Warum lesen wir…

… überhaupt?

 

Immerhin das sollte klar sein, dass es kein gutes Leben ohne Vernunft, keine Vernunft ohne Wissen und kein Wissen ohne Texte gibt.

Ein Text ist eine systematische Anordnung von Zeichen auf einer Zeitachse. Da das menschliche Gehirn nicht in der Lage ist, komplexe Informationen auf ein Mal zu begreifen, ist eine sequentielle Struktur der Informationen, und nicht etwa eine simultane, im Erkentnisprozess vonnöten. Argumente in allen Bereichen, Diskussionen, Berechnungen, naturwissenschaftliche Beweise, aber auch Musik, Theater und Literatur verlaufen sequentiell und zeichenhaft, sind also in diesem Sinne sämtlich Texte.

Daraus folgt, dass je komplexer die Systematik oder Logik eines Textes, desto langsamer die Rezeption des Textes ablaufen wird und ablaufen muss. Einen komlexen Text zu verstehen erfordert einen freieren Umgang mit der Sequentialität aus lernpsychologischen Gründen: man muss Informationen und Zusammenhänge mehrfach rezipieren, um sie zu begreifen, sie mit vorherigen oder späteren Textstellen abgleichen, den hermeneutischen Zirkel umlaufen, sie mit dem inneren Text des eigenen Wissens in Beziehung setzen, innehalten, memorieren und eigene Schlussfolgerungen ausprobieren.

In welcher medialen Form ist dies am ehesten möglich?

Nicht in der Form des Films, nicht in Form eines Vortrags, überhaupt nicht in einer medialen Form, in welcher der Sender den Rezeptionsvorgang des Empfängers zeitlich organisiert und das Rezeptionstempo bestimmt. Also nicht in der Form des äußeren Dialogs mit einer Person, sondern als inneren Dialog mit einer Informationsstruktur, als geleiteten Denkvorgang sozusagen.

Die Form des geschriebenen Zeichens kommt der Langsamkeit des menschlichen Erkenntnisapparates entgegen. Einsamkeit und Nüchternheit sind daher keine beiläufigen Elemente des Erkennens. Vernunft ist ohne diese rezeptive Einsamkeit vielleicht gar nicht möglich.

Lesen ist also die die beste Methode, komplexe Informationen aufzunehmen und zu Urteilen über weitreichende Sachverhalte zu kommen. Ohne diese wiederum ist keine rationale Orientierung in einer Welt möglich, in der das gute Leben und oft sogar das Leben überhaupt verteidigt oder erst erkämpft werden muss.

Es gibt kein gutes Leben ohne Vernunft. Aber es gibt, behaupten wir, auch keine Vernunft ohne einen Begriff vom guten Leben.

Beides ist jedenfalls ohne Lektüre gar nicht oder nur schwer zu haben – noch schwerer jedenfalls als ohnehin.

 

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