25.03.2012)

 

Gedichte der Epoche (1) – Achim von Arnim: „Der Welt Herr“ (1828)

Morgenstund hat Gold im Munde,
Denn da kommt die Börsenzeit
Und mit ihr die süße Kunde,
Die des Kaufmanns Herz erfreut:
Was er Abends spekulieret
Hat den Kurs heut regulieret,

Eilend ziehen die Kuriere
Mit dem kleinen Kursbericht,
Daß er diese Welt regiere
Von der andern weiß ichs nicht:
Zitternd sehn ihn Potentaten
Und es bricht das Herz der Staaten.

 

 

Ereignisse des Waldes

Junge Männer, die wochentags magnetische Ansteckschilder mit Firmenlogos und ganz persönlichem Namenszug am Revers tragen, sind gut beraten, wenn sie sich nicht an sonnigen Sonnabenden dabei erblicken lassen, wie sie auf scheineinsamen Wanderpfaden breitbeinig auf hölzernen Brücken stehen und in frohem Bogen über das knorrige Naturgeländer in einen metertief darunter plätschernden Bach hinunterstrullern, dass es noch hinter der übernächsten Pfadbiegung wasserfallgleich zu vernehmen ist. Das ist nicht die verinnerlichte Stimme der eichendorffischen Waldeinsamkeit, werden sich erfahrene und erst recht ortskundige Wandersleute denken, die in Hörweite dieses Geräuschs geraten. Und sie werden ihre haxendrallen Waden spannen in neugierigem Marsch um die nächste und die übernächste Biegung und – aber das ist doch – – Herr Bittenfeld! Endlich wieder wie ein Kind ins All hineingeströmt und lächelnd, sozusagen kniend in der Kirche der Natur, braucht es noch einen halbbewußten Augenblick, bis man erkennt, dass es dort unten einen kniebundbehosten Grund gibt zu erschrecken: Herr Doktor Krautheuser, mit Walkingbesteck und Deutschem Wachtelrüden (Note ‚gut‘ bei der Verbandsschweißprüfung und seit dem Tod der Gattin Krautheusers letzte Kreatur für warme Worte), ein Inbild der Gewichtigkeit, ganz Mann mit manchen ganzen Männern unter sich – und jetzt vor sich dies Männchen! Gott – die quälenden Sekunden, bis der Wasserfall vertropft ist und der Reißverschluss der Zivilisation wieder geschlossen! Eine panische Stille kehrt ein unters Blätterdach. Nicht gesprochen werden kann über solche Dinge, die in der Geschichte der Menschheit eigentlich bereits geendet hatten, als die Sprache begann. Urtümlich-Lehmiges. Körperflüssiges.

„Steht nicht in Ihrem Arbeitsvertrag geschrieben: ‚Der Angestellte hat in seinem Tun und Handeln stets die Steigerung der Anziehungskraft der Marke Schlagmichtot nach innen und nach außen zu fördern‘? Und erachten Sie es im Vollbesitz Ihrer zweitrangigen Geisteskräfte für dem Ansehen des Unternehmens förderlich, in romantischer Naturidylle, welcher sich eine Vielzahl seriöser Wanderer mit offenen Sinnen anzuvertrauen pflegt, ihren Stoffwechsel derart tolldreist zu inszenieren?“

Auf diesem Höhepunkt des Konflikts ergeben sich zweierlei Entwicklungsmöglichkeiten. Erstens: Zwei finstere Wanderstiefelträger werden bald von verschiedenen Seiten die Brücke entern und diesen hoffnungsvollen jungen Herrn, auf dessen Ansteckschild einst der Name „Bittenfeld“ blitzte, aus der Hörweite seriöser Wandersleute entfernen, ohne dass er etwas Böses getan hätte. Zweitens: Von der Höhe azurdurchwirkter Buchenwipfel sprengt von Ast zu Ast auf einem Ziegenbock ein gehörnter Dämon auf die Brücke herab, schüttelt seine mit dem roten Bart verflochtene Mähne und bietet dem Ankläger seine befellte, breite Brust. Und spricht:

„Das Menschliche kann nicht durch Klauseln dividiert werden. Immer bleibt ein stummer, flüssiger Rest. Nasenbluten im Meeting. Ein Alptraum in der Hochzeitsnacht. Unvorhersehbare Zwischenfälle im Drüsengewebe. Das alles sind Ereignisse des Waldes, des dunklen Grundes unter dem Asphalt und Anzug. Eines endlosen neundimensionalen Labyrinths. Da kommt man zwischen zwei Terminen nicht mal eben durch: zwischen Geburt und Sterben. Ein Lauf unter Wasser, traumzäh, die Luft ist begrenzt, und keiner weiß, wo oben ist. Selbst mit einem lebenslangen Faust-Stipendium für Existenzergründung und All-Erkenntnis inklusive mystischer Exkursionen, Nürnberger-Trichter-Seminaren in sämtlichen Wissenschaften und Forschungskolloquien mit verstorbenen Geistesfürsten,  maßgeblichen Naturgeistern sowie dem Teufel persönlich (Gottes Stellvertreter auf Erden) verdrehen sich die Augen auf dem letzten Pfühl doch nur in den eignen Schädel, und nicht in den der Welt.“

„Und danach?“ wendet unser Vorgesetzter ein. „Ein brauchbarer Mensch hat bis zu seiner letzten Stunde Referenzen angesammelt. Und hat womöglich gute Aussichten auf eine postmortale Karriere am Puls der Ewigkeit. Da lösen sich dann alle Fragen!“

„Ewigkeitskonzepte von Eintagsfliegen! Wortreiches Antichambrieren in den unteren Etagen der Zentrale des großen Universalvorsitzenden (unendlichstes Stockwerk – Büro rundumverspiegelt – leer – Aschenbecher aus schädelförmigem Malachit). Jeder Mensch ist eine Marionette an vieltausend Fäden, und kein Gott groß genug, die Fäden alle so zu spielen, dass sie sich nicht verwirren alle sieben Hundejahre. Die Verwirrung ist gerade das Göttliche. Das Schicksalsknäuel. Die Schicksalsknoten. Der Schicksalsfaden – eine Tripelhelix aus Wärme, Tod und Unwissen.“

Alles schwieg. Der Wind trug einen stillen Raben durch den offnen Raum.

„Also ist es menschlich und klug, für einen plätschernden Moment die schwachen Grenzen der Kontrolle und das eingeübte Selbst zu überschreiten. Innezuhalten am Weg und sich seitwärts zu wagen auf eine Lichtung des Alls, nur um einmal anders zu atmen. Bildhaft gesprochen. Und vielleicht dort auf dem Farn zu liegen, bis die Nacht kommt, unterm grünen Hauch des Pflanzenhimmels…“

Ein Traum, was sonst. Im Aufzug. Den Anzug harnischhaft gestrafft. Die Brille, das Visier, nochmal zurechtgerückt. Homo sapiens honoris causa. „Ach, Bitterfeld, Sie stehen gerade so schön. Drücken Sie doch mal fix auf die 33. Besten Dank.“

 

(Dieser Text ist zuerst am 2.2.2012 in gekürzter Fassung in der „Berliner Zeitung“ erschienen unter dem Titel „Die wahren Ereignisse des Waldes“.)

 

Reset 13.0.0.0.0 – Stürzt 2012 die Matrix ab? (1. Teil)

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Silvester 2011. – Der Businessandroid von DWR hat diese Überschrift einundzwanzig kolorierten deutschen Printmedien angeboten, aber niemand außer uns selbst hatte mal wieder das nötige Hintergrundwissen, um uns zu verstehen. Statt Schampus, Schlampen und Schlampampen gibt‘s deshalb heute nur Bananenmilchshake an Fellpantoffeln. Dieses Jahr – es war ein hartes, wir alle wissen es, weil wir es gelesen haben – zelebrieren wir Silvester (nicht mit y wie der gleichnamige SS-Brigadeführer) mal nicht als wodkabetankten Hirnzellengroßbrand in Hongkong oder quasi sechs Fuß Unter den Linden, sondern: mit kaltem Licht und trockenen Daten in den Hallen der DWR-Redaktion, mit Blick auf Beteigeuze. Die Schreie der Genossen, in den Draht der Dialektik eingeschnürt, streitend um Konkretisierungen der Utopie, sind für heute verhallt. Keine Kalaschnikowsalven (M-M-M-Monster Kill!!) zerreißen mehr die Luft. Fast alle sind sie bei ihren Haustieren, also zuhause, und ersäufen die Erkenntnis einer Welt aus Widersprüchen in epileptogenen Filmen. Nur mich, Sandro, und meine beiden Rottweiler Hannibal und Drago, die sich großherzig einen Sozialdemokraten teilen, hält es noch in diesen weißen Räumen, um, nüchtern wie ein Knochen, unter der Ahnengalerie verklärter Kämpfer – Charles Marx, Seamus Joyce, Lucifer & Chaplin – einmal mehr eine Elitetruppe bestgedrillter Bits in den Dschungel der Verblendung zu entsenden!
Um das zu leisten, ist freilich eine überäffische Zusammenballung von Hirnelektrik vönnöten, die man nur durch zielscheibigstes Konzentrieren auf das innerste infinitesimale Zentrum des eignen Geisteskreises erreichen kann. Erst wenn nach einer gewissen Dauer in der alltäglichen Umwölkung unseres Cortex eine entsprechend spannungsreiche neurologisch-semiotische Aufladung zusammensublimiert ist, entlädt sich ein Elektrometeor des Sprachvermögens in einem Sekundenbruchteil, zugleich jedoch im zugehörigen Gehirn den subjektiven Eindruck völliger Zeitlosigkeit verursachend, so dass es sich für den Betroffenen ebenso um eine Hundertstelsekunde wie um die Ewigkeit selbst handeln könnte, hätte handeln können, wird handeln können beziehungsweise wird handeln können haben. Früher, als Männer noch von Hand zu schlachten wussten und die Kirchen in Germanien noch voller als die Mägen waren, fehlten uns durchaus noch die Begriffe für diesen Vorgang, den man damals schlicht als „Geistesblitz“ bezeichnet hätte. Heute aber haben wir sie: die Begriffe. Und täglich, nein stündlich werden es mehr. Und mehr. Und mehr. Und immer mehr Begriffe. Und noch mehr Begriffe. Und die Begriffe werden durch neue Begriffe geordnet und verknüpft, wodurch übergeordnete und verknüpfende Begriffe entstehen und so immer weiter. Und immer so. Und immer so immer weiter so. Wir wissen nicht, wie lange und bis zu welchem Punkt wir uns mit allem dem verflechten und verordnen lassen, aber wir wollen das auch gar nicht wissen, weil uns beziehungsweise mich diese unendliche Spiegelperspektive nämlich nur ablenkt von der jetzt geforderten hirnelektrischen Aufladungsmeditation. Daher jetzt – endlich – für eine gewisse Dauer – taktische Stille!

… … – Eine Kakerlake!, womöglich eine Blattela germanica, schleift ihr Exoskelett aus Polysaccharid über den Polyvinylchloridfußboden: ein Geräusch, so schwach und traurig, dass keine fühlende Seele davon unberührt bleiben kann. Ein Geistesblitz in Gegenwart solch kleiner Lebenwesen wäre gewalttätig und ordinär. Ebensowenig kann man im Plauderstil – für den man keinen Geistesblitz nötig hat, ja meist nicht einmal einen Geist – zum Thema Weltuntergang übergehen, während ein trauriges Tierchen das Zimmer kreuzt. Das wäre Kitsch. Ein Mangel an Kontrasten, an Gegensätzen, aus denen ja leider nicht nur die Welt besteht, sondern, Satan sei Dank, auch Kunst und Wahrheit. Das muss wahrscheinlich erklärt werden – da! … Zehn stählerne Schläge an die Tür! Das muss Nowosokol-Nicky sein, Alchymist und Hanfbauer.

Surren des elektrischen Türöffners, Ausrasten des Schlosses, schlurfende Schritte, Kettenrasseln und Bestiengebell.
SANDRO: Ruhig, Hannibal, Drago! Gut Freund!
NICKY: Ein Tier! Zwei! Seit wann habt ihr denn Tiere hier?
SANDRO: Was soll das heißen! Weißt du denn nicht, dass WIR zur Unterordnung der Trockennasenaffen gehören? Die Grenze zwischen Mensch und Tier ist imaginär, mein Freund, nichts als Halbaffenhochstapelei.
NICKY (setzt sich): Darauf muss ich erstmal einen rauchen…
SANDRO (wühlt unbeeindruckt in hohen Papierstapeln, aus denen hier und da ein einzelnes Blatt davonsegelt, das mit Zahlenkolonnen, Graphen, Statistiken und Preistabellen übersät ist)
NICKY: Was machst du da?
SANDRO: Marxismus.
Langes Schweigen.
NICKY: Ist schwierig, hm?
SANDRO: Quantentheorie ist ein zweiteiliges Puzzle dagegen.
Noch längeres Schweigen.
NICKY: Und? Wann kommt der große Crash?
SANDRO: Sag’s dir morgen. Der Akku meiner Kristallkugel ist gerade leer.
NICKY (grunzt)
Rauchwolken breiten sich um Nicky aus und verdecken erst sein stoisches Gesicht, dann seinen Poncho und zuletzt seine Sandalen von Doc Martens. Leises Husten dringt aus dem Qualm, schließlich Schnarchen.
SANDRO (dreht sich verstohlen zu seinem Gast um, lässt dann die Papiere links liegen, fährt den Rechner hoch, reibt sich die Hände und spielt acht Stunden ‚Counter Strike‘. Im Verlauf der ersten halben Stunde wird auch er vollständig eingenebelt. Nach sieben Stunden wiederkehrenden Röchelns aus dem völlig zugequalmten Redaktionsraum, der nur noch durch zuckendes Monitorlicht erhellt und von regelmäßigen enthusiatischen Ausrufen einer Kunststimme wie ‚Multikill‘, ‚Megakill‘, ‚Ultrakill‘ etc. beschallt wird. Endlich macht er den Computer aus, und es wird dunkel.)
SANDRO: Nicky? Nicky steh auf, es ist Zeit für den Umbruch!
NICKY (röchelt)
SANDRO: Hast du dich wieder an deinen Wursthaaren verschluckt, oder was is los? Steh auf, es ist Neujahr, die Menschen sind berauscht vom nahenden Glück der Neuen Zeit!
NICKY (röchelt ganz erbärmlich)
SANDRO: Arm und Böse, Gut und Reich umarmen sich und was nur einen Rücken hat liegt vögelnd in der Gasse! Also Hosen runter und auf ins Licht!!
NICKY (stirbt)
Pause. Sandro vergewissert sich des Ausbleibens der Lebensfunktionen seines tapferen Genossen, indem er eine warme Prise besten Hanfharzes unter seiner Nase zerreibt. Keine Regung. Sandro nimmt Haltung an und beginnt die Internationale zu summen. So verstreichen siebzehn sehr berührende Minuten. Stille.
SANDRO (flüstert): Do thìr, buanaiche!
NICKY (regt sich auf diese Worte hin: bleich und schattig wankt er in einer quälend langwierigen Prozedur aus dem Rauch.)
SANDRO (verblüfft): Ich habe ihn erweckt! Gelobt sei O’Nolan!
NICKY (röchelt)
SANDRO (mustert ihn): Ich sag’s ungern, Nicky, aber du bist ein Zombie und damit für den Kommunismus unbrauchbar geworden.
NICKY (mustert sich, röchelt)
SANDRO: Kannst du denn wenigstens sprechen, dass wir dich vielleicht in eine pädagogisch wegweisende Umerziehungsherberge…
NICKY (röchelnd): Glaub – schön –
SANDRO: Passt.
Schweigen. Sie tauschen verlegene Blicke, wobei Nickys Blicke sehr dämlich und Sandros Blicke etwas ängstlich wirken.
SANDRO: Ja, ja… bist du also ein Zombie jetzt… hehe… sieht man auch nicht alle Tage…
NICKY (schweigt)
SANDRO: Hast du Hunger?
NICKY: Öhm – nöö –
SANDRO: Du kannst einen Rottweiler haben… Gärtnerinart.
NICKY (scheint zu überlegen): Nääää –
SANDRO: Tja… Dann werd ich jetzt mal hier weitermachen. Marxismus, du erinnerst dich. (grinsend, wie mit einem Kind) Es geht ums Ganze und so weiter. Immer noch. Hehe. Ich schreibe nämlich gerade an einem Text, der eigentlich schon gestern hätte fertig geworden sein sollen können… Ja. (Pause.) Ja, ja…
Pause.
NICKY: Worum – göhts – ? –
SANDRO: Was? Ach so! Och. Ums All, um Alles, um dich auch. Um das neue Jahr. Um Wahrheit, Wollust und Weltuntergang.
NICKY (röchelt)
SANDRO (geht einige Schritte rückwärts, dreht sich dann vorsichtig von seinem untoten Freund weg und knipst das Licht an. Er zieht einen Papierstapel zu sich heran und beginnt zu blättern. Nach fünf Minuten lehnt er sich zurück und zieht eine Zigarre hervor. Er schwenkt im Chefsessel zu Nicky herum und hebt sein kostbares Rauchwerk in die Höhe:) Handgerollt von texanischen Hausfrauen!
NICKY (röchelt anerkennend)
SANDRO (dreht sich um, blättert, schreibt:)

Die Apokalypse geht jeden an. Selbst Tote (vgl. dazu die bestechenden Syllogismen, würdig eines Osterhasen, in Paulchens Brief an die Korinther 15,12-21. In demselben Brief – von dem man inzwischen weiß, dass die Korinther ihn gar nicht geöffnet haben – findet man übrigens eine klare Rechtfertigung, so unzweideutig wie eine Wirbelsäulenfraktur, der Diktatur des Proletariats als Übergang zum Kommunismus. Jessas, so lesen wir in 15,24f., wird im großen Finale „alle Herrschaft und alle Obrigkeit und Gewalt aufheben“. Potzteufel! Schlechte Nachrichten für den Katholizismus! Und weiter: „Er muss aber herrschen, bis dass er alle seine Feinde unter seine Füße lege.“ Also erst die Moral, dann das Bankett. Oder etwas handfester formuliert: zuerst muss gekocht werden – also gerupft, geklopft, gehackt, geraspelt – und dann wird gegessen. Приятного аппетита!).
Der Weltuntergang ist dermaßen inter- und transsubjektiv, dass selbst Leute, die unsere Gesellschaft so weit vorangebracht haben, dass sie im Exil hundertzimmriger Familienfestungen der Astronomie frönen können, noch von ihm betroffen wären. Man könnte also sagen, dass der Welt-Untergang einen deutlichen Gerechtigkeitzuwachs gegenüber der Welt bedeuten würde. Wie ja auch der ‚König dieser Welt‘ (wie es beim dichtenden Lohnkäser Fankhauser heißt) Jedermann und Jedefrau hinwegweht wie ein Wind eine Luft auf Beinen. Wir wollen damit freilich nicht sagen, dass Nicht-Welt der Welt vorzuziehen wäre; zumal es ohne Welt ja gar keine Nicht-Welt geben könnte: irgendwer muss schließlich da sein, der den ganzen Quark an die Wand klatscht – und die Wand muss auch da sein… Gerechtigkeit im Tod oder danach ist nicht im Sinne von Lebewesen irgendwelcher Art, nicht einmal im Sinne von Trockennasenaffen, selbst wenn diese das als einzige denken.

NICKY (der sich still über Sandros Schulter gebeugt und mitgelesen hat, röchelt protestierend, bleibt aber weiterhin unbemerkt)

Gerechtigkeit ohne ein Leben danach heißt Todesstrafe, und die gehört, wie jede Art höchstrichterlicher Moralbuchführung, in jene düsteren Zeiten, die noch immer andauern – aber nicht in diesen Text. (Dieser Text gehört einer anderen Zeit, nein besser gesagt: nicht nur seiner Zeit an. Das ist Quatsch? Nein, das ist Literatur. Literatur ist Quatsch? Einverstanden, sofern das Gegenteil von Quatsch die Wirklichkeit sein soll.) Wir sind nicht Paulus, bei uns zuhause ist das Leben mit dem Tod zuende, basta!

NICKY (krächzt): Jetzt reichts öber!
SANDRO (fährt erschrocken herum): Was, dich gibt’s immer noch?
NICKY: Beim Lözarus! Öch bin vielleicht töt, aber ös gibt möch immer nöch.
SANDRO: Sowas gibt’s doch gar nicht! Hör endlich auf mit dieser Realitätsvergewaltigung!
NICKY: Ach nöö! Aber in deinem Gedöcht hier herumschwadrönieren, dass Literötur das Gegenteil von Realitöt is, hö? Und jetzt möchst hier den exekutiven Realitötsbeamten.
SANDRO: Ja und? Literatur braucht man genau deshalb, weil die Realität so ist wie sie ist. Um Literatur schätzen zu können, muss man folglich erst einmal wissen, wie die Realität ist, muss man sie erst einmal bereits sein wirklich wahrzunehmen. Und dann kommst du daher und meinst allen Ernstes, es wäre real, nach dem Erbleichen aufzustehen und blöd herumzudebattieren? Auf so eine Idee kann auch nur ein Hirntoter kommen!
NICKY: Öch bin nicht töt!
SANDRO: Du widersprichst dir.
NICKY: Meinetwögen bin öch vielleicht töt. Öber wirklich bin öch auch. Cögitö ergö sum.
SANDRO: Bitte nicht die Wirklichkeit mit Zitaten belegen! Das hier ist jetzt kein Text, das ist das Leben. Das ist die Wirklichkeit. Hier gelten andere Regeln.
NICKY: Und welche Regeln gelten ön dösem Föll, hm?
SANDRO: Ganz einfach: in der Wirklichkeit erstehen keine Toten auf. Paulus ist Literatur. Ich bin keine!
NICKY: Und öch?
SANDRO (überlegt)
NICKY: Öhö, öhö! Da föngt’s nömlich schön an! Möch kannst du schön nicht erklören.
SANDRO: Du bist Literatur. Wenn du keine wärst, würdest du jetzt nicht mit mir sprechen. Tote sprechen nicht. Tote, die sprechen, sind Literatur.
NICKY: Öch bin also önwörklich?
SANDRO: Wie bitte?
NICKY: Önwörklich?
SANDRO: Sag mal, redest du jetzt mit Röck Döts, oder was? Ja, du bist unwirklich – wenn du‘s schon wissen willst.
NICKY (ereifert sich): Öhö. Und die Utöpie und dös gönze mörxistische Gefösel? Auch ölles önwörklich! Realitötsvergewöltigung, hö? Revölutiön, hö? Alles abgöschafft, weil önwörklich, hö?
SANDRO: Was redest du da? (mit großen Gesten unruhig im Zimmer auf- und abwandernd) Der Marxismus ist ein theoretischer und geschichtlicher Prozess auf wissenschaftlichen Grundlagen. Jedes Körnchen Argumentation wird durch die siebenfach verwinkelten Mühlen der Dialektik gedreht, empirisch geerntet, ideologisch gereinigt, historisch benetzt, selbstreflexiv gelagert, durch die Begriffe gewalzt, logisch ausgesiebt und stilistisch gebacken sozusagen. Diese Methode lässt sich auf Wirtschaftskrisen ebenso anwenden wie auf Lebenskrisen, Gott, Zombies, Rottweiler und Penicilin. Kriege, Pantoffeln, Elfenbein, Elektroschocks, Astrologie, Dürre, Poker, Medien, Analverkehr, Steuern, Beichte, Babynahrung, Glück, Gehorsam, Anabolika! Die Dialektik erst nimmt Philosophie ernst. Philosophie ist ‚Liebe zur Weisheit‘. Die Dialektik aber ist die Verbindung von Liebe und Weisheit, der Zusammenhang von Wahrheit und Leben. Sie ist weder Religion noch Wissenschaft, denn sie teilt nicht beider Schwächen. Sie ist die Lehre von den Möglichkeiten der Menschheit. Und bevor die Welt endet, ist es geboten, diese Möglichkeiten zu nutzen – anstatt sie im Namen des Nutzens zu zerstören. Die Dialektik ist eine Lebens-Haltung: sie ist die einzige aufrechte Haltung, die sich aufrechterhalten lässt. Ich würde zwar nicht so weit gehen zu sagen: Der Marxismus ist die Wahrheit. Aber ich sage: jede Wahrheit ist marxistisch. Jede Wahrheit ist materialistisch und dialektisch. Die Dialektik ist überhaupt nur der innere Zusammenhang der Wahrheit. Die Flüsse sind der Verstand, das Meer ist die Vernunft, die Wolken sind die Phantasie: dann ist die Dialektik das Wasser. Wenn jede Tatsache ein Steinchen ist, dann ist Dialektik die Geologie. Wenn jeder wahre Satz eine Zahl ist, dann ist Dialektik die Mathematik. Wenn jede Vorstellung ein Stern ist, dann ist Dialektik die Astronomie. Sie ist eine Weltlehre, in der sich nicht nur die Welt spiegelt, sondern der Spiegel, der sie spiegelt, gleich noch mit. – Das geht nicht? Das ist Quatsch? Nein. Das ist Literatur!
Pause.
NICKY (holt Luft): Und der Töd? Hö? Der Töd? Wö kömmt der vor in der Dialöktik? Und was nach dem Töd kömmt?
SANDRO: Was soll denn da noch kömmen nach dem Tod?
NICKY (außer Atem): Na öch! Öch!
SANDRO (versteht nicht): Kannst du das auch ohne Umlaut sagen?
NICKY (schlägt sich mit der Hand an die Brust): Öch!
SANDRO: Ach du! (überlegt) Dich erkläre ich hiermit als nicht existent. Deine Existenz wäre ein Widerspruch zu den wissenschaftlichen Grundlagen des Marxismus und ist daher weder möglich noch notwendig. Deine Existenz ist ein ganz undialektischer Widerspruch. Sie kann nur ein Scheinwiderspruch zur Wissenschaft sein, und zwar weil sie eine scheinbare Existenz ist. Wie schon gesagt, du bist Literatur! Amen.
NICKY: Aber öben hast du döch nöch gesagt, dass die Dialektik auch Löteratur ist! Öbwöhl sie auch ö… wissenschöftlich is.
SANDRO: Hab ich das? (stirnrunzelnd) Da hast du gut aufgepasst… Das war aber ganz anders gemeint. Das war nur metaphorisch natürlich.
NICKY (resigniert): Ach sö.
SANDRO: Ja.
NICKY: Und die Utöpie? Wör dö nicht nöch ein kleines Plötzchen für mich öbrig?
SANDRO (seufzt): Schön wär‘s, mein Guter. Aber der Sieg gegen den Tod steht nicht auf der materialistischen Agenda. Wenn Utopie heißen würde, dass die Toten auferstehen, dann würde Marx Paulus heißen.
NICKY: Schöde.
SANDRO: Ja. Kann man leider nichts machen gegen den Tod, was? (zieht zwei dicke Zigarren hervor) Lust auf Qualm?
NICKY (ermuntert): Aber klör! Ömmer!

 

Reset 13.0.0.0.0 – Stürzt 2012 die Matrix ab? (2. Teil)

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Sie rauchen. Da der Raum sowieso schon zugequalmt war, machen ihre Zigarren, deren Glutpunkte im weißen Nebel frei durch die Luft zu pendeln scheinen, gar keinen Unterschied mehr. Vier Minuten Meditation. Dann klopft es stürmisch an der Tür am anderen Ende des Flurs.
NICKY (raucht): Öch möch nöch öf.
SANDRO (raucht auch): Sag mal, ist das nicht Sächsisch was du da redest?
NICKY: Könn sön.
Pause. Es klingelt weiter.
NICKY (schnelle Aufwärtsbewegung seiner Zigarrenglut): Öch höbs!
SANDRO (nicht neugierig): Was denn jetzt?
NICKY: Dös kömmt wögen der Verwösung! Die Möskölspönnung des Sprechöppöröts lösst nöch.
Man hört, wie die Tür mit einem Beil eingeschlagen wird.
NICKY: Verdömmt, wer ös dös dönn?
SANDRO: Frühstück für die Rottweiler.
Die Tür zersplittert. Schritte nähern sich über den Flur. Der Wind fährt herein und der Qualm zerteilt sich, als ein Clown ins Zimmer stürzt.
CLOWN (das Haar wild um den Kopf, von Regen triefend): Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Feuer und Gerechtigkeit! Feuer überall! Das ganze Scheißtheater brennt!
SANDRO: Das kenn ich doch, das ist von Kierkegaard…
NICKY: Öntwöder – Öder, örster Bönd.
SANDRO: Eine gelungene Anspielung! Und passt so gut zum Thema.
NICKY: Stömmt.
Sie applaudieren.
CLOWN (wütend): Wir brennen alles nieder! Die Lunte sprüht schon! Und jetzt seid ihr dran, ihr scheißimperialistisches, antidemokratisches Elitengesindel! Ihr nutzloses, volksfernes Büchergewürm! Wir fackeln euch alle ab! Ihr verschwuchtelten Schmierer und schlaffen Individualschnösel! Ich werf euch jetzt meinen Molli hier rein! Aber zuerst mach ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt! (holt mit dem Beil aus)
SANDRO (zückt ein Spray und sprüht es dem Clown ins Gesicht)
CLOWN (rennt brüllend im Kreis): Wöööööäääääääääh!
NICKY: Wös wör dös?
SANDRO: Ein Reizstoffsprühgerät.
CLOWN (gräbt die Hände in seine Augen und reißt sich scheinbar das Gesicht herunter: unter der Clownsmaske wird das comichaft stilisierte Antlitz von Guy Fawkes, einem grinsenden schmalbärtigen Herrn, den außerhalb des Commonwealth sozialisierte Nichtleser des Oeuvres von Brian Ó Nualláin nur aus der Populärkultur kennen dürften; Guy findet blind den Flur und flüchtet, hinter ihm galoppieren Hannibal und Drago, die DWR-Maskottchen und -ausdärmungsfachkräfte…)
NICKY: Wöher höste dös?
SANDRO: Hatte der Hartz-Vier-Kontrollinspekteur in seiner Jacke.
NICKY: Wölchör Hörtz-Vör-Köntröll –
SANDRO (entnervt): Der kommt im ersten Absatz vor als „Sozialdemokrat“. Lies halt nach.
NICKY (verblüfft): Ökö.
Pause.
NICKY (entschuldigend): Dö höt hölt die Köhösion gefehlt…
SANDRO: Ja, ich weiß. Deshalb sag ich’s ja.
Pause.
NICKY: Dörf eigentlöch nöcht vörkömmen söwas.
SANDRO: Ist ja gut jetzt.
Pause.
SANRO: „Elitengesindel“. Pff! Idiotisches Wort.
NICKY: Pff! (laut) Döbei sönd wör dö Speerspötze dös Pröletöriöts!
SANDRO: Ja, ist ja gut.
Pause.
SANDRO: Ich mach jetzt mal hier weiter, sonst wird das nichts mehr mit dem Kampf gegen die… ähm… Mit dem Kampf… gegen die… (wedelt sich Rauch aus dem Gesicht) Nicky, wogegen kämpfen wir nochmal heute?
NICKY: Öhm… Nö jö…
Pause.
NICKY: Söll ich öben nöchmal nöchsehen?
SANDRO (resigniert): Ja bitte…
NICKY (kramt umständlich und steif eine Fernbedienung aus der Tasche und drückt deren einzigen Knopf; eine Strickleiter wird vom Schnürboden herabgelassen; mühsam hangelt Nicky sich daran nach oben, bis er verschwindet; eine Stunde vergeht.)
NICKYS STIMME (von oben): Wölche Söite wör dös?
SANDRO (ruft hinauf): Die erste Seite!
Lautes Papierrascheln erfüllt den Raum und lässt die Wände wackeln.
SANDRO (ärgerlich): Geht das auch vorsichtiger, du sinnenloser Klotz?
NICKYS STIMME (gestresst): Öch versöchs!
Das ganze Haus wird wie von einem raschelnden und knisternden Erdbeben erschüttert, das alle Papierstapel im Zimmer von den Tischen wirft und Marx aus der ‚Ahnengalerie verklärter Kämpfer‘ herunterschüttelt wie eine allzu schwere Birne.
SANDRO (verkriecht sich unter seinem Schreibtisch)
NICKYS STIMME (nähert sich schreiend)
NICKY (stürzt auf die Bühne hinunter und landet krachend auf einem zusammenbrechenden Tisch, dass um ihn Blätter, Staub, Spielkarten und Hundekuchen in Hammer-und-Sichel-Form aufstieben): Öh!
Lange Pause.
SANDRO (für sich): Ich fühl mich allmählich wie in der Muppet-Show.
NICKYS STIMME (unter Trümmern): Vörblöndöng.
SANDRO: Was? Wie bitte?
NICKYS STIMME (lauter): Vörblöndöng! „Ölitötröppe in dön Dschöngel dör Vörblöndöng“ blöblöblö!
SANDRO (erinnnert sich): Richtig! Danke dir. (kriecht hervor und klopft sich den Staub ab) Wir sollten demnächst endlich auf rein digitale Textproduktion umstellen. Da dreht man zwei Millimeter an einem Mausrädchen – und zack! zehn Seiten fliegen vorbei, ohne einen Laut. Herrlich, diese Produktivkraftentwicklung!
NICKYS STIMME: Gött sei Dönk bön öch schön töt.
Während sich der Qualm wieder verdichtet und hier und da noch ein Möbelstück zusammenfällt oder ein Bild von der Wand gleitet, setzt Sandro sich mit seiner Zigarre zurück an den Schreibtisch. Nicky bleibt reglos liegen. An der Glut, die aus den Trümmern hervorleuchtet, kann man aber sehen, dass es ihm gut geht und dass er weiter an seinem Rauchgerät saugt. Neunzig Minuten vergehen (– die man im Publikum dazu nutzen könnte, sich einen Film auf seinem Notebook, Smartphone, Tablet oder seinen digitalisierten Innenlidern anzusehen. Ein sehr guter Film, der innovative Mittel im Arbeitskampf thematisiert, ist zum Beispiel „Dough and Dynamite“ von Charlie Chaplin, auch wenn er etwas älter ist. Von den neueren Filmen hat mir „Arschibald II – der Pornobutler fickt den Feudalismus“ sehr gut gefallen (für den muss man aber ebenfalls etwas älter sein, mindestens achtzehn nämlich). Auch die anderen Teile der Reihe „Arschibald – ein harter Lümmel in Livree“ und „Arschibald III – Abschied von Schloss Rammelrampe“ sind passabel… Dann dürften also mindestens zwei Stunden vergangen sein: in denen Sandro nichts geschrieben hat. Haare raufend hat er dagesessen, einen Löffel Schlaf geschnupft und einen Guglhupf gebacken und vertilgt. Nach weniger als einer halben Stunde hat Nicky – der sich, wie übrigens wir alle, im Zustand fortschreitender Putreszens befindet – mit einem langen Monolog begonnen, den wir hier aus Rücksicht auf den verbleibenden Speicherplatz des soeben durch das von Nicky ausgelöste ‚Erdbeben‘ stark beschädigten DWR-Rechenzentrums nur stark gekürzt wiedergeben können:
NICKYS STIMME (unter den Trümmern, leise, rauchend und nachdenklich): Wößte Söndrö, jötzt wö ölles vörböi ös… Dö dönkt mön hölt möl sö nöch öber ölles… Önd wößte wös? Höite möss öch sögen… Öch wönschte, öch hätte wönöger gököfft önd wönöger… jö… hölt wönöger nör öbgöhöngen öhne wös zö tön… öder öhne wös Sönnvölles zö tön… Wöböi wös ös jötzt wöder sönnvöll… Öch glöb öber, dö Löite lössen söch höte zö völ öblönken. Dö spölen löber möt örgendöim Ölöktröschrött röm önstött Rövölötiön zö möchen. Öder wönögstens ön pöör ökölögösche Kötöströphen zö vörhöndern. Vörstöhste? Ölle sönd zörströit, köiner föhlt söch zöstöndög öder vöröntwörtlöch. Wer höite ‚Vöröntwörtöng‘ sagt möint döch ömmer nör Örwörbsörböit. Dör gönze Röst öst völlög vöröntwörtöngslös. Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng, Tröime, Könsöm önd stöndige Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng, Tröime, Könsöm önd stöndig nöie Spölsöchen zör Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng, Tröime, Könsöm önd dönn wöder Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber nöch nöiere Spölsöchen zör Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng, Tröime, Könsöm önd dönn bröcht mön nöch Önförmatiön önd Kömmönökötiön öber dö Önförmatiön önd Kömmönökötiön, wöil ölles sö kömplözört göwörden öst, önd nöch möhr Spölsöchen zör Önförmatiön önd Kömmöönökötiön, wöil dö ölten dös ölles gör nöcht möhr schöffen, önd nötörlöch bröcht mön dö nöch möhr Fölme, Spöle, Mösök, Förnsöhen, Övönts, Wörböng för nöch möhr Tröime önd Könsöm, dömöt mön dön gönzen prödözörten Möll öch vörköft önd dö öxtröörbötönten Kösten för dö nöchste Gönörötiön Möll döcken könn! – Öfklöröng? Önmöglöch! Klössenböwößtsöin? Pössé! Rövölötiön? Hör döch öff! Dö Vöröinzölöng, Ödöntösöröng, Höbbösöröng önd dö Költöröndöströ höben jödö örnsthöfte pölötösche Köllöktövötöt önmöglöch gömöcht. (Lange Pause, dann in anderem Ton) Öndörörsöits… Wör rösögnört böfördert jö dö Mößstönde nör nöch… (seufzt) Öch wöß jö öch nöcht… Öch bön jö nör öin örmer Löichnöm…
Soweit also der Monolog, der zu belegen scheint, dass, wenngleich seine Artikulation arg beeinträchtigt ist, Nickys Gehirn doch in unverminderter Aktivität und ungestört von allen peripheren Verfallserscheinungen in seinem Schädel vor sich hinglost, da er offensichtlich noch zur Dialektik fähig ist. – Wobei wir nicht unterschlagen wollen, dass wir [Bild] durchaus auch schon Beispiele beobachten konnten, in denen ein menschliches Gehirn trotz fortschreitender Verfalls oder gar ausgebliebener Entwicklungsreife noch immer oder erst recht zu dialektischen Grundmanövern imstande war. Genauere Auswertungen derartiger Fälle würden hier aber zu weit führen. Auch sollte diese Anmerkung nicht ihrerseits wiederum als dialektisch miß- bzw. verstanden werden (und diese auch nicht [diese letztere nun aber schon!!]!). –Nachdem auch der letzte Mensch im Publikum (ein kleiner, stämmiger, pockennarbiger Mann mit yucatekischem Indianerkopfschmuck, der aus seiner linken Hand ein blutiges Herz isst und sich mit seiner Rechten unter einer Guy-Fawkes-Maske zu schaffen macht, welche in seinem Schoss liegt) sein letztes Display abgeschaltet hat – wo soeben noch Arschibald der Widerständer beim finalen Lanzen-Turnier dem schwarzen Hengst des Grafen Willimmer von Eichelroth einen trefflichen Stoß verpasst hat – sitzt auch Sandro wieder im Standbymodus an seinem Schreibtisch, ganz in Erwartung einer göttlichen Hand, die sein zentrales Nervensystem vollends ins energievergeuderische Arbeitsstadium hochfahre, um auf ihn einzutippen wie ein koksender Faustus auf sein Gretchen, und, weil ergebnislose Konzentration schmerzhafte Spannungsunterschiede erzeugt, allzeit bereit, abzuschweifen zu jedem Detail seiner Umgebung und so, unzufrieden vor sich hin kritzelnd, noch über seine niederbrennende Zigarre – die wütend durch das Universum leuchtete, als hätte sie ein großes Schicksal zu erfüllen – eine Hypotaxe aus dem Gedärm zu schütteln, die ihm erneut etwas Zeit gibt, sein eigenes finales Lanzen-Turnier mit den eigenen Gedanken und Begriffen, essayistisch schlaff wie Sandro selbst, um einmal eine phallokratische Sinnebene anzutäuschen, hinauszuschieben. Eigentlich geht es ja um die Apokalypse, nicht wahr, Sandro? Also was soll dieses ganze Theater, dieser verqualmte Slapstick mitten im strengen Argumentationsgewebe über ernste menschheitliche Angelegenheiten? Ja, das fragt er sich wahrscheinlich selbst. Was heißt ‚wahrscheinlich‘ – natürlich frage ich mich das selbst! So wahr ich ich selbst bin!! … [Ein Gong ertönt.] Nun! Damit dürfte die Unterbrechung lang genug gewesen sein: alle Minderinteressierten, Endzeitzyniker und Multitaskingsurfer dürften ab dieser Zeile als abgeschüttelt gelten! Bienvenus, mes semblables, mes frères (et soeurs!). Denn für alle Räume des unterirdischen Redaktionslabyrinths der ‚Dead Wall Reveries‘ gilt gleichermaßen: wer nicht mit Texten und mit Hirnen und insbesondere mit seinem eigenen ringen will wie Jakob mit dem Engel, der muss draußen bleiben, ohne Segen, bis ihn die Rottweiler in die Wüste der Verwirrung schleifen!