Reset 13.0.0.0.0 – Stürzt 2012 die Matrix ab? (3. Teil)

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SANDRO (murmelt in einer Art proseminaristischem Inspirationsritual oder Selbstvorbereitung auf die begrifflichen Verknäuelungen seines Denkgedichts): Dialektik… Meta-…dings… Fiktionsbruch… Paralleluniversen… Rückkopplung… Inzest… Fuge… Riss… Regress… Zyklus… Ewigkeit… Erlösung… Dialektik… usf.
Die Szenerie wird ausgeblendet. Sekundenlange Schwärze. Wieder Einblendung derselben Szene: Sandro nun in der Maske eines Pestdoktors der Commedia dell’arte in sonst unveränderter Haltung am Schreibtisch. Die ‚Finanzfuge‘ wird elektrisch verstärkt und von einer Projektion grün leuchtender Binärreihen an die Rauchwand sowie vom heiseren ‚Chor der Gepfändeten‘ mit Gewimmer und Geheul begleitet:
SANDRO (murmelt): A kauft eine Währung. B wettet auf den Kurs dieser Währung. C kauft Wetten von B. D wettet auf den Kurs dieser Wetten. E wettet auf den Kursverfall der Wetten von D und auf den Staatsbankrott des Landes, in dem die Währung gilt. F kauft E’s Wetten und verkauft sie zusammen an G. H kauft alle Wetten G‘s auf, so dass ihr Kurs steigt, wettet dann auf den Verfall dieser Wetten gegen F, und verkauft sie dann, so dass der Kurs plötzlich abstürzt und er seine eigenen Wetten auf den Kursverfall von G‘s Wetten teuer an I verkaufen kann, der inzwischen F’s Arbeitgeber ist. I feuert F und stellt H ein. J, nach einem Klinikaufenthalt in der Privatklinik von G wieder voll dabei, übernimmt H’s früheren Job und stirbt. K lehnt I’s Angebot ab, für J einzuspringen. Er kauft F‘s Villa und Anteile der neuen Firma L, für die er nun stattdessen arbeitet. M leiht ihm das Geld für die Villa vorerst günstig. Da die Anteile von L steigen, kauft N die Firma auf, indem er einen Kredit bei M aufnimmt. Den Kredit schreibt N L in die Bilanz, kassiert von L die eine und andere Summe für seine Investorendienste und verkauft schließlich das konkursreife Unternehmen an O. O muss Einsparungen vornehmen und entlässt K. K muss Einsparungen vornehmen und verhandelt mit M über sein Darlehen. M will lieber keine Einsparungen vornehmen und zwangsversteigert K‘s Villa gewinnbringend an P. P ist der liquide Inhaber einer Schuldnerberatung, die unter anderem F und K betreut. Ein Jahr zuvor hat P noch für Q gearbeitet, den schwächeren Konkurrenten von L, den L in die Insolvenz gezwungen hat. E hat inzwischen in dem Land, auf dessen Staatsbankrott er gewettet hat, von jenem Geld, das er beim Staatsbankrott verdient hat, günstig eine Autofabrik und ein Schloss gekauft. Er verkauft die Autofabrik an N, zieht mit Q’s Frau in das Schloss und gründet eine wohltätige Stiftung. R, ehemaliger Minster der inzwischen gestürzten Regierung des bankrotten Staates, eröffnet eine Unternehmensberatung und berät N’s neue Autofabrik. S verliert dabei seinen Posten als Vorstandsmitglied und wird Sonntagsredner und Staatschef der neuen Regierung. D, der sich ebenfalls aus dem Wettgeschäft zurückgezogen hat, um endlich kreativ tätig zu werden, schreibt seine Reden, indem er die Wörter „Zukunft“‚ „Verantwortung“, „Reformen“, „Gerechtigkeit“, „Augenmaß“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ in beliebiger Folge aneinanderreiht. T, der ehemalige Staatschef, wird Schirmherr der Stiftung von E. C hat inzwischen einen verantwortungsvollen Posten bei M, wo er für die Verbriefung unsicherer Darlehen zuständig ist. U, soeben ausgewandert aus dem bankrotten Staat, investiert begeistert nicht unerhebliche Anteile eines Pensionsfonds der Bürger seiner wohlständigen Wahlheimat in C’s neues Finanzinstrument. P erklärt indessen F und K und vielen anderen, wie sie möglichst bald ihre Kredite zurückzahlen könnten, nämlich indem sie bei seinem Freund V einen neuen, günstigeren Kredit aufnähmen. V refinanziert diese Kredite aus den Gewinnen, die sein Institut beim Weiterverkauf derselben Kredite an B macht, der sie teurer an M verkauft, wo C sich allerlei einfallen lässt, um sie besser verpackt und noch teurer an U zu verkaufen, der sie möglichst schnell an W weiterreicht, der sie seinerseits allerdings nicht mehr an V verkaufen kann, da V in Zahlungsschwierigkeiten steckt und mit ihm B, M, U und W. Der zuständige Finanzminister X stützt V und B und M und U mit Steuergeldern, weshalb er einen neuen Haushaltskredit aufnehmen muss bei A, dem Chef der GBAB, der größten Bank aller Banken. W steht kurz vor der Pleite wird von M übernommen, der ja nun wieder flüssig ist. Als Y, Fondsmanager der zweitgrößten Bank aller Banken, auf den Bankrott des Staates wettet, dessen Finanzminister X ist, hat Z, das größte Finanzgenie der größten Bank aller Banken, eine unerhörte Idee. Er schafft das sogenannte Doomsday-Derivat, eine Art Wette auf den finalen Crash, extrem günstige Wettscheine mit doppelter Gewinnoption: erfüllt sich die Prognose, streicht man eine absurde Rendite ein – erfüllt sie sich nicht, erwirbt man das Recht, später noch eminente Gewinne bei anderen Produkten der GBAB einzukassieren. Eine dritte Möglichkeit besteht nicht: der Gewinn ist also zu 100% sicher und das Doomsday-Derivat damit das erste und einzige Tail-Risk-Derivat, dessen Gewinnwahrscheinlichkeit um ein Vielfaches höher liegt als das Risiko, auf das man wettet. „Ich weiß, das scheint unmöglich“, ließ sich Z in der ‚Financial Rimes‘ vernehmen, „aber der Markt kann eben Dinge wahr machen, die vorher falsch und unmöglich erschienen. Das ist überhaupt das Wesen des Marktes.“ Z’s Doomsday-Derivat war das einzige Papier, dessen Kurs am letzten Öffnungstag der Börsen noch stieg…
Zum rhythmischen Gebell der Rottweiler tanzt nun ein äußerst unlebendiges Ballett aus mumifizierten Leichnamen auf die Bühne. Sie singen zur Melodie von „Nothing Else Matters“© der US-Band Metallica© den folgenden Text:

Ölölölölölölöööö
Ölölölölölölöööö
Ölölölölölölölöööö
Ö-lö-lö-lö-lölö.

Ömömömömömömömöööö
Ömömömömömömömöööö
Ömömömömömömöööö
Ö-mö-mö-mö-mömö.

Önönönönönönönöööö
Önönönönönönönöööö
Önönönönönönönöööö
Ö-nö-nö-nö-nönö.

Öpöpöpöpöpöpöööö
ÖpöpöpöpöpöpööööÖ!
Pö-pö-pöhööö

Ölölölölölölöööö
Ölölölölölölöööö
Ölölölölölölölöööö
Ö-lö-lö-lö-lölö.

Öpöpöpöpöpöpöööö
ÖpöpöpöpöpöpööööÖ!
Pö-pö-pöhööö! usw.

SANDRO (murmelt und schreibt mit): Fiktionen von A bis Z. Kristallkugelökonomie. Jeder Verlust ist da ein Schritt zur Wirklichkeit. Ein Schritt von der Bühne, aus dem Theater, aus der Textur, aus dem Kostüm. Immer fällt zum Schluss der Vorhang, und die Akteure stehen da mit Eigelb an der Brille. Bis zur nächsten Inszenierung. Immer weiter. Bis das Theater brennt …
Die Szene friert ein: links auf der Bühne ein schreibender Sandro Sahara, rechts ein Trümmerhaufen, aus dem Nickys Zigarrenglut unverlöschlich leuchtet, in der Mitte eine gleichförmige Reihe Leichname vor einem fensterlosen Büroraum mit Papierstapeln und der unvollständigen ‚Ahnengalerie verklärter Kämpfer‘, darüber eine jener großen Uhren, wie sie in Irrenhäusern oder Raumschiffen hängen; von unten recken sich hundert Fäuste des ‚Chors der Gepfändeten‘ über den Bühnenrand; im Türrahmen die Silhouette eines ausgewachsenen Rottweilers im Sprung und über und zwischen ihnen allen eine Menge Rauch. Auf all diesen Körpern und Teilchen leuchten außerdem die grünen, vertikalen Binärreihen sowie weitere Zahlen und Symbole, die den Versuch der Menschheit erahnen lassen, ihre Welt zu vermessen – statt einfach mal nackt durch den Wald zu tanzen oder sich der Hamsterzucht zu widmen oder weiß der Lurch was! – Nach einigen Minuten bewegen sich die Zeiger der Uhr im Zeitraffer immer wieder um ihre Achse, während folgende Vorgänge auf der Bühne ablaufen: nachdem der Qualm, der plötzlich zugenommen und eine kurze Weile alles verdeckt hatte, sich wieder gelichtet hat, sind die Leichname, der Chor und der Rottweiler in der Tür verschwunden; stattdessen beobachten wir Sandro bei weiteren sinnlosen Tätigkeiten, wobei diese von je zwei Sekunden völliger Dunkelheit im Theater ‚geschnitten‘ werden: als erstes sehen wir ihn schlafend, zwei rote Boxhandschuhe an den Händen, mit blutiger Nase auf dem Schreibtisch liegen; das nächste Bild gleicht diesem genau, allerdings sitzt nun ein glatzköpfiger, scharz-rot gewandeter Mann mit weißgeschminktem Gesicht vor dem Schreibtisch; dann wieder Sandro allein beim Lesen der Zeitschrift ‚Roter Lewit‘ zu zellenzerblitzenden Rhythmen; beim Bankdrücken im Leopardenschurz, mit einer Zigarre im Mund; darauf beim Verzehr eines selbstgehackten Tofusteaks; danach im Warteraum des ‚Jobcenters‘, wo er Flugblätter mit der Überschrift „Let’s get ready to rumble!“ austeilt zerreißt entwirft; als nächstes beim Verkauf eines Einkaufswagens voller Medikamentenschachteln mit Aufschriften wie „Boldenon“, „Nandrolon“, „Trenbolon“, „Oxymetholon“, „Methenolon“, „Methandrostenolon“ und „Stanozolol“ an minderjährige Astheniker mit Migrationshintergrund; anschließend beim Poker mit Freunden, die aus Datenschutzgründen Dobermannmasken tragen; bei der gemüsesaftseligen Lektüre eines Romans von Brann O’Flien; darauf beim Beischlaf mit zwei gefesselten Außerirdischen, deren Geschlecht nicht erkennbar ist; beim Stadtspaziergang mit den beziehungsweise beim Füttern der Rottweiler; hierauf bei der Darmspiegelung, die von einer mannsgroßen Gottesanbeterin mit langen Gummihandschuhen vorgenommen wird; beim Zupfen eines minimalistischen Blues‘ auf einer elektrischen Tripelhalsgitarre; sodann in Frauenkleidern vor einem Horrorfilm, in dem Sacha Baron Cohen eine lispelnde Serienmörderin mit Überbiss spielt, die sich für Freddie Mercury hält und darum alle anderen Frauen, die sich für Freddie Mercury halten, kidnappt, um ihnen eine Geschlechtsumwandlung in einem Schlachthof aufzunötigen; hiernach beim Studium der Börsenkurse und Preisentwicklungen, die von zwei großen Monitoren aus den Raum durchflirren; schließlich bei diversen Nebenjobs: bei der Blutspende, als Weihnachtsmann, als Aktmodel in der Pose von Michelangelos David, und bei der Gartenarbeit, beaufsichtigt von einem Rentner in SS-Uniform; bei einer Gegenüberstellung im Polizeipräsidium (während deren ein kleiner Junge einer Reihe düsterer Gestalten gegenübersteht – Sandro steht zwischen Sylvester Stallone und Gonzo aus der „Muppet Show“ – und nach langem Überlegen mit dem Finger auf eine Gestalt in schwarzem Raumanzug mit langem Mantel, schwarzem Helm und Maske zeigt, die heftig protestiert) und schlußendlich im ZZ-Top-Kostüm vor einer kreischenden Kindergruppe, wo Sandro mit Slide-Gitarre und Duckwalk brilliert. Auf dem orgastischen Gipfel seines Gitarrensolos verdunkelt sich noch einmal der Raum und bleibt dieses Mal länger dunkel als zuvor. Im folgenden Licht stehen die Uhrenzeiger wieder still, Sandro sitzt mit Zigarre in einem Café Wiener Stils – durch das sich Rauchschwaden ziehen – und schreibt:

Die Apokalypse geht jeden an. Ganz objektiv, wie das Sterben. Dass aber auch die Frage nach dem Untergang immer mehr Gemüter subjektiv zu betreffen scheint, ist mal wieder eine neuere Tendenz. Sie spricht entweder für die Gruseligkeit der Welt oder für die Durchgegruseltheit der Subjekte, wobei beides nicht zusammenfallen muss – wie jeder weiß, der diesen Text zu lesen versteht. Ob der finale, der definitive, der ultimative und nimmer endende, weil endgültige Horror tatsächlich mehr als nur das Angstbild einer bislang entwischten Minderheit infantilisierter Elektroschrottkonsumenten der westlichen Hemisphäre ist – das ist vor allem eine Frage der Wahrscheinlichkeit des Weltuntergangs. Die wollen wir [Foto] heute möglichst genau abschätzen. Eine Bezifferung der Weltuntergangswahrscheinlichkeit im Jahr 2012, angegeben in Prozent und bis auf die dritte Stelle vor dem Komma genau, liegt nämlich durchaus im Rahmen der mathematisch-mantischen Möglichkeiten der DWR-Kulturredaktion.

Der Kellner tritt an Sandro heran, faselt von Schichtwechsel und will den Mehrwert eintreiben. Sandro greift nickend in seinen schwarzen Raumanzug, zückt ein Reizstoffsprühgerät und verpasst ihm eine Dosis nach Maßgabe seiner Philanthropie. Während der Kellner sich brüllend auf dem Boden wälzt, ruft Sandro nach einem Notarzt und verlässt das Lokal über die Kellertreppe. Szenenwechsel: der Büroraum aus den ersten Szenen von innen‚ noch immer voller Qualm, Nicky noch immer rauchend in den Trümmern, links zwei schlafende Rottweiler; eine Geheimtür in der Wand öffnet sich, Sandro tritt herein, blickt flugs zurück und schließt die Tür; an der Wand zeigt ein Abreisskalender das Datum 2.2.2012.
NICKYS STIMME (sehr undeutlich, kaum mehr artikulierend): Ö Söndö. Öös glö?
Sandro ignoriert ihn, setzt sich eilig an seinen Schreibtisch, breitet seine Papiere aus, saugt an der Zigarre und setzt den Stift an:

Zunächst aber wollen wir einmal das Ereignis, dessen Wahrscheinlichkeit ermittelt werden soll, genauer definieren. Auf welche Menge bezieht sich das Ereignis ‚Weltuntergang 2012‘? ‚2012 geht die Welt unter‘ – die Bedeutung dieses Satzes ist alles andere als klar. Deshalb sollte man zuerst die Bedeutungen seiner einzelnen Bestandteile analysieren.
Logisch gesprochen haben wir es hier mit einem zunächst noch unklaren Term und einem zweistelligen Prädikat zu tun: die „Welt“ „geht unter“, und zwar „im Jahr 2012“. Beim Term ‚Welt‘ beginnen bereits die Probleme: ist das ein Eigenname (wie z. B. in „der Herr der Welt“)? ein Gattungsname („Krieg der Welten“)? eine psychologische Metapher („meine Welt“)? Gewiss, es handelt sich um einen natursprachlichen Begriff, der in zahlreichen Kontexten und Bedeutungen im Umlauf ist. Die von Wittgenstein gerade durch ihre logische Erweiterung so eng eingegrenzte Bedeutung des Wortes ‚Welt‘ muss man leider ausschließen: in obigem Zusammenhang kann kaum mit ‚Welt‘ = [die Gesamtheit der Tatsachen] gemeint sein. Denn auch das Verschwinden der Welt ist ja eine Tatsache. Die Gesamtheit der Tatsachen ihrerseits verschwindet jedoch nicht, sie nimmt nicht einmal ab. Ebensowenig ist der Planet Erde – also der synonyme Eigenname einer der möglichen Bedeutungen von ‚Welt‘ – dasjenige, worauf Gespräche über einen möglichen ‚Weltuntergang‘ referieren. Denn auch ohne Menschen oder gar ohne Lebewesen könnte dieser Planet immer noch weiterbestehen. An diese Art Einsamkeit ist die Erde gewöhnt, wie wir wissen. Nach diesen wenigen Vorüberlegungen kann man sich bereits die Frage stellen, ob man sich vor einem derart unklaren Ereignis, vor einem Untergang nämlich fürchten muss, bei dem man nicht einmal benennen kann, was eigentlich untergeht?

Durch die Decke dringen unruhige Geräusche: Getrappel, Aufregung und Rufe. Sandro blickt hinauf, ohne es zu hören, endlich nur noch über seinen nächsten Satz sinnierend:

Zwar nicht im Sinne Carnaps, aber im Sinne des Weltgeistes nehmen wir also eine Begriffsexplikation vor, die sich nicht auf den einen zu explizierenden Begriff beschränkt, sondern diesen im Kontext der gesamten Aussage zu klären versucht. Denn der Satz, in dem ein Wort steht, gehört semantisch ebenso zu diesem Wort wie das Wort zu dem Satz und über diesen zu dem mit ihm verknüpften Text, der die Bedeutung desselben Satzes und desselben Wortes (an anderer Stelle) durchaus verändern, ergänzen oder einschränken kann (siehe „Sandros Saharas Summe des Semantik“, 16. Untersuchung, 1. Artikel).
Worum kann es sich bei diesem Gegenstand handeln, dessen Untergang der Sprecher des Satzes „2012 geht die Welt unter“ befürchten muss? (Wir sagen „Furcht“ und meinen damit doch alle negativen Emotionen, die vermeintlich realistische Bedrohungen verursachen können; die kleine Minderheit von Sprechern, die damit positive Gefühle verbindet, bleibt hier außen vor.) Wir geben zunächst drei intuitive Antworten, die wir nachfolgend überprüfen möchten:
1. Es handelt sich um die [alltäglich-soziale Umwelt des Sprechers].
2. Es handelt sich um den [Kulturraum, in dem der Sprecher lebt].
3. Es handelt sich um [die Menschheit und ihre gegenwärtigen Lebensumstände].
All drei Hypothesen beziehen sich zentral auf räumliche Bestimmungen des Begriffs ‚Welt‘, da die überindividuelle, kollektiv-örtliche Komponente für die Bedeutung dieses Begriffs wesentlich scheint. Von der ersten bis zur dritten Hypothese wird, wie man leicht erkennt, diese räumliche Bestimmung immer etwas weiter gefasst; sie beginnt, wenn man so will, beim Mikrokosmos des Einzelnen und endet beim Makrokosmos aller Menschen.
Mit diesen drei Vermutungen ist, wie zu hoffen steht, das Spektrum der Intuitionen auch der meisten Leser abgedeckt: bestenfalls sollte der Leser nach Lektüre dieser drei Punkte dazu tendieren, das Problem durch einen dieser Vorschläge schon für gelöst zu halten.

Wieder Geräusche von außerhalb des Redaktionsbüros: über die Treppe nähern sich schnelle Schritte mehrerer Personen, die sich darauf im Keller verlieren. Hin und wieder nähern sich Schritte der Geheimtür, durch die Sandro gekommen war, und verlieren sich wieder. Sandro stellt sein Reizstoffsprühgerät griffbereit auf den Schreibtisch und fährt fort:

 

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Reset 13.0.0.0.0 – Stürzt 2012 die Matrix ab? (4. Teil)

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Beginnen wir mit der ersten Vermutung, nach der die ‚Welt‘, die in diesem Jahr untergehen könnte, nichts anderes ist als die alltägliche Umgebung des Sprechers oder, anders formuliert, die äußere Infrastruktur seines Lebens, also die räumlichen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten und deren zeitliche Abwechslung, in denen und durch die er seinen Alltag hat. Stellen wir uns nun vor, ein etwa dreißigjähriger Schwerverbrecher, der soeben zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist, spricht den besagten Satz: „2012 geht die Welt unter.“ Der Weltuntergang würde dann also bedeuten, dass der Gefängnisalltag hinter ihm läge – ein Umstand, den er sicher nicht befürchten würde. Trotzdem muss man davon ausgehen, dass auch dieser Mensch den Weltuntergang, von dem er spricht, nicht begrüßt. Somit wäre die erste Hypothese schon widerlegt. Denn unter der Voraussetzung, dass es eine Bedeutung des Wortes ‚Welt‘ gibt, die näherungsweise von allen Sprechern aktualisiert wird, die mit dem Wort ‚Weltuntergang‘ ein extrem negatives Ereignis assoziieren, kann eben [das alltäglich-soziale Umfelds des Sprechers] nicht diese Bedeutung sein, wie das obige Schwerverbrecher-Beispiel deutlich macht. Der Untergang der ‚Welt‘ muss also doch der Untergang von mehr als der alltäglichen Umgebung sein. Wovon genau?
In der zweiten Hypothese haben wir vermutet, dass ‚Welt‘ im Zusammenhang des Satzes „2012 geht die Welt unter“ die Bedeutung [Kulturraum des Sprechers] haben könnte. Für einen im Westen lebenden Menschen ginge also die Welt unter, wenn der Westen untergeht. Auch diese Vermutung lässt sich ganz offensichtlich nicht halten. Denn zum einen ist es evident, dass es im Westen mehr Menschen gibt, die den Weltuntergang fürchten als Menschen, die den Untergang ihres eigenen Kulturraumes als Katastrophe ansähen. Das ist zwar traurig, aber – wie meine Großmutter gesagt haben würde, wenn sie sich nicht beim Kung-Fu die Zunge abgebissen hätte: eben so. Zum andern geht es in dieser Untersuchung durchaus auch um SprecherInnen aus anderen Kulturräumen, da wir ganz universalistisch voraussetzen, dass das Konzept des Weltuntergangs in allen Kulturen eine ähnliche, negative Bedeutung hat. Und da ist es doch fraglich, ob eine Afghanin, deren Ehemann ihr soeben die Nase abgeschnitten hat, eine Iranerin, der ein abgewiesener „Verehrer“ das Gesicht mit Säure übergossen hat, oder eine Somalierin, die zu ihrer Steinigung geführt wird, weil sie sich von drei Männern ehebrecherisch hat vergewaltigen lassen, ob also diese drei Frauen und ihre verängstigten Geschlechtsgenossinnen mit dem Begriff ‚Weltuntergang‘ tatsächlich ein extrem negatives Ereignis verbänden, sofern damit das Verschwinden der islamischen Folterkultur gemeint wäre. Auch die zweite Vermutung muss damit als unzutreffend gelten.

Durch den Keller draußen nähern sich wieder Schritte. Unmittelbar vor der Wand, in der sich die Geheimtür befindet, endet das Geräusch. Tastende und kratzende Geräusche. Sandro ignoriert sie. Er entzündet mit einer gefährlich hohen Flamme aus einem Benzinfeuerzeug seine nächste Zigarre und schreibt weiter:

Kommen wir also zur dritten Hypothese: ‚Welt‘, besagt sie, bezeichne im bekannten Kontext nichts anderes als [die Menschheit und ihre gegenwärtigen Lebensumstände], also etwa das, was man mit einem ältlichen Wort ‚Menschenwelt‘ nennen könnte, sowohl die kulturelle wie auch die biologische Bedeutungskomponente des Wortes ‚Menschheit‘ – die Körper, Artefakte, Ideen. „Die Menschenwelt ist das gemeinschaftliche Organ der Götter“, schreibt Novalis. „Poesie vereinigt sie, wie uns.“ Wie die Menschen also die Poesie verbindet, so verbindet ihre Welt die nicht minder poetischen Götter. Der ästhetische Sinn, der Durst nach Schönheit, auch nach Häßlichkeit, nach Künstlichkeit, nach Kunst, ist allen Menschen gemeinsam und zieht sich – laut dem romantischen Genie – wie ein blaues Band durch ihre Welt aus Folter, Gedärmen und auf Darmsaiten gestrichenen Melodien. Soweit Novalis, der übrigens, wie die meisten Genies, selten hundertprozentig danebenliegt. Wir werden daher auf dieses Phänomen der Menschenwelt später noch einmal zurückkommen. Zunächst aber wollen wir die Frage beantworten, ob im Satz „2012 geht die Welt unter“ das Wort „Welt“ gegen die Worte „die Menschheit und ihre gegenwärtigen Lebensumstände“ ausgetauscht werden könnte, ohne die Bedeutung des Satzes im Sinne der meisten Sprecher zu verfälschen.
Dazu stellen wir die nachfolgende Überlegung an: die zunehmende Knappheit an industriell unabdingbaren Rohstoffen sowie eine plötzliche Verschärfung des Klimawandels hat die Weltwirtschaft in eine zuvor unvorstellbare Krise geführt, die ihrerseits einen Weltkrieg mitverursacht hat, welcher mit atomaren Waffen geführt wurde. Durch Krieg und Strahlung, Naturkatastrophen, Hunger und Seuchen sind Milliarden Menschen gestorben. Aber eben nicht alle. Noch immer gibt es Orte auf der Erde, an denen menschliches Leben möglich ist, wenn auch ohne die Errungenschaften der westlichen Zivilisation, ohne Industrie also, ohne Strom, ohne institutionalisierte Versorgung mit Wasser oder Medikamenten, ohne Supermärkte, ohne Motorisierung und ohne Energie im Übermaß. Die verbliebenen Menschen würden also ein Leben führen, wie wir Heutigen es nur aus historischen Zeugnissen kennen. Ein solches Szenarium – der Verlust des Fortschritts, der Rückfall in die Natur – gehört seit Generationen zum Angsthaushalt des Westens und ist in zahllosen filmischen und literarischen Erzählungen von „Robinson Crusoe“ bis zur hundertfach reproduzierten Zombieapokalypse durchgespielt und fiktional gebannt worden – freilich ohne je aufgehört zu haben, Teil unserer Angstkultur zu sein. Wie würden diese Menschen, zurückgeworfen in ein vorindustrielles Dasein, das Ereignis beschreiben, das sie überlebt haben? Würden sie sagen: „Wir haben den Untergang der Menschheit überlebt“? Sicher nicht, denn das wäre paradox, höchstens noch als Metapher plausibel. Trotzdem darf man wohl annehmen, dass diese Überlebenden mehrheitlich und ohne metaphorisch zu sprechen den Satz äußern würden: „Wir haben den Weltuntergang überlebt.“ Der Untergang der „Welt“ wäre für sie damit nicht das gleiche wie der Untergang der Menschheit und so auch unsere dritte intuitive Hypothese falsch.

Aufruhr im Keller auf der anderen Seite der Wand. Weitere Schritte haben sich genähert. Fäuste hämmern gegen die (ehemalige) Geheimtür. Sandro schreibt:

Was aber meinen die letzten Menschen damit, wenn sie sagen: „Wir haben den Weltuntergang überlebt“? Würde diese Äußerung denn nicht bedeuten, dass sie ihre vertrauten Lebensumstände verloren haben, wie es die dritte Hypothese vorschlägt, dass die ganze Menschheit in einen welthistorischen Abgrund gestoßen wurde, weil sie ihre eigene Epoche überlebt hat? Nein. Denn sogar wenn man die dritte Hypothese dahingehend einschränkte, dass nur noch die Bedeutung [die gegenwärtigen Lebensumstände der Menschheit] an die Stelle von ‚Welt‘ trete, wäre sie falsch. „2012 verschwinden die gegenwärtigen Lebensumstände der Menschheit“ gälte nämlich dann wiederum nur für eine kleine Teilmenge der Menschheit, namentlich für die westliche Welt – die ebensowenig gleichbedeutend mit ‚Welt‘ ist wie ihre Bewohner für alle Menschen stehen können. Leidglich die Lebensumstände der Europäer, Australier und Nordamerikaner sowie einer Minorität der sogenannten Schwellenländer könnten durch die erwähnte katastrophale Demontage derart verändern werden, dass sich von einem ‚Untergang‘, also einem Verschwinden dieser Umstände sprechen ließe. Die Mehrheit der Menschen in Afrika und große Teile der Bevölkerung Asiens und Südamerikas dagegen haben nie in einer industriellen, geschweige denn in einer ‚Dienstleistungsgesellschaft‘ gelebt. Die Apokalypse scheint ein Luxusproblem der kapitalistischen Länder zu sein… Zumindest kann man zusammenfassend nicht sagen, dass die Mehrheit der Menschen sehr viel mehr als ein mühe- und leidvolles Leben zu verlieren hätte – und selbst das verlieren an zwanzig Millionen Menschen ganz unapokalyptisch jedes Jahr durch Hunger, Waffengewalt und Infektionskrankheiten, ohne dass sie es bei einem ominösen ‚Weltuntergang‘ durch Krieg, Seuchen, Klima oder Aliens noch ein zweites Mal verlieren könnten.
‚Weltuntergang‘, dieses Wort bezeichnet mehr als ein in der Zukunft liegendes Ereignis und mehr als die Zerstörung der geltenden Lebensumstände in einem wie auch immer begrenzten Raum. Es ist vielmehr ein Konzept zur Beschreibung eines Zustands, in dem die Sprecher all ihre Möglichkeiten eines friedlichen oder zufriedenen Daseins verloren sehen. Ein Konzept der Angst also. ‚Weltuntergang‘ ist in mancher Hinsicht das Gegenteil von ‚Weltfrieden‘. Die ‚Welt‘ in dem hier untersuchten Satz bezeichnet nichts sonst als [der Raum für alle Lebenshoffnungen eines Sprechers oder einer Sprecherin]. ‚Weltuntergang‘ heißt demzufolge das Ende aller Hoffnungen. Die Unmöglichkeit des Glücks. Der Beginn unüberwindlichen Leids. Die Hölle.

Die Rottweiler wachen auf und ziehen unruhige Kreise durch den verrauchten Raum. Plötzlich scheinen sie Witterung aufzunehmen und verschwinden bellend im Flur, in Richtung jener Tür, die der Guy-Fawkes-Clown zuvor zertrümmert hat. Ihr Gebell geht in drohendes Knurren über…

Der ‚Weltuntergang‘, so müssen wir schlussfolgern, ist in unserer Welt für viele Menschen Alltag. Der Satz „2012 geht die Welt unter“ hat für sie keine besondere und angstvolle Bedeutung, aus der sich eine große diskursive Relevanz speisen könnte. Auf Schmerz und Hunger folgen Armut und Gewalt – wo sollte hier die radikale Änderung, die Zerstörung geltender Lebensumstände oder das befürchtete zukünftige Ereignis sein?
In jenen vom endzeitlichen Alltag verschonten Weltteilen aber ist der Untergang ein Albtraum, aus dem wir umso schwerer zu erwachen scheinen, je mehr wir zu verlieren und hinzugewonnen haben, da im kapitalistischen Wirtschaften Reichtum und Krisenanfälligkeit untrennbar sind. Ein solches Zuviel haben wir angehäuft, dass wir immer mehr befürchten müssen, es könnte plötzlich ein Zuwenig daraus werden – und zwar dieses Mal sogar für uns zuwenig, nicht mehr ‚nur‘ für die Fremden dort draußen in den glasfaserarmen Einöden der Erde, wo Tiere leben, die sich nicht streicheln lassen, und Menschen an Schmutz und Diarhhoe verenden. So weit ist die Natur – ein Wort, das in Deutschland zum Synonym für österliche Picknickkulissen domestiziert worden ist – unter uns zurückgeblieben, dass uns schwindlig wird, wenn wir hinabsehen. Ja, die Natur ist auch im nicht-katastrophischen Zustand ein unvermeidliches Element der Apokalypse: wenn unsere Welt unterginge, was bliebe dann wohl? Der Abgrund einer fühl- und geistlosen Natur empfinge uns, deren erbarmungslose Destruktivität uns heute nur noch aus Krebsstationen bekannt ist.
‚Weltuntergang‘, das heißt für uns – ich gehe davon aus, das keine(r) meiner LeserInnen aus Wüsten oder Dschungeln hergesurft ist – das Ende der westlichen Lebenshoffnungen, der Fluchtpunkt aller Wohlstandsängste, die Unmöglichkeit des kapitalistischen Glücks, des freien Konsums der eignen Wunschidentität mithin. An deren Stelle tritt der Neubeginn einer unüberwindlichen Natur, die Wiederkehr von Schmerzen, von Schmutz. Alles das kann man sogar, à l’occidentale, noch knapper zusammenfassen – ökonomischer: der Untergang der Welt im Westen, wo Strom und Heizöl fließen, bedeutet nicht mehr und nicht weniger als der Verlust aller Annehmlichkeiten und Perspektiven eines Lebensstils, der auf dem Vorhandensein von billiger Energie aufbaut. Man braucht sich nur einige Endzeit-Blockbuster anzusehen, in denen paranormale Pandemien die Infrastruktur unserer Kontinente zerstören, und man begreift schon bald: eine untergegangene Welt aus westlicher Sicht ist eine Welt ohne Benzin. Solange Daddy noch den Pickup starten kann, besteht die Hoffnung auf ein Leben irgendwo in einem neuen Eden, in dem es wahrscheinlich auch wieder Baseballfelder geben wird… Erst wenn der Motor nicht mehr anspringt, wird es utopisch eng (der nicht anspringende Motor ist nicht umsonst fester Bestandteil der Dramaturgie von Horrorfilmen und löst bei den Zuschauern todsicher Panikempfindungen aus). Erst dann wird aus dem utopischen Wesen Homo sapiens wieder ein Sklave der Natur.

Während von draußen immer heftiger an die Wand gehämmert wird und urtümliche Laute hindurchdringen, graben sich zwei knochige Hände unter Nickys Trümmerhaufen langsam und fahrig den Weg frei…

Die Apokalypse ist der Verlust der Naturbeherrschung, des körperlichen Wohlbefindens, der Glücksmomente und -möglichkeiten, die man allesamt nur hat – solange man Erdöl hat. Eine Welt ohne Erdöl wäre für alle Sprecher, die das Wort ‚Weltuntergang‘ überhaupt regelmäßig und aus Furcht benutzen, gleichbedeutend mit einer Welt nach ihrem Untergang. Eine Welt nach einem apokalyptischen welthistorischen Ereignis, das noch ausreichend Erdöl übrig gelassen hat, gab es schon mehrmals, zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch hat sich niemand angewöhnt, vom Zweiten Weltkrieg als vom ‚Weltuntergang‘ zu sprechen – obwohl das durchaus nicht zu abschätzig gewesen wäre, gemessen an den unvorstellbaren Ausmaßen des Leids und den zahllosen Gründen zur Hoffnungslosigkeit, die dieser Krieg jedem noch so besonnenen Geist gegeben hat. Doch auch nach diesem Untergang kam ein Neuaufbau und ein Vergessen, die nur möglich waren durch die bald schon wieder im Übermaß verfügbare Energie. Erst wenn diese Möglichkeit einmal erloschen sein sollte, wird man die vorangegangenen Ereignisse in jenen Ländern, die das Öl sich hatten leisten können, tatsächlich ‚Apokalypse‘ oder ‚Weltuntergang‘ nennen. Die postapokalyptische Welt, wie sie in den letzten Jahren so viele Autoren und Filmemacher erzählt haben, beginnt ab diesem Zeitpunkt. Die präapokalyptische Welt umfasst damit lediglich den Okzident und seine Handelspartner in der Ära der billigen Energie, in der wir nun seit jenen Tagen leben, da in Pennsylvania 1858 nach einem ganz besondren Saft gebohrt wurde.

Die Wand erbebt unter der Wut der Menge. Staub rieselt vom Schnürboden herab. Nicky hat sich inzwischen einen Weg aus den Trümmern gegraben und erhebt sich langsam: ein halbverwester Schädel mit einer erloschenen Zigarre zwischen den fleischlosen Zähnen taucht auf, von Sandro unbemerkt, der sich begeistert dem Ende seines Textes nähert. Im Zeitlupentempo arbeitet sein untoter Genosse sich aus Schutt und Holz heraus, bis er schließlich in voller Größe auf der Bühne steht: ein von Lumpen und ledriger Haut behängtes Skelett, das (wie freilich alle Skelette) hungrig aussieht…

Wir brauchen den ‚Maya-Kalender‘ mit seinem angeblichen, von Ängsten und ihren Händlern beschrienen Endzeittermin 13.0.0.0.0 ebensowenig zu fürchten wie die biblischen Plagen. Die größte Plage, die wir fürchten müssen, ist das System der Armut und des Öls, des Wachstums und sinnlosen Nutzens, der Zahlenspiele und Verblendung, an dem wir alle teilhaben. Es wird keinen Weltuntergang geben, lediglich ökonomische Schwierigkeiten, große, unlösbare Schwierigkeiten, die mit dem Wirtschaftswachstum wachsen – und nicht abnehmen. Keine Theologie ist nötig, um diese Apokalypse zu begreifen – sondern die Abschaffung jeder Theologie! Nicht das Übernatürliche wird uns bedrohen, sondern die Natur, die uns bald unterwerfen wird wie Steinzeitkinder, wenn wir nicht lernen, die Geschichte zu beherrschen und den Fortschritt vom Profit zu trennen!

Mit großer Geste setzt Sandro den letzten Punkt, schleudert den Stift fort und steht vom Tisch auf. Wilder Lärm durch die Wand. Nicky, mit dem Rücken zu ihm, irrt tapernd durch Rauch und Staub. Sandro kommt zu sich.
SANDRO: Potzhimmel, Nicky, was ist das für ein Lärm? Hoffentlich keine Revolution! Die Massen sind doch noch gar nicht aufgeklärt!
Er eilt ziellos durchs Zimmer, bis er eine Klappe in der Wand öffnet, hinter der sich ein Periskop befindet, mit dem er aus dem DWR-Keller über die Erdoberfläche linsen kann. Er tut es. Inzwischen hat Nicky sich nach seiner Stimme umgedreht und nähert sich mit schleifendem Schritt.
SANDRO (durch das Periskop blickend): Ha! Wie lächerlich! Ein Zombieflashmob! Das sind wieder diese verblödeten Occupy-Aktivisten, die sich mit ihrem Kostümball als politisch ernstzunehmende Strömung selbst disqualifizieren. Lächerlich! Ewige Pubertät – das ist ihr Fluch. (Pause) Jessas, es sind viele! Unnatürlich viele… Das musst du dir ansehen, Nicky…
Sandro dreht sich nach Nicky um, der schon direkt hinter ihm steht. Sandro schreit erschrocken auf, und Nicky fällt über ihn her und beißt ihm ein Stück Fleisch aus dem Hals. Blut spritzt acht Meter weit über die Bühne und besudelt das Kostüm der Kanzlerin in der ersten Reihe. Im selben Moment bricht die Geheimtür auf und eine Masse Untoter drängelt herein mit rudernden Armen und klappenden Kiefern.
SANDRO (schreiend): Aah, nein!! Unmöglich! Halt! Es gibt euch nicht! Ihr seid Literatur! Ihr seid nicht die Wirklichkeit! Ihr seid Literatur! Wartet, wartet!! Ich kann es beweisen!
Während er überwältigt wird, wirft Sandro die brennende Zigarre weit in den Raum hinein, der sofort Feuer fängt – der Boden, die Möbel, die Wände und Türen – als sei er aus Papier. Binnen Sekunden steht alles in Flammen und verbrennt zu leichter Asche. Anders gesagt: dieser Text zerstört sich nach dem Lesen selbst. –

 

(Der Autor lebt als Dichter und Bodybuilder in einem Erdloch.)

 

Finanzmarkt-ABC

A kauft eine Währung. B wettet auf den Kurs dieser Währung. C kauft Wetten von B. D wettet auf den Kurs dieser Wetten. E wettet auf den Kursverfall der Wetten von D und auf den Staatsbankrott des Landes, in dem die Währung gilt. F kauft E’s Wetten und verkauft sie zusammen an G. H kauft alle Wetten G‘s auf, so dass ihr Kurs steigt, wettet dann auf den Verfall dieser Wetten gegen F, und verkauft sie dann, so dass der Kurs plötzlich abstürzt und er seine eigenen Wetten auf den Kursverfall von G‘s Wetten teuer an I verkaufen kann, der inzwischen F’s Arbeitgeber ist. I feuert F und stellt H ein. J, nach einem Klinikaufenthalt in der Privatklinik von G wieder voll dabei, übernimmt H’s früheren Job und stirbt. K lehnt I’s Angebot ab, für J einzuspringen. Er kauft F‘s Haus und Anteile der neuen Firma L, für die er nun stattdessen arbeitet. M leiht ihm das Geld für das Haus vorerst günstig. Da die Anteile von L steigen, kauft N die Firma auf, indem er einen Kredit bei M aufnimmt. Den Kredit schreibt N L in die Bilanz, kassiert von L die eine und andere Summe für seine Investorendienste und verkauft schließlich das konkursreife Unternehmen an O. O muss Einsparungen vornehmen und entlässt K. K muss Einsparungen vornehmen und verhandelt mit M über sein Darlehen. M will lieber keine Einsparungen vornehmen und zwangsversteigert K‘s Haus gewinnbringend an P. P ist der liquide Inhaber einer Schuldnerberatung, die unter anderem F und K betreut. Ein Jahr zuvor hat P noch für Q gearbeitet, den schwächeren Konkurrenten von L, den L in die Insolvenz gezwungen hat. E hat inzwischen in dem Land, auf dessen Staatsbankrott er gewettet hat, von jenem Geld, das er beim Staatsbankrott verdient hat, günstig eine Autofabrik und ein Schloss gekauft. Er verkauft die Autofabrik an N, zieht mit Q’s Frau in das Schloss und gründet eine wohltätige Stiftung. R, ehemaliger Minster der inzwischen gestürzten Regierung des bankrotten Staates, eröffnet eine Unternehmensberatung und berät N’s neue Autofabrik. S verliert dabei seinen Posten als Vorstandsmitglied und wird Sonntagsredner und Staatschef der neuen Regierung. D, der sich ebenfalls aus dem Wettgeschäft zurückgezogen hat, um endlich kreativ tätig zu werden, schreibt seine Reden, indem er die Wörter „Zukunft“‚ „Verantwortung“, „Reformen“, „Gerechtigkeit“, „Augenmaß“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ in beliebiger Folge aneinanderreiht. T, der ehemalige Staatschef, wird Schirmherr der Stiftung von E. C hat inzwischen einen verantwortungsvollen Posten bei M, wo er für die Verbriefung unsicherer Darlehen zuständig ist. U, soeben ausgewandert aus dem bankrotten Staat, investiert begeistert nicht unerhebliche Anteile eines Pensionsfonds der Bürger seiner wohlständigen Wahlheimat in C’s neues Finanzinstrument. P erklärt indessen F und K und vielen anderen, wie sie möglichst bald ihre Kredite zurückzahlen könnten, nämlich indem sie bei seinem Freund V einen neuen, günstigeren Kredit aufnähmen. V refinanziert diese Kredite aus den Gewinnen, die sein Institut beim Weiterverkauf derselben Kredite an B macht, der sie teurer an M verkauft, wo C sich allerlei einfallen lässt, um sie besser verpackt und noch teurer an U zu verkaufen, der sie möglichst schnell an W weiterreicht, der sie seinerseits allerdings nicht mehr an V verkaufen kann, da V in Zahlungsschwierigkeiten steckt und mit ihm B, M, U und W. Der zuständige Finanzminister X stützt V und B und M und U mit Steuergeldern, weshalb er einen neuen Haushaltskredit aufnehmen muss bei A, dem Chef der GBAB, der größten Bank aller Banken. W steht kurz vor der Pleite wird von M übernommen, der ja nun wieder flüssig ist. Als Y, Fondsmanager der zweitgrößten Bank aller Banken, auf den Bankrott des Staates wettet, dessen Finanzminister X ist, hat Z, das größte Finanzgenie der größten Bank aller Banken, eine unerhörte Idee. Er schafft das sogenannte Doomsday-Derivat, eine Art Wette auf den finalen Crash, extrem günstige Wettscheine mit doppelter Gewinnoption: erfüllt sich die Prognose, streicht man eine absurde Rendite ein – erfüllt sie sich nicht, erwirbt man das Recht, später noch eminente Gewinne bei anderen Produkten der GBAB einzukassieren. Eine dritte Möglichkeit besteht nicht: der Gewinn ist also zu 100% sicher und das Doomsday-Derivat damit das erste und einzige Tail-Risk-Derivat, dessen Gewinnwahrscheinlichkeit um ein Vielfaches höher liegt als das Risiko, auf das man wettet. „Ich weiß, das scheint unmöglich“, ließ sich Z in der Financial Rimes vernehmen, „aber der Markt kann eben Dinge wahr machen, die vorher falsch und unmöglich erschienen. Das ist überhaupt das Wesen des Marktes.“ Z’s Doomsday-Derivat war das einzige Papier, dessen Kurs am letzten Öffnungstag der Börsen noch stieg…

(Dieser Text ist eigentlich nur ein Auszug aus dem traditionellen Neujahrstext von DWR, den unser säumiger Autor Sandro Sahara aufgrund einer Ineinanderstauchung widerwärtiger Unwahrscheinlichkeiten, darunter Bisswunden und Großbrände, bisher nicht fertigstellen konnte. Da uns seit Silvester 0 Uhr zahllose Beschwerden von Abonnenten erreicht haben, wo denn „der gottsbeschissene NeujahrsteXt“ bleibe, verbunden mit Drohungen, unsere „P3nn35173 p3r H4ck3r4n6r1ff“ lahm zu legen, haben wir uns zu dieser Vorabveröffentlichung entschlossen.

Der laut Prognose seines Autors unmäßig lange und sinnverwirrende Text „Reset 13.0.0.0.0 – Stürzt 2012 die Matrix ab?“ wird in vollem Format wohl erst gegen Ende des Monats hier erscheinen. Achten Sie also bis dahin auf ihren Weg kreuzende Rottweiler.)

Schnupfen

wie? sagt er

du machst einfach

gar nichts?

 

gar nichts wär

übertrieben

sag ich:

ich schreibe

 

und was, sagt er

verdient man

da

so?

 

man zahlt drauf

sag ich

 

und warum

machst dus dann?

 

ich mach es ja nicht

es ist mehr ein sein

sag ich

als ein tun

 

alter schwede!

sagt er

 

ein zustand, sag ich

wie schnupfen

oder schulden

 

der hat sich eben so

ergeben und jetzt

geht er einfach

nicht mehr

weg.

 

 

Das Gute am Kapitalismus

 

 

Was ist das Gute am Kapitalismus? Ratet mal, Genossen!

– Schnelle Weiterentwicklung der Produktionsmittel.

Richtig. Und was noch?

– Entweihung alles Heiligen, stattdessen klarer Blick auf das Materielle.

Sehr gut. Und was noch?

– Überwindung lokaler und nationaler Kleinkrämerei und Kleinkrämerperspektiven.

Allerdings. Und was noch?

– Zivilisationsfortschritt.

Hatten wir schon. Stimmt. Was noch?

– Sukzessive Abschaffung des Idiotismus des Landlebens.

Hoffentlich. Und was noch?

– …

Ich bitte euch! Der Kapitalismus hat noch viel mehr Vorteile.

– Noch viel mehr?

Sicherlich. Denkt mal nach!

– Religionsfreiheit vielleicht?

Ja, ja, aber noch etwas Anderes!

– Ich hab’s! Preiswerte Produkte durch globalisierte Märkte!

Boris! Beria! Bringt den Genossen hier schonmal nach unten! Sonst noch jemand eine Idee?

– Gleichstellung der Frau?

Na, na, na. Ich denke an einen philosophischen Vorteil.

– Jetzt sag‘s doch endlich und geh uns nicht auf den Sack mit deiner Ostereierpädagogik.

– Genau!

– Kackostereier!

– Für wen hält sich der Kerl?

– Mach endlich Platz für den Hauptredner!

– Komm zur Sache, du Hasengesicht!

– Phrasendrescher!

Immer ruhig, Genossen. Wir sind die Avantgarde, und die Avantgarde betreibt keine Zapfhahnästhetik, sondern lässt es auch mal subtiler tröpfeln. Das war nur eine dramatische Hinführung. Schließlich sind selbst Butterbrote gut verpackt. Also:

Das Gute am Kapitalismus ist seine leichte Verständlichkeit. Jeder geistig gesunde Affe kann begreifen, was der Kapitalismus ist. Jeder Mensch, der Worte kennt, erfasst sofort, worum es in diesem Wirtschaftssystem geht und was für Folgen es haben muss. (Deshalb sind Mehrheiten gegen den Kapitalismus fast noch leichter zu erreichen als Mehrheiten für regelmäßigen Geschlechtsverkehr. Beides sagt darum wenig über die Mehrheiten.)

Was ist der Kapitalismus also? Der Kapitalismus ist eine historische Gesellschaftsordnung, die von einer freien Wirtschaft dominiert wird. Damit sind wir eigentlich schon am Ende. Mehr muss nicht gesagt werden. Um der Geselligkeit willen, oder um akustisch bedingte Missverständnisse auszuschließen, kann hinzugefügt werden: in diesem Satz stecken drei Sätze.

1. Der Kapitalismus ist eine ökonomisch dominierte Gesellschaftsordnung: in der sich alle gesellschaftlichen Bereiche direkt oder indirekt positiv zur Ökonomie verhalten müssen, ihr unterworfen sind, sich auf ihre Umwertbarkeit in ökonomische Werte hin überprüfen lassen müssen.

2. Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsordnung, in der eine freie Wirtschaft herrscht: also die Konkurrenz, das Gewinnstreben, der Marktkampf, die Ungewissheit, der Zufall, nicht der Mensch.

Und 3. er ist eine historische Konfiguration: also nicht der Mensch ist seiner Natur nach kapitalistisch, sondern der Kapitalismus seiner Natur nach menschlich. Der Unterschied besteht darin, dass Irren menschlich ist, aber nicht natürlich.

Der Mensch ist, das kann man aus allen drei Sätzen herauslesen, im Kapitalismus nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist der Profit. Menschen, Tiere, Meere und der ganze Rest vom Erdkern bis zum Neptun sind Nebensache.

Aber auch der Profit wird vom Kapitalismus nicht an der Leine geführt, sondern muss von seinen Unternehmern gejagt werden. Und die Jagd ist nunmal eine schnelle, ungewisse und aggressive Tätigkeit, die für beide Seiten anstrengend und schmerzhaft, manchmal sogar tödlich sein kann. Ist der Profit erlegt, wird er nicht geteilt und gegessen. Denn dann wäre nicht der Profit die Hauptsache, sondern das Essen. Das ist leider nicht der Fall. Der erjagte Profit wird investiert, in Waffen, in Ausrüstung, in Hunde, um künftig mehr Profit erjagen zu können. Ihr kennt das, so ist eben der Kapitalismus. Wie gesagt: leicht zu verstehen.

Da aber der Kapitalismus so revolutionär einfach ist, haben sich in ihm Verhältnisse hinzuentwickelt, die heute ebenfalls erwähnt werden können, wenn man vom Kapitalismus spricht. Der zweite Satz, den jeder begreift, der einen Satz begreift, ist darum: Im Kapitalismus wird möglichst viel darüber nicht gesprochen, dass der Kapitalismus eine historische Gesellschaftsordnung ist, die von einer freien Wirtschaft dominiert wird. Auch dieser zweite Satz beinhaltet drei Sätze:

1. Im Kapitalismus wird möglichst viel darüber nicht gesprochen, dass der Kapitalismus eine ökonomisch dominierte Gesellschaftsordnung ist: es sei, sagen die am Kapitalismus interessierten Sprecher, vielmehr eine ethisch grundierte oder kulturell tradierte oder politisch kontrollierte oder sozial ausbalancierte Gesellschaft, in der man sich über Machtfragen keinerlei Sorgen zu machen hätte.

2. Im Kapitalismus wird möglichst viel darüber nicht gesprochen, dass eine freie Wirtschaft herrscht: die Wirtschaft, heißt es, sei nämlich noch längst nicht frei, sondern vielmehr äußerst gebunden an zahllose lästige Pflichten dem Staat, dem Arbeitskraftverkäufer oder dem Kunden gegenüber, die das richtig freie Loswirtschaften angekettet hielten, das ihnen und uns allen soviel besser täte.

Und 3. wird im Kapitalismus möglichst viel darüber nicht gesprochen, dass er eine historische Gesellschaftsordnung ist: denn was Geschichte ist, das endet auch, und was historisch ist, das steht einmal in den Büchern der Zukunft als Vergangenheit. So könnte einer auf die Idee kommen, heute schon die Zukunft beginnen und die Geschichte mit dem Kapitalismus enden zu lassen, und diese Idee könnte sich ausbreiten. Das wäre schlecht fürs Geschäft. Denn gute Geschäfte kann man nur machen, wenn die Gegenwart auch in der Zukunft noch präsent ist (das ist gewissermaßen das Wesen des Geschäfts.)

Der Kapitalismus ist, das kann man aus allen drei Sätzen herauslesen, im Kapitalismus nicht das Hauptgesprächsthema. Er und seine Eigenschaften, Erfordernisse und Ergebnisse sind vielmehr das Hauptgesprächsvermeidungsthema.

Das ist die Ideologie, die zur Ökonomie hinzukommen muss, damit sie möglichst lange profitabel ist.

– Warum muss sie hinzukommen? Die Ideologie ist doch nur das Sahnehäubchen auf der Scheiße, also unwichtig für den Darm der Gesellschaft.

Ideologie ist wesentlich. Sie muss hinzukommen, weil eine Ökonomie möglichst lange profitabel nur dann sein kann, wenn sie möglichst viel und möglichst mehr verkauft. Da es aber nicht immer mehr Bedürfnisse gibt, wenn ohnehin schon viel von allem verkauft wird, sollen die Menschen immer mehr Dinge kaufen, deren sie gar nicht bedürfen. Die Bedürfnisse danach werden künstlich erzeugt, sie werden sozusagen gleich mit der Ware mitproduziert. Denn wer verkaufen will was niemand braucht muss lügen können. Der Unternehmer muss also nicht mehr nur Geld in seine Warenproduktion, sondern zugleich immer mehr in seine Lügenproduktion investieren. Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Lügensammlung. Und je älter und je reicher der Kapitalismus wird, desto verlogener wird er.

Heute, Genossen, treten wir in eine Phase ein, in der die professionelle Kommunikation der staatlichen Institutionen, der Medien, der Agenturen und so weiter uns immer öfter sehr genau sagen kann, was im Kapitalismus der Fall ist, indem sie nämlich das Gegenteil davon sagt. Wir lesen oder hören die Kontradiktion dessen mit, was wir lesen und hören, und schon sind wir aufgeklärt. Natürlich nicht in jedem Fall, aber in vielen Fällen, in viel zu vielen. Wenn der Finanzminister zum Beispiel im Parlament trotzig herumspuckt, dass es an der Zeit sei, die sogenannten Finanzmärkte an die Kandare zu nehmen, dann wissen wir, Genossen, dass er das nicht sagt, um es anzukündigen, dass er sie nicht an die Kandare nehmen wird, sondern im Gegenteil dass er es sagt, um es nicht tun zu müssen. Die Leute glauben ja dann, dass er es tun wird, und darum muss er es nicht mehr wirklich tun. Die Wirklichkeit und die Worte sind im Kapitalismus also sehr weit entfernt.

Das, liebe Genossen, ist das Schlechte am Kapitalismus: er ist leicht verständlich, und doch versteht ihn kaum jemand, weil dafür die Worte fehlen.

Danke für eure Aufmerksamkeit!